Am Anfang war das Buch

Beitrag zur Blogparade „Lesen wir noch Gedrucktes?“

Kerstin Hoffmann mit BuchWenn mich jemand fragen würde, worauf ich am allerwenigsten verzichten könnte, würde ich spontan antworten: „Bücher!“ Zum Glück hat mich bisher noch niemand gefragt, denn bei näherem Hinsehen fallen mir – von den unmittelbaren Lebensgrundlagen wie Essen, Trinken, Schlafen oder Spaghetti Aglio e Olio abgesehen – noch ein paar andere Dinge ein. Zum Beispiel die heiße Dusche und das Telefon. Auch meinen Computer und das Internet brauche ich natürlich, schon weil sie die Basis meiner wirtschaftlichen Existenz darstellen. Aber Bücher haben und hatten für mich seit jeher einen besonderen Stellenwert, und zwar buchstäblich solange ich denken kann.

Die Helden und die Lore-Romane

Meine ersten bewussten Erinnerungen drehen sich um vorgelesene Geschichten. Kaum dass ich selbst einige Buchstaben kannte, schrieb ich eigene Erzählungen und übrigens auch Gedichte. Zum Glück sind alle diese Frühwerke verschollen. Die Helden meiner Kindheit dagegen sind mit mir vielfach in immer zahlreicher und schwerer werdenden Bücherkisten umgezogen: Pippi Langstrumpf, Emil und die Detektive, Karlsson vom Dach, Robinson Crusoe, der komplette Karl May und noch einige andere.

Früh hat meine Mutter sich bemüht, mir den Unterschied zwischen „guter Literatur“ und Schund beizubringen. Alles unter, sagen wir einmal, „Der Name der Rose“ rangierte in der Kategorie „Lore-Romane“. Ich durfte „Hanni und Nanni“ lesen, aber ich musste mir darüber klar sein, dass das nichts Wertvolles war. Allerdings hat die früh geschulte literarische Differenzierungsfähigkeit bedauerlicherweise nicht dazu geführt, dass ich diese Art Bücher gemieden hätte. Ich habe zwar als Teenager schon Thomas Mann verschlungen, aber ich scheue auch nicht vor einem richtig saftigen historischen Schinken zurück.

Bis heute gibt es für mich kaum ein größeres Glück, als mit einem spannenden Roman im Bett zu sitzen und die Zeit zu vergessen. Wo andere sich vom Fernsehen berieseln lassen, um zu entspannen, greife ich immer zum Druckwerk. 500 Seiten an einem verregneten Sonntagvormittag sind da eher Durchschnitt. Wie man sich vorstellen kann, geht ein solches Lesepensum schnell ins Geld, wenn man alle Bücher selbst kauft. Deswegen bin ich Zeit meines Lebens immer Mitglied in mindestens einer Leihbücherei gewesen. Und wenngleich die Bibliothek meines Vertrauens mittlerweile „Mediothek“ heißt und ich dort sogar digitale Zeitschriften ausleihen kann, trage ich doch immer noch alle paar Samstage viele prall gefüllte Stofftaschen mit neuer Lektüre hin und her.

Wie passt das hierher?

Wie passt das alles in den professionellen Kontext eines Blogs, in dem es vor allem um PR geht? Zum einen folge ich gerne dem Aufruf  des geschätzten Kollegen Mike Schnoor. Zum anderen glaube ich, dass mein Weg typisch ist für eine ganze Generation von Kommunikations-Fachleuten, die in einer analogen Welt geboren sind, erste Erfahrungen in einer Übergangsphase von der Schreibmaschine zum Computer gesammelt haben und dann ganz selbstverständlich mit dem medialen Wandel in das digitale Zeitalter hineingewachsen sind. Die sich aber nach wie vor in beiden Welten zu Hause fühlen.

Ich bin überzeugt, dass diese frühe und nie versiegende Leselust ganz wesentlich zu dem beigetragen hat, was ich heute bin und kann. Nur wer ein Leser ist, kann ein Schreiber werden. Nur wer sich rezipierend, aufnehmend für ein Medium begeistert, kann auch produzierend Erfolg haben. Erst das eine, dann das andere, und dann immer so fort, in Wechselwirkung.

Kaum hatte ich mein Literaturstudium begonnen, wurde ich freie Mitarbeitern bei zuerst einer, dann mehreren Zeitungen und Zeitschriften. Während ich wiederum schon längst meinen Lebensunterhalt mit Unternehmenskommunikation und Texten verdiente, schrieb ich meine Doktorarbeit im Fach Literaturwissenschaften.

Bis heute lese ich Bücher am liebsten auf Papier. Den Geruch, die Haptik, den physischen Vorgang des Umblätterns kann mir kein E-Reader ersetzen. Der Unterschied zu früher: Heute steht bei einem langen Lese-Vormittag oder -Abend das Netbook gleich neben dem Bett, und zwischendurch checke ich meine Mails oder schaue, was auf Facebook und Twitter los ist. Fachliteratur entnehme ich gerne weiterhin Büchern, ich rezensiere sie sogar in einem eigenen Blog, aber immer mehr bilde ich mich in meinem Fachgebiet auch am Bildschirm fort.

Heute wie schon vor vielen Jahren erscheinen meine Texte (auch) in gedruckter Form auf Papier. Der Unterschied zu früher: Neben meinem neuen Buch, das im Mai erscheint, und dem darauf folgenden, an dem ich gerade arbeite, gibt es von mir mittlerweile eine ganze Reihe von E-Books. Und dieses Blog ist längst zu meiner zentralen Veröffentlichungsplattform geworden. Mehr und mehr schreibe ich (Gast-) Beiträge für Blogs und Online-Magazine, statt, wie früher, für Zeitungen und Zeitschriften.

Jeder Tag beginnt mit meiner Zeitung

Heute wie vor Jahrzehnten am elterlichen Frühstückstisch beginnt bei mir der Tag mit einer gedruckten Zeitung, ganz gleich, ob ich zu Hause oder in irgendeinem Hotel bin. (Ich werde nie vergessen, wie ich im letzten Jahr einmal um sieben Uhr morgens vor einem Workshop in einem Fünf-Sterne-Hotel im Harz am opulenten Frühstücksbüffet ankam und mir die Servicekraft auf meine Frage, wo denn die Zeitungen auslägen, mitteilte: „Die müssen Sie dort am Kiosk kaufen, aber der öffnet erst um acht.“ Auf den Lachs und die kulinarischen Finessen hätte ich verzichten können; das mit der Zeitung habe ich dem Hotel nie verziehen, und freiwillig werde ich dort nicht wieder einkehren.)

Der Unterschied zu früher: Meine Tageszeitung ist nicht mehr meine Haupt-Informationsquelle für den Start in den Tag. Sobald ich im Büro am Rechner sitze – und dann über den Tag verteilt immer wieder – lese ich eine Vielzahl von Online-Magazinen und Zeitungen. Als Leserin schätze ich heute an meiner Zeitung solche Informationen, die über das Tagesaktuelle hinausgehen, das ich sowieso schon am Vorabend bei Spiegel online gelesen habe. Der Papier-Spiegel liegt bei mir nicht mehr neben dem Scheibtisch, wie früher. Ich kaufe überhaupt nur noch wenige Magazine auf Papier, und die Mutter aller Wochenzeitungen, die ich früher abonniert hatte, besorge ich mir heute in der Papierversion fast nur noch im Urlaub.

„When the winds of change are blowing …“

Als (ehemalige) Journalistin sehe ich das Problem, das die Kollegen mit diesem Paradigmenwechsel haben. Schmerzlich nehme ich wahr, dass man mit dem, was ich irgendwann einmal als Qualitätsjournalismus gelernt habe, immer schwerer seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Als PR-Frau, die sich ständig in neue Medien und Plattformen einarbeitet, weiß ich aber auch, dass man den Fluss nicht mit den Händen aufhalten, sich neuen Entwicklungen nicht entgegenstellen kann. Dazu fällt mir dann ein Satz aus dem Buch „Kann man denn davon leben?“ ein:

“When the winds of change are blowing, some people are building shelters, others are building windmills.”

Ich baue gerne mit an diesen Windmühlen. Aber, ganz ehrlich: Zum Schutz vor den Stürmen des Lebens verkrieche ich mich wenigstens für eine Weile immer noch am liebsten hinter einem Buch.

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Die Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät Unternehmen in klassischer PR & Social Web.
Kontakt: Tel. 02151 970785; kontakt(at)kerstin-hoffmann.de; www.kerstin-hoffmann.de

  4 comments for “Am Anfang war das Buch

  1. 13. Februar 2012 at 09:56

    So ist es.

    Nicht nur für „Kommunikations-Fachleuten“. Ich bin Webdesigner und die meisten Leute, die ich kenne, lesen Bücher und lieben das. Kürzlich las ich von irgendeinem Chefredakteur – ich weiß nicht mehr wo – über die „Wichtigkeit“ und „Sinnlichkeit“ der ungelesenen Bücher im Regal … was ebenfalls kein Reader, kein Rechner und kein Online-Shop bieten kann.

    Und dann die Kinder. Sie lieben Bücher. Richtige, echte Bücher. Mit Bilder und Texten, zum ankucken, durchblättern und rumkritzeln. Und sie lieben es wirklich und echt, aus ihn vorgelesen zu bekommen.

    Alles, was kein Strom braucht wird immer wichtiger werden. Die größte Lüge der „neuen Medien“ ist es, zu behaupten, das Buch würde aussterben. Aus meiner Sicht ist der „Netz-Hype“ sowieso maßlos übertrieben und ich warte auf die Retro-Bewegung. „Back to the roots“ wird kommen – und wenn es noch 20 Jahre dauert!

  2. 13. Februar 2012 at 11:18

    Ein sehr schöner Beitrag, in dem ich mich als 1958 geborener seit über 20 Jahren im IT-Journalismus Tätiger sehr gut wiederfinde: Auch ich gehöre zu den „Heavy Readers“ und habe schon in der Jugend die Bücher haufenweise aus der Bibliothek geschleppt.
    Allerdings muss ich sagen, dass es in der Zwischenzeit meinem Lesevergnügen keinen Abbruch tut, dass ich meine geliebte englische/amerikanische SF- und Krimi-Literatur fast nur noch auf dem Kindle lese: Mir geht es nicht darum, dass es „nach alten oder auch druckfrischen Büchern riecht“ — sondern ich will LESEN. Und da kommt das Kindle gerade recht: Letztes Jahr eine Woche Urlaub auf einer Nordseeinsel -> 5 Bücher auf dem Kindle gelesen – genial!!!

    LG

    Micha

  3. !i!
    13. Februar 2012 at 16:47

    Ich mag Bücher in der Tat auch sehr und vermisse als Student ein wenig das Stöbern in der lokalen Zeitung, könnte mir auch nie vorstellen die später irgendwann mal auf dem iPad zu lesen. Nur frage ich mich, wer heute noch Zeit hat ein gutes Buch wirklich durchzulesen? Bei mir liegt schon seit Ewigkeiten eine Scheibenwelt auf dem Tisch und meine Morgenlektüre sind dann doch eher Blogs aus Themen die mich so interesieren :/

  4. 15. Februar 2012 at 12:59

    Ein toller Beitrag! Ich selbst bin auch ein Bücherwurm, da gehört das Lesen vor dem Einschlafen dazu und die dicken Wälzer im Urlaub.
    Das Kinder Bücher lieben, da kann ich Mark nur zustimmen. Unser Kleiner liebt Bücher über alles, zum Anschauen und Blättern und natürlich daraus vorgelesen zu bekommen.

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