Hallo, geht’s noch?
“… und da können wir uns doch mal abends treffen und ein bisschen über PR austauschen. Vielleicht haben Sie ja noch ein paar Tipps, wie ich mein Unternehmen nach vorne bringen kann.” – Unter den vielen interessanten Mails und netten Anfragen, die ich täglich bekomme, ist mindestens alle zwei bis drei Tage eine, die ungefähr so lautet. Ja, hallo, geht’s noch? Ich frage mich, was diese Leute von mir denken. Dass das mein Hobby ist, über das ich Tag und Nacht rede? Dass ich keine anderen Themen und Interessen habe? Dass ich abends, wenn die Bürotür abgeschlossen ist, herumlaufe und freiwillig alle in ihrer PR berate?
Ich stelle mir gerade vor, wie ich meinem Hausarzt eine Mail schicke: “… und dann können wir uns doch mal abends treffen und über meine Blutwerte plaudern!” Halt, schlechtes Beispiel. Ärzte sind, glaube ich, genau die Berufsgruppe, der so etwas Ähnliches passiert. Auf Partys, im Supermarkt und was weiß ich wo. (“Was würden Sie machen, wenn Sie so erkältet wären wie ich?” “Genauso husten.” – “Schauen Sie mal, meine Haut, ist das normal?” “Nein, das ist widerlich.” ) Rechtsanwälte auch. Psychologen dagegen haben eher das umgekehrte Problem: Keiner traut sich, in ihrer Gegenwart den Mund aufzumachen, aus Angst sofort durchschaut zu werden. Komisch, Schweißer, Kassiererinnen oder Postzusteller identifiziert man nicht automatisch so mit ihrem Beruf, oder?
Wie ich damit umgehe? Ich antworte inzwischen freundlich aber kurz und bestimmt: “Kontakt und Austausch gerne. Kostenlose PR-Beratung nicht.”
Bekommen Sie auch solche Anfragen? Wie antworten Sie darauf?




Damit ich nicht immer nur über Twitter kommentiere…
Ich glaube, es geht recht vielen Berufsgruppen so, dass Sie im Rahmen von Partys und Co um Rat gefragt werden. Zumindest allen, zu denen einem eine Frage oder eine Beschwerde einfällt.
Vielleicht sollten wir mal Postzusteller befragen, wie oft sie sich auf Partys anhören müssen, dass Frau Müllers Paket an Frau Huber mehr als eine Woche unterwegs war, und das, obwohl es nur von Berlin nach Hamburg musste… oder so…
Aber eine Mail von einem Wildfremden, der meint, man trifft sich am Abend auf ein Gläschen Wein und bringt dabei nebenbei sein Unternehmen PR-mäßig auf Vordermann, das ist ein starkes Stück…
Ich krieg öfter mal so ähnliche Anfragen über Xing: “Wollen wir uns kontakten, und wir könnten uns ja mal treffen auf einen Kaffee, ich hätte da gleich so ein paar Marketing-Fragen…”
So was ignoriere ich mittlerweile.
Nicht zu verwechseln mit Networking über Xing, das ein Geben und Nehmen ist. Wenn ich eine Anfrage aus meinem erweiterten Netzwerk bekomme oder interessante Anknüpfungspunke sehe, dann ist das etwas anderes. Aber dann ist die Frage üblicherweise auch nicht so plump gestellt…
Guten Morgen, Frau Hoffmann,
über Twitter bin ich auf diesen Artikel gestossen.
Recht haben Sie.
Aber was erwarten Sie? Mit den neuen Möglichkeiten der Akquise in Form von “guten Ratschlägen” in “Business”-Foren sind der Gratismentalität Tür und Tor geöffnet.
Die Grenzen zwischen Ratschlag und kostenpflichtiger Beratung/Dienstleistung verschwimmen all überall. Und alle machen mit, weil es sonst ein anderer macht.
Schlauberger verwechseln dies mit Marktwirtschaft und Win-Win-Situation.
Mich interessiert, wie Sie die Trennung zwischen erstem Kundengespräch und tatsächlicher Beratung ziehen.
Wie ich finde, passt mein Beitrag
Darf’s ein bisschen mehr sein?
ganz hervorragend hierher.
Bin sehr gespannt auf weitere Erfahrungen.
Gruß vom Elbstrand
Oliver Schuh | agd | die gebrauchsgrafiker
Oh,
Darf’s ein bisschen mehr sein?
sollte eigentlich verlinkt sein:
http://blog.diegebrauchsgrafiker.net/2009/03/darfs-ein-bisschen-mehr-sein/
Wenn unerwünscht, gern wieder löschen.
Hallo Karin,
ja, Networking. Ist Networking nicht auch ein Tarnbegriff für eben diese Gratismentalität? Gleich nach dem Wink mit dem Folgeauftrag?
Tschüssing
Hallo Kerstin,
interessantes Thema, dass Du da ansprichst. Gerade das WWW mit seinen unzähligen Gratisangeboten schürt natürlich eine solche Mentalität, und wenn ich bei mir schaue, dann habe ich mit meinen Sachen sowas natürlich auch gefördert, nicht zuletzt aus einem Hunger nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, wenn jemand was von mir wollte …
Inzwischen handhabe ich es so, dass ich bei derartigen Anfragen die Leute auf mein kostenloses Angebot verweise (Tipps, Newsletter, Artikel, etc.) und darauf aufbauend mein Follow-up-System in Bewegung bringe.
D.h., ich verschenke die Idee und verkaufe das System. Inzwischen gibt es immer mehr Jäger & Sammler, die von der Über-Fülle an Informationen dermassen erschlagen, verwirrt und orientierungslos sind, dass sie dankbar für ein gut strukturiertes Angebot (Kurs, Coaching, etc.) sind und dann auch bereit sind, dafür zu bezahlen.
Beste Grüße, Ralf
> Mich interessiert, wie Sie die Trennung zwischen
> erstem Kundengespräch und tatsächlicher Beratung ziehen.
Das ist sehr einfach, aber mehr im Einzelfall gefühlt als theoretisch beschreibbar. Am ehesten vielleicht so: Wenn ein konkretes Interesse an meinem Angebot besteht, gebe ich im ersten Gespräch schon sehr weitgehend Informationen und auch erste Ideen. Das vermittelt dem Interessenten einen guten Einblick, was ich mache und wie ich arbeite – und damit eine gute Entscheidungsgrundlage. Das mache ich nur genau einmal kostenlos.
Sehr oft bekomme ich aber Aufträge direkt, nach einem kurzen Telefonat, oder das erste Treffen ist schon das Briefing. Da profitiere ich sehr von Empfehlungen und von meinen Referenzen, die die Kunden schon im Vorfeld überzeugen. Und von diesem Blog und Dingen wie meinem eBook: Es gibt einfach von mir viel im Netz zu lesen, so dass sich ein Interessent schon ein gutes Bild machen kann, was ich ihm anbiete. Dann muss man eigentlich nur noch schauen: Passt die Chemie? – und kann sofort anfangen zu arbeiten.
Hallo …
ich bin auch über Twitter auf diesen Beitrag gestoßen und kenne diese Anfragen nur zu gut!
Ich bin für das Marketing von einigen Reiseportalen verantwortlich und wenn das jemand hört, dann kommt immer gleich die Frage, ob ich da nicht mal einen tollen und günstigen 5-Sterne Urlaub auf Mauritius für die 4-Köpfige Familie unter 2000 € beschaffen kann. Mal abgesehen davon, dass wir die Preise ja gar nicht machen, finde ich diese Anfragen auch immer wieder lästig. Mein Standardspruch ist dann immer:
“Ruf doch mal in unserem Callcenter an. Die finden bestimmt einen tollen Urlaub für euch. Und bestell’ einen schönen Gruß von mir …”.
Viele buchen dann tatsächlich auch einen Urlaub bei uns. Nur einen “Freundschaftspreis” gab’s trotzdem nicht …
Viele Grüße aus Frankfurt
Ralf
> Ist Networking nicht auch ein Tarnbegriff für
> eben diese Gratismentalität?
Nein, Networking ist Networking. Verdeckte Vorhaben funktionieren einfach nicht – in keinem Lebensbereich.
@ Ralf 1
Guter Ansatz. Danke für die ausführliche Beschreibung.
@ Ralf 2
Finde ich professionell!
Ihre erste Antwort unterschreibe ich sofort und so läuft es bei uns auch. Findet erstmal ein Gespräch statt, wird es auch meistens ein Auftrag. Kann mich eigentlich nur an einen frechen Fall in den letzten Jahren erinnern, wo es schon zu detaillierter Beratung und Budgetplannung kam, der Kunde dann aber doch nicht die Mittel hatte. Diese Herrschaften haben sich kostenfrei beraten lassen.
Ansonsten sehen wir Blog- und Forenbeiträge auch als Weg zu Zeigen, wie man tickt. Die Kunst bleibt eben, die Kompetenz herauszukehren ohne bereits kostenfreie Beratung zu liefern.
Die Sache mit dem Networking sehe ich differenzierter. Networking gab es schon immer. Heute wird, eben durch die anonymen und schnellen Möglichkeiten des WWW ein leichtfertiger Umgang damit betrieben. Alles und jedes wird mit Networking argumentiert. Kollegen werben gern mit Ihrem Netzwerk. Wenn der Auftrag dann kommt, macht es dann doch der Einzelkämpfer komplett selbst. Dann wird der Grafiker zum Texter, der Texter zum Fotografen, usw. Obwohl ich ein sehr gutes Netzwerk habe, mag ich das Wort schon gar nicht mehr aussprechen. Ich finde es hat zu unrecht gelitten.
Sorry, abgeschwiffen.
@Kerstin, @Oliver:
Klar, der Begriff Networking ist dehnbar und jeder versteht etwas anderes darunter.
Ich verstehe darunter – ja, die klassische “Win-win”-Situation. Ich habe eine Leistung zu bieten oder Kontakte, die jemand brauchen kann, ich hole mir Rat aus meinem Network.
Oder ich habe eine Idee und suche Leute, mit denen ich sie gemeinsam realisieren könnte. Und wenn alle Spaß dran haben, kann man auch einmal gemeinsam etwas auf die Beine stellen, bei dem von vorneherin nicht klar ist, was für jeden konkret dabei rausspringt (im Gegensatz zu einem “normalen” Auftrag, bei dem das schon geklärt sein sollte…)
Wichtig ist dabei: Es soll allen Spaß machen und/oder alle weiterbringen, keiner darf ausgenutzt werden und jeder soll wissen, woran er ist. Transparenz, ja?
Angebote über das Netzwerk: es kann sich ja jeder frei entscheiden, ob er auf ein Angebot einsteigt. Ob kreativer Austausch, gemeinsame Aktion oder “normales” Angebot – jeder muss selbst abschätzen, ob das was für ihn ist oder nicht…
Und – es wird immer wieder Leute geben, die auf dem Ausnutz-Trip sind. Das ist Charaktersache und hat mit dem Internet nichts zu tun. Die gibt es auch in “Offline”-Netzwerken, und selbst im engsten Freundeskreis soll sowas vorkommen…
Im Internet kann man wenigstens ein wenig abschätzen, wie einer tickt, auf den man sich einlässt ohne ihn persönlich zu kennen (wenn man über ihn was findet, wie z.B. ein Blog oder eine Xing-Seite…)
Stimmt Karin.
Es war eben alles irgendwie schon immer da.
Netzwerken, Ausnutzen, etc. gab es eben schon immer.
Einigen wir uns darauf, daß alle Facetten – gute oder schlechte – neue, größere und schnellere Möglichkeiten durch das WWW bekommen.
Ob dieser Zuwachs immer im gleichen Verhältnis steht, kann ich nicht beurteilen.
Tatsächlich kann ich aber behaupten, mehr gesunde als ungesunde Kontakte und Verbindungen per Internet geknüpft zu haben, die dann auch Teil eines Netwerkes wurden.
Der bloße Kontakt wäre für mich noch kein echtes Networking.
Tschüssing
Hallo Kerstin,
das “Abgreifen” ist vielleicht manchmal gar nicht böse gemeint… Dennoch, Beratungsleistungen – insbesondere im Kommunikationsbereich – sauber einzugrenzen und zu bepreisen, ist echt eine Kunst. Leider ist eine gute Kommunikationsberatung in der Regel nicht so dringend wie der ADAC bei einer Autopanne. Hinzu kommt ein starker “Do it yourself-Trend”, der aber oftmals dazu führt, dass die Kohlen nur tiefer ins Feuer fallen und dann die Frage provozieren, “warum ist denn das so teuer?” Offenbar müssen wir in unserer Branche noch stark am Bewusstsein unserer Mitmenschen und potenziellen Auftraggeber arbeiten – oder uns einfach dahin schreiben!
Viele Erfolg weiterhin!
Udo
Wirklich erstaunlich! Da schreibt man ellenlange, aufwändig konzipierte Fachbeiträge – und dann treibt so ein kleines Blogpost die Klickzahlen mal eben auf mehr als das Doppelte…
Ich kenne solche Mails auch und manchmal ärgern sie mich dann auch ziemlich. Die Frage ist doch aber, warum solche Mails kommen?
Meine Vermutung: es funktioniert öfter als wir glauben. Und ganz ehrlich: als ich am Anfang meiner “Karriere” stand, gehörte ich auch zu denen, die so ein Spiel mitgemacht haben.
Man braucht den Kunden, den Auftrag und aus Angst, ihn nicht zu bekommen, gibt man immer mehr aus der Hand, damit der Kunde ja nicht absagt. Der sagt zwar nicht ab, aber zusagen tut er natürlich auch nicht. Muss er auch nicht, denn er bekommt ja alles so von mir.
Wahrscheinlich kennen viele solche Situationen, wo sie im Rückblick feststellen, viel zu unklar agiert und damit den Kunden zu solchem Verhalten eingeladen zu haben.
Im Endeffekt sollte jeder froh sein, der schon so weit ist, in solchen Fällen eine klare Linie zu haben. Da geht es einem im Unterschied zu vielen anderen schon verdammt gut. Insofern ist dieser Ärger schon fast wie ein – wenn auch kleines – Privileg. Und dann ärgert man sich auch gar nicht mehr so sehr.
>Wirklich erstaunlich! Da schreibt man ellenlange, aufwändig
>konzipierte Fachbeiträge – und dann treibt so ein kleines
>Blogpost die Klickzahlen mal eben auf mehr als das
>Doppelte…
Bei den Fachbeiträgen fühlt man sich halt dumm und erfolglos, aber die “Hallo gehts noch”- Beiträge kreieren ein Gruppengefühl von geplagten web2-profis und man kann sagen : “ey das ist mir auch passiert” und kräftig loslästern.