Ach ja, schee war’s halt scho irgendwie …

ttcRT

Liebevolle Betrachtung einer freundlichen Veranstaltung

Es war ein bisschen wie ein Branchen-Stammtisch – nur dass die einen oben auf dem Podium saßen und die anderen parlamentarisch bestuhlt im Auditorium. Ansonsten saßen oben Leute, die “irgendwas mit Internet” machen, und im Publikum ebenfalls überwiegend solche; die einen vielleicht mehr technisch orientiert, die anderen PR- oder Marketing-lastig, die dritten journalistisch. Damit sind dann aber auch schon die Extreme beschrieben. (Okay, ja, ich kannte nicht alle der rund 50 Anwesenden, sondern nur fast alle, die üblichen Verdächtigen halt. Aber auch die anderen, die ich nicht kannte, schienen mir recht homogen in diese Gruppenstruktur zu passen.) Etliche meiner Kollegen und virtuellen Freunde. Ein Fest, eine Freude und ein liebevolles Einander-Begegnen, für das man endlich mal nicht bis Berlin zur re:publica fahren musste. Und für das man sich auch nicht so lange freinehmen musste, denn die Diskussion war nur auf straffe anderthalb Stunden angelegt, mit anschließendem Einander-in-die-Arme-Fallen und Netzwerken, wie man das halt so kennt und schätzt (also, ich jedenfalls).

Was ist nun mit dem Hype um Social Media? Und wer will das wissen?

The Third Club Roundtable also, vorbildlich organisiert von Sascha Hüsing im NRW-Forum im Düsseldorfer Ehrenhof. Thema: “Endet der Hype um Social Media? …. oder beginnt er erst?” – Eigentlich keine richtige Frage, jedenfalls keine,  deren Antwort jeder der Zuschauer bang entgegengefiebert hätte, um endlich aus seiner bisherigen Unwissenheit befreit zu werden. Aber, naja, von Zeit zu Zeit muss man eben bestimmte Themen doch nochmal ausdrücklich besprechen. Wie beim Stammtisch.

Für mich die erste und mit Spannung erwartete Veranstaltung dieses relativ neu gegründeten Vereins. Eingeführt von Thomas “die Stimme” Koch. Freundlich, entspannt und gut strukturiert moderiert von dem freundlichen, entspannten und gut struktuierten Daniel Fiene. Im Podium Thomas Knüwer, Mirko Lange, Sebastian Matthes und Thilo Specht. Alles von mir sehr geschätzte Kolleginnen und Kollegen (ach nee – hier muss man ja gar nicht gendern; eine Frau war irgendwie zufällig gar nicht dabei). Also: Alles geschätze Kollegen, die für deutliche Meinungsäußerungen und durchaus polarisierende Positionen bekannt sind.

Obgleich also das Thema, nun ja, eines ist, über das wir irgendwie fast alle schon mal was geschrieben und gesagt haben, hatte ich doch etwas mehr als eine freundliche Stammtisch-Kuschelei erwartet. Was es dann doch mehr oder weniger war. Nichts dagegen zu sagen. Es war nett. Ich war gerne dort. Aber, nun ja, die richtig bahnbrechenden Erkenntnisse kamen nicht dabei herum. War vielleicht auch nicht so gedacht. Interessant war es allemal, die Kolleginnen und Kollegen, pardon: die Kollegen dort oben aus dem Nähkästchen plaudern zu hören. Es war schön, nochmal ein paar Sachen klarzuziehen, zweifelsohne. Man hat ja doch den einen oder anderen Aha-Effekt, wenn jemand etwas nochmal sagt, was irgendwie in dieser Form noch niemand ganz genau so in genau dieser Formulierung gesagt hat.

“Ich sitze hier und schüttle mit dem Kopf”

Allein: So richtig kontrovers wurde es eben nicht. Eigentlich bestand die dramatischste Meinungsverschiedenheit schon darin, dass Mirko Lange minutenlang da saß und mit dem Kopf schüttelte – um dann zu sagen: “Ich sitze hier und schüttle mit dem Kopf.” Aber auch die betreffende Kontroverse war schnell zum allgemeinen Wohlgefallen aufgelöst. Ansonsten erfuhren wir, dass Social-Media-Berater zu oft “müssen” sagen, dass die besten Screennamen schon weg sind, dass Unternehmen direkt mit den Kunden kommunizieren müssen und dass Firmen von Thomas Knüwer nur eins bekommen: entweder sein Mitleid oder sein Geld.

Gut, das wir auch nochmal drüber gesprochen haben, was man mit Social Media alles machen kann. Dass die Begrifflichkeit bald Geschichte sein und die Medien immer selbstverständlicher werden. Und dass alle – Unternehmen, Medien, Privatleute – noch die eine oder andere Hausaufgabe zu machen haben. (Thilo Specht: “Alle sollten sich Gedanken über ihr Geschäftsmodell machen.” Daniel Fiene: “Als Privatmensch habe ich doch kein Geschäftsmodell!” Thilo Specht: “Doch! Narzissmus!”)

Der neu entdeckte Kontinent

Richtig gut gefallen hat mir das Bild vom neuen Kontinent, das Frank Tentler beschwor. (Um nur mal einen der zahlreichen durchweg qualifizierten Beiträge aus dem Publikum zu nennen.) Eines Kontinentes, den wir alle gerade erst entdeckt haben, während die kommenden Generationen schon in ihren Schiffen sitzen, die ihn ganz selbstverständlich für sich erobern und urbar machen werden. (Schön, dass sie dafür keine Eingeborenen vertreiben müssen und wir, die ältere Generation, werden mit der Zeit ganz von selbst gehen.)

Was ich bei dieser Gelegenheit anmerkte, als ich des Mikrofones in der Hand des freundlich, entspannt und gut strukturiert durch die Reihen wandernden Moderators habhaft werden konnte, war die Tatsache, dass mir die Trennschärfte zwischen den verschiedenen Einsatzmöglichkeiten, Branchen und Interessen bei der Social-Media-Nutzung fehlt. Social Media sind ja nur das Medium, das für viele verschiedene Zwecke eingesetzt werden kann. Nicht jede Social-Media-Nutzung gehört in den Bereich der Unternehmenskommunikation. Und (mein ständiges Mantra; jaja, ich sage auch immer wieder die gleichen Sachen): Ein Digital Native, der gut mit der Technik und der digitalen Kommunikation umgehen kann, ist noch lange kein Digital Professional. Schließlich hatte kurz zuvor Thomas Knüwer noch ein Beispiel für eine Facebook-Gruppe gebracht, die in guter alter C-to-C-Tradition von Netzwerken wie WkW (Wer kennt wen) abseits des digitalen Vorreitertums einfach kleine lokale Geschichten und Erinnerungen austauscht.

“Schee war’s”!

Also, langer Rede kurzer Sinn: Eine rundum nette, harmonische Veranstaltung – zudem in beachtlich kurzer Zeit auf die Beine gestellt. Wie @DerLarsHahn* soeben twitterte: “Schee war’s”!

Aber für eine Neuauflage würde ich mir mehr kontroverses Potenzial wünschen. Diese Table war mir zu rund, bildlich gesprochen. Podiumsdiskussionen werden erst so richtig spannend, wenn sie auch auf dem Podium polarisieren.

Und während sich in meiner #ttcRT-Tweetdeck-Kolumne eine wachsende Zahl von Porno-Bots einklinkt und damit den Beweis antritt, dass dieser Hashtag heute in der Tat ein Trending Topic auf Twitter war, verabschiede ich mich ins Wochenende!

#twittoff

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Die Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät Unternehmen in klassischer PR & Social Web.
Kontakt: Tel. 02151 970785; kontakt(at)kerstin-hoffmann.de; www.kerstin-hoffmann.de

*[Edit: Das Zitat aus der Überschrift hatte ich zunächst einem Retweet entnommen. Jetzt steht dort korrekt der eigentliche Urheber.]

  3 comments for “Ach ja, schee war’s halt scho irgendwie …

  1. 3. August 2012 at 18:54

    Danke, dass Du uns auf diese Weise ein wenig damit hingenommen hast :-).

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