Warum ich meine, dass Google+ XING noch lange nicht überflüssig macht

google_plusDerzeit stimmen anerkannte Kommunikationsexperten den baldigen Abgesang auf Netzwerke wie XING und LinkedIn an.  Grund: Die neue Plattform Google+ – und das, obgleich sie erst in der Beta-Phase und noch gar nicht für alle zugänglich ist. Jedes relevante Medium hat mittlerweile mindestens einen Beitrag dazu geschrieben. Und viele Publikumsmedien auch, zum Beispiel die Frankfurter Rundschau.

xingDenn jetzt, wo sich bei Google+ private und geschäftliche Kontakte sauber trennen lassen, ist Xing eigentlich überflüssig. Zumal Google+ auch noch kostenlos ist und in absehbarer Zeit wohl eine größere Reichweite bieten wird. Auch das weltgrößte Businessnetzwerk Linkedin könnte die neue Konkurrenz zu spüren bekommen.

Mich erstaunt, dass das auch solche Experten sagen, die sich auf Marketing im Social Web spezialisiert haben. Denn wenn ich mir die Beziehung der meisten meiner eigenen Kunden anschauen – und die stehen ja stellvertretend für eine Bezugsgruppe, die ich insgesamt mit meinen Botschaften im Web erreichen will -, dann sehe ich nicht, dass XING mittelfristig von Google+ verdrängt werden kann.

Leute wie ich, die sich professionell mit Kommunikation beschäftigen, im Web sehr präsent sind und einen Großteil unserer Austausches über soziale Netzwerke abwickeln, brauchen eigentlich die eher traditionellen Angebote wie XING nicht mehr unbedingt. Jedenfalls nicht für diesen Zweck. Aber wir werden dennoch eine ganze Weile lang nicht darauf verzichten können, ist meine Prognose. Gleichwohl kann es schon bald geschehen, dass das Business-Netzwerk schmerzhafte finanzielle Einbußen erleben wird. Warum, darüber mache ich mir im Folgenden einige Gedanken.

Eigene Medienkompetenz und -nutzung verzerren schon mal die Sicht

Die Menschen, mit denen ich auf Facebook, Twitter oder jetzt Google+ interagiere, sind für mich bei XING mehr oder weniger nur Karteikarten in meinem Adressbuch. Was, nur mal am Rande, für mich mittlerweile ohnehin die Hauptfunktion von XING ist: Ich finde dort fast alle meine Geschäftspartner und auch mein erweitertes Netzwerk wieder, und wenn ich unterwegs mal schnell Kontaktdaten brauche, kann ich sie dort abrufen. In Gruppen schreibe ich immer weniger; und auch meine sonstigen Aktivitäten dort sind stark zurückgegangen. LinkedIn dagegen habe ich immer schon „so mitgenommen“, und selbst die Veränderungen, die dort in letzter Zeit geschehen sind, haben mich nicht zu übermäßiger Aktivität motiviert. Es gibt einfach andere Angebote, die meinen Kommunikationsbedürfnissen mehr entsprechen.

Aber das ist ja genau der Punkt: Das eigene Online-Verhalten verzerrt schon mal die Sicht. Daher lohnt es sich, mit einiger Distanz nochmals daraufzuschauen. Viele meiner Kunden sind nämlich noch gar nicht richtig im Social Web angekommen. Oder sie haben sogar massive Vorbehalte gegen Facebook und/oder Twitter.

Wir gehen inzwischen immer häufiger selbstverständlich davon aus, dass das, was wir so wissen und nutzen, Allgemeingut ist. Das ist aber nicht so. Ein Gutteil meiner Arbeit sind nach wie vor „klassische“ Kommunikationsstrategien. Natürlich bauen wir Websites heute anders als noch vor ein, zwei Jahren. Natürlich beziehen wir Online-Pressearbeit mit ein. Darüber hinaus aber klafft die Schere weit zwischen den so genannten „Early Adopters“ und denjenigen, die noch kaum etwas über Social Media und speziell deren professionellen Einsatz in der Unternehmenskommunikation wissen.

Viele sind schon „drin“, ohne dass es ihnen klar ist

Dazu muss man auch festhalten. Viele Menschen, die behaupten, sie würden „das Web 2.0“ ablehnen, bestellen Waren im Netz. Sie googlen Begriffe. Sie informieren sich auf Bewertungsplattformen über neue Restaurants oder Urlaubsdomizile. Oder sie schauen Informationen bei Wikipedia nach:  Sie sind also längst drin; sie nehmen es nur anders wahr. Und: Viele derjenigen, die ansonsten starke Vorbehalte haben, sind bereits seit Jahren auf XING. Das kennen sie, das nutzen sie. Um sich auszutauschen, sich zu vernetzen, aber auch um neue Dienstleister zu finden. Die meisten meiner Kunden sind dort. Die meisten davon sind nicht bei Facebook und schon gar nicht bei Twitter. Sie lesen lieber meinen Newsletter als das Blog. Und sie sind garantiert nicht auf dem Sprung ins Social Web als solches.

Facebook, Facebook Pages, Twitter und Google+ sind aus meinem eigenen Kommunikationsmix nicht wegzudenken. Zum einen, weil es darin um viel mehr geht als um Marketing. Es geht sogar ganz hauptsächlich um etwas anderes. Für mich sind das die Knotenpunkte zu Netzwerken, die Medien zum Austausch mit anderen Experten, die Nachrichten-Lieferanten für alles Relevante aus meiner Branche. Sie sorgen nicht nur für eine Verlinkung. Ich habe in ihnen einen festen Platz, und viele kennen mein Blog und mich darüber. Ich finde dort Influencer, Kollegen, Experten, Meinungsmacher.

Einige meiner Aktivitäten dort tragen natürlich auch dazu bei, dass neue Kunden zu mir finden. Aber in vielen Fällen weiterhin „über Bande“: durch Empfehlungen; über Multiplikatoren, die meine virtuellen Botschaften zurück ins reale Leben tragen und damit auch nicht so Web-Affine erreichen; durch die gute Position in Suchmaschinen, für die die Social Networks sehr wichtig sind.

Um unsretwillen können wir verzichten, um der Kunden willen (noch) nicht

Meine Kollegen und ich können also vielleicht auf XING und Twitter mittelfristig verzichten, wenn wir uns einmal alle auf Google+ neu zusammengefunden haben. Unsere Kunden können (oder werden) es in vielen Fällen noch lange nicht; und um ihretwillen deswegen wir auch nicht. Es wird noch Jahre dauern, bis wirklich alle in dem angekommen sind, was sie derzeit aus der Distanz als „das Web 2.0“ wahrnehmen; Jahre, bis es nur noch „das Web“ gibt, in dem alle ganz selbstverständlich interagieren und kommunizieren.

Für mich sieht es eher so aus, dass sich die unsichtbare Trennungslinie zwischen dem Teil des Internets (ein Web 1.0 hat es ja nie gegeben) und den Social Networks verschiebt. Dabei sehe ich XING eher auf der traditionellen Seite; auf der Seite, auf der selbst die Skeptiker sich wohlfühlen. Während die „zweinulligen“ Kommunikatoren, die sich nur in ihren eigenen Sphären bewegen (ich meine nichts davon abwertend, sondern nur beschreibend), natürlich über kurz oder lang dort wegfallen werden.

Ich habe, ehrlich gesagt, auch schon darüber nachgedacht, meinen kostenpflichtigen Account bei XING zu kündigen. Ich denke, dass es in Zukunft immer schwieriger werden wird, dafür Geld zu verlangen, wenn so hochwertige Angebote wie Google+ kostenlos zur Verfügung stehen. Insofern bin ich überzeugt, dass XING sich schnell andere Finanzierungsmodelle überlegen muss, bevor meine Kollegen und ich in großen Mengen als zahlende Kunden wegfallen. Aber noch können wir uns das meiner Ansicht nach nicht leisten. Weil, wie gesagt, zu viele unserer Kunden dort und nur dort präsent sind.

Was meinen Sie dazu?

  13 comments for “Warum ich meine, dass Google+ XING noch lange nicht überflüssig macht

  1. 9. Juli 2011 at 15:16

    Xing wird für mich ein Adressbuch bleiben, Facebook Austausch mit Freunden und Kollegen, die Seite dort ist Gästebuch meiner Homepage und Twitter die leicht anarchische Spielwiese..wen ich also wo kontaktiere, wird also auch immer genau die Ebene des Kommunikationslevels anzeigen, gerade auch bei Leuten, mit denen ich auf vielen Plattformen vernetzt bin. google+ wird da eine weitere Facette hinzufügen, die Rolle wird sich aber herausstellen, sobald ich auch sehe, ob und wieweit die klassische Musik dort ankommen wird.
    Xing hat aber viel verloren, seitdem die versucht haben, FB zu kopieren, ich persönlich bin ja eben nicht dort, um zu quatschen und die Funktion als Adreßbuch werden sie, ohne daß Google+ ähnliche gute Suchfunktionen nach z.B „Suche..“oder „Biete..“ einrichtet, auch so schnell nicht verlieren.

  2. 9. Juli 2011 at 15:25

    Schöner Beitrag. Aber wie Sie richtig sagen: Xing ist ein „Telefonbuch“, dessen Umgang die User seit Jahren gewohnt sind (wohl daher auch das große Geschrei vieler Stammkunden auf den Re-Launch). Die Frage, die sich mir stellt ist aber: wo schlage ich denn nach, wenn ich Personen suche? Wenn ich jemanden suche, oder Antwort auf eine Frage brauche, dann google ich… Xing ist für mich ein sich selber pflegendes Adressbuch und von dem „Business-Faktor“, also über Xing Geschäfte zu machen, bin ich nicht überzeugt. Allerdings glaube ich, dass viele meinem Xing-Profil schneller vertrauen schenken, denn es wird über Google gleich sehr weit oben angezeigt, wenn man mich sucht.

  3. 9. Juli 2011 at 15:31

    Da ich zurecht darauf hingewiesen wurde, dass Kommentare im Blog selber angenehmer sind als auf den Plattformen über die ich auf diesen Atikel aufmerksam geworden bin, hier mein Kommentar aus G+:

    Stimmt, es ist wie mit dem „zu SoMe Seminaren über die SoMes einladen“, nur wer die Social Medias bereits in seinen täglichen Ablauf integriert hat, wird diese Einladungen überhaupt bemerken und bestenfalls schmunzelnd überlesen. Diejenigen die aber dieses Seminar nutzen würden, erreiche ich nur über die klassischen Medien.

  4. 9. Juli 2011 at 16:54

    …ich habe eher das Gefühl, Xing macht sich zur Zeit selber überflüssig. Das Premiummodell ist nicht zukunftsfähig und andere Segmente konnten nicht erschlossen werden. Das ist unabhängig von Google+.

    So weit es Menschen gibt, die Berufliches und Privates trennen, haben die Businessnetzwerke eine Existenzberechtigung. Jedoch hat genau das Google erkannt und mit den Circles eine einfach zu bedienende Möglichkeit gefunden, das zu lösen.

    Frage ist nur, wann die Suchfilter von Google ähnliche Ergebnisse liefern können und ob die Leute bereit sind ihre gesamte Vitae Google offenzulegen. Im Moment hat man keine Chance, ehemalige Deutschbanker, die in einem Umkreis von 80 km um Mannheim arbeiten, bei Google zu finden. Hierzu braucht man die Businessnetzwerke.

    Auf jeden Fall ist bei Facebook hektische Panik ausgebrochen, wenn man den Schnellschuss des Videochates anschaut. Die Aussage von Mark Zuckerberg, dass es erst mal kostenfrei bleiben soll, zeigt, dass es mal anders geplant war. Was bei Google+ zur Zeit überzeugt, ist die Perfomance. Allerdings kann das auch an der überschabaren Anzahl von Nutzern liegen. Auch interessant ist die Wahrnehmung von Google: Google als der Held, der gegen Facebook antritt?

    Auf jeden Fall wird es spannend, ich könnte mir vorstellen, dass die nächste Evaluation eine ganz andere Ebene bedeutet. Die Integration von Twitter und LinkedIn in Mac IOs 5.0 zeigt den Weg: Irgendwann wird Networking Teil des Betriebssystemes sein.

    JustMy2Cents
    Stephan

  5. 9. Juli 2011 at 16:55

    Xing habe ich nie richtig genutzt; Xing war auch für mich immer nur eine reine Adress-Verwaltung, Nice-To-Have, aber nichts wofür ich Geld ausgeben möchte.

    Sehr schnell haben sich private und geschäftliche Adressen gemischt, denn wie will man umgehen mit Kontaktanfragen derart: „ich will dich konnekten, weil wir damals im Sandkasten gespielt haben…“?

    Seit gestern darf ich auch Google+ nutzen, und es gefällt mir auf den ersten Blick sehr gut. Das Beste aus meiner Sicht: es gibt keinen Zwang zum „gegenseitigen Befreunden“; ich kann Leuten zuhören, ohne dass diese mir folgen müssen und umgekehrt.

    Gerade bei geschäftlichen Beziehungen ist Vertrauen sehr wichtig und Vertrauen kann m.E. auch ‚online‘ wachsen, allerdings nicht von Jetzt auf Gleich, nicht auf Knopfdruck – auch nicht durch einen Kontakt bei Xing oder eine „Befreundung“ bei Facebook.

    Inwieweit Google+ den sog. Mainstream beeinflussen wird, lässt sich heute sicher noch nicht vorhersagen; Fakt ist aber, alles bleibt anders 🙂

  6. 9. Juli 2011 at 17:08

    Ich denk das wesentliche Plus von XING sind die lokalen Events. Viele der digital Immigrats sind grad noch zu XING zu kriegen, G+ wäre ihnen wahrscheinlich suspekt.
    XING kann NUR Adressbuch sein, es KANN aber auch ein wertvolles Maketinginstrument sein. Dafür gibt es viele Beispiele. aber man kann einen Kanal nur *nutzen* wenn man dort auch kommuniziert…

  7. 9. Juli 2011 at 21:01

    XING ist seit dem Relaunch quasi eine Social-Media-Plattform für die Skeptiker von Social Media.

    Einen großen Teil meines Geschäftslebens verbringe ich mit Menschen, die wenn überhaupt einen XING-Account nutzen, auch dies dann nur geschäftlich und eher passiv. Für diese Kontakte wären facebook und google+ kein Medium, mit dem sie sich befassen täten.

    Ich bin allerdings erstaunt, wie viele der XING-Kontakte, die ich zu den Skeptikern zählen würde, die „Aktivitäten“ in XING nutzen oder zumindest lesen. XING-Status-Meldungen haben seit der Überarbeitung des XING-Auftritts erst ihren Sinn erhalten.
    Den Relaunch finde ich unter diesem Aspekt sehr gelungen. Die „Non-Adopters“ zu pflegen und zu umwerben, wird die nächsten Jahre für XING noch sehr gewinnbringend und wertvoll sein.

    Die sich im Social Web gern und viel tummeln, dürften daher zumindest ihren XING-Standard-Account bis auf weiteres pflegen. Vielleicht mehr als Pflichtübung, denn Spaß ist anderswo!

    Aber das macht ja nichts: XING frisst viel weniger Zeit, als facebook, google+, twitter…

  8. 10. Juli 2011 at 02:10

    Ein schöner Beitrag liebe Dr. Hoffmann,

    Xing ist ein gallisches Dorf, was auch nach Google+ dadurch punkten kann, daß es in der D-A-CH Region ein starkes und gutes Netzwerk bietet, welches mir im Kontext von Gruppen und Regionalem Menschen näher bringt.

    Es ist deutlich mehr als ein selbstpflegendes Adressbuch. Die Gruppen in allen anderen Netzwerken sind uninteressant. Wenn Xing die Problem die es seit dem Relaunch funktionell gibt schnell lösen kann, ist die „Community“ in Xing definitiv ein wichtiger Mehrwert.

    Das große Problem was alle Netzwerke haben ist das Vertrauen in die Sicherheit meiner Daten. Im Moment vertraue ich nur Xing wirklich meine Daten an.

    Alle amerikanischen Unternehmen treten Datenschutz mit Füßen und auch das mag ein deutsches Problem sein, aber Vertrauen ist ein wichtiger „Plus-Punkt“ und den bekommt Xing!

    Ebenso gibt es derzeit kein Netzwerk welches Events in einem sinnvollen Umfeld anbietet, wenn ich nicht gerade einen Flashmop oder eine Revolution veranstalten möchte …

    In diesem Sinne. Xing rockt weiterhin! Das sage ich aus Überzeugung 🙂

    Herzlichst grüßt
    T. Schreiber

  9. 10. Juli 2011 at 14:30

    Ich habe auf Xing seit Jahren eine Menge von Kontakten angesammelt, oft von Menschen, denen prinzipiell Social-Media-Plattformen und welche davon gerade am meisten rockt, herzlich egal sind. Die Motivation, Google noch mehr von einem mitzuteilen, hält sich darüber hinaus auch bei vielen in Grenzen. Von daher denke ich, dass Xing die nächste Zeit von einem gewissen „Netzwerk-Bestand“ und einer gewissen Seriösität profitiert. Die Frage ist, ob sie die richtige Strategie fahren, um diese Position aufrecht erhalten bzw. bei wachsendem (kostenlosen) Angebot drumherum ausbauen zu können. Ich bin nach wie vor bereit, für einen Dienst, der ordentlich mit meinen Daten umgeht, auch Geld zu bezahlen. Und ich setze nach wie vor auf die Strategie der Diversifizierung meiner persönlichen Daten. Ich weiss, das klingt langweilig und es ist viel toller, einer hippen neuen Webanwendung mit viel Eyecandy und tollen Features alle meine Daten zu schenken.

  10. 10. Juli 2011 at 18:04

    Ich sehe es genauso: Meine Kunden finde ich am ehesten auf XING, dort habe ich auch wichtige berufliche Kontakte knüpfen können. Ich glaube, zumindest wenn ich an meine Kunden denke, auch nicht, dass sich das so schnell ändern wird. Schade nur, dass Xing sich gerade jetzt viel Unmut eingehandelt hat durch den „Relaunch“, der ja nicht nur auf Gegenliebe stößt.

  11. Alexander Schestag
    18. Juli 2011 at 20:54

    Ich finde Xing schon lange überflüssig, spätestens seit ich Facebook Pages kenne. Xing bietet in der kostenlosen Variante zu wenig und ist in der kostenpflichtigen Variante für das, was es bietet, zu teuer. Meine Zielgruppe erreiche ich ohne Kosten deutlich effektiver via Facebook.

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