Macht KI uns dumm und unmoralisch? – 11 Fragen und Antworten
Recap: StrateKI-Breakfast Club mit Eva Wolfangel
Automatisierter Content-Diebstahl per KI. Unkritische Übernahme von Inhalten, die sich ein LLM im Netz zusammengeklaubt hat. Halluzinationen und unklare Quellenlage statt verlässlicher Originalinhalte: Wohin führt es, wenn Menschen aufhören, selbst nachzudenken und zu schreiben? Was macht das mit uns allen? Wie gehen wir damit um?
In der August-Ausgabe 2026 des StrateKI Breakfast Club habe ich mit Eva Wolfangel darüber gesprochen, was KI mit den Menschen macht. Wie sie sich auf die Informationsgesellschaft auswirkt. Warum es nicht nur dumm, sondern auch gefährlich ist, wenn Medien und Journalist:innen KI nutzen, um Informationen aus dem Netz zu scrapen, maschinell daraus Beiträge zu verfassen und als eigene auszugeben. Und wie groß die Gefahr wirklich ist, dass künstliche Intelligenz eines Tages die Weltherrschaft übernimmt. Hier ist meine Zusammenfassung in elf Fragen und Antworten.
Was macht KI gerade mit dem seriösen Journalismus?
„Das ist meine große Sorge und gleichzeitig auch ein bisschen Hoffnung.”, meint Eva. Immer mehr Redaktionen, auch solche, die sie bisher für seriös gehalten habe, klauten Recherchen von seriösen Journalist:innen, die da viel Arbeit hineingesteckt haben.
Auch sie selbst erlebt das immer wieder: „Ich mache eine Recherche, finde was investigativ raus, was noch gar niemand weiß, veröffentliche das, und dann, wenn man googelt, findet man immer irgendwelche schlechten Kopien. Früher waren das echte Kopien, da war es eins zu eins das Gleiche auf irgendwelchen Webseiten, die man kaum erreichen konnte, weil die Gesellschaften irgendwo auf der Welt sitzen. Inzwischen sieht man in ganz großem Stil, dass die Sachen umgeschrieben sind, mutmaßlich von KI oder relativ eindeutig von KI-Systemen, weil das dann natürlich so viel schwieriger ist, das als Plagiat nachzuweisen. Da gibt es ja auch rechtlich Diskussionen und auch Lücken.”
Auch Eva wurde kürzlich Opfer eines Plagiats, ausgerechnet von einem Journalisten und nach eigenen Angaben KI-Experten: „Der Journalist, der meinen Beitrag plagiiert hat, der hat gesagt, das war ja nicht ich, das waren meine KI-Agenten. Die suchen automatisiert nach Inhalten, die interessant sind für mich, und dann schreiben sie daraus neue Beiträge. Das heißt, da steckt kaum eigene Arbeit drin. Und irgendwie verdient man natürlich trotzdem damit Geld. Das ist eben was, was jetzt gerade einige Medien wirklich schamlos ausnutzen, ohne mit der Wimper zu zucken, einfach Inhalte von anderen zu klauen.”
Welche Folgen hat das für die Informationsgesellschaft und für uns alle?
Wenn diese Personen damit jetzt durchkämen, so Eva, werde es am Ende dramatische Folgen für den Journalismus und dadurch für die Informationsgesellschaft insgesamt haben: „weil sich niemand mehr diese Recherche leisten kann, diesen riesigen Aufwand, den Investigativjournalist:innen und andere betreiben, indem sie die News aus der Welt recherchieren, zusammentragen, konfrontieren und so weiter. Die Rechtsstreits durchstehen, die damit auch oft zusammenhängen. Das ist wirklich ein teures und aufwendiges Geschäft. Und wenn jetzt in großem Stil kopiert wird und dadurch auch das Geld herausgezogen wird, dann weiß ich einfach nicht, wie wir uns das in Zukunft leisten können werden.
Das ist eine Situation, die unbefriedigend ist für alle, auch für alle News-Konsument:innen, dass man nämlich dann zwangsläufig irgendwann keine echten Informationen mehr hat. Wenn dann alle nur noch abschreiben, kann man sich vorstellen, was da langfristig für Müll rauskommt, wenn KI von KI abschreibt und vor allem nichts mehr Neues dazukommt. Und dann werden am Ende diejenigen die News machen, die irgendwelche Interessen haben.
Man sieht es ja schon, der russische Geheimdienst macht gerne News und kommt auch immer wieder damit durch, versucht uns zu beeinflussen. Und da gibt es allerlei Kräfte, die eigene Interessen haben, uns zu beeinflussen. Dann machen diejenigen News, die anders davon profitieren als durch Geld. Und spätestens dann hoffe ich, dass noch ein paar Journalist:innen überlebt haben und dass die Öffentlichkeit dann merkt: Okay, so kommen wir nicht weiter. Ich glaube, wir wollen doch seriösen Journalismus. Und spätestens dann, aber idealerweise schon vorher, schieben wir solchen Praktiken einen Riegel vor.”
Noch mehr dazu in einem aktuellen Blogpost von Eva: KI und das Ende des Journalismus.
Wie nutzt Eva selbst KI für ihre Arbeit?
„Ich nutze KI schon ganz lange, zum Beispiel zur Transkription. Und das machen alle, die Radiobeiträge machen oder auch Interviews führen und mit Aufnahmegerät aufzeichnen.”
Ohne KI gehe es ja gar nicht mehr heutzutage: „Ich nutze KI zum Beispiel zur Recherche, aber auch da muss man aufpassen, weil es gibt immer noch Halluzinationen, es gibt fragwürdige Quellen. Und das sehe ich schon auch, dass Leute dann diese irren Abkürzungen nehmen, wo man sich fragt: Aber was denkt ihr euch denn dabei, dass man diese KI-Ergebnisse einfach übernimmt?” Man müsse genau nach den Quellen forschen. Auch Fact-Checking könne man gut mit KI erledigen, wenn man es richtig angeht.
Ansonsten probiere ich viel herum mit Automatisierungen rund um Recherche. Was ich auch gemerkt habe: Man findet wirklich alle Informationen, die Menschen jemals ins Netz gestellt haben. Und natürlich war das vorher auch schon möglich, aber mit unglaublich viel mehr Fleißarbeit. Man musste viel mehr wissen, auch über spezielle Google-Suchtricks und all so ein Zeug. Viele Dinge, die Menschen vorher nicht im Netz gefunden haben, weil sie einfach zu gut unter einem Berg an anderen Infos verborgen sind, findet man eben mit der Hilfe von KI-Agenten.”
Macht KI uns unmoralisch?
Eva beobachtet: „So ein bisschen sehen wir das Unmoralische ja jetzt schon. Ich habe das in meinem Blogpost verglichen mit Tragedy of the Commons (Anm.: Tragik der Allmende), diesem Konzept aus den Wirtschaftswissenschaften. Das sieht man ja: Wir sind offenbar einfach unmoralisch. Wenn wir glauben, wir können einen eigenen Vorteil daraus ziehen, dann machen wir das. Das alte Beispiel ist Überfischung. Wenn alle Fischer:innen permanent Fische aus dem Meer holen, dem See, der bei ihnen vor der Haustür ist, dann sind irgendwann keine mehr übrig. Wenn alle ein bisschen langsamer machen, dann können sich die Bestände erholen und dann hat man langfristig Fische. Aber was passiert? Jeder denkt erst mal nur an sich und jeder hat natürlich kurzfristig einen Vorteil davon, mehr rauszuholen.
Viele haben gefragt, was ist denn dann jetzt das Commons beim Journalismus? Ich glaube, das eine ist eben diese Recherche. Es ist schon immer so, dass ein Medium eine große Recherche macht und andere Medien zitieren das, und dann fließt dieses neue Wissen in den vorhandenen Pool von Wissen ein. Und das ist auch okay. Und es ist auch wichtig, dass solche Recherchen zitiert werden.
Aber wenn das jetzt mit KI so dermaßen automatisierbar und ausbeutbar ist und dann meistens die Quelle noch entfernt wird, da wird dann ja nicht gesagt, ,wie Eva Wolfangel oder DIE ZEIT berichtet’, sondern dann wird das als eigene Recherche hingestellt, dann ist es natürlich überhaupt nicht nachhaltig. Vor allem weil dann in der Konsequenz irgendwann niemand mehr die Recherchen macht.
Und das andere, was wir gemeinsam haben, ist das Vertrauen der Leser:innen in die Demokratie. Und auch das ist natürlich was, was nicht unendlich ist und genau genommen jetzt ja auch schon so ein bisschen immer wieder auf der Kippe steht, weil es durch solche Praktiken auch zerstört wird.
Von daher glaube ich schon, dass KI uns unmoralisch macht. Es gibt eben immer genügend unmoralische Kräfte, die einfach zu ihrem Vorteil wirtschaften. Ich bin mir sicher, die wissen das ganz genau, welche Mechanismen da am Werk sind. Man muss ja nicht besonders schlau sein, um sich das klarzumachen, dass das nicht gehen kann, dass man anderer Leute Inhalte klaut in großem Stil. Aber die sagen sich halt: ,Naja, jetzt gerade können wir damit ja Geld verdienen. Wir machen es einfach, solange es geht, und dann können wir uns was Neues suchen.’”
Wie wahrscheinlich ist es, dass KI die Kontrolle übernimmt?
Eva hält vieles davon für Science Fiction: „diese Idee, die KI wird übermächtig, die entwickelt einen bösen Willen und löscht am Ende die Menschheit aus oder nimmt uns als Sklaven oder was auch immer. Das halte ich für nicht so realistisch, einfach weil rein logisch ich nicht wüsste, woher dieser Wille kommen soll. Woher hat die KI einen eigenen Willen? Dafür bräuchte sie ja irgendwie auch ein Bewusstsein, eine Empfindungsfähigkeit und eben einen eigenen Antrieb.
Ich habe mich viel beschäftigt mit diesen OpenAI-Agenten, die jetzt Hugging Face gehackt haben. Danach hat ja Anthropic das Gleiche gefunden, vielleicht auch weil sie gesehen haben, dass das gutes Marketing ist zu sagen, wir haben so eine starke KI.
Was man da sehen kann, ist: Menschen geben Anweisungen und KI-Systeme machen diese Dinge. Und was KI besonders gut kann, ist Anweisungen befolgen und Wege finden, um diese Probleme zu lösen, die ihnen vorgegeben worden sind.
Ich arbeite ja schon seit vielen, vielen Jahren ein bisschen mit KI, und das ist ein Thema, was schon immer diskutiert wird: Seid vorsichtig mit den Anweisungen, die ihr gebt, und denkt die auch zu Ende. Das ist eine Warnung, die seit Jahrzehnten in der KI-Sicherheitsforschung diskutiert wird.
Wenn ihr so einem Computersystem, was es ja am Ende einfach ist, ein Problem zu lösen gebt, überlegt, welche Umwege oder Abkürzungen könnte dieses System nehmen, was natürlich nicht unsere Moral, unser Weltwissen, unseren Kontext hat, sondern was nur optimiert ist darauf, ein Problem schnell zu lösen. Und das passiert jetzt meiner Meinung nach gerade bei KI-Agenten.
Das ist nicht die KI, das sind die
Und das ist auch nicht die KI, die das machen möchte, sondern das sind die Tech-Firmen, die die Dinger so entwickeln, weil die uns schon seit einer geraumen Zeit versprechen, dass die KI uns die Arbeit abnimmt. Und das funktioniert nur, wenn man nicht permanent neue Erlaubnisse geben muss. Ich glaube, die Gefahr ist eher die Gefahr, dass wir die Tech-Unternehmen durchkommen lassen mit dieser Entwicklung.
Für das genannte Beispiel muss man ja sagen, das Problem, das OpenAI diesem KI-Agenten oder seinem System gegeben hat, war ein Test, eine Hacking-Aufgabe. Und OpenAI hat das Interesse, dass diese KI da möglichst eine hohe Punktzahl erzielt, denn dann kann man sagen: Unser System ist so potent und kann so stark hacken.
Das heißt, das Ziel war ganz klar: Sei ein gutes Hacking-System. Und dann ist dieses System los und hat gehackt. Und dann sagt OpenAI: Ups, wie kann das denn passieren? Und das denke ich halt, das ist so scheinheilig und so falsch. Es ist nicht so, dass die KI dann kommt und sagt, ich werde jetzt hier die Super-KI und mache euch alle zu meinen Untertanen. Sondern das sind Entscheidungen von Menschen, die wir als Gesellschaft auch beeinflussen können, jetzt zum Beispiel mit Regulierung oder indem wir sagen, so wollen wir es nicht.
Mehr dazu in einem ZEIT-Artikel von Eva Wolfangel (Z+/Paywall).
Was können wir denn ganz konkret tun?
Eva meint, wenn wir nichts tun, haben wir am Ende selbst auch Nachteile: „Wenn dein KI-Agent plagiiert, am Ende bist du trotzdem diejenige, die verantwortlich ist und im Zweifel, wenn es jemand merkt, auch Ärger bekommt und so weiter. Die schlechten Ergebnisse, die du rausbekommst, fallen ja am Ende auf dich zurück.
Aber wenn wir aufs Größere schauen, glaube ich, ist schon jetzt unser Job, in Richtung Regulierung und Mitbestimmung zu gehen. Ich habe oft gehört: ,Jetzt kommt die Super-KI, jetzt sind wir doch völlig hilflos und machtlos.’
Ich glaube, das ist nicht der Fall. Wichtig ist, dass wir jetzt diese Stimmung auch nicht überhandnehmen lassen. Ich finde wirklich, wir können etwas tun. Also Regulierung, und das habe ich auch in meinem Leitartikel (s.o.) geschrieben.
Wir in Deutschland, wir in Europa, wir sind nicht so klein, wie Tech-Unternehmen aus den USA uns versuchen einzureden. Wir haben schon eine Bedeutung als Markt und auch als Forschungsstandort. Gerade im Bereich robuste KI-Systeme.
Deswegen mache ich ja schon so lange KI, weil es hier in Deutschland echt spannende Forschung dazu gibt. Und das ist auch das, was die Industrie braucht, wenn es darum geht, wofür man KI am Ende sinnvoll nutzen kann: robuste Systeme und eben nicht ein System, das losrennt und sich heimlich irgendwo reinhackt, wo man nicht weiß, was es tut.
Und deswegen glaube ich, haben wir schon Gewicht und können das Gewicht auch spielen lassen, wenn es um so eine Diskussion geht: Wie machen wir denn weiter als Gesellschaft? Was für eine Regulierung braucht es denn für Tech-Unternehmen?
Macht KI uns dumm?
Eva findet, wichtig ist: „dass Leute verstehen, wie diese Dinger funktionieren und was man tun muss, um zuverlässige Ergebnisse zu bekommen und was man vielleicht auch einfach nicht gut lösen kann mit KI.
Das andere: Ich habe mich in letzter Zeit viel mit Psychologinnen, Hirnforscherinnen, Lehr- und Lernforschung unterhalten zu dieser Frage: Wie lernen wir mit Hilfe von KI? In Schulen ist das ein Riesending. Man sieht es ja, die Schülerinnen und Schüler sind technisch oft viel weiter, die haben Tricks drauf, da kommen die Lehrerinnen und Lehrer überhaupt nicht hinterher.
Das fängt ja in der Schule an, dass man lernt: Wenn ich das System game, dann komme ich damit gut durch. Und die Schule hat es meiner Meinung nach mit dem ganzen System, wie sie funktioniert, bisher immer den Leuten auch leicht gemacht, weil es halt auf Noten optimiert ist und nicht auf: Ich lerne was für mich.
Ich habe dazu kürzlich einen total spannenden Podcast mit der Lehr- und Lernforscherin Katharina Scheiter aufgenommen
Hier nachhören: Live mit Katharina Scheiter: KI und Bildung – Verlernen wir gerade, wie man denkt?
Da kommt jetzt viel auf uns zu, zu gucken, wie nutzen wir diese Dinge sinnvoll und fallen eben nicht immer auf diese Abkürzungen rein. Was viele sagen, ist: erst denken und dann die KI nutzen, erst selbst recherchieren, erst selbst arbeiten und dann die KI nutzen, um zu gucken, wie ist mein Ergebnis zum Beispiel?
Oder was ich oft mache, ist fragen: Hier ist mein Text. Was habe ich vergessen? Welche Fragen sind noch offen? Was würde jemand sagen, der das ganz anders sieht?
Aber das wird noch mal eine Anstrengung, weil es so verlockend ist, die Abkürzung andersherum zu nehmen.”
Wie schaffen wir es, die Abkürzung nicht zu nehmen?
Man muss sich immer wieder bewusst überwinden, sagt Eva: „Das ist das Gleiche wie Sport, also beweglich bleiben, fit bleiben. Das ist ja trotzdem eine Überwindung. Man denkt ja auch: Oh nee, muss das jetzt sein? Das ist eine Qual. Und trotzdem macht man es. Und das ist ja auch wieder ermutigend, dass wir als Menschheit es ja bisher geschafft haben, nicht nur zu überleben, sondern auch stärker zu werden, uns zu entwickeln, leistungsfähig zu sein. Weil diese Erkenntnis, dass es sich lohnt, sich anzustrengen, platt gesagt, sich durchsetzt.
Natürlich spielen da auch Mechanismen im Körper eine Rolle. Ich habe eine spannende Recherche gemacht zu der Frage: Warum kommen wir so schlecht von LinkedIn und Instagram los. Weil eben dieses Belohnungshormon Dopamin ausgeschüttet wird. Und dieses Dopamin, auch ganz platt gesagt, hat eben eigentlich die Funktion, uns zu belohnen für Anstrengung. Das kommt nach einer Anstrengung.
Das wird aber auch ausgeschüttet, wenn man durch Instagram oder LinkedIn scrollt und immer denkt, es muss doch mal noch ein spannender Beitrag kommen. Und nach Stunden von AI-Slop kommt ein spannender Beitrag. Denk mal, jetzt hab ich was gelernt. Und so nutzt das quasi diesen alten Effekt der Evolution aus.
Und dieses Dopamin hilft aber auch, und das kennt ihr bestimmt vom Sport, das wollen wir dann wieder haben, weil das ja ein schönes Gefühl ist nach dem Sport. Jetzt fühle ich mich richtig gut. Und das ist unter anderem, weil wir belohnt werden durch solche Vorgänge in unserem Körper. Und ich glaube schon, diese Mechanismen helfen uns hier, wenn wir es jetzt schaffen, nicht zu viel in diese Abkürzung zu rennen.
Das ist dann natürlich so, wie wenn man nicht zum Sport geht: Jedes Mal, wenn man dann nicht geht, wird es anstrengend, das nächste Mal zu gehen. Und so ähnlich ist es schon auch, wenn wir unsere Skills verlieren, weil wir sie nicht mehr benutzen.
Platt gesagt und sehr pauschal, aber unterm Strich ist es natürlich auch mit diesen KI-Systemen so: Wenn wir uns nicht anstrengen und zum Beispiel Texte nicht mehr lesen, sondern sie uns immer zusammenfassen lassen, dann wird es immer anstrengender, lange Texte zu lesen. Dann kann man sich das abgewöhnen. Und das ist, glaube ich, gerade die Herausforderung.”
Wird KI so schlau wie der Mensch?
Dass die KI so schlau wird wie Menschen generell, hält Eva „für einen Mythos, weil KI einfach anders funktioniert und weil wir immer wieder sehen, dass Dinge wie Weltwissen, wird es ja oft genannt, oder einfach diesen Kontext zu verstehen, dass die essentiell sind, um gute Entscheidungen zu treffen.
Ich habe viel dazu recherchiert, was Forscherinnen und Forscher machen, um dieses Weltwissen in KI-Systeme zu kriegen. Ich würde es so zusammenfassen: Die scheitern bisher daran. Es geht einfach nicht, weil die KI-Systeme anders funktionieren. Massenhaft Muster zu finden in großen Datenmengen, damit kommt man erstaunlich weit, damit kommen erstaunlich viele Zusammenhänge gut heraus, die irgendwie dann auch funktionieren.
Aber das ist eben nicht alles. Da fehlt noch etwas, was wir Menschen zumindest teilweise können. Irgendwie fehlt eine zentrale Zutat. Nach allem, was ich bisher sehe, ist es so, dass eben diese Mustererkennung in großen Datenmengen, das ganze Internet als Trainingsdaten zu benutzen, dass das nicht ausreicht, um Entscheidungen in unserem Sinne zu treffen, sondern halt immer wieder schiefgeht.
Ich bin ja keine totale KI-Skeptikerin. Ich habe nur das Gefühl, ich sehe gerade so viele Dinge, die irgendwie in die falsche Richtung gehen, dass ich dann immer wieder diese Rolle kriege.
Ich glaube, es ist eigentlich sinnvoller, Spezialsysteme zu bauen. Man hat es ja gesehen, zum Beispiel als es um diese Proteinfaltung ging. Das hat mich wirklich fasziniert. Die KI, DeepMind war das, glaube ich, hat die Proteinfaltung gelöst. Und ich habe eine Pressekonferenz gesehen mit einer Forscherin, die seit 50 Jahren daran forscht, diese Proteinfaltung zu verstehen und vorherzusagen, wie Proteine gefaltet sind. Und die hat fast geweint, dass sie das noch mal erleben darf.
Das war aber ein System, das sich speziell darum kümmert, und keine generative KI, die nebenbei noch deine Hausaufgaben macht und deine Pressemitteilung schreibt.
Das ist vielleicht eher der Weg: zu schauen, welche Probleme wir denn sinnvoll lösen können mit KI, und dann spezielle Systeme dafür zu bauen.”
Lässt sich generative KI für alle betreiben, ohne die Ressourcen der Welt zu sprengen?
Eva sagt ganz klar: „Mit der aktuellen Technologie nicht. Aber auch da denke ich: Ich habe von vielen Menschen gehört, die generative KI für eine Sackgasse halten. Die meinen, dass diese Systeme, diese Architektur, auf der die beruhen, dass die jetzt auch ausgereizt sind.
Ich finde, das merkt man auch gerade. Natürlich wird jedes Sprachmodell wieder noch ein bisschen besser. Die lösen dann manche Dinge besser. Aber dafür lösen sie andere, die die Vorgänger konnten, dann schlechter.
Ich habe schon das Gefühl, diese Verbesserungen, die da gerade kommen, sind wirklich klein. Und ich würde sagen, wir sind an so einer Grenze angelangt, nicht nur was das Können betrifft, sondern eben auch was die Ressourcen betrifft. Weil ja klar ist, das ist unendlich teuer, da steckt so viel Energie drin.
Da ist es bescheuert, damit Probleme zu lösen: Ja, ich schreibe Ihnen eine Pressemitteilung, oder erkläre mir die Mathehausaufgaben, weil da viel zu viele Ressourcen draufgeschmissen sind.
Ich weiß, dann sagen Leute: ,Spinnst du? Wir haben es doch jetzt überall implementiert!” Ich kriege viel mit, auch gerade von Großunternehmen in Deutschland, man hat ja private Kontakte überallhin, von Leuten, die sagen: , Wir müssen jetzt überall KI benutzen, das ist totales Chaos.”
Diese FOMO, Fear of Missing Out, ist riesig in den Chefetagen. Die Leute, die da mit den Sachen arbeiten, sagen: , Es funktioniert nicht, es funktioniert leidlich, es ist unendlich teuer, und wir machen uns abhängig von irgendwelchen großen Konzernen, die KI-Systeme jetzt gerade noch massiv bezuschussen. Und wenn die irgendwann reale Preise verlangen, dann werden wir ganz viele Use Cases nicht mehr machen, weil es sich dann einfach nicht mehr lohnt.’
Mein Eindruck ist: Das ist, einfach gesagt, nichts, was uns auf Dauer glücklich macht.”
Liegt das Problem in der Technologie oder in ihrer Anwendung?
Eva findet: „Das jetzt nur auf die User zu schieben, finde ich unlauter. Am Ende ist es auch ein Problem des Marketings der großen Tech-Konzerne; uns zu versprechen, die kann jetzt alles lösen, macht unsere Arbeit, führt uns auf eine neue Ebene.
Klar, natürlich könnten auch einfach alle User jetzt sagen, dann mache ich halt keine Mathe-Hausaufgaben mehr damit. Aber das ist ja wieder so ein Problem der Anreize. Solange ChatGPT dir die Mathe-Hausaufgaben macht und solange das subventioniert ist, so dass du da auch nicht viel Geld bezahlen musst, machen das natürlich Leute.
Ich denke, am Ende wird es sich von selbst klären, wenn die Konzerne irgendwann den realen Preis verlangen.
Das andere ist natürlich die ganze Frage mit den unmoralischen Dingen. Da kommen wir zurück zum Anfang. Texte klauen, Ideen klauen, Recherche, Arbeit klauen bis hin zu Krieg führen. Das sind natürlich User-Probleme, aber das kann man auch nicht als Dauerausrede benutzen als Konzern, der so was herstellt. Da muss man dann trotzdem sagen, wir müssen uns was in Richtung Regulierung überlegen.”



