Gute (oder zumindest etwas weniger schlechte!) Interviews für Blogs, Online-Magazine, Corporate Publishing führen

Ausführlicher Ratgeber mit 11 hilfreichen, pragmatischen Tipps für schriftliche Interviews

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Sofern Sie nicht zufällig über das absolute Gedächtnis verfügen, sollten Sie ein mündlich geführtes Interview immer aufzeichnen – natürlich nur, wenn das Gegenüber zustimmt.

„Dann machen wir halt mal ein Interview!“ Das schriftliche Frage-Antwort-Spiel ist eine beliebte Form, um Blogs, Online-Magazine und andere Publikationen mit Inhalt zu füllen, denn es ist ja scheinbar so einfach: Ein paar Fragen einsenden. Das Gegenüber schickt die Antworten zurück. Wenig Schreibarbeit, keine Überleitungen ausdenken – fertig ist der lebendige Content. Von wegen: In einigen Blogs und Online-Magazinen jagt ein belangloser Dialog den anderen. Flache Fragen werden von ebenso aussagefreien Antworten abgelöst. Echte Erkenntnisse? Lebendige Formulierungen? Souveräne Gesprächsführung? Oft (natürlich nicht immer!) Fehlanzeige. Neben den echten Fehlwürfen und den wenigen Highlights gibt es allzu viel Durchschnittsware – die aber mit ein wenig Überlegung und Arbeit aus den vorhandenen Ressourcen heraus deutlich besser sein könnten.

Denn der Ansatz ist gar nicht so falsch: Das Interview ist eine sehr schöne, sehr lebendige Form, um Gesprächspartner selbst zu ihrem Thema zu Wort kommen und sich zugleich über ihre eigenen Formulierungen selbst charakterisieren zu lassen. Leider ist das Interview aber auch die am meisten unterschätzte, nämlich eine der schwierigsten journalistischen Formen. Man braucht Fachwissen und viel Übung, um gute Interviews zu führen.

Wenn Sie für Ihr Blog oder Magazin über ausgebildete Journalisten verfügen können oder selbst dazugehören: Fein. Dann brauchen Sie gar nicht weiterzulesen. Wenn nicht, stellt sich die Frage:

Müssen Sie also auf gute Interviews ganz verzichten?

Sollten Sie also für Ihr Blog oder Magazin ganz auf Interviews verzichten, sofern Sie nicht mindestens fünf Jahre in einer Redaktion gearbeitet haben? So weit will dann doch nicht gehen. Schließlich gibt es auch in Zeitungen und Magazinen schlechte Interviews von echten Journalisten. Andererseits sind viele Blogger richtiggehende  Naturtalente darin, anderen überraschende, inspirierende Fragen zu stellen. Damit Ihr nächstes Interview aber ein bisschen besser wird als die große Menge von Nullachtfuffzehn-Frage-Antworten, habe ich Ihnen hier ein paar Punkte zusammengestellt, auf die es ankommt.


Video-InterviewHier konzentriere ich mich auf Interviews, die in Schriftform veröffentlicht werden. Viele der genannten Aspekte und (Frage-) Techniken bilden die Grundlage für gute Interviews in Audio und Video. Doch für Videos oder Podcasts gelten zusätzlich noch ganz andere Regeln. Deswegen erscheint dieser Beitrag als Gemeinschaftsaktion gleichzeitig mit einem Ratgeber für gute Video-Interviews von Jenny Janson im Blog von KreativeKommunikationskonzepte.


Zunächst einmal sollten Sie sich eines klarmachen:

Ein Interview ist nicht weniger sondern mehr Arbeit als ein Beitrag im Fließtext!

Wer glaubt, er spart Zeit, indem er fünf bis acht Standardfragen zusammenhaut und dem Gegenüber die Arbeit überlässt, hat sich leider gründlich geirrt. Standardfragen bringen meistens auch nur Standardantworten hervor – außer in den seltenen Glücksfällen, in denen das Gegenüber mehr von Interviews versteht als der Frager und dann auch noch ein Eigeninteresse an einem guten Ergebnis mitbringt. Das gilt übrigens für die mündliche Form – in Podcasts oder Videos – ebenso.

Wenn Sie also ein Interview planen, planen Sie bitte mehr Zeit ein als für Ihren normalen wöchentlichen (täglichen, monatlichen …) Artikel. Sie müssen sich Fragen ausdenken. Sie müssen das Interview führen, mitschneiden und transkribieren. Womöglich müssen Sie entsprechend den Antworten Ihre Fragen noch einmal überarbeiten. Oder, wenn Antworten schriftlich eingereicht wurden, bedürfen diese unter Umständen auch noch einmal der redaktionellen Überarbeitung. Aber:

Fragen einreichen und schriftlich beantworten lassen ist kein Interview!

Oft wird es vorkommen, dass Ihr Gegenüber kein mündliches Interview wünscht, sondern Sie bittet, Ihre Fragen schriftlich einzureichen, damit es Sie ebenso beantworten kann. Auch Interviewer selbst bevorzugen oft ein solches Vorgehen, weil es eben einfach viel weniger Arbeit für die Beteiligten bedeutet. Aber: Diese Form ist strenggenommen, auch wenn sie immer wieder so bezeichnet wird, kein Interview.

Sie bringt, außer in der oben genannten seltenen Ausnahme vom besonders begabten und motivierten Befragten, keine so guten Ergebnisse wie ein echtes Interview. Vor allem entbehrt sie der Dramaturgie von Folge-Fragen, die sich spontan aus den vorherigen Antworten ergeben. (Was allerdings wiederum auch voraussetzt, dass Sie das Interview beherrschen und in der Lage sind, spontan gute Fragen hervorzubringen.) Doch selbst unter den so geführten „Schein-Interviews“ gibt es, abhängig von der Kommunikationsfähigkeit von Fragern und Befragten, gute und weniger gute.

Im Folgenden finden Sie elf Tipps für etwas gelungenere Interviews in Schriftform.

1. Vergessen Sie die großen journalistischen Vorbilder!

Wir alle haben schon wirklich großartige Interviews im Print, im Fernsehen, im Radio und im Internet erlebt. Solche Höhenflüge sind jedoch nicht jedem gegeben, und sie sind noch einmal mit sehr viel mehr Aufwand verbunden, als das ganz normale Interview. Engagieren Sie für so etwas ein Fachkraft. Oder stapeln Sie einfach etwas tiefer.

2. Versuchen Sie nicht, investigativ zu sein!

… es sei denn, Sie wären ausgebildeter Journalist. Aber dann bräuchten Sie diesen Ratgeber hier gar nicht. Interviews für Blogs, Magazine, Corporate Publishing sind meistens keine investigativen, konfrontativen Formen. Im Grunde muss man sogar sagen, dass sie die unabhängige journalistische Ausrichtung allenfalls vortäuschen. Alles andere bedarf sehr gründlicher Vorbereitung und gegebenfalls fachlicher Unterstützung. Das bedeutet aber keinesfalls, dass Sie nicht pointiert fragen und statt dessen in Belanglosigkeit abdriften sollen.

3. Bereiten Sie sich gut vor!

Nichts von dem, was Sie selbst recherchieren können, gehört in eine Interviewfrage. Fragen Sie zum Beispiel einen Promi nicht nach seinem Geburtsdatum. Besorgen Sie sich Informationen über Ihr Gegenüber. Lesen Sie Texte von oder über dieses. Schauen Sie sich Videos an und verschaffen Sie sich ein Bild von seinen Social-Media-Präsenzen. Je besser Sie sich vorbereitet haben, desto genauer können Sie nachfragen und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich mit einer unbedarften Frage blamieren. Natürlich können Sie aber Ihr Gegenüber abschließend fragen, welche persönlichen und beruflichen Informationen, Weblinks oder sonstige Hinweise es selbst gerne im fertigen Stück hätte.

4. Klären Sie Sachinformationen und Organisatorisches vorher!

Kurzbiografie und Foto des Gesprächspartners, Zeitplan für die Freigabe: Machen Sie sich vorher eine Liste, was zu bedenken ist und klären Sie es zügig an einem Stück. So müssen Sie hinterher keinem Bild hinterherlaufen, und Ihr Gegenüber weiß beispielsweise vorher, wann Sie seine Rückmeldung bezüglich der Freigabe brauchen.

5. Fragen Sie (sich) nach wirklichem Erkenntnisgewinn!

Welches ist die eine, entscheidende Erkenntnis? Was ist der Gewinn, den Ihr Leser aus dem Interview mitnimmt? Was ist neu, überraschend, hilfreich, nützlich oder besonders unterhaltend? Verzichten Sie auf die üblichen Standardfragen in klischeehafter Formulierung und überlegen Sie sich statt dessen, was Sie selbst wirklich Neues vom Interviewpartner erfahren möchten und was Ihre Leser besonders interessiert.

6. Vergessen Sie die Reihenfolge und kürzen Sie beherzt!

Ein aufgeschriebenes Interview muss nicht genau der Reihenfolge der Fragen im Gespräch folgen. Viel wichtiger ist die innere Dramaturgie, der rote Faden. Streichen Sie beherzt, was belanglos ist und nicht zum Erkenntnisgewinn beiträgt. So sehr der Erfolg eines Interviews vom Fragenden abhängt, so unterschiedlich ist zugleich die Begabung Befragter, die Dinge auf den Punkt zu bringen, auch dann, wenn sie thematisch sehr sicher sind.

7. Schneiden Sie mit!

Wenn Sie das Interview mündlich führen, dann sollten Sie es immer aufzeichnen. Interviews leben vom authentischen Wortlaut des Befragten. Wenn Sie nicht zufällig über das absolute Gedächtnis verfügen, dann können Sie davon ausgehen, dass Sie hinterher den genauen Wortlaut nie mehr so zusammenkriegen. Vielleicht vergessen Sie sogar wichtige Stellen oder Sie stellen fest, dass Ihnen eine entscheidende Überleitung fehlt. Natürlich müssen Sie Ihr Gegenüber eingangs fragen, ob es mit dem Mitschnitt einverstanden ist. Viele Interviewer machen sich trotzdem zusätzlich Notizen. (Ich übrigens auch.) Dazu braucht man nicht unbedingt besondere Software oder Geräte. Ich schneide Interviews mit dem iPhone mit – live gegenüber, oder indem ich mein Bürotelefon (oder den Computer, wenn ich das Interview via Skype führe) auf Lautsprecher gestellt habe.

8. Transkribieren Sie gründlich!

Mitschneiden und dann transkribieren: Das ist viel Arbeit, weil nachher nur ein Bruchteil des womöglich langen Gesprächs tatsächlich in die Schriftform einfließt. Wenn Sie sich diese Arbeit sparen möchten, kein Problem: Am wenigsten Arbeit macht es, erst gar kein Interview zu führen!

9. Denken Sie über alternative Formen nach!

Man kann ein Interview, das man nicht mündlich abhalten kann, das aber trotzdem interaktiv sein soll, auch als Chat im Frage-Antwort-Wechsel führen, etwa via Skype, Facebook-Chat oder Google+. Ebenso denkbar sind weitere Formen, etwa ein Google Doc, in das der Interviewer erst dann die nächste Frage schreibt, nachdem der Befragte die vorige beantwortet hat. Übrigens: Google Docs kann man ebenfalls, wie in einem Chat, gemeinsam in Echtzeit bearbeiten.

Eine solche schriftliche Form hat den Vorteil, dass sie nicht so statisch ist wie die eingereichten feststehenden Fragen und dass alles bereits geschrieben vorliegt. Allerdings fehlt ihr, abhängig von den Schreibfähigkeiten der Dialogpartner, mehr oder weniger die Lebendigkeit des gesprochenen Worts. Überarbeiten und ggf. kürzen muss man trotzdem.

10. Lassen Sie das Interview freigeben!

Es wird nicht immer zwingend gefordert, aber ich empfehle dringend, Interviews vor der Veröffentlichung freigeben zu lassen. Das erspart im Zweifel beiden Seiten viel Ärger. Erst recht dann natürlich, wenn Sie die Antworten noch redaktionell bearbeitet haben.

11. Werden Sie immer besser!

Wenn Sie sich die genannten Punkte klarmachen und zu Herzen nehmen, dann wird mit zunehmender Übung auch der Spaß wachsen, und Ihre Gesprächspartner ebenso wie Ihre Leser werden Ihnen die steigende Qualität zurückspiegeln. Bleiben Sie offen für Feedback und prüfen Sie zwischendurch, ob Sie noch auf dem richtigen Weg sind.


Dr. Kerstin HoffmannDie Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät und unterstützt Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in digitalen Strategien, Public Relations und Corporate Blogging. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihr Blog “PR-Doktor” ist laut Ebuzzing eines der führenden deutschen Blogs über digitale Kommunikation. Sie wollen mehr darüber erfahren, was Kerstin Hoffmann mit ihrem Team für Ihr Unternehmen tun kann?
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  10 comments for “Gute (oder zumindest etwas weniger schlechte!) Interviews für Blogs, Online-Magazine, Corporate Publishing führen

  1. 1. Juli 2015 at 08:26

    Tausend Dank für diesen Beitrag! In letzter Zeit habe ich so oft auf ein „Interview“ geklickt, das ich nach fünf Sekunden wieder vrelassen habe, weil schon die ersten drei Sätze grauenvoll waren. Blöde Fragen und faselige, Schulaufsatz-Antworten. So etwas ist unprofessionell, unlesbar und hat keinerlei Nährwert. Wer das liefert, hat mich als Leser verloren.
    Manchmal sind schon die Fragen dämlich, aber meistens scheitert es an der Schriftlichkeit. Die meisten Menschen können viel besser reden als schreiben. Im Sprechen kommen sie auf den Punkt, fast jeder kann im Gespräch anschaulich und lebendig erklären. Geschriebene Texte entstehen offenbar in einer komplett anderen Hirnregion.
    Bitte, liebe Blogger und Kommunikatoren, macht Skypecalls, ruft an, redet mit den Leuten! Daraus kann dann ein Interview werden.

  2. 2. Juli 2015 at 12:27

    Liebe Kerstin, herzlichen Dank für so viele wertvolle Tipps! Einen weiteren hab ich noch: Die interviewte Person in den Mittelpunkt stellen. Also keine romanlangen Fragen, sondern die GesprächspartnerInnen zu Wort kommen lassen. Eigentlich selbstverständlich. 😉

  3. 2. Juli 2015 at 12:47

    Stimmt. Sehr wichtiger Punkt, in der Tat eigentlich selbstverständlich, aber gleichwohl hätte ich ihn noch ausführlicher aufnehmen können. Gut, dass du ihn ergänzt hast!

  4. Petra Schlitt
    11. August 2015 at 14:49

    Vielen Dank Kerstin, das kommt gerade zum richtigen Zeitpunkt. Nachdem ich doch sehr blauäugig an mein erstes Interview herangegangen bin, helfen mir die Tipps sehr gut weiter.

  5. Bebbi
    17. August 2015 at 22:04

    Seinen unveröffentlichen Stoff Google, Facebook, Skype etc. zu überlassen sollte für Journalisten ein No-Go sein.

  6. 13. September 2015 at 22:43

    Hallo Kerstin,
    vielen Dank für deinen Beitrag, in welchem ich viel Nützliches herauslesen konnte. Ich bin ja ein Hobby-Blogger und habe auch schon jemanden interviewt. Das waren meistens andere Blogger und die Interviews waren in schriftlicher Form abgehalten.

    Das man dabei keine Standard-Fragen stellen soll, leuchtet ein, aber man fragt dennoch nach dem Blog und den Beweggründen, die einen zum Bloggen bewegt haben.

    Wenn ich ein weiteres Interview führen sollte, versuche ich es, mehr vorzubereiten, denn anscheinend muss ich noch einiges darüber lernen.

    Übrigens könntest du hier das Mail-Kommentare-Abo einsetzen. Deine Leser würden es dir danken. Und heute kommentiere ich im Rahmen meiner Kommentarrunde und somit taucht der Link zu diesem Artikel in meinem Blogartikel auf Internetblogger.de auf.

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