Hier gibt es KEINE individuelle Wikipedia-Beratung!

Wichtiger Hinweis, bitte lesen: Ich habe mich dazu entschlossen, die Überschrift über diesem Artikel zu ändern, weil offenbar ganz viele den einfachen Hinweis nicht lesen und ich anders der Flut der Anfragen nicht mehr Herr werde. Hier nochmals: Ich biete aus guten (in dem folgenden Artikel auch genannten) Gründen keine Erstellung von Wikipedia-Artikeln an und berate auch nicht zu diesem Thema. Ich vermittle auch keine Anbieter dazu. Bitte sehen Sie daher von solchen Anfragen ab. Nachdem Sie nun diesen Hinweis gesehen haben, können Sie im Folgenden  kostenfrei die wertvollen Informationen lesen, die ich zum Thema zusammengetragen habe. (Kerstin Hoffmann)

Wikipedia-Eintrag oder nicht? Hier sind Antworten auf die Frage, die sich viele Unternehmer stellen. Logo: http://de.wikipedia.org/

Wikipedia-Eintrag oder nicht? Hier sind Antworten auf die Frage, die sich viele Unternehmer stellen. (Logo: http://de.wikipedia.org/)

„Unsere Firma soll unbedingt auf Wikipedia sein!“

Warum die Sache mit dem Wikipedia-Eintrag nicht immer ganz so einfach ist

Die neue Website ist online. Es gibt endlich eine Social-Media-Strategie. Das Corporate Blog ist gut eingeführt. Vielleicht ist ein neues Patent auf dem Markt. Jetzt fehlt dem Firmenchef nur noch eines zu seinem digitalen Marketing-Glück: „Unser Unternehmen muss unbedingt auch einen Wikipedia-Eintrag bekommen!“ Mit einem solchen Ansinnen kommen dann viele Marketingverantwortliche auf mich zu, und auch andere Agenturen fragen hier immer wieder an, ob ich nicht eine solche Dienstleistung erbringen könne. Viele Kolleginnen und Kollegen kennen das ebenfalls. Da ich so oft gefragt werde, trage ich in diesem Beitrag die wichtigsten Aussagen und Artikel dazu zusammen, die ich selbst recherchiert und erfragt habe: als Antwort auf solche und ähnliche Anfragen. 

Hinweis: Bei diesem Beitrag handelt es sich, wie gesagt, um meine Meinung, meine Recherche-Ergebnisse und meine persönlichen Erfahrungen sowie die der zitierten Personen. Er bietet natürlich keine Rechtsberatung und trifft auch keine offziellen Aussagen zur Wikipedia-Politik. Noch ein Hinweis: Ich biete selbst keine Dienstleistungen wie etwa Wikipedia-Einträge an.

Irrtum Nr. 1: „Jedes Unternehmen gehört auf Wikipedia“

„Wir sind ein Unternehmen und stehen in der Öffentlichkeit. Wir sind wichtig in unserer Branche. Also haben wir auch ein Anrecht auf einen Wikipedia-Eintrag.“ – Leider kann man solche Aussagen in den allermeisten Fällen sofort mit den Relevanzkriterien beantworten, die Wikipedia selbst veröffentlicht hat. (Hier geht es zum Wikipedia-Artikel über die Relevanzkriterien. »)

Denn (wie in Wikipedia selbst ein Artikel heißt) „Was Wikipedia nicht ist“: „Wikipedia ist kein allgemeines Personen-, Vereins-, Organisationen- oder Unternehmensverzeichnis. Nur für Personen und Institutionen von enzyklopädischer Bedeutung sollen Artikel angelegt werden.“ (Hier geht es zum Artikel. »)

Relevanzkriterien für ein Unternehmen sind unter anderem mindestens 1000 Vollzeitmitarbeiter oder ein Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro oder mindestens 20 Betriebsstätten. Erfüllt Ihr Unternehmen diese Voraussetzungen? Fein! Dann können Sie sich mit den nächsten Schritten befassen. Ansonsten …

„Aber wir sind Vorreiter in unserer Branche“

Nun sagen die Relevanzkriterien auch aus, dass ein Unternehmen trotzdem für die Wikipedia in Frage kommt, wenn es die obigen Kriterien erfüllt – vorausgesetzt es ist „marktführend“ oder übernimmt eine „innovative Vorreiterrolle“. Dies ist nun ein sehr schwammiger Begriff, fest steht aber: Es sind unabhängige Belege dazu beizubringen. Ganz sicher ist eine eigene Firmenpräsentation oder eine Stellungnahme des Geschäftsführers kein solcher unabhängiger Beleg.

Malte Landwehr, Blogger und Wikipedia-Experte, meint dazu:*

„Ich kenne einen Fall, in dem ein einzelnes, absolut unbedeutendes Patent ausgereicht hat um eine eCommerce-Website als innovativen Vorreiter gelten zu lassen. Andererseits werden manchmal Wikipedia-Einträge zu Unternehmen abgelehnt, die über 40 Patente halten und innerhalb ihrer Branche als Innovator gelten, diesen Ruf jedoch nicht durch öffentlich zugängliche Quellen belegen können.

Für den Ausgang einer Relevanz-Diskussion ist neben dem eigentlichen Inhalt mindestens genauso wichtig, wer an der Diskussion teilnimmt. Manchmal werden an den Haaren herbeigezogene Argumente blind akzeptiert. In anderen Fällen wird ein Beitrag gelöscht, weil sich fachfremde Nutzer vehement weigern, bestimmte Quellen zu akzeptieren. Das ist besonders bitter, wenn Dienste wie der Bundesanzeiger oder Bürgel zu einem Unternehmen noch Umsatzzahlen von 2012 ausspucken, jeder Branchenkenner aber davon ausgeht, dass der Umsatz 2013 deutlich über 100 Millionen Euro lag.“

Irrtum Nr. 2: „PR darf man auf Wikipedia offiziell nicht machen!“

„Sind Unternehmensvertreter und PRler überhaupt willkommene Mitstreiter im Projekt der Online-Enzyklopädie? Soll ein Unternehmen am eigenen Artikel mitwirken? – Diese Frage ist mittlerweile beantwortet. In einer „Meinungsbild“ genannten Abstimmung vom Oktober 2013 haben die deutschsprachigen Wikipedianer ihre bisherige Praxis bestätigt, die interessengelenktes Schreiben nach klaren Regeln nicht verbietet. Außerdem wurden die Nutzungsbedingungen der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte im Juni 2014 dahingehend geändert, dass es nun global einheitliche Regeln für die Offenlegung von Interessenkonflikten gibt – über alle Sprach- und Projektgrenzen hinweg.“

So steht es in einem Leitfaden von Aufgesang. Dieser empfiehlt sich für alle diejenigen, die planen, an einem Artikel über das eigene oder ein Kunden-Unternehmen mitzuwirken. Hier geht es zum Download. »

Irrtum Nr. 3: „Wikipedia-Artikel schreiben? Das darf doch jeder!“

Stimmt – im Prinzip kann sich jeder Nutzer an Wikipedia beteiligen. Aber: Nicht jeder Artikel bleibt auch online, und schon gar nicht solche, die nicht die Kriterien der Wikipedia erfüllen. Grundsätzlich kann man sich durchaus einmal Fehler leisten, die die Community korrigiert. Aber einen großen Fehler sollte niemand machen, nämlich den, verdeckt und womöglich zugleich dann auch noch gegen Geld in Wikipedia PR-Artikel zu platzieren versuchen.

Wikipedia ist eine Enzyklopädie und kein PR-Portal. Erfolgt eine Texterstellung im Auftrag, so ist dies offenzulegen. Besser noch: Ein Unternehmen schreibt transparent unter einem eigenen Account. Aber auch hier ist der beste Weg, nicht einfach selbst einen Artikel zu verfassen.

Rechtliches: „Was kann mir denn passieren?“

Die Konsequenzen für unerlaubte, weil verdeckte PR und Regelverstöße können unerfreulich sein. Abgesehen von den Sanktionen durch die Wikipedia-Gemeinde selbst, etwa, dass man dort erst einmal komplett ‚abgeschrieben‘ ist, kann ein verdecktes Vorgehen – falsche Angaben oder Schleichwerbung – sogar rechtliche Folgen haben:

In diesem Urteil des OLG München geht es um Schleichwerbung in Form von negativen Aussagen über einen Mitbewerber. Hier der Wikipedia-Artikel zum Umgang mit bezahltem Schreiben und mit der Warnung vor Schleichwerbung und unlauterem Wettbewerb. (Anmerkung am Rand: Auch auf anderen Plattformen im Social Web kann Schleichwerbung unangenehme Folgen haben, wie Rechtsanwalt Thomas Schwenke hier erläutert.)

Darüber hinaus kann ein unlauteres Vorgehen, wenn es jemand erkennt und öffentlich macht, erhebliche Imageschäden für das betreffende Unternehmen nach sich ziehen – in der eigenen Branche oder sogar weit darüber hinaus. Der Schuss könnte also buchstäblich nach hinten losgehen. Hier finden Sie ein Beispiel, wie der Journalist Richard Gutjahr eine positive Amazon-(Eigen-) Bewertung unter falschem Namen aufdeckt, was sogar dazu geführt hat, dass der Geschäftsführers des betreffenden Hersteller sein Amt ruhen ließ. Ähnliches ist für einen „Wikipedia-Skandel“ mühelos denkbar und im Bereich des Wahrscheinlichen.

Rechtsanwältin Nina Diercks, Dirks & Diercks Rechtsanwälte, meint zu den möglichen rechtlichen Folgen verdeckter Wikipedia-Werbung und zu eigenen Angaben in Firmeneinträgen:*

„Der firmeneigene Wikipedia-Eintrag kann nicht nur dazu verführen, unzureichend gekennzeichnete Werbung im Artikel zu platzieren, sondern auch dazu, den eigenen Produktverkauf sehr positiv darzustellen oder den Mitbewerber in einer Seitenbemerkung nicht ganz so glücklich aussehen zu lassen. Jedoch ist der schnell geschriebene Satz „Die Firma XY stellt in der Kategorie AB das meistverkaufte Produkt her“, wenn die Aussage nicht anhand von harten Kennzahlen bewiesen werden kann, aus wettbewerbsrechtlicher Sicht genauso unzulässig wie der Satz: „Während Firma 123 bei Ihren Produkten nur die wenig haltbaren 123-Stoffe verwendet, werden bei der Firma XYZ ausschließlich hochwertige und mehrfach geprüfte Stoffe verwertet.“ Während erstere eine sogenannte unzulässige „Nr. 1 Werbung“ darstellt, kann der letzte Satz eine gezielte Behinderung des Mitbewerbers sein.

Tja. Und das bedeutet, dass all diese schönen kleinen Sätze abmahnfähig sind. Dazu sollte man wissen, dass die Streitwerte in Wettbewerbssachen grundsätzlich schnell in die Höhe schießen. 10.000 EUR sind ohne weiteres selbst bei nur leichten Wettbewerbsverstößen anzunehmen. Das bedeutet, dass eine Abmahnung selbst im Fall eines „leichten“ Wettbewerbsverstoßes mit ca. 1.800 Euro (eigene Anwaltskosten und die der Gegenseite) zu Buche schlägt. Dazu kostet das Ganze natürlich Zeit und Nerven. Und das will man dann vielleicht doch nicht. Schon gar nicht, wenn man weiß, dass die Streitwerte auch schnell bei 25.000 Euro und im Einzelfall auch bei 200.000 Euro und mehr liegen können. Dementsprechend (viel) teurer wird es dann im Ergebnis.“

Der sauberste Weg: Selbst eine Diskussion anstoßen

Malte Landwehr: „Am saubersten ist es, einen Account mit dem eigenen Firmennamen zu erstellen und verifizieren zu lassen. Anschließend kann über den Relevanzcheck eine Diskussion dazu gestartet werden, ob ein Artikel zum eigenen Unternehmen die Relevanzkriterien der Wikipedia erfüllt. Hier können bereits Argumente für den Eintrag und (ganz wichtig!) unabhängige Quellen aufgelistet werden. Danach sollte maximal noch ein Rumpfartikel angelegt werden, der nur sachliche, ungeschönte Fakten enthält und diese auch mit Quellen belegt. Alle weiteren Schreibarbeiten sind dann der Community zu überlassen.“

Wollen Sie überhaupt auf Wikipedia?

Nun kann ja ein Unternehmer auch in anderer Hinsicht Relevanzkriterien erfüllen, sei es als Person des öffentlichen Lebens, als Buchautor, als (ehemaliger) Politiker. Je exponierter er oder sie ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass früher oder später ein Artikel über sie oder ihn erscheint.

Wikipedia ist jedoch kein Instrument der Hofberichterstattung, und unter Umständen laufen Aussagen in dem betreffenden Beitrag sogar dem zuwider, was jemand gerne über sich lesen würde. Manch einer, der vielleicht einen Artikel über sich gewünscht hat, ist irgendwann ernüchtert. Oder sogar überzeugt, dass die Aussagen nicht den Tatsachen entsprechen. Stehen wirklich Unwahrheiten in dem Artikel, gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit den Autoren Kontakt aufzunehmen und auf eine Korrektur hinzuwirken. Nicht immer aber wird ein Änderungswunsch auch dauerhaft erfüllt.

Über diese Problematik habe ich bereits vor längerer Zeit ein Interview mit meinem Kollegen Klaus Eck geführt. Nicht alles ist mehr auf dem aktuellen Stand der Wikipedia-Politik, aber grundsätzlich finden sich hier etliche hilfreiche Aussagen. Hier geht es zum Interview. »

Fazit

Zusammengefasst: Nur weil der Firmenchef (oder Ihr PR-Kunde) es will, sollten Sie nicht auf Biegen und Brechen versuchen, einen Wikipedia-Eintrag zu verfassen beziehungsweise verfassen zu lassen. Das kann nach hinten losgehen. Selbst wenn die Kriterien erfüllt sind, muss es nicht immer sinnvoll sein, aktiv auf einen Eintrag hinzuwirken. Aber wenn Sie einen Artikel anstreben. sollte das offen und transparent vor sich gehen, gegebenenfalls mit seriöser Beratung oder in direktem Kontakt zu eingeführten Autoren. Finger weg von Anbietern, die nicht transparent und in Einklang mit den Wikipedia-Regeln arbeiten!

*Diese Zitate haben keine detaillierte Quellenangabe, weil es sich um Statements handelt, die die Betreffenden mir im persönlichen Kontakt speziell für diesen Beitrag geliefert (und freigegeben) haben. Für die Richtigkeit aller hier zitierten Angaben anderer übernehme ich natürlich keine Gewähr.


Dr. Kerstin HoffmannDie Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät und unterstützt Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in digitalen Strategien, Public Relations und Corporate Blogging. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihr Blog “PR-Doktor” ist laut Ebuzzing eines der führenden deutschen Blogs über digitale Kommunikation. Sie wollen mehr darüber erfahren, was Kerstin Hoffmann mit ihrem Team für Ihr Unternehmen tun kann? Hier geht es zum Beratungsangebot. »

kontakt(at)kerstin-hoffmann.de | Kontaktformular »


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  5 comments for “Hier gibt es KEINE individuelle Wikipedia-Beratung!

  1. 3. September 2014 at 11:28

    Da habe ich auch meine Erfahrungen sammeln dürfen … Zusammengefasst in meinem Blogbeitrag „Meine (gezählten) Tage als Wikipedia-Autor. http://www.schweizer-degen.com/2011/11/meine-gezahlten-tage-als-wikipedia-autor/
    Fast 150 Kommentare von betroffenen Autoren mit spannenden Einblicken in die Welt der Willkür und der inszenierten Relevanz.

  2. Michael Wüthrich
    5. September 2014 at 09:38

    Vielen Dank für den interessanten Artikel.
    Aber was sind die Meinungen zu dem folgenden Vorgehen:
    Die Firma verfasst (transparent) einen informativen Artikel zu einem bestimmten Produkt (Nischenprodukt, welches noch nicht auf Wikipedia erschienen ist). Als Weblink wird dann der Link auf die Firma angegeben.
    Ist das zu viel Werbung? Oder wird das akzeptiert, wenn die Firma in dieser Nische technologisch tatsächlich eine relevante Rolle spielt? Oder müssen alle Mitbewerber dann auch aufgeführt sein?
    Vielen Dank für Feedbacks.

  3. 5. September 2014 at 15:48

    (Der vorhergehende Kommentar wurde von mir auf Wunsch der Kommentatorin wieder entfernt.)

  4. Rosemarie Knechtel
    22. April 2016 at 14:38

    Besten Dank für diesen hilfreichen Beitrag.
    Eine Seite, die Websites bewertet, brachte als negatives Ergebnis »Das ist nicht so gut: [hier stand ein Weblink zu einer kommerziellen Seite] wird nicht bei Wikipedia referenziert.« Daher habe ich mich mit diesem Thema auseinandergesetzt, werde aber anhand Ihrer Ausführungen darauf verzichten, mir die Mühe zu machen diesen Weg überhaupt einzuschlagen.

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