Wir Weltbürger und Flüchtlingskinder #BloggerfuerFluechtlinge

Wenn die Beiträge hier im „PR-Doktor“ Ihnen schon einmal in irgendeiner Weise genützt haben, bitte ich Sie: Schenken Sie mir heute ein paar Minuten Ihrer Zeit und lesen Sie diesen Text hier. Dies ist ein Magazin zum Thema Kommunikation und PR. Dies ist aber auch ein Blog, das über die Jahre hinweg eine gewisse Reichweite aufgebaut hat. Diese Reichweite möchte ich heute, an dieser Stelle und für die Zeit, in der Sie diesen Artikel lesen, einer Aktion zur Verfügung stellen, an der sich derzeit sehr viele meiner Kolleginnen und Kollegen beteiligen: „Blogger für Flüchtlinge“, ins Leben gerufen von Paul Huizing, zusammen mit Karla PaulNico Lumma und Stevan Paul: (Hashtag: #BloggerfuerFluechtlinge).

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Niemanden, der selbst Kinder hat, können die Geschichten über Flüchtlinge unberührt lassen; jeder, ob Eltern oder nicht, der ein Herz besitzt und ein bisschen Reflexionsvermögen, dem muss dieses Herz weh tun angesichts dessen, was wir derzeit aus den Medien erfahren. Ich habe nicht nah am Wasser gebaut, aber mir stehen in diesen Tagen andauernd die Tränen in den Augen.

Ich muss auch an meine eigene Familie mütterlicherseits denken, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu Fuß in einem langen Flüchtlingstreck aus dem Erzgebirge zurückkehrte nach Hamburg. Mit drei kleinen Töchtern, darunter ein gerade Zweijähriges – meine Mutter –, das noch dazu krank war, aber wie durch ein Wunder überlebte. Ein älteres Kind, der einzige Junge, war irgendwann in diesen Kriegsjahren gestorben. Meine Oma erzählte später, dass sie immer den Drang hatte, im Winter auf den Friedhof zu gehen, und ihm warme Sachen zu bringen. 

In einem Dorf wäre das mittlere Kind, meine Tante, beinahe verlorengegangen, weil es sich mit Dorfkindern „verspielte“ und den Anschluss verlor, als der Treck weiterzog. In letzter Minute fand meine Oma ihre Tochter wieder. Den Schrecken, den sie noch Jahrzehnte danach empfand, wenn sie sich daran erinnerte, können wohl alle Eltern nachempfinden. Ich bin, wie mir erst gerade klar geworden ist, auch ein Flüchtiingskind, das mit solchen Geschichten groß geworden ist. Ich verdanke es meinen Eltern und Großeltern, dass ich in einem sicheren Umfeld groß werden konnte und dass heute meine eigenen Kinder in einem sicheren Land leben und das studieren können, was sie sich wünschen.

Dies alles ist ein so unfassbares Glück, die Decke über Not und Elend vor nur wenigen Jahrzehnten ist so dünn, dass man es eigentlich nicht eine Sekunde für selbstverständlich nehmen kann.

Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Menschen aus allen Ländern ein- und ausgingen. Ich lebe in einem beruflichen Umfeld, in dem Landesgrenzen nicht viel bedeuten. Ich bekomme Aufträge von Firmen ganz unterschiedlicher Nationen. Bei meinem Beratungskunden action medeor erlebe ich unmittelbar, wie Menschen über Landes- und Kulturgrenzen, über Unterschied in Arbeitsmentalität hinweg zusammenarbeiten und andere unterstützen.

Jeder Skype-Call über Kontinente hinweg zeigt mir selbst, wie eng wir alle in dieser digitalen Welt miteinander verbunden sind. Ich habe Teile meiner Ausbildung außerhalb Deutschlands mit Menschen der verschiedensten Nationen absolviert. Viele meiner Kollegen sind digitale Nomaden, die überall auf der Welt zuhause sind und von unterwegs immer wieder Geschichten von Gastfreundschaft und offenen Türen erzählen.

Ich glaube, dass wir alle auf diesem winzigen blauen Planeten nur eine Chance haben, wenn wir uns nicht in irgendwelchen Trutzburgen verschanzen, sondern hinausgehen und die Erde insgesamt zu einem Ort machen, an dem alle besser leben. Ja, ich weiß, das ist eine Utopie. Aber woran sollen wir denn sonst arbeiten, was für einen Sinn soll dieses Leben denn haben, wenn wir nicht vor allem danach streben, dass sich etwas verbessert? Wenn wir nicht die Kräfte, die uns aus unserer privilegierten Situation erwachsen, auch für andere einsetzen? Wer sich nur einmal ein bisschen mit systemischen Ansätzen befasst hat, weiß, dass es in einem System dem Einen nur gut gehen kann, wenn es Allen gut geht. Und die Menschheit ist ein ziemlich kleines System. Wir haben das Anrecht auf ein sicheres Land nicht auf ewig gepachtet, wenn wir nicht selbst etwas tun.

Spezies, die genetisch verarmen, sterben aus. Länder, die sich abschotten und ideologisch verarmen, können auf Dauer nicht florieren. Im globalen Dorf kommen Menschen zusammen, die eine ungeahnte Kreativität und ganz neue Ansätze entwickeln können, wenn sie sich aufeinander einlassen. Menschen aus anderen Ländern bereichern unsere Gesellschaft. Es braucht also noch nicht einmal den Anschein von Altruismus, wenn wir danach streben, anderen zu helfen. Aber aus welchen Motiven auch immer: Helfen müssen wir!

Wie mein Kollege Thomas Knüwer bekomme ich die befremdlichen Aktionen gegen Flüchtlinge in Deutschland eigentlich nur über Medien mit, während mein gesamtes Umfeld vor allem Hilfsangebote und Unterstützung verbreitet. Aber wenn wir helfen wollen, dann dürfen nicht aufhören, die Kreise größer zu ziehen. Reichweite und Sichtbarkeit sind Privilegien, die nicht allein dem eigenen Vorteil und Profit dienen dürfen.

In diesem Sinne bitte ich Sie, die Aktion Blogger für Flüchtlinge zu unterstützen. Sie finden sie hier auf betterplace.org.

Mein Herz ist nicht zweigeteilt, sondern es ist groß genug für mehrere Initiativen. Daher möchte ich über dieser neuen und sehr unterstützenswerten Aktion nicht die Organisation vergessen, die ich schon länger unterstütze und für deren gute Arbeit ich mich verbürge: Die oben schon genannte action medeor engagiert sich seit vielen Jahren weltweit dafür, dass Menschen in ihren Geburtsländern besser leben können, und hilft in Flüchtlingslagern überall auf der Welt. Hier finden Sie action medeor auf betterplace.org.

Es gibt andere Stellen und Initiativen, um zu helfen. Entscheiden Sie, welche die richtige(n) für Sie ist/sind. Aber tun Sie bitte etwas. Für uns alle. Danke.

Herzlichst,
Kerstin Hoffmann

  11 comments for “Wir Weltbürger und Flüchtlingskinder #BloggerfuerFluechtlinge

  1. Jürgen Bergmoser
    24. August 2015 at 15:37

    Ein schöner Artikel. Auch mich berührt die derzeitige Situation sehr. Auch meine Mutter musste damals aus Breslau flüchten. Ich kann da sehr gut mitfühlen. Danke für diesen Artikel und das Engagement!

  2. 24. August 2015 at 15:44

    Danke dir, Jürgen.

  3. 24. August 2015 at 17:47

    Hallo, ein wunderbarer Artikel und eine unterstützenswerte Aktion, an der ich mich natürlich auch beteiligt habe. Wenn viele rufen, wir sind gegen Hass und Menschenfeindlichkeit, dann wird es vielleicht auch mal gehört. Wenn der eine oder andere mal begreift, dass in Herzen genug Platz für andere ist, dann sind wir ein Stück weiter. Die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Ich jedenfalls halte nicht den Mund und spreche mich immer gegen Hass, Verleumdungen und Vorverurteilungen aus. Gut, dass es viele Blogger für Flüchtlinge gibt. Danke. LG Hans

  4. Thorsten
    25. August 2015 at 14:07

    Bravo, Kerstin.

  5. 25. August 2015 at 14:17
  6. 28. August 2015 at 11:44

    Danke Frau Hoffmann, dass Sie Ihren Blog, Ihre Position und Ihre Reichweite nutzen, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen!

    Viele Grüße
    Gianna Reich

  7. Stefanie
    31. August 2015 at 11:04

    Vielen Dank für den so persönlich geschriebenen und wertvollen Beitrag. Es
    ist wichtig, so persönlich von den eigenen Erfahrungen der Familie zu
    sprechen, nicht nur allgemein, auch wenn der historische Verweis auf die
    vielen Vertriebenen und Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg noch viel
    öfter angebracht und ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden müsste.
    Gerade Ihre sehr persönlichen Erinnerungen an die Erzählungen aus der eigene Familie jedoch
    gehen tief und berühren dadurch die eigene und kollektive Mit-Menschlichkeit.
    Dieses Berührt-Werden, dieses Mit-Fühlen ist in unserer derzeitigen Situation absolut unabdingbar.
    Vielen Dank!
    Viele Grüße
    Stefanie

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