„Der persönliche Pressesprecher“ geht – und nun?

Exklusiv-Interview mit Stefan Keuchel, Google Deutschland

Stefan Keuchel, GoogleStefan Keuchel ist – für mich und viele andere – das Gesicht von Google Deutschland. Jetzt hat er selbst vermeldet, dass er nach zehn Jahren als Pressesprecher eine Auszeit nehmen wird. PR Report meint dazu: „Auf seinen bisherigen Job wird Keuchel kaum zurückkehren, stattdessen hält Keuchel nach einer neuen Rolle im Unternehmen – und gegebenenfalls auch außerhalb – Ausschau.“

Für mich war Stefan immer ein Paradebeispiel für den „persönlichen Pressesprecher“.* Anders gesagt: Ich bin überzeugt, dass Kommunikation in digitalen Zeiten am besten über Persönlichkeiten und weniger über relativ abstrakte Unternehmensnamen und Marken funktioniert.

Große Marken lösen das, indem sie sich beispielsweise Testimonials einkaufen. Doch Stefan hat für mich über die vergangenen Jahre auf sehr authentische Weise gezeigt, wie sich ein internationales Unternehmen national gut aufstellt, wenn ein Vertreter sich exponiert. Exponiert und hervorragend vernetzt ist Stefan in der Tat. Was sicher zu einem guten Teil daran liegt, dass er persönlich ansprechbar ist und persönliche Nähe herstellen und aushalten kann. Das wird wohl auch so bleiben, falls er jetzt zu völlig neuen Ufern aufbricht. Aber wahrscheinlich hat die Tatsache, dass er immer für alle ansprechbar gewesen ist, auch dazu geführt, dass er einfach mal eine Pause braucht. Ich war sehr gespannt darauf, wie er die Veränderung für sich selbst aber auch für seinen Arbeitgeber beurteilt. Hier sind seine Antworten auf meine Fragen.

Stefan, es ist ja eher ungewöhnlich, dass ein PR-Manager als Gesicht eines Unternehmens auch über die engen Fachkreise hinaus so bekannt ist. Wie erklärst du dir, dass du in Deutschland als Pressesprecher so eine exponierte Rolle übernommen hast?

Stefan Keuchel: Das hängt sicherlich damit zusammen, dass ich das Glück hatte, zu den ersten Mitarbeitern von Google in Deutschland zu gehören. Als ich 2004 begonnen habe für Google zu arbeiten, gab es nur eine Handvoll Mitarbeiter in Deutschland. Die meisten davon waren im Vertrieb beschäftigt und meine Aufgabe war die Kommunikationsarbeit. Da das Medieninteresse an Google schon immer sehr groß war, tauchte mein Name dadurch relativ häufig in Presseberichten auf und ich war natürlich auch ein paar mal im Fernsehen zu sehen. Hinzu kommt meine Begeisterung für Social Media Kanäle wie Twitter oder Google+ , die ich recht intensiv nutze. Das hat auf jeden Fall dazu beigetragen, dass mein Name dem einen oder andern heute bekannt ist.

Du hast entscheidende Entwicklungen und Produktlaunches mit begleitet, etwa zu Beginn deiner Tätigkeit den Launch von Gmail, dann viele weitere. Du hast, wie du selbst sagst, auch in kritischen Debatten, etwa um StreetView, eine sehr aktive Rolle übernommen. Sind das nicht ziemlich große Fußstapfen, die du hinterlässt?

Stefan Keuchel: Wie heißt es so schön? Jeder ist ersetzbar. Im Ernst: Man darf sich da nicht zu wichtig nehmen. Die Kollegen die in der Google-PR-Abteilung arbeiten, sind alles erfahrene und sehr kompetente PR-Leute, die den Job mindestens so gut machen wie ich es immer versucht habe.

Vorerst sind deine Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt. Aber niemand von den Köpfen zwischen diesen Schultern ist so bekannt wie deiner. Denkst du, dass jemand anders „das Gesicht“ von Google Deutschland werden wird?

Stefan Keuchel: Es war ja nie geplant, dass ich “das Gesicht” von Google in DE sein soll. Dass das in der der Wahrnehmung einiger Menschen so ist, hängt – wie oben beschrieben – vermutlich damit zusammen, dass ich eben einer der ersten Mitarbeiter in Deutschland war. Ich denke, dass jeder der Google in der Öffentlichkeit vertritt auch als Gesicht von Google wahrgenommen wird. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Köpfen, die Google hervorragend repräsentieren. Angefangen beim D,A,CH Vertriebschef Philipp Justus bis hin zu den kompetenten Kollegen der PR-Abteilung.

Dass sich ein Mitarbeiter in einer solchen Weise profilieren und als „Personal Brand“ aufbauen kann, ist ja durchaus für ein Unternehmen ein zweischneidiges Schwert. Einerseits hättest du als – selbst sehr gut vernetzter Einzelkämpfer – wahrscheinlich nie diese Bekannheit erreicht wie es dir mit einem großen, bekannten Unternehmen wie Google im Rücken gelungen ist. Andererseits nimmst du, falls du jetzt etwas anderes machst, nimmst du einen Teil des Wertes, den du geschaffen hast, mit. Was denkst du, bleibt als Wert davon dennoch bei deinem Arbeitgeber?

Stefan Keuchel: Google ist eine extrem starke Marke. Es wäre vermessen zu denken, dass Google darunter “leiden” würde, wenn ich gehen sollte. Dem ist nicht so. Aber mich würde freuen, wenn bei dem einen oder anderen hängen bleibt, dass Google ein toller und außergewöhnlicher Arbeitgeber ist, der seinen Mitarbeitern eine Menge Freiheit bietet.

… und inwiefern wirst du selbst von diesen Werten in Zukunft profitieren?

Stefan Keuchel: Du hast es ja schon beschrieben: Die relative Bekanntheit die ich habe, hätte ich ohne Google niemals geschafft. Mir würden nicht so viele Menschen auf Google+ oder Twitter folgen, ich würde nicht zu interessanten Diskussionsrunden eingeladen werden etc. etc. Außerdem habe ich im Laufe der Jahre eine Vielzahl spannender und interessanter Menschen kennengelernt. Einige davon gehören heute zu meinem Freundeskreise. So profitiere ich auch von der “Arbeit” der Vorjahre.

Welche Vorteile und welche Nachteile hat es deiner Ansicht nach, eine solche Rolle wie deine für ein Unternehmen zu spielen – sowohl für das Unternehmen als auch für dich selbst?

Stefan Keuchel: Zu dem positiven Feedback, das ich auf meine Aktivitäten in den sozialen Medien erhalten habe, gehört, dass Google für viele Nutzer “anfassbarer” und auch persönlicher geworden ist. Es gab einen Menschen, den man ansprechen konnte. Das ist für eine virtuelle Marke wie Google nunmal mit Sicherheit ein Vorteil. Und ich habe wie beschrieben dadurch im Laufe der Jahre eine Menge toller Leute kennengelernt. Eine echte Bereicherung. Negative Erfahrungen habe ich glücklicherweise nur selten gemacht.

Du bist ja in deine Rolle als öffentliche Person mit der Entwicklung von Google in Deutschland hineingewachsen, um nicht zu sagen regelrecht hineingerutscht. Mit dem Wissen von heute, was das in puncto Sichtbarkeit und Exponiertheit bedeutet: Würdest du rückblickend etwas anders machen? Wärst du mit dem Wissen von heute vorsichtiger?

Stefan Keuchel: Ich bin auf jeden Fall vorsichtiger damit geworden, öffentlich über mein Privatleben zu sprechen oder beispielsweise Bilder meiner Familie zu posten. Anfangs habe ich mir darüber wenig(er) Gedanken gemacht, aber mir ist klar geworden, dass es “da draußen” Menschen gibt, die solche Informationen im schlimmsten Fall negativ zu nutzen versuchen. Dennoch habe ich immer versucht, dass man neben dem Pressesprecher Keuchel auch etwas über die (Privat-) Person Keuchel erfährt. Ich denke, es ist genau die Mischung aus Informationen zu Google und aus persönlichen Dingen wie meine Leidenschaft für den HSV, meine Vorliebe für alternative Musik oder meine Vespa-Leidenschaft, warum mir so viele Leute auf Twitter oder G+ folgen.

Du selbst sagst ja, dass du erst einmal Pause machen willst. Du schreibst aber auch: „Für inspirierende Anregungen von Euch, Ideen und Herausforderungen bin ich natürlich immer zu haben.“ Heißt das, du bist durchaus auch für andere Job-Offerten offen?

Stefan Keuchel: Google ist ein fantastischer Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter extrem verwöhnt. Dennoch habe ich das Gefühl, dass ich nach zehn Jahren mal etwas Neues machen sollte. Auf meine Auszeit-Ankündigung habe ich sehr viel positives Feedback und gute Wünsche erhalten und es waren auch ein paar sehr interessante Jobangebote dabei. Ich finde es großartig, dass Google mir eine Option bietet weiterzumachen und mich gleichzeitig bei meinem Auszeit-Abenteuer unterstützt.

Kannst du dir vorstellen, mit dem Bekanntheitsgrad, mit dem du jetzt in einen neuen Lebensabschnitt startest, beispielsweise eine selbstständige Berater- und/oder Speakertätigkeit aufzunehmen?

Stefan Keuchel: Auch darüber habe ich schon nachgedacht – aber ich trau mich nicht. :-)

In jedem Fall wünsche ich dir – und damit spreche ich wohl für viele – alles Gute, Stefan!

___

Nachtrag (Stand 7. Mai 2014): Mittlerweile hat Stefan Keuchel bekanntgegeben, dass er ab sofort als Head of Communications bei mytaxi arbeitet.

___

*Diesen Begriff hat Robert Basic bereits 2011 verwendet. Ich habe ihn unter anderem in meinem Buch „Prinzip kostenlos“ aufgegriffen.


Dr. Kerstin HoffmannDie Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät und unterstützt Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Kommunikations- und Social-Media-Strategien, Public Relations, Corporate Blogs, Marketing und Text. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Sie wollen mehr darüber erfahren, was Kerstin Hoffmann mit ihrem Team für Ihr Unternehmen tun kann? Hier geht es zum Beratungsangebot. »

kontakt(at)kerstin-hoffmann.de | Kontaktformular »


 

  5 comments for “„Der persönliche Pressesprecher“ geht – und nun?

  1. 26. März 2014 at 12:50

    Erstaunlich, wie Stefan Keuchel es geschafft hat, sich als Marke zu etablieren. Mit aber auch trotz Goggle.
    Heutzutage sind Unternehmen sehr vorsichtig, der Firma ein Gesicht zu geben, das nicht dem Inhaber bzw. Geschäftsführer gehört.
    Die Assoziation der Marke “Stefan Keuchel” mit Google könnte aber auch für ihn zum Nachteil werden; Marianne Rosenberg wird auf ewig mit “Er gehört zu mir…” verknüpft sein. Stefan Keuchel auf Lebenszeit mit “Google gehört zu mir…”.
    Umsomehr verdient die Entscheidung, Google unter Umständen zu verlassen, Respekt.

  2. 26. März 2014 at 20:02

    Die letzte Antwort macht ihn noch sympathischer.
    Von mir auch alles Gute für die Zukunft.

  3. 27. März 2014 at 09:17

    Tolles Gespräch. Das könnte so auch in jedem Wirtschaftsblatt stehen. Kompliment, Kerstin! Und dem @frischkopp alles Gute: Ist eine persönliche Bereicherung, welche Ideen einem plötzlich kommen, wenn man erst mal ein paar Monate raus ist aus der Mühle – mindestens für drei Monate raus ist. Ging mir nach elf Jahren Agenturbusiness ähnlich. Als ob das Unterbewusstsein alles nachholt, was noch nicht richtig verarbeitet war. Hört sich banal an – aber die Erfahrung ist irre. Alles Gute!

  4. 29. März 2014 at 23:58

    Ich wünsch “unserem” Stefan alles Gute und eine ruhige Auszeit. Er ist und war immer einer, der zwar oft unter Dampf gestanden ist oder stehen musste, wenn die Medien Google mal wieder getriezt haben, aber der trotzdem auch immer ein offenes Ohr hatte. Extrem smart, extrem hilfsbereit, extrem bescheiden und immer freundlich. Und ich denke, er war nicht nur das Gesicht von Google D, sondern hat G. auch durch seine Art, mit z. T. oft ungerechtigter Kritik umzugehen, sehr geholfen. Google ohne Stefan und Stefan ohne Google…? Schon irgendwie gewöhnungsbedürftig. Aber nach 10 Jahren ist einfach auch mal ein Tapetenwechsel nötig. Stefan, Du hast einen super Job gemacht und jetzt lass es Dir einfach auch mal gut gehen!

  5. Lara
    6. April 2014 at 16:07

    Für mich ganz klar auch ein Schritt der Weiterentwicklung. Klar, dass man als Pressesprecher von Google einiges an Geld verdient, sodass man sich auch mal Abwechslung gönnen darf. Trotzdem wird er für mich immer das Gesicht von Google sein. Wünsche ihm, dass er weiterhin erfolgreich sein wird!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *