Den Fluss mit den Händen aufhalten? Oder: Warum das Urheberrecht uns nicht retten wird

UrheberrechtDamit wir uns nicht falsch verstehen: Ich lebe zu einem großen Teil von urheberrechtsgeschütztem Material. Ich bin eigentlich nicht für eine Lockerung des Urheberrechtes. Ich gehe dagegen vor, wenn jemand meines verletzt. Schon deswegen, weil ich nur dann einen Gegenwert für die hochwertigen Inhalte, die ich im Netz veröffentliche, erhalte, wenn sie mir zuzuordnen sind.

Das sind die Spielregeln, und solange sie noch gelten, halte ich mich daran und erwarte das auch von anderen. ABER: Ich bin davon überzeugt, dass wir uns gedanklich davon verabschieden müssen, dass wir irgendetwas dauerhaft schützen können, was online frei verfügbar ist. Deswegen müssen wir uns zwangsläufig andere Strategien überlegen.

Pinterest: Darf dat dat?

Das Thema ist eines, das nicht erst seit gestern sehr viele bewegt. Hier einige Gedanken dazu. Die Bildsammel-Plattform Pinterest gab den Anstoß für diese aktuelle Diskussion. Leander Wattig hatte Pinterest begeistert gelobt. Ich hatte Bedenken angemeldet in dem Sinne, dass ich mich nicht recht traue, dort Bilder von anderen Websites zu sammeln – weil das nach dem Urheberrecht zu Schwierigkeiten führen könnte. So meine Befürchtung (ich bin ja keine Juristin). Leander hat sich des Themas dann in einem ausführlichen Beitrag angenommen, in dem er sehr schön zeigt, wo die neuralgischen Punkt liegen und das Grundproblem beschreibt:

Unser Urheberrecht stammt nun einmal aus einer Zeit, in der die reine Veröffentlichung schon eine schützenswerte Leistung war. Das ist passé. Daher wirken ja auch viele Vorschriften zunehmend hemmend. Dieser Grundkonflikt bleibt aus meiner Sicht voerst ungelöst, auch wenn bei Zur-Sprache-Bringung solcher Gedanken oft wortreich verschiedenartigste Argumente angeführt werden, warum das bestehende Urheberrecht doch irgendwie so hingebogen werden kann, dass es in unsere Zeit passt. Marcel Weiss hat die Sache vor ein paar Tagen in einem anderen Zusammenhang aus meiner Sicht treffend auf den Punkt gebracht: “Um tatsächlich das Urheberrecht, wie es im 19. Jahrhundert erdacht wurde, auch im 21. Jahrhundert durchzusetzen, müssen online Bürgerrechte beschnitten werden.” Das Problem dabei ist wie gesagt, dass fast alles künftig in irgendeiner Form online ist. („Probleme beim Umgang mit dem Urheberrecht am Beispiel der Web-Plattform Pinterest“. Leander Wattig im Blog Marketing im Social Web)

Petra von Cronenburg kommentiert den Artikel bei Facebook (ich zitiere das, weil es öffentlich lesbar ist):

Es ist übrigens nicht immer nur der arme Nutzer der Dumme, sondern auch der wahrhaft arme Künstler, dessen Brötchen da fleißig verteilt werden. Deshalb sollte man bei allen Urheberrechtsdiskussionen (die ich wichtig finde), etwas differenzierter unterscheiden, um was für Inhalte von welchen Berufsgruppen es geht. (…) Bestimmte Inhalte blogge ich nicht mehr, sondern werde ich als E-Book anbieten, weil ich von meiner Arbeit irgendwie leben muss und das Konzept der freiwilligen Spenden für Blogs nicht funktioniert.

Gleiche Inhalte, zweierlei Maß?

Das erste halte ich für noch unrealistischer. Inhalte sollen dann geschützt werden, wenn jemand damit Geld verdient? Soll man das im Einzelfall prüfen? Und wieso sollte man bei gleichem Wert mit zweierlei Maß messen?

Zum zweiten: Wenn freiwillige Spenden für Blogs nicht funktionieren, dann kann man es beklagen. Oder man kann sich andere Finanzierungsmodelle überlegen. Die Entwicklungen in der Musikindustrie haben gezeigt, dass man auch mittels aller Gesetze nicht den Fluss mit den Händen aufhalten kann. Sprich: Wer nicht untergehen will, muss sich ebenfalls weiterentwickeln.

In meinem Blog erscheinen beispielsweise sehr hochwertige Texte kostenlos, auch alle eBooks kosten nichts, man kann sie ohne Anmeldung herunterladen. Aber dafür erzielt mein Blog sehr viel Aufmerksamkeit, und sehr viele Leute sehen, was ich kann. Das bedeutet, ich brauche kein Marketing und keine Akquise, um meine Beratung und meine Text-Dienstleistungen zu verkaufen. Das ist jetzt sehr verkürzt und vereinfacht dargestellt, und es spielen viele Faktoren eine Rolle. Aber so funktioniert es im Prinzip.

Aber es funktioniert nur, weil sehr viele – und nicht nur potenzielle Auftraggeber – mit diesen Inhalten wirklich etwas anfangen können. Das gilt natürlich nicht nur für dieses Blog, sondern für viele andere auch. Die oben Zitierten – Leander Wattig und Marcel Weiss – sind nur zwei weitere gute Beispiele dafür.

Wofür bezahlen wir dann noch?

Das Problem: Dieses Modell klappt zugegebenermaßen nicht überall. Vor allem dort nicht, wo der Content zugleich die eigentliche Ware ist. Ich glaube eben trotzdem nicht, dass man den Fluss mit den Händen aufhalten kann. Das rare Gut, für das andere bezahlen werden, werden immer weniger die Inhalte sein. Und immer mehr anderes: Auswahl beispielsweise. Ich bezahle für Inhalte, weil ich sie mir nicht selbst zusammensuchen muss oder weil sie auf bestimmte Weise aufbereitet sind. Oder Werbefreiheit. Das funktioniert ja jetzt schon mit vielen Online-Angeboten, vom Freemailer bis zum PDF-Generator.

Ich weiß auch keine abschließende Lösung. Aber dass wir unsere Strategien verändern müssen statt immer neue Verschärfungen oder strengere Verfolgung des Urheberrechts zu fordern, steht für mich fest. Daran arbeiten schon viele. Darüber müssen wir im Gespräch bleiben.

Ich freue mich über Ihre Meinung dazu hier in den Kommentaren.

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Die Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät Unternehmen in klassischer PR & Social Web.
Kontakt: Tel. 02151 970785; kontakt(at)kerstin-hoffmann.de; www.kerstin-hoffmann.de

  7 comments for “Den Fluss mit den Händen aufhalten? Oder: Warum das Urheberrecht uns nicht retten wird

  1. PvC
    27. November 2011 at 18:41

    Leider lassen die kurzen FB-Kommentare nur eine gewisse Schnoddrigkeit zu, die nicht sehr differenziert wirkt, drum – wie Sie aus meinem Gesagten folgern:
    „Das erste halte ich für noch unrealistischer. Inhalte sollen dann geschützt werden, wenn jemand damit Geld verdient? Soll man das im Einzelfall prüfen? Und wieso sollte man bei gleichem Wert mit zweierlei Maß messen?“

    Das habe ich so mit meinem Kommentar natürlich nicht gemeint. Was ich sagen wollte: Wir müssen, wenn wir Urheberrechtsveränderungen diskutieren, sehr stark differenzieren, vor allem dann, wenn es Berufsgruppen trifft, die nicht mit Waren oder Dienstleistungen ihren Lebensunterhalt verdienen, sondern nur dank der Urheberrechtsregelungen. Die wurden schließlich genau aus dem Grund einmal hart erkämpft. Es trifft halt Tante Erna tatsächlich ganz anders, wenn sie über ihr neuestes Häkelmuster etwas erzählt, als einen hauptberuflichen Schöpfer von Texten. Und es trifft einen Theaterschaffenden anders als einen Buchautor, einen Fotografen anders als einen Komponisten. Kunst ist nicht einfach nur Content, Content ist nicht zwingend Kunst.

    In allen Urheberrechtsdiskussionen sehe ich da zu oft einen Einheitsbrei und wünschte mir mehr Verständnis für die Betroffenen. Ich denke, wir müssen uns tatsächlich über den wichtigen Kern des Urheberrechts auch Gedanken machen: http://www.tagesspiegel.de/kultur/vom-schreiben-vom-leben/5441780.html

    Übrigens verschenke ich ja auch meine Texte im Blog. Trotzdem bekomme ich dadurch weder Verlagsverträge noch stehen die Zeitungen bei mir Schlange. Das Argument, man mache sich damit ja bekannt und deshalb sei das besser als radikal Geschütztes, das man vielerorts hört, greift auch nur bedingt.

  2. !i!
    27. November 2011 at 19:32

    Ja das ist natürlich ein Punkt, um den ich mir (als sonst sehr Open* mögender Mensch) nach dieser Lektüre auch sehr viele Gedanken gemacht habe: http://www.kann-man-denn-davon-leben.de

    Stimmt, dass die Diskussionen imemr sehr emotional und zum Teil eintönig verlaufen. Vielleicht sollte als Grundlage ersteinmal von allen akzeptiert werden, dass es im Großen darauf hinaus laufen wird, dass die Resultate der Arbeit einzelner kostenlos und für alle nutzbar werden. Meinem Empfinden nach (Geobranche) ist das bisher bei den wenigsten traditionellen Produzenten angekommen. Und wenn, dann wird nur geschimpft, dass die Geschäftsmodelle kaputt gehen, anstatt sich zu überlegen, dass das auch Vorteile (ich meine persönlich und nicht nur für die Gesellschaft als solche) hat.

    „When the winds of change are blowing, some people are building shelters, others are building windmills.“ ist ein Satz, der mir in dem Buch sehr gut gefallen hat 🙂

  3. 27. November 2011 at 20:00

    Weil mein (zustimmender) Kommentar immer länger wurde, habe ich ihn jetzt lieber bei Google+ gepostet: https://plus.google.com/u/0/101646449781019257036/posts/MRsdV246fLk

  4. Claus Leesemann
    28. November 2011 at 16:45

    nüchtern betrachtet sehe ichs folgendermaßen, wenn ich wichtige Bilder und schützenswerte Bilder ins Netz stelle ,muss ich damit rechnen ,dass diese anderen so gut gefallen, dass sie geteilt werden und oder auf flickr oder ähnlichen seiten auftauchen.
    Also lass ich s oder kennzeichne sie mit einem Wasserzeichen und schreib drunter diese Bilder sind geschützt.
    Alles andere ist Augenwischerei,gemäss dem Motto: es wird schon gut gehn

  5. Harald Weber
    28. November 2011 at 23:54

    Mit Interesse habe ich die Diskussion verfolgt, obwohl ich nicht zur Blogger Scene gehöre und nur hobbymässig mal das ein oder andere poste. Was ich mich frage ob wir denn im Netz allen ernstes eine ähnliche Organisation wie die Gema suchen oder wollen. Wenn für die Veröffentlichung geschützter Inhalte Geld verlangt werden soll, was ja einen gewissen Charme hat, dann ist doch die Frage, wer diesen Schutz durchsetzen soll. Bei der Gema sind es oftmals freie Handelsvertreter die auf Provisionsbasis Verstößen hinterhergehen. Und das kann recht teuer werden. Also so weit sind wir mit den Rechtsanwälten ja von diesem Bild nicht weg – ha ha. Wer nichts wird wird Rechtsanwalt?
    Doch der eigentliche Punkt ist ein anderer. Wie viel kommt denn bei solch einem Proceder beim Autor und Rechteinhaber letztendlich an. Bei der Gema jedenfalls nicht der größte Teil. Der wird von der Verwaltung und den „Handelsvertretern“ aufgefressen.
    Eine Lösung habe ich nicht – ich bin ja auch nur in Teilen betroffen…..

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