Liebe, Licht und Einhornkotze

Worauf es in Communitys und im Reputationsmanagement wirklich ankommt

Love

Heiße Luft oder echte Zuneigung? Auch in Online-Communitys erweist sich das früher oder später.

Nichts gegen malerisch gestaltete Sinnsprüche und Merksätze als Postings in Blogs und sozialen Netzwerken. Naja, okay, fast nichts. 😉 Ein schönes Motto oder ein hilfreicher Satz zur richtigen Zeit kann ja Impulse liefern oder Aha-Effekte auslösen. Nicht zufällig ist unsere Schriftkultur in weiten Teilen auch eine Zitatkultur. Aber, Themenwechsel, kennen Sie im richtigen Leben diese Menschen, die ihre eigene Heiligkeit so richtig vor sich hertragen? Die fast immer ein beseeltes Lächeln auf den Lippen tragen? Immer einen weisen Spruch auf Lager haben, wenn jemand ein Problem formuliert oder Schwäche zeigt? Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass es vielen dieser Menschen nur um eines geht – um sich selbst und um das eigene Rechthaben? Nun, und hier bekomme ich die Kurve zum eigentlichen Kommunikationsthema: Solche erkennt man ebenso in sozialen Netzwerken.

Ich habe das heute auf Facebook so zusammengefasst, und ich bin selbst erstaunt, welche Resonanz dieses kleine Posting an einem arbeitsamen Montagmorgen hervorgerufen hat. Daher in diesem Artikel noch ein paar Takte mehr dazu.

Vom schönen Schein bis zur Einhornkotze

Mehr schöner Schein als gegenseitige Unterstützung, heiße Luft und vielfach geteilte, meist recht hohle Sprüche, kurz: Liebe, Licht und Einhornkotze. Das ist es, wodurch sich die Pinnwände etlicher Accounts auf Facebook (oder Google + oder Twitter) auszeichnen.

(Für diejenigen, die es noch nicht wissen: Einhörner übergeben sich in einem wunderschönen, regenbogenfarbenen Schwall. Für mich steht der Begriff synonym für eine bestimmte Art besonders beseelten Contents, der oft einer Prüfung in der Realität nicht standhält. – Ergänzung Juni 2015: Bitte diese Aussage keinesfalls als Abwehr jeglicher regenbogenfarbener Aktion verwenden. Im Gegenteil. An der richtigen Stelle eingesetzt, etwa bei „Celebrate Pride“, halte ich den Regenbogen für ein sehr sinnträchtiges Symbol. Gerade deswegen ist er an anderer Stelle oft so deplatziert.)

Ein geteilter Sinnspruch ist noch keine gegenseitige Unterstützung. Ein beseeltes Lächeln macht noch keine persönliche Integrität. Wie in dem obigen Facebook-Posting beschrieben: Nicht immer sind diejenigen, deren Pinnwände von Liebe, Licht und Einhornkotze strotzen, auch diejenigen, auf die sich die anderen verlassen können, wenn es hart auf hart geht. Doch gerade auf diese Qualitäten kommt es bei erfolgreicher Kommunikation an. Im richtigen Leben ebenso wie im Social Web.

Was macht eine Community im Web aus?

Ob formalisiert, als Plattform, als organisierte Gemeinschaft oder einfach als zufälliger Zusammenschluss über gemeinsame Interessen: Menschen finden sich im Web in der einen oder anderen Form zu Communitys zusammen. Sie definieren sich über Zugehörigkeit, und dazu kann eben auch das Teilen von Bildchen und Sinnsprüchen, von herzzerreißenden Geschichten oder moralisierenden Episoden gehören.

Doch der Mensch lebt nicht vom Sinnspruch allein, und wahrer Zusammenhalt erweist sich erst dann, wenn es hart auf hart geht. Wenn Unterstützung gefragt ist. Wenn Probleme gemeinsam gelöst oder brisante Themen diskutiert werden wollen. Ich will keinesfalls generell behaupten, dass Menschen mit einem überproportional hohen Anteil an Einhornkotze weniger unterstützend oder konfliktfähig seien. Doch habe ich oft beobachtet, dass echte Unterstützung oft eher von denjenigen kommt, die selbst eher offene Worte und weniger „Heiligkeit“ pflegen. Gerade solche Menschen springen dann selbst solchen Personen zur Seite, mit denen sie sich zu anderer Zeit kritisch auseinandergesetzt oder sogar gestritten haben.

Was macht Austausch in der Community wertvoll?

Ich kenne sehr viele – organisierte und zufällige – Communitys im Web, die sich durch gegenseitige Unterstützung der Teilnehmer auszeichnen. Das reicht von der Gruppe der Laufinteressierten auf Facebook bis zu meinem langjährigen Kolleginnen-Netzwerk, dem Texttreff. Auffällige Merkmale aller erfolgreichen Communitys (oder nennen Sie es meinetwegen auch Netzwerke) sind für mich:

  • Die Beteiligten sind an echtem Austausch interessiert, und sie interessieren sich für andere.
  • Sie sind in der Lage, andere zu Wort kommen zu lassen, sich auf die Argumente anderer einzulassen.
  • Sie sind willens, den eigenen Standpunkt zu überdenken und gegebenenfalls auch zu korrigieren.
  • Sie achten auf den eigenen Tonfall und sind in der Lage sich zu entschuldigen, wenn es doch einmal emotionaler geworden ist.
  • Attacken und Aggressionen von Einzelnen regulieren sich meist selbst in der Gruppe, oft unterstützt von einem besonnenen Moderator.
  • Sie sind da, wenn andere ein echtes Problem haben und bieten echte Unterstützung an.
  • Sie trauen sich, Position zu beziehen und für ihre eigene Meinung einzustehen.

Was bedeutet das für das eigene Reputationsmanagement?

Wer also über die eigene Reputation (nicht nur) im Web nachdenkt, sollte nicht immer nur darauf fixiert sein, welche tollen Inhalte (Sprüche, Texte, Bilder …) er/ sie als nächstes postet. Es geht vielmehr darum, sich authentisch in eine Gemeinschaft einzubringen. Wer natürlich der Typ „scheinheiliges Lächeln und Egoismus dahinter“ ist, nun gut, der soll eben auch pausenlos Einhornkotze posten.

Gehen wir aber einmal davon aus, dass Sie nicht zu diesem Typ Mensch zählen, dann könnten Sie sich einfach einmal folgende Fragen stellen:

  • Inwiefern trägt das, was ich veröffentliche/sage/schreibe zum wirklichen Nutzen meines Umfeldes/meiner Community/meiner Zielgruppen bei?
  • Bin ich vielleicht allzu sehr nur darauf fixiert, was ich für mich/mein Unternehmen aus diesem Social Web herausziehen kann? Könnte ich (letztlich zutiefst auch zu meinem eigenen Nutzen!) nicht stärker darüber nachdenken, was ich für andere hineingebe?
  • Welches Fremdbild erzeugt die Gesamtzahl dessen, was ich öffentlich (oder teilöffentlich) sichtbar von mir preisgebe? Bin ich das wirklich? Entspricht dies dem das Fremdbild, das ich erzeugen will? (Fragen Sie andere, denen Sie vertrauen!)
  • Ist der Tonfall dieses einen Kommentars, den ich gerade abschicken will, ein Tonfall, wie ich ihn auch unter einem meiner eigenen Beiträge freudig begrüßen würde?
  • Wie verhalte ich mich in Diskussionen? Bin ich in der Lage, mich auf Argumente einzulassen und meinen Standpunkt zu überdenken?
  • Traue ich mich, meine eigene Meinung zu vertreten, auch wenn ich weiß, dass das Kontroversen hervorrufen kann?
  • Sind es mir meine Gesprächspartner wert, auch einmal Kritik zu üben und Unangenehmes (wertschätzend!) auszudrücken?

Einhornkotze zu Einhornkotze

Sie werden, wenn Sie sich und andere beobachten, feststellen, dass man auch im Web auf Dauer niemandem etwas vormachen kann, was nicht der Realität entspricht. Aber überlegen Sie sich, zu welcher Gruppe Sie gerne gehören möchten. Echte Unterstützung zu echter Unterstützung. Einhornkotze zu Einhornkotze.

Oder was meinen Sie dazu?


Dr. Kerstin HoffmannDie Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät und unterstützt Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in digitalen Strategien, Public Relations und Corporate Blogging. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihr Blog “PR-Doktor” ist laut Ebuzzing eines der führenden deutschen Blogs über digitale Kommunikation. Sie wollen mehr darüber erfahren, was Kerstin Hoffmann mit ihrem Team für Ihr Unternehmen tun kann? Hier geht es zum Beratungsangebot. »

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  13 comments for “Liebe, Licht und Einhornkotze

  1. 21. Juli 2014 at 14:25

    So viele (gute!) Gedanken habe ich mir dazu noch nie gemacht: denn wer zu viel Einhornkotze (dieses Wort…) auf meine facebook-Seite bläst, der fliegt ganz schnell aus meiner Zone der freiwilligen Wahrnehmung raus.

  2. 21. Juli 2014 at 18:30

    Sie werden, wenn Sie sich und andere beobachten, feststellen, dass man auch im Web auf Dauer niemandem etwas vormachen, was nicht der Realität entspricht.

    Aber ein finitves Verb man doch trotzdem benutzen, oder?

  3. 21. Juli 2014 at 18:31

    finites, nicht finitves. Mift! 🙂

  4. 21. Juli 2014 at 18:59

    Danke für den Hinweis. Ist eingefügt.

  5. 21. Juli 2014 at 20:03

    Danke, für diese erfrischend ehrlichen und mir aus tiefster Seele sprechenden Worte!
    Mit Genuss und Freude gelesen – und gleich abgespeichert, um es einigen Pseudoeinhörnern ins Stammbuch zu kleben 😉

  6. 22. Juli 2014 at 18:16

    Ja. Ich hatte eine ähnliche Erfahrung.

    Eine Frau, die über ihren „Liebe, Licht und Einhornkotze-Auftritt“ in den sozialen Medien auch ihre Produkte und Dienstleistungen vertreibt, reagierte auf meine Enttäuschung und die daraus folgende Kritik bezüglich eine ihrer Dienstleistungen jedenfalls nicht mit Liebe, Licht und Einhornkotze. Ich empfand ihre Reaktion eher als schmollend, eingeschnappt, und „mit-dem-Zeigefinger-belehrend“.

    Kundenorientierung? Echtes Interesse an der Klärung des Sachverhaltes? Fehlanzeige.

    Einhornkotze – das Wort gehört gekürt!

    Mir ist es noch ein Anliegen Ihnen zu schreiben, dass ich es mutig finde, wie klar und eindeutig Sie sich positionieren.

  7. 22. Juli 2014 at 21:08

    Einhornkotze => made my day. Also, eigentlich schon an besagtem Montag, jetzt mit dem gesamten Artikel dahinter erst recht.

    Ich schwanke noch, ob ich privat Einhornkotze oder Digitalmarketingblablabrei stärker verabscheue – als Texter rede ich meinen Kunden bevorzugt beides aus. Gelingt nicht immer. Aber meistens.

  8. gabriel daalmans
    23. Juli 2014 at 14:22

    Sollte es uns in Sache Eigenwerbung wundern wenn Halbwahrheiten artikuliert werden? Die sozialen Medien werden doch hauptsächlich genutzt aus kommerzielle Interesse; für Werbe- und Marketingstrategien. Beim Marketing ist es doch üblich zwar nicht zu lügen, allerdings nur die Schokoladeseite zu beleuchten. Wer erwachsen ist, sollte sich nicht wundern aber Obacht geben.

  9. 23. Juli 2014 at 17:28

    Na Herr Daalmans,

    das kann ich aber nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil lässt der Mittelstand oft genug noch die Finger von den sozialen Medien (Konzerne agieren anders, natürlich) … zumindest in meinem Umfeld wird weniger im kommerziellen Interesse, sondern vielmehr mit dem Wunsch des absoluten Netzwerkens in sozialen Netzwerken interagiert. Wenn zusätzlich ein gutes Geschäft rausspringt – prima.

  10. Clemens
    28. Juli 2014 at 01:24

    Im Grundsatz richtig, aber leider eine zu einseitige Sichtweise. Berufe, wie Journalisten, Redakteure, Autoren und alle anderen Berufszweige, die vom Urheberrecht abhängig sind, müssen heute die ach so „sozialen“ Netzwerke dazu nutzen, um eigene Erkenntnisse rechtzeitig zu verbreiten. Dies dient im Zweifelsfall der Beweislast gegenüber „Experten“, die Zitate, Erkentnisse oder knackige Sätze einfach klauen und damit ihren „gestohlenen“ Erfolg zu untermauern!!!
    Einen Spruch, eine Formel, eine Tonsequenz, ein Video oder eine Bild rechtzeitig zu posten und mit seinem eigenen Namen zu verbinden, kann da sehr hilfreich sein, da der Nutzer zumindest das „Zitatrecht“ beachten muss. Nicht nur für oben genannte Berufszweige ein sicherlich lohnenswerte Nutzung der Social Media Kanäle. Dabei sollte man jedoch die anschließenden Folgen für das Markenrecht beachten!
    Ein „Diebstahl“ der Erstverwertungsrechte ist somit auf jeden Fall ausgeschlossen!!!

    Wie Das aussehen kann:

    (Mein Lieblings-) Beispiel A): http://bit.ly/1l5I4MS 🙂

    Beispiel B): http://bit.ly/1rJIW12

    Beispiel C): http://bit.ly/1rJJ946

    Wie ersichtlich, nutzen gerade die Profis oft „Liebe, Licht und Einhornkotze“, um Reputation zu erlangen. Also bitte nicht beschweren, wenn es die „Jünger“ anschließend nach machen :-).

  11. 28. Juli 2014 at 08:49

    Nicht jeder kurze Spruch ist gleich Einhornkotze. 😉

  12. 29. Juli 2014 at 06:31

    Aaahhh, danke, liebe Frau Hoffmann! Mir aus der Seele! Am stärksten nehme ich die Unglaubwürdigkeit in der Einhornkotze wahr: wenn nach einem „Nimm alles in Liebe an“ zwei Posts weiter z. B. ein „ich reg mich so furchtbar über die böseböse Nachbarin auf“ kommt oder, auch oft gesehen, in Diskussionen latent oder manifest rassistisch angehauchte Bemerkungen (oder andere gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) fallen, die mir Übelkeit bescheren.
    Danke für Ihre klaren Worte!

  13. JoHewel
    4. September 2014 at 23:12

    Von den „gefühlten“ 300 Beiträgen, die sich täglich auf meiner facebook-Seite klumpen, sind mindestens 90% mittels „copy & paste“ dorthin gelangt. Facebookseiten erinnern an Ausstellungsräume von Deko-Magazinen, wo Dutzende Repliken von alten Emaille- nicht „Email“!)-Werbeschildern die Wände verschönern. Darf’s der Erdal-Frosch sein? Oder lieber das Darmol-Männchen? Oder gar Lurchi und der Unkerich? Und je nach dem, wer diese sich täglich wiederholenden Plakatplattitüden gepostet hat: das Lesen der Kommentare verursacht oft Augenkrebs (das Lieblingswort der „mein-aktiver-Wortschatz-besteht-aus-120-Wörtern-Generation“ ist zur Zeit „eckelig“, was wohl in der Originalfassung „eklig“ heißen soll)! Gäbe es nicht diese zwanzig Menschen, die mich hin und wieder mit selbst verfassten Beiträgen erfreuen, hätte ich meine Mitgliedschaft bei Facebook längst gekündigt…

    Ach, und übrigens… wieso ist der Plural von „community“ jetzt „communitys“ (und nicht mehr „communities“)? Und wozu braucht man ein „Reputationsmanagement“? Nur so ’ne Frage… 😉

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