Facebook Timeline, mein progressives Leben in der Cloud und sonstige Privatheiten

Im Social Web ist die Hölle los. Jedenfalls unter den Influencern und Kommunikatoren. Facebook hat ein neues Feature herausgebracht, und alle tun Zuckerberg und seiner Mannschaft den Gefallen, sich aufzuregen. Entweder über Facebook. Oder über die, die sich jetzt über Facebook aufregen. Oder über die, die sich über die aufregen, die sich … Ja, ja, ich weiß, ich auch. Ich stoße ins gleiche Horn. Ich beobachte, lese und gewichte. Ich überlege – und natürlich kann ich den Mund nicht halten. Natürlich ist das eine spannende Sache.

Warten auf etwas Spannendes

Es ist immer spannend, wenn eine Plattform, die wir täglich nutzen, sich verändert. Google+ war und ist auch spannend. Vorausgesetzt natürlich, man macht was mit Medien und interessiert sich dafür. Amen war dagegen nie besonders spannend, aber weil es ein StartUp ist und zudem Ashton Kutcher investiert hat, warten wir alle gespannt darauf, dass sich da noch etwas Spannendes auftut – und melden uns deswegen erstmal alle an, wir Early Adopters, wir. Wir können es nicht lassen, wir Kommunikatoren. Aber wir haben ja eine gute Ausrede: Wir müssen das genau beobachten, um auf dem Laufenden zu bleiben. Für unsere Kunden. Und für alle die Leute, die sich darauf verlassen, dass wir es beobachten und ihnen erzählen, wie sie es zu finden haben.

Grade fegt kein Shitstorm durch das Social Web. Über die dmexco haben sich alle schon aufgeregt – außer denen, die einen Stand dort hatten. Die haben erzählt, warum es so toll war. Und außer denen, die von Ethority ein Social-Media-Prism-Tattoo bekommen haben. Denn die haben wirklich etwas mitgenommen. Ich konnte nicht hin, weil ich gerade dringend Tag und Nacht arbeiten musste. Deswegen habe ich leicht reden. Aber ein Tattoo habe ich deswegen andererseits auch  nicht bekommen, und das ist ja irgendwie dann wieder schade.

Die Hölle – das sind die anderen, oder?

Kerstin Hoffmann Facebook Timeline
Ich hier so in meiner neuen Facebook-Timeline.

Facebook Timeline also. Das soll sozusagen das ganze Leben von der Geburt bis zum Tod dokumentieren. Von der Wiege bis zur Bahre – online. Ganz abgesehen davon, dass für uns alle schon lange der Zug abgefahren ist, weil wir bereits einen Großteil unseres Lebens hinter uns haben – à propos Bahre: Hat sich für diesen konkreten Fall eigentlich jemand überlegt, was danach mit so einem Profil passiert. Muss Sartres “Geschlossene Gesellschaft” gar neu geschrieben werden? Mit der Geschichte einer Hölle, in der sich alle ewig gegenseitig zuspammen und zu Events einladen, die niemals stattfinden werden? “Die Hölle, das sind die anderen”, sagt Sartre. Aber das Social Web – und das ist nicht von Sartre – sind irgendwie auch immer nur die anderen. Und das scheint für viele dann die Hölle zu sein.

Denkt der nur mit seinem …

Sascha Lobo jedenfalls fürchtet gar, “dass der Klick auf den falschen Like-Button ein in der Cloud abgefilmtes PDF mit der Spreadsheet-Liste der eigenen Sexualpartner via Dropbox und Posterous automatisch auf Youtube veröffentlicht und davon sämtliche sozialen Kontakte auf den üblichen 29 Plattformen in Kenntnis setzt”. Ja, lieber Himmel, warum speichert der Mann das denn in der Cloud? Denkt der nur mit seinem … äh … iPad? Oder bin ich bloß missgünstig? Ich habe nämlich gar nicht so eine Liste. Ich habe nicht mal – und passen Sie jetzt bitte gut auf, denn das wird das Erste und Letzte sein, was Sie jemals an wirklich privaten Informationen von mir im Internet lesen werden -, ich habe nicht mal wechselnde Sexualpartner. Womöglich bringe ich gar nicht die notwendigen Voraussetzungen für ein Leben in der Cloud mit. Womöglich habe ich das alles falsch verstanden.

Warum ich das mit Sartre oben geschrieben habe? Ich hab’ nicht angefangen mit den Zitaten. Das war Olaf Kolbrück. Oder Klaus Eck. Der hat ein großes Wort gelassen ausgesprochen und meint ”Die Facebook Revolution frisst ihre Kinder“. Das hat Pierre Vergniaud gesagt, bloß ohne “Facebook”. (Dafür mit “Saturn”, was heute kaum noch einer weiß.) Da habe ich gleich kommentiert, und das hat mich zu diesem Beitrag geführt. Ich meine nämlich:

Die Influencer machen gerne den Fehler, dass sie hauptsächlich auf die anderen Influencer hören. Diejenigen, die in großen Massen mit den “Füßen” abstimmen, äußern sich nicht so viel und laut öffentlich. Und Google+ ist immer noch eine erhebliche Selektion. Für unseren Austausch untereinander ist das großartig. Aber die Gesamtdurchdringung der Bevölkerung ist deutlich geringer. Behaupte ich jetzt einfach mal.

Was schert das Kevin und Chantal?

Während wir hier alle diese Sachen schreiben und sich Sascha Lobo vielleicht grade überlegt, ob er sich auf Pornoseiten lieber mit einem Rechner einloggt, der seine Facebook-Zugangsdaten gar nicht kennt, damit das nicht peinlich ist. (Wobei ich eigentlich noch nie bemerkt habe, dass Sascha Lobo irgendwas peinlich wäre, was ich an ihm eigentlich immer besonders bewundert habe.) – während wir also alle diese wahnsinnig überlegten Blogbeiträge, breitet meine Nachbarin von früher, die ich neulich zufällig beim Obstkauf wiedertraf, mit ihrer ganzen Familie ihr gesamtes Familienleben öffentlich auf Facebook aus. So komplett mit Exmann, der die gemeinsame Tochter (mittlerweile auch eine gestandene Matrone mittleren Alters) mit den Worten anschreibt (öffentlich! Auf der Pinnwand seiner Exfrau!) “Schätzchen, schön, dass ich dich hier sehe, mein Kind. Schade, dass wir uns so lange nicht gesehen haben. Aber ich war mit Gisela (neue Flamme! Im Bikini in seinen Profilfotos!) auf Mallorca. Was machen Kevin und Chantal? Gefällt es Ihnen (sic!) im Kindergarten?”

Den Leuten, die schon die ganze Zeit ihre Familieninterna auf ihren FB-Pinnwänden ausbreiten, ohne auch nur zu überlegen, ob ihr Profil komplett öffentlich ist, (oder auf wkw Sachen ausbreiten, die wir kaum unseren besten Freunden erzählen würden, erst recht nicht online) ist das Ganze wahrscheinlich viel, viel gleichgültiger als wir uns das je vorstellen können. Wenn man also Botschaften für Influencer und Kommunikatoren hat, muss man die Sache anders betrachten, als wenn man (z.B. für Kunden) B2C denkt.

Kontrolle war sowieso gestern

Leute, wir haben kein Problem. Weil wir entweder wissen, wie wir diese Features abstellen. Weil uns sowieso nichts mehr peinlich ist, denn wir sind längst öffentliche Personen. Oder weil wir sowieso nichts Privates ins Netz stellen. Von mir aus kann sich irgendein Geheimdienst in mein Facebook-Profil einhacken. Da steht eh nicht mehr als auf meiner Website. Sogar weniger (siehe oben unter ->Sexualpartner). Ja, mir ist es unbehaglich, wie sorglos andere Leute mit meinen persönlichen Informationen haben. Ja, ich finde es bedenklich, wie wenig Kontrolle wir über unsere Daten haben.

Aber ich glaube nicht, dass wir diese Kontrolle überhaupt noch je zurückgewinnen können. Wissen Sie, welche Informationen professionelle Datenhändler über Sie haben? Dagegen ist selbst Zuckerberg ein Waisenknabe. Ich gehe die Sache also gelassen an. Ich glaube, dass das in nicht zu ferner Zukunft sowas von beliebig sein wird, weil eh alles frei verfügbar ist. Wir werden neue, andere Geheimnisse haben. Und währenddessen lache ich mir hämisch in’s Fäustchen, weil ich im Newsletter eines Online-Versandes ein speziell auf mich zugeschnittenes Dessous-Sonderangebot in einer Körbchengröße bekomme, die völlig falsch ist. Weil ich nämlich fünf Kilo abgenommen habe. Das weiß der Versender aber nicht. Das weiß nicht mal Facebook. Das weiß nur ich – und jetzt Sie. Merken Sie es sich gut, denn so etwas Privates werden Sie so schnell nicht wieder von mir lesen. Erst recht nicht im Social Web.

  9 comments for “Facebook Timeline, mein progressives Leben in der Cloud und sonstige Privatheiten

  1. 26. September 2011 at 20:08

    Ach, Kerstin, ich liebe es, wenn du so ein ganz klein bisschen sarkastisch wirst. Meine Timeline sieht übrigens immer noch ganz anders aus. Wahrscheinlich muss ich irgendwo umstellen. Oder mein Browser ist zu alt. Insgesamt ist mir das aber ziemlich egal ;-) .

  2. 26. September 2011 at 20:13

    Schöne Bestandsaufnahme. Die Betonung im letzten Absatz liegt also bei “WIR haben kein Problem”… Die anderen aber vielleicht? Die, die sich nicht beruflich mit den Finessen und Abgründen der datenfressenden Networks befassen?

    Kevin und Chantal und all die “normalen” Anwender brauchen die Medienkompetenz, die Facebook Ihnen abverlangt. Um jetzt hier auch mal ein Zitat zu bemühen: “Sapere aude facebook”. Diesbezüglich gibt es noch einiges zu tun.

    Übrigens habe ich noch ein paar Social-Media-Prism-Tattoos. Ich gebe Dir gerne eins ab.

  3. 26. September 2011 at 20:22

    Na das nenne ich doch mal gut gebloggt :-)

    Ich bin mit dem Internet fast von Anfang an verbunden, seit 1993 bewege ich mich im WorldWideWeb (damals schrieb man das noch zusammen). Aber ich bin kein Social Media Marketing Profi, zumindest nicht beruflich. Obwohl ich sehr gerne Projekte in meinem Bereich mit SMM verbinden würde, bzw. es gerade versuche. Aber das ist ein anderes Thema :-)

    Zurück zu Ihrem Beitrag: Aufgrund meiner doch recht langen und teilweise sehr intensiven Erfahrung mit dem WWW möchte ich sagen, dass es eigentlich nur zwei “Arten” von Menschen gibt, die sich in DER Cloud bewegen.
    Der eine Part weiß sehr genau, was er tut. Und hier treffen dann Ihre drei Punkte aus dem letzten Absatz zu.

    Und der andere Part weiß eben nicht genau, was er da eigentlich macht, bzw. wie er machen soll, aus was er achten soll, etc.
    Und genau hier fehlt mir die Aufklärung der “wahren” Fachleute. Und damit meine ich keine Medienauftritte, die sehr global gegen das “ach so böse” Internet wettern…

    Aktuell habe ich genau ein solches Problem der Aufklärung: Wie bringe ich es meinen Töchtern bei, dass es auch Gefahren im Netz gibt? Und es sich vielleicht sogar lohnt, das ein oder andere Feature zu deaktivieren? Sogar teilweise unbedingt deaktiviert werden sollte?

    Im aktuellen Fall geht es wieder “nur” um den Datenschutz. Aber es fehlt eine vernünftige, leicht verständliche Erklärung für zum Beispiel Jugendliche, wie meine Töchter, 14 und 17 Jahre alt. Die wollen das nicht hören mit dem Datenschutz, nicht immer. Doch vor allem auch Jugendliche und junge Erwachsene bewegen auf sozialen Plattformen und sollten aufgeklärt werden werden, warum manche Informationen im Netz nichts zu suchen haben, und wo gewisse Features abgestellt werden.

    Und nun könnte man sagen: Na dann fang doch an damit…!
    Genau das habe ich mir während des Schreibens hier auch überlegt und werde versuchen einen Weg zu finden. Ich sollte eine Möglichkeit finden es verständlich zu erklären, denn wir haben 6 Kinder im Alter von 16 Monaten bis 17 Jahren und so kann ich meine Versuche gleich auf Erfolg testen :-)

    Nochmals Danke für diese inspirierenden Zeilen :-)

  4. 26. September 2011 at 22:04

    Großartiger Artikel! Und ich liebe es, wenn Parallelen aus der Literatur vorkommen :D

    Von allen Wundern, die ich je gehört,
    Scheint mir das größte, daß sich Menschen fürchten,
    Da sie doch sehn: der Tod, das Schicksal aller,
    Kommt, wann er kommen soll.
    (Julius Cesar, William Shakespeare)

    Bestimmt entwickelt Facebook noch etwas für unser Ableben, dann brauchen wir uns darüber auch keine Sorgen mehr zu machen ;)

  5. 26. September 2011 at 22:31

    Danke für die gelasenen Worte.
    Es gibt ja schon länger das Gerücht, dass SocialMedia-Berater die sind, die im SocialWeb andere SocialMedia-Berater retweeten, sharen & liken.

    Wirklich spannend ist doch die Schnittstelle zu den “normalen” Usern, zu den Menschen, die das alles einfach nur benutzen (wollen).

  6. 29. September 2011 at 16:37

    @Detlef Funk: Sie haben nach Aufklärung durch wahre Fachleute gerufen. Und hier bin ich! ;-) Tatsächlich gibt es in meinem Blog einen dreiteiligen Praxis-Workshop zum Thema Privatsphäre im Internet. Der könnte zumindest für die älteren Ihrer Töchter etwas sein, wenn Sie sie dabei begleiten.

    Auch aus meiner Sicht ist die Sensibilisierung für dieses Thema eine Aufgabe, die in der Verantwortung der “Erwachsenen Internetversteher” liegt. Nur gerade sind die es ja oft auch, die – technikaffin und neugierig – selber immer wieder zwischen den tollen neuen Möglichkeiten und seinen Schattenseiten hin- und hergerissen sind. Verständnis für Datensparsamkeit und Überwachungsgefahren ja, aber auch bei allen neuen Technik-Spielereien vorne mit dabei.

    Aber wichtig ist ja auch, dass man die Grundsätze von Privatsphäre und Datensammelgeschäft wenigstens einmal richtig versteht. Dann kann man für sein Tun die Verantwortung übernehmen und braucht sich auch nicht bei jedem Update der Facebook-Oberfläche wieder fragen, ob man gerade datentechnisch über den Tisch gezogen wird. Und das entspannt ungemein.

    Über eines muss man sich dabei aber im Klaren sein: Die Eltern von Kevin und Chantal werden auch morgen noch unbekümmert bei allem mitmachen, was sich FB&Co ausdenken. Notfalls mit 3% Rabatt auf einen singenden Hering oder einem tollen Gewinnspiel.

    Achso, hier noch der Link zum Workshop: http://techblog.frankherberg.de/2011/sicherheit/internetprivacy2/

    Viele Grüsse aus der Schweiz, Frank Herberg

  7. 29. September 2011 at 18:09

    Sehr amüsanter Artikel. Ich denke bei mir auch immer, warum sich für Leute aufregen, die es garnicht stört, und die sich sogar gebauchpinselt fühlen, wenn ein Soziales Netzwerk sie für so wichtig hält, ihre gesamten Daten zu speichern, die sie sehr freiherzig zur Schau stellen.

    Wer wirklich Daten hat, die sensibel sind, muss eben etwas aufpassen, was er tut, und wo er diese hinterlegt.

    Jeder, der sich im Internet bewegt, muss sich bewusst sein, dass er immer gläserner wird. Mit jedem Tweet, mit jedem Lied…. :-) Es gibt keine Atombombe für friedliche Zwecke und so gibt es auch kein Internet ohne Datensammlung. Das war früher mal….. Man kann nur einfach vorsichtig damit umgehen, was aber nicht alle Menschen mangels Knowhow können.

    Und je mehr Daten wir auslagern, umso zugänglicher sind diese natürlich auch.

  8. Dörthe
    30. September 2011 at 09:22

    Die Welt ist ein Dorf.

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