Zeichnung eines Mannes, der ein Selfie mit dem Smartphone macht

Selfies: Mit fünf Fragen raus aus der Selbstinszenierungsfalle

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Zeichnung eines Mannes, der ein Selfie mit dem Smartphone macht

Eitle Selbstdarstellung oder Aufforderung zum Dialog: (Wann) brauchen wir das eigene Bild in Social Media?

„Selfie-Wahn“, „Instagramisierung von LinkedIn“, „eitles Posieren“: Viele Menschen sind gegen Selfies – also fotografische Selbstbildnisse in sozialen Netzwerken – regelrecht allergisch. Erst recht, wenn diese in Business-Netzwerken überhand nehmen. Andererseits steigt die Zahl der Porträtfotos in Social Media immer weiter. Persönlicher Austausch ohne Gesicht ist schwierig bis unmöglich. Doch wo geht das Sich-Zeigen in reine Selbstdarstellung über? Wie viel Gesicht-Zeigen ist nötig und gesund? 


Ich gebe es offen zu: Lange Zeit haben mich übertrieben viele Selfies einzelner Personen, erst recht die oft sehr plakativ inszenierten fotografischen Selbstdarstellungen , eher genervt. Diese Selbstbespiegelung kam mir anfangs fremd und oft eitel vor. Deswegen habe ich mich meistens auf die obligatorischen Profilbilder und allenfalls das eine oder andere Gruppenfoto mit meiner Person beschränkt.

Doch selbst solche Menschen, die lange Zeit zögerlich mit dem eigenen Porträt in Social Media waren, versuchen sich mehr und mehr mit  dem eigenen Foto im Algorithmus zu behaupten. Manche befürchten gar, dass sie ohne aussagekräftiges Foto gar nicht mehr wahrgenommen werden und setzen sich über eigenes Unbehagen hinweg. Andere dagegen scheinen überhaupt keine Hemmungen zu haben und posieren auch im Businesskontext freigebig, fantasievoll und oft sogar freizügig. Klar: Wer mit anderen ins Gespräch kommen und Beziehungen aufbauen will, muss sich zeigen. Persönlicher Austausch ohne Gesicht ist schwierig bis unmöglich.

Ich kann Menschen verstehen, denen es wirklich auf die Nerven geht, wenn bei Instagram eine perfekt inszenierte Pose auf die nächste folgt und wenn bei LinkedIn massenweise Menschen nachdenklich an der Kamera vorbeischauen, um sich im Text auf die eine oder andere Weise selbst zu beweihräuchern.

Doch mittlerweile habe ich geübt, mehr und mehr zu differenzien. So kann ich auch andere dabei unterstützen, solche Bilder mit ihren  Aussagen differenzierter bei anderen zu betrachten und gezielt für sich selbst einzusetzen.

Zum Begriff „Selfie“

Das Selfie bezeichnet im engeren Sinne ein selbst aufgenommenes Foto des Abgebildeten, meist mit dem Smartphone: das Selbstbildnis, wie es in der Kunst schon seit Jahrhunderten ein eigenes Genre bildet, gegenüber dem Porträt, das jemand anderes gemalt hat. Ich erlaube mir hier eine etwas freiere Verwendung des Begriffs und beziehe in meine Überlegungen alle Fotos ein, die eine Person von sich selbst veröffentlicht, insbesondere in sozialen Netzwerken, auch dann, wenn jemand anderes das Foto gemacht hat. Ich weite also den Begriff des Selbst-Fotografierens auf das Selbst-Posten aus. Entscheidend sind ja die eigenen Ziele ebenso wie Bildwahl und Einsatzzweck – und nicht primär, wer auf den Auslöser gedrückt hat.

Ohne Gesichter fehlt was

Bild-Text-Kombinationen wecken mehr Aufmerksamkeit als reine Textpostings. Das gilt auch für Business-Netzwerke wie etwa LinkedIn. Daher gleicht die eigene Timeline oft mehr und mehr einem Instagram-Stream, einem digitalen Fotoalbum.

Inhaltliche und fachliche Aussagen scheinen oftmals zu kurz zu kommen, selbst wenn sie plakativ in Bilder eingebaut sind. Aber ist das wirklich so?

Wenn ich mich selbst beim Scrollen durch meine Timeline beobachte, dann stelle ich fest, dass ich an Gesichtern eher hängenbleibe als an Stock- oder Schmuckfotos. Umgekehrt erzielen Postings, in denen ich mich selbst im Bild zeige, generell mehr Reaktionen als solche mit anderen Bilder und erst recht als reine Textpostings. Warum ist das so?

Gesichter erkennen – Gesicht zeigen

Auch im direkten Kontakt reagieren wir unmittelbar auf ein Gegenüber mit Gesicht. Wir erkennen sogar vermeintliche Gesichter in Dingen. Als empathische, soziale Wesen sind wir darauf programmiert, menschliche Gesichter aufmerksamer zu betrachten als andere Muster. Schon Neugeborene können Gesichter erkennen.

Wenn wir in Interaktion gehen, wollen wir unser Gegenüber sehen. Nicht zuletzt deswegen setzen ja Unternehmen auf Corporate Influencer, auf wiedererkennbare Persönlichkeiten, die für eine Marke stehen. Auch im direkten Gespräch, in einem Vortrag, in einem Meeting bin ich ja als Person, als Gegenüber anwesend. Das Foto ist kein Ersatz für ein lebendiges sprechendes Gegenüber, aber es verknüpft die sachliche Aussage oder den Diskussionbeitrag mit einer wiedererkennbaren Persönlichkeit.

Nicht zuletzt steht die Redewendung „Gesicht zeigen“ dafür, dass jemand öffentlich für eine Meinung oder eine  Haltung einsteht.

Wenn ich mich nie traue, mein Gesicht zu zeigen, dann vergebe ich womöglich Chancen, wichtigen Inhalten die nötige Sichtbarkeit zu erzielen. Womöglich nehme ich, indem meine Botschaft weniger sichtbar ist, vielen Menschen in meinem Netzwerk die Möglichkeit von etwas zu erfahren, was ihnen nützt.

Das Selfie ist (Teil der) Botschaft

Wenn wir also das eigene Foto posten, nehmen wir eine Position ein, machen uns für etwas stark. Wir zeigen unserem Gegenüber auf den ersten Blick, viel eindrücklicher als nur mit der kleinen Profilbild-Ikone neben dem Posting, unser Gesicht. Wir setzen also Selbstbildnisse nicht einfach ein, um einen Algorithmus zu bedienen, sondern wir erleichtern unserem Gegenüber, uns sowie sich in Relation zu uns zu verorten.

Je nach Plattform, Anlass und Inhalt hat das Selfie unterschiedliche Funktionen. So unterstreicht das Foto die Botschaft, etwa wenn es ein Textposting ergänzt. Es ist wichtiger Bestandteil der Botschaft, wenn ich beispielsweise in Wort und Bild von einem Erlebnis oder einer Veranstaltung berichte. Oder es stellt die eigentliche Botschaft dar, wenn ich – etwa auf Instagram – die Follower an meinem Leben teilhaben lasse. Wie sehr ich mich dabei zeige und wo meine Schwerpunkte liegen, ist höchst individuell und wird sich auch immer wieder verändern.

Was zwangsläufig auch bedeutet: Ob dir mein Gesicht gefällt, entscheidet darüber, ob und wie meine Botschaft bei dir ankommt, im positiven wie im negativen Sinne.

Daher haben übrigens viele Menschen eine hohe Hemmschwelle, eigene Bilder im Netz zu zeigen. Sie machen sich damit auch angreifbar, befürchten Kritik.

Andere wiederum scheinen jegliche Hemmungen verloren haben und inszenieren sich in wirkungsvollen Posen, offenbar mit dem einzigen Ziel Beifall zu bekommen. Auch und gerade damit ziehen sie bestimmte Menschen an und stoßen andere ab. Ein solches Bild kann entlarvend sein. Es ist aber auch selektierend.  Immer wird es diejenigen zu mir führen, die zu mir passen. Ob das diejenigen sind, die ich besonders erreichen wollte, hängt auch vom Grad der eigenen Reflektiertheit ab.

Auch die überhöht gestylten, allzu inszeniert posierenden  Influencer, die jede:r sofort im Kopf hat, der oder die dem Thema Selfie kritisch gegenüber steht, haben ihr Publikum. Jedes Bild bekommt die Aufmerksamkeit, die es verdient.

Welcher Selfie-Typ sind Sie?

Das Selfie ist also erst einmal wertfrei. Entscheidend sind die Intention und deren Umsetzung. Es kann ein Medium der beifallsheischenden eitlen Selbstinszenierung sein, und dafür kennen wir wohl alle genügend Beispiele. Darüber hinaus gibt es ja übrigens viele weitere Möglichkeiten, sich in Wort oder Text selbst zu inszenieren, die gar kein Foto brauchen, um zur peinlichen Selbstbeweihräucherung zu werden.

Wir können aber fotografische Selbstbildnisse auch einsetzen, um …

… Sichtbarkeit für eigene Botschaften zu erzielen.

… wertvolle Inhalte zu unterstreichen.

… Nutzen im Netzwerk zu schaffen. 

… Beziehungen aufzubauen.

… Gesicht für die eigene Position zu zeigen.

Mein Tipp, wenn Sie sich bisher nicht getraut haben, Selbstbildnisse zu posten: Betrachten Sie das Thema einmal neu unter den genannten Aspekten und probieren Sie es einfach aus. Wenn Sie Angst haben, im Selfie-Wahn in die Selbstinszenierungsfalle zu tappen, dann habe ich abschließend drei Prüffragen für Sie.

Fünf Fragen gegen die Selbstinszenierungsfalle

Folgende fünf Fragen könnten Aufschluss darüber liefern, ob Sie mit Ihrem Selfie in sozialen Netzwerken Gesicht zeigen wollen oder in die Selbstinszenierungsfalle getappt sind.

  • Schaue ich mein Gegenüber an – oder blicke ich schon beim Posten durch die imaginierten Augen eines Betrachters auf mich selbst?
  • Inszeniere ich mich vor allem selbst – oder stehe ich mit meinem Gesicht zu einer starken Aussage oder teile etwas Interessantes? 
  • Zeige ich meinem Gegenüber etwas über mich und mache mich als Mensch sichtbar – oder versuche ich ein Idealbild zu schaffen, um besonders gut dazustehen?
  • Will ich Beifall für mein Foto, mein Aussehen, meine Statussymbole (…) – oder will ich Nutzen in meiner Community schaffen und ins Gespräch kommen?
  • Muss es dieses Mal ein Selfie sein, oder gibt es zur Abwechslung auch einmal andere Bebilderungsmöglichkeiten?
Dr. Kerstin Hoffmann