Äpfel und Birnen: Gibt’s auch im Social Web

In den letzten Tagen ging eine kleine Welle durch das Social Web. Ausgelöst wurde sie nicht von denen, um die es ursprünglich ging. Sondern von einigen satirischen Blogbeiträgen und Artikeln, unter anderem immerhin bei t3n. Hintergrund: Ein paar Vertretertypen mit, darin waren sich die meisten einig, zweifelhaftem Hintergrund hatten etwas gegründet, was sie selbst sowohl mit „Social Media“ als auch mit „Elite“ bezeichneten. Der Gag, den sich nicht nur t3n erlaubte, war, so zu tun, als handelte es sich um eine gut gemachte Persiflage. Wobei natürlich jedem (naja, fast jedem) klar war, dass es sich um ein echt gemeintes Angebot handelte.

In Wirklichkeit kennen wir alle solche Typen. Wir ignorieren nur normalerweise die zweifelhaften Paralleluniversen der Affilitate-Marketer und Linkschleudern. Weil sie sich zwar derselben Medien bedienen, das Ganze ansonsten aber mit unserer Arbeit – Kommunikation und PR in alten und neuen Medien – schlicht nichts zu tun haben. So wenig wie etwa die Paralleluniversen von irgendwelchen ausgesprochen ungünstig fotografierten Menschen, die auf Facebook auf öffentlich sichtbaren Pinnwänden ihr Privatleben exponieren, das aber zum Glück niemand anders als sie selbst interessiert.Oder wie wir uns im realen Leben auch nicht von irgendwelchen Anzeigen ködern lassen, die seltsame Dinge versprechen.

Äpfel, Kiwis und Schrauben

Äpfel und Schrauben

Weiter auseinander als Äpfel und Birnen: Äpfel und, sagen wir mal, Schrauben

Plötzlich jedoch fanden sich professionelle Kommunikatoren in einer Diskussion mit rechtschreibschwachen „Social Media Beratern“, welche betonten, dass sich mit ihrer Beratung Menschen bereits „ein zweites Standbein“ aufgebaut hätten.

Spätestens da hätte es selbst einem nur mittelmäßig informierten Außenstehenden auffallen können, dass es hier um Äpfel und Birnen geht. Und eigentlich hätte spätestens dann jeder das Interesse an der Diskussion verlieren müssen.

Denn würde unsereiner empört aufschreien oder es auch nur einer Glosse für wert befinden, dass in den Kleinanzeigen irgendwelcher Sonntagsblätter „lukrative Nebenverdienste von zu Hause“ angeboten werden? Nein. Warum? Weil es nichts mit unserer Lebens- und Arbeitsrealität zu tun hat. Null. Schon gar nicht mit den Unternehmen, die wir beraten; wobei wir eben auch die Medien des Social Web einbeziehen oder – manche von uns – uns sogar besonders darauf spezialisiert haben. Eigentlich geht es also eher um etwas, das noch weiter entfernt von Äpfeln liegt. Sagen wir mal, zum Beispiel Kiwis. Oder … Schrauben!

Warum passiert so etwas? Wie geht es zu, dass renommierte Plattformen und Berater großer Unternehmen sich plötzlich mit etwas völlig Irrelevantem befassen, nur weil dieses Angebot „Social Media“ in seiner Überschrift stehen hat?

Nicole Simon hat es in einem Kommentar im oben genannten Magazin auf den Punkt gebracht: Es ist die „Goldgräberstimmung“, die von allem ausgelöst wird, was mit diesem von vielen immer noch als neu empfundenen Social Web einhergeht. Die Vermischung von Medien und Inhalten liegt an der Neuheit des Mediums, ist meine Ansicht.

Eine Hotline ist ja auch kein Telefonsex

Nehmen wir mein gerne bemühtes Beispiel mit dem Telefon und spitzen wir es einmal zu: Niemand würde eine beliebige Firma, die eine Telefonhotline betreibt, unseriöser Praktiken bezichtigen mit der Begründung, dass es andere gebe, die – sagen wir jetzt mal – Telefonsex anbieten. Da aber im Gegensatz dazu im Social Web die Medien und die Inhalte noch immer auf so breiter Front durcheinandergeworfen werden, gelingt es eben einerseits, irgendwelchen an sich völlig unbedeutenden Fuzzis, die gerade erst gelernt haben (jedenfalls manche von ihnen), wie man „Marketing“ schreibt, dass die Kommunikationsszene sie wahrnimmt. Umgekehrt hat die Kommunikationsszene immer noch Angst, mit irgendwelchen unseriösen Angeboten in einen Topf geworfen zu werden. Von Belanglosem muss man sich ja eigentlich nicht abgrenzen; würde man auch nicht.

Dass überhaupt solche Angebote wie das, welches die jüngste Welle verursacht hat, an die Oberfläche der Wahrnehmung gerät, ist natürlich zutiefst den Gesetzmäßigkeiten der Social Media geschuldet. Jedenfalls so lange es nur um Zahlen geht. Da kann sich jemand mit ebenso vielen Fans wie – sagen wir jetzt mal – die Deutsche Bahn brüsten. Oder zehnmal so viele Follower haben wie eine feste Größe in der Kommunikationsszene – sagen wir mal Mirko Lange, Klaus Eck oder die oben zitierte Nicole Simon. Oder eben sehr viele Verlinkungen und damit schnell hohe Google-Relevanz, weil ein bekanntes Magazin sicher ihrer annimmt und andere folgen.* Nachhaltigkeit erzeugt das noch lange nicht; davon bin ich überzeugt.

Schuld ist die Goldgräberstimmung

So lange wir über Medien allein sprechen, sprechen wir nicht über Inhalte. Solange wir über Zahlen sprechen, sprechen wir nicht über Qualität. Die eigentliche Krux liegt darin, dass nicht jeder das unterscheiden kann. Was dazu führt, dass die seriösen Berater immer eine stille Angst im Nacken verspüren: Nämlich dass neu einsteigende Unternehmen nicht differenzieren können zwischen „Beratern“ und Beratern. Weswegen sie dann unweigerlich ein Fiasko erleben werden. Was wiederum die Berater-Szene generell in Verruf bringen könnte, obgleich sie mit der „Berater“-Szene nichts gemein hat.

Das ist gar nicht pauschal von der Hand zu weisen. Ich kenne persönlich Unternehmer, die irgendwelchen „Twitter-Beratern“ Geld in den Rachen geworfen haben, was sich dann als glatte Fehlinvestition erwiesen hat. Aber, bitteschön, liebe Leute: Ich kenne auch erfahrene Unternehmer, die Anlagebetrügern aufgesessen sind oder zweifelhaften Versicherungsvertretern.

Trotzdem: Aufklärung tut not

Nichtsdestotrotz: Ich selbst finde es manchmal schwierig, die Balance zu halten zwischen notwendiger Aufklärungsarbeit und dem gesunden Vertrauen darauf, dass mündige Kunden schon Qualität erkennen können. Dass intelligente Menschen nicht Äpfel kaufen, wenn sie Birnen wünschen oder umgekehrt. Oder gar Schrauben.

Insgesamt aber denke ich, dass wir dieses Vertrauen getrost haben sollten. Während wir natürlich gleichzeitig wissen, dass es auch im realen Leben immer wieder Menschen geben wird, die auf irgendwelche dubiosen Angebote hereinfallen. Aber normalerweise findet zusammen, was zusammenpasst. Es mag doch sein, dass auch dieser Eliteclub mit seiner schlechten Aussprache, den Schweißflecken und den Rechtschreibfehlern eine bestimmte Klientel anzieht. Aber das ist dann ganz sicher eine Bevölkerungsgruppe, mit der wir ansonsten gar nicht zusammengetroffen wären.

Der erste Kollege, der einen ernsthaften Auftraggeber trifft, der auf die Jungs mit dem grottigen Video hereingefallen ist, möge sich bei mir melden. Ich werde dann umgehend eine reumütige Gegendarstellung zu diesem Beitrag hier veröffentlichen. Aber erst dann.

Warum schreibe ich also überhaupt auch noch darüber?

Was nicht aufhören sollte, ist unsere Selbstreflektion, die uns bewusst unterscheiden lässt, was die Medien (mit all ihren spezifischen Gesetzmäßigkeiten, natürlich) und was die Inhalte sind. Damit wir selbst auf der inhaltlichen Ebene weiter nach Qualität streben. Damit wir im Monitoring nicht Zahlen mit Wertigkeiten verwechseln. Für so etwas ist eine solche Diskussion gut.

Denn warum überhaupt habe ich das Thema auch noch einmal aufgegriffen, nachdem ich eingangs so ausführlich erläutert habe, dass es eigentlich der Erwähnung nicht wert ist? Weil ich mich auf die Reaktion meiner Kollegen beziehe. Weil diese typisch für den Umgang mit den Medien des Social Web in dieser Zeit ist.

*Deswegen verlinke ich hier nicht auch noch dorthin. In dem zitierten Artikel bei t3n und in den Kommentaren dazu finden sich bereits alle Verweise.

  4 comments for “Äpfel und Birnen: Gibt’s auch im Social Web

  1. Joachim
    11. Juni 2011 at 20:46

    Eine Frage von wegen „Paralleluniversum“: Ist Affiliate-Marketing in Ihren Augen grundsätzlich verdammenswert?

  2. 11. Juni 2011 at 20:57

    „Verdammenswert“ ist ein Begriff, mit dem ich nicht arbeite – und DIESES Fass mache ich hier in einem Kommentar bestimmt nicht auf, weil das völlig von dem wegführen wurde, um das es in diesem Beitrag geht.

  3. Ole
    11. Juni 2011 at 21:48

    Ich verstehe immer noch nicht diese despektierliche und leider durch und durch überhaupt nicht objektive Betrachtungsweise, die in der – wie Sie sagen – Kommunikationsszene vorherrscht, es ei denn, Sie haben Angst davor, Ihre Pfründe mit jemandem Teilen zu müssen, den Sie nicht mögen, dem sie vielleicht auch nicht trauen, vielleicht aus irgendeinem Besitzstanddenken heraus.

  4. Frank Seiffarth
    12. Juni 2011 at 00:05

    Dem ist nix hinzuzufügen … ausser vielleicht ein Link auf ein „Interview“ der beiden Gründer des elitären Clubs … man muss sich nicht das ganze video anschauen (aber man sollte, um danach das ganze so schnell wie möglich zu vergessen !): mit social media hat das nix, aber auch gar nix zu tun.
    http://www.youtube.com/watch?v=208MjZWxXQo

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