Einmal reales Leben und zurück: von der wunderbaren Leichtigkeit des Netzwerkens

How I met my TwitterNeulich hat mich mal wieder jemand gefragt: „Sag mal, hast du eigentlich keine echten Freunde, dass du dich immer in diesem Twitter und Facebook und so herumtreiben musst?“ Die Frage war an sich schon absurd, denn wir befanden uns auf einer realen Party mit realen Menschen, von denen etliche wenn nicht zu meinen engen Freunden so doch zu meinen guten Bekannten gehören.

Zudem hatte ich im Laufe des Abends einige wirklich interessante neue Leute kennengelernt. (Um allerdings ganz ehrlich zu sein: Als mich der Typ das fragte, war ich gerade schon dabei, einen Fluchtplan in Form eines vorgeschobenen Büffettbesuchs zu entwerfen, weil er mir seit fünf Minuten einen Knopf an die Backe laberte. Und ich war gerade bei dem Gedanken angelangt, wie einfach es wäre, so jemanden in einem Social Network zu blockieren – und fortan nie mehr seine ichbezogenen Botschaften lauschen zu müssen.)

Einige der neuen Gesichter auf dieser Party fand ich später bei Facebook und XING wieder, und habe es damit viel einfacher, Kontakt zu halten und zu schauen, mit wem sich ein dauerhafter Austausch und vielleicht irgendwann sogar Freundschaft ergibt.

So herum geht es also auch, und das zeigt, wie eng die Schnittstellen zwischen realem und virtuellem Leben sein können, wenn man das selbst auf diese Weise gestaltet. Denn eigentlich geht es hier um die Frage „‚How I met my Twitter‘ und warum ein persönliches Kennenlernen so wichtig ist“. Um zu erklären, wie ich zum eigentlichen Thema der Blogparade* komme, von der dieser Beitrag inspiriert ist, muss ich etwas ausholen.

Netzwerken ist gleich Netzwerken ist gleich Netzwerken

Ich bin seit jeher eine Netzwerkerin, vielleicht ungefähr seit dem Kindergarten. Gelernt habe ich das von meinem Vater, der einer der besten Netzwerker ist, die ich je kennengelernt habe. Zum einen, indem ich einfach – zuerst unbewusst, viel später erst bewusst – erlebt habe, wie er das gemacht hat. Zum anderen durch einige, wenige einprägsame Sätze, die er mir mitgegeben hat, lange bevor ich überhaupt an ein eigenes Berufsleben dachte. Beispielsweise: „Wenn du ein Ziel hast, dann suche dir erfahrene Menschen, die dir raten können. Frag diese Menschen wiederum, ob sie dir weitere empfehlen können. Ruf diese dann mit der Empfehlung an.“ Lediglich zwei Grundregeln hat er mir dazu mitgegeben. Erstens: „Keine verdeckten Vorhaben. Wenn du von jemandem einen Termin willst, um ihn um Rat zu fragen – dann frage ihn auch nur um Rat. Gehe nicht zu jemandem mit der Bitte um Rat, von dem du in Wirklichkeit einen Job willst.“ Zweitens:“Nimm nur so viel Zeit in Anspruch wie vereinbart. Wenn du um ein halbstündiges Gespräch gebeten hast, dann sei auch spätestens nach 35 Minuten wieder aus dem Raum.“

Was er mir nie ausdrücklich gesagt hat, was ich aber in seinem Handeln täglich erlebt habe: Erwarte nichts vom Netzwerk, sondern bringe vor allem selbst etwas ein. Was ich ebenfalls von ihm gelernt habe: Netzwerken ist kein Geschäftsprinzip, sondern eine grundsätzliche Lebenseinstellung. Es bezieht den gesamten Menschen, das Persönliche wie das Berufliche, mit ein.

Nichts hatte mich darauf vorbereitet

Ich bin in all den Jahren immer wieder selbst erstaunt gewesen, wie leicht es auf diese Weise ist, nahezu jeden zu erreichen. Wie gerne andere Menschen bereit sind, mir einen Gefallen zu tun und zu vermitteln. Und wie einfach es ist, beispielsweise einen bekannten Menschen anzusprechen, um ein Interview zu bekommen.

Aber nichts, wirklich nichts, hatte mich in all den Jahren auf die großartigen Möglichkeiten vorbereitet, die das Social Web in dieser Hinsicht bietet: Wie einfach es ist, überall auf der Welt andere Leute zu finden, die sich für ähnliche Dinge interessieren, an den gleichen Zusammenhängen forschen oder einfach persönlich auf meiner Wellenlänge liegen. Meine beruflichen Möglichkeiten haben sich dadurch in einer Weise erweitert, wie ich sie nicht voraussehen konnte, als ich am 19. Mai 2008 meine erste Twitter-Nachricht schrieb. Allerdings war das nicht meine erste Begegnung mit dem Social Web, das zu der Zeit noch gar nicht so hieß. Auf XING bin ich beispielsweise bereits seit Mai 2005.

Es ist so wunderbar und unglaublich leicht geworden …

Nicht jeder, der gelegentlich Links postet, die ich interessant finde, interessiert mich auch persönlich so sehr, dass ich sie oder ihn unbedingt treffen möchte. Aber ein großer Teil meiner unmittelbaren beruflichen Umfeldes hat seinen Ursprung mittlerweile im Social Web. Und es ist so leicht, so wunderbar unglaublich und leicht geworden, Menschen direkt anzusprechen und kennenzulernen. Wenn man sich an die wenigen sinnvollen Regeln hält, die das Netzwerken mit sich bringt. Ich habe das gerade am Beispiel meines Buches erfahren, in dem es einige Interviews geben wird: mit einflussreichen, interessanten, teils recht bekannten Menschen. Früher hätte es unter Umständen Wochen und etliche Kontakte über Kontakte gebraucht, bis ich sie hätte fragen können. Jetzt ging das meist direkt – und mit den meisten von ihnen war ich ohnehin bereits in einem oder sogar mehreren Social Networks verknüpft.

Ein Gastbeitrag für dieses Blog kostet mich oft zunächst nur eine Facebook-Nachricht an den gewünschten Autor. Aber es wäre trügerisch anzunehmen, dass es mit einer solchen Nachricht getan wäre. Denn in Wirklichkeit haben beide Seiten ja bereits ausgiebig in diese Beziehung investiert.

Verstehen wir uns und haben wir gemeinsame Interessen – oder nicht?

Eigentlich fast alle Influencer der Kommunikationsbranche in Deutschland kenne ich inzwischen persönlich oder habe zumindest schon einmal virtuell mit ihnen diskutiert – nicht nur öffentlich, sondern auch im direkten Austausch. Ich kenne aber auch viele sehr, sehr nette ganz junge Leute, mit denen ich vielleicht nicht so unbefangen ins Gespräch gekommen wäre, wenn wir uns nicht zuerst im Web begegnet wären, das ja in gewisser Weise alterlos macht und sehr schnell das Wesentliche an die Oberfläche bringt: Verstehen wir uns und haben wir gemeinsame Interessen – oder nicht?

Neulich erst habe ich das schon einmal in einem Kommentar auf karrierebibel.de zusammengefasst:

Ich habe über die Sozialen Netzwerke so viele interessante Menschen kennengelernt, dass ich (dienstlich) nie verreise, ohne vorher mindestens einen Termin für einen Kaffee oder ein Abendessen mit jemandem aus meinem Netzwerk zu machen. Ich bin also in keiner Stadt mehr fremd. Das entspricht allerdings meinem realen Netzwerkverhalten aus der Vor-Social-Web-Zeit: Auch da habe ich gerne Kontakte gepflegt und besucht. Ich hatte nur weniger und nicht in allen Städten.

Die Zahl der realen Begegnungen hat sich durch die virtuellen Begegnungen erhöht. Kontaktscheu war ich noch nie, aber so finde ich Menschen, die meine Interessen teilen, in einer Dichte, wie sie in meinem direkten Umfeld nicht gegeben ist. So viele, dass ich gar nicht immer alle treffen kann, mit denen ich gerne öfter reden würde.

Gleich mit dem dritten Date starten!

Manche heute realen Kontakte habe ich im Web kennengelernt; andere, mit denen ich mich heute vorwiegend virtuell austausche, zuerst real auf Veranstaltungen; und viele davon über die Vorstellung Dritter. Oft weiß ich gar nicht mehr genau, wo und wie die erste Begegnung stattgefunden hat. Aber wenn die erste Begegnung nach langem vorhergehenden Austausch im Web erstmals persönlich stattfindet, dann habe ich genau das gleiche Gefühl wie mein junger Kollege Daniel Rehn: „Erstmalige Treffen mit Twitterati und Co. sind wie das 3. Date. Man kennt sich, mag sich, …“

Ich besuche nicht zuletzt deswegen solche Veranstaltungen wie die re:publica, weil ich dort wie auf magische Weise einem großen Teil meiner Timeline in die ausgestreckten Arme laufe. Ich bin sehr glücklich über die Begegnungen im und aus dem Social Web. Aber, ganz sicher: Wenn es das nicht gäbe, hätte ich ebenfalls Freunde und ein Netzwerk, Austausch, neue Kontakte, Kongressbesuche und, naja, eben auch Partys.

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Die Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät Unternehmen in klassischer PR & Social Web.
Kontakt: Tel. 02151 970785; kontakt(at)kerstin-hoffmann.de; www.kerstin-hoffmann.de

  4 comments for “Einmal reales Leben und zurück: von der wunderbaren Leichtigkeit des Netzwerkens

  1. 5. Dezember 2011 at 11:26

    Zustimmung, Zustimmung, Zustimmung.
    Wie gern würde ich so schreiben können wie du, du bringst es total auf den Punkt, danke!

  2. 5. Dezember 2011 at 11:33

    Danke, liebe Martina! 🙂

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