Online-PR 2013 – sowas wie eine Utopie

Die maßgebliche (und fast durchweg ernstgemeinte) Jahres-Vorausschau

Der Blick in die Kristallkugel

Eigentlich wollte ich ja keine Jahres-Rückblicke und schon gar keine Vorausschauen mehr schreiben. Aber dann hat mich Ed Wohlfahrt überzeugt, dass das Thema Online-PR “total wichtig” ist und zwar auch noch “unisono”. Ich meine – wer könnte da hart bleiben? Allerdings haben jetzt schon einige Blogger wirklich total wichtige, ernsthafte und stichhaltige Gedanken dazu entwickelt, was tatsächlich kommen wird. Da habe ich mir gedacht, ich schreibe doch mal eine Utopie.

Wenn eine Fee mit dem Zauberstab käme, und ich könnte mir für die Online-PR 2013 (und danach) wünschen, was ich wollte: Was wäre das? Hier sind meine völlig (un-?) maßgeblichen Fakten aus der Zukunft. Dazu gehört als erstes:

1. Übereinstimmung darüber, was Online-PR ist

Ja, okay, fragt man fünf Leute, was jetzt Werbung, was PR und was Marketing ist, bekommt man seit jeher mindestens zehn Meinungen. Für die einen ist Marketing der Oberbegriff. Für die anderen PR die übergeordnete Instanz. Und eine nicht sehr kleine Gruppe meint, PR wäre ein Synonym für PRessearbeit. Stimmt aber nicht. PR ist die Abkürzung für Public Relations. Also letztlich für jegliche öffentliche Kommunikation, Beziehungspflege, Öffentlichkeitsarbeit; wozu die Pressearbeit eben auch zählt. Entsprechend unklar ist das Verständnis auch, was Online-PR angeht. Viele verstehen darunter das reine Versenden von Pressemitteilungen an Portale, Online-Medien und Blogs. Das kann dazugehören. Aber das ist es nicht allein.

Dann gibt es noch Online-Marketing, Social Marketing,  Social-was-weiß-ich. Es geht aber nicht um Hypes und Modewellen. Es geht schlicht um gut gemachte PR mit zeitgemäßen Mitteln. Betrachten wir doch einfach den gesamten Online-Bereich, soweit es die professionelle Kommunikation angeht, als eine Einheit. Mit verschiedenen Medien und Formen. Mit besonderen Gesetzmäßigkeiten. Mit handwerklichen Anforderungen an die PR. Mit viel Entwicklung und noch einer Menge Luft nach oben, was Definitionen und Übereinstimmung angeht. Aber eben vor allem mit echten Menschen, die sich austauschen, sich interessieren und die man nicht vera..äppeln kann. Deswegen mein nächster Wunsch:

2. Gesunder Menschenverstand als digitale Bürgerpflicht

“WAS, bitte, ist da passiert”, frage ich mich manchmal, das Gesicht verzweifelt in der Hand verborgen, “an WELCHER Stelle zwischen dem realen Leben und dessen virtuellem Abbild ist denn plötzlich der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen?” – Leute, die im Berufsleben durchaus zurechnungsfähig erscheinen, verhalten sich im Web wie die Axt im Walde. Oder schlimmer. Würden Sie zum Beispiel im realen Leben jemanden fragen: “Willst du mein Freund sein”, um dann, sobald er vorsichtig bejaht, hinzuzufügen: “Gut, dann hilf mir bitte nächste Woche bei meinem Umzug, und zwar honorarfrei. Bist ja mein Freund”?

Ja, ich weiß, gibt’s auch im wirklichen Leben. Ist aber da meist so wenig von Erfolg gekrönt wie entsprechende Verhaltensweisen im Web. Ein virtuelles Netzwerk ist kein Selbstbedienungsladen und keine Werbeplattform. Was manche nicht verstanden haben. Die mögen bitte zurück auf Los gehen, dorthin, wo der Menschenverstand abhanden kam. Und zwar umgehend. Eigentlich ist damit schon alles gesagt. Ich habe aber trotzdem noch ein paar weitere Wünsche …

3. Nie mehr Netzgemeinde und kein Mehrwert

Es gibt so sprachliche Klischees, die keiner braucht – und die, wenn man mal mit der Nadel hineinsticht, ziemlich in sich zusammenfallen. Was ist zum Beispiel “DIE Netzgemeinde”? Alle, die einen Computer haben und schon mal was bei Google gesucht, in einem Blog gelesen und bei Amazon bestellt haben? Oder was ist der “Mehrwert”, den man zum Beispiel im “Social Web” bieten soll? Reicht es nicht, wenn es einen Wert und einen Nutzen hat? A propos “Social Web”:

4. “Web” – und das war’s

“Social Web” – ja, das schreibe ich auch immer nochmal. Muss man heute noch, um die Welt der Social Networks abzugrenzen von … von … ja, von was denn eigentlich? Von “diesem übrigen Internet”? Was sollte das sein? Statische Seiten aus den 90-ern vielleicht? Social Networks sind allgegenwärtig. Menschen nutzen das Web (auch), um sich zu vernetzen. Fast jedes Informationsangebot ist mittlerweile interaktiv – und selbst wenn es das auf den ersten Blick nicht ist, findet es dennoch per Link und Zitat seinen Eingang in Soziale Netzwerke, sofern es interessant genug ist. Das Web ist längst sozial. Wie das Leben. Nur eben virtuell. Braucht man eigentlich nicht mehr dazuzusagen.

5. Sich selbst zerstörende XING-Kontaktanfragen

Sehr geehrte Frau Hoffmann, wie ich sehe, sind Sie auch in diesem Internet und aufgrund dieses gemeinsamen Interesses möchte ich mich mit Ihnen vernetzen. Kontakte schaden nur dem, der keine hat, und vielleicht ergeben sich ja mal interessante Synergien …” – Gut, dass es die von mir erwünschte automatische Selbstzerstörung solcher Texte noch nicht gibt. Denn sonst würde sich dieser Beitrag sofort in Luft auflösen. Wie auch alle hier zitierten, beispielsweise. Über allen digitalen Gipfeln wäre Ruh’. Und man könnte sogar bei XING mal wieder ohne lästige Spam-Personen netzwerken.

6. Schluss mit “Hompage-Baukästen”

Ja, Sie haben richtig gelesen: “Hompage” ohne “e” schreiben Menschen, die ihre professionelle Firmenwebsite mit dem Baukasten eines Massenhosters erstellen. Und sich dann wundern, dass die Kunden nicht begeistert zu ihnen strömen und ihnen Tagessätze in vierstelliger Euro-Höhe aufdrängen. Nur eines ist noch schlimmer: Anbieter, die solche Baukästen nutzen, um Website gegen Geld zu erstellen. Nichts gegen Baukästen für Websites. Aber bitte nicht in der professionellen Kommunikation. Es ist traurig, dass man das überhaupt erwähnen muss. Ich würde es lieber ignorieren. Aber dazu sehe ich zu oft zu schlechte Beispiele von größeren Firmen, relevanten Verbänden, teuren Beratern. Professionelle Kommunikation gehört in Profi-Hände. Sie lassen ja Ihr Auto auch nicht vom halbwüchsigen Neffen Ihrer Sekretärin reparieren, der im Physikunterricht schon mal was mit Motoren hatte.

7. Social-Pflicht für alle Werbe- und PR-Agenturen

Ach, dieses Facebook und so, das brauchen Sie nicht. Das ist doch nichts für seriöse Firmen. Bauen Sie lieber eine Landing Page und erhöhen Sie die Keyworddichte.” – Ja, solche Sätze hört man nach wie vor von Werbern und PR-Leuten. Niemand, ich wiederhole, niemand kann heute professionelle Kommunikation und PR anbieten, der sich nicht mit den dazugehörigen Medien auskennt. Und dazu gehören nun mal die Medien das Web. Und dazu gehört eben auch Facebook. Oder Twitter. Oder Google+. Meinetwegen sogar Pinterest.

Sie müssen sich da nicht den ganzen Tag privat herumtreiben. Aber sie müssen die Möglichkeiten kennen, die es gibt, und zwar jenseits von vorübergehenden Hypes. Sie müssen entsprechend beraten; oder wissen, welche Berater sie dazunehmen. Was nicht heißt, dass jede Firma überall präsent sein muss. Ganz im Gegenteil. Besser verzichten, als halbherzig nutzen oder entgegen den Richtlinien und (siehe oben) dem gesunden Menschenverstand. Budgets sind unterschiedlich; Anforderungen auch. Es will und kann ja auch nicht jeder umfangreiche Pressearbeit bezahlen. Nicht jeder schaltet Anzeigen. Nicht jeder hat einen Twitter-Account. Ganz egal, welches Medium: Das Dafür oder das Dagegen soll eine bewusste Entscheidung sein.

8. … und Weltfrieden!

Also, das natürlich sowieso. Und dass alle mal in ihrem eigenen Bereich ein bisschen nachdenken, bevor sie etwas veröffentlichen. Damit der Austausch wertschätzend ist und bleibt. Um Zeit und Ressourcen zu schonen – eigene und andere.  Natürlich lebt jeder Austausch, in Public Relations ebenfalls, (auch) von Kontroversen. Man kann dabei aber sachlich bleiben. Den Humor behalten. Durchaus auch mal polemisieren und polarisieren. Schon, damit es nicht langweilig wird. Denn PR muss auch unterhalten, damit sie Erfolg hat. Seit jeher und auch in aller Zukunft.

Und was wünschen Sie sich für die Online-PR 2013?


Dr. Kerstin HoffmannDie Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät und unterstützt Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Kommunikations- und Social-Media-Strategien, Public Relations, Corporate Blogs, Marketing und Text. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Sie wollen mehr darüber erfahren, was Kerstin Hoffmann mit ihrem Team für Ihr Unternehmen tun kann? Hier geht es zum Beratungsangebot. »

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  4 comments for “Online-PR 2013 – sowas wie eine Utopie

  1. 6. Dezember 2012 at 18:59

    Und dann packen wir uns alle an den Händen und tanzen um den brennenden SEO-Baum, den keiner mehr haben mag, weil wir wissen, was gut ist :)

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