Warum PR Social Media nicht zerstören kann

Jörg Wittkewitz von den Netzpiloten stellt die These auf, dass PR Social Media zerstört. Er folgt einem Beitrag von Brian Carter. Unter anderem sagt er:*

Er vertritt darin die These, dass PR-Menschen nicht selten den Bereich Social Media in einer Weise „verschmutzen“, der weder den alltäglichen Besuchern noch den engagiert professionellen Arbeitern nutzt. Denn sie verwirren sowohl diejenigen, die Social Media und Soziale Netzwerke einfach so nutzen als auch die Menschen, die dafür zu zahlen bereit sind.

Ich finde die Ansätze interessant. Vielem, was beschrieben ist, stimme ich vorbehaltlos zu. Aber ich glaube nicht an die Schlussfolgerung. Warum, das habe ich bereits dort kurz im Kommentar gesagt:

Wer sich irgendwo hinstellt und Blödsinn erzählt, dem hört über kurz oder lang einfach niemand mehr zu. Im Realen wie im Virtuellen.

Leute, die Blödsinn erzählen oder sich als Experten für etwas bezeichnen, von dem sie keine Ahnung haben, gibt es nicht erst seit dem Social Web. Ich glaube an die Intelligenz zumindest der relevanten Leser/Zuhörer/User und an die natürliche Selektion.

Können Sie sich noch an die Zeit erinnern, als Computer plötzlich für uns alle erschwinglich geworden waren? Als in der Folge immer mehr Menschen, die als einzige Qualifikation einfach ein Grafikprogramm besaßen, zu Gestaltern wurden und für Firmen wahre Horror-Designs hinlegten? Das hat sich schnell wieder selbst reguliert. Schlechtes Design gibt es immer noch. Es gibt sogar immer noch solche, denen es gefällt. Aber es ist nicht relevant.

Wie lange brauchen Sie, um zu erkennen, dass jemand sich auf einem Podium als Experte für etwas ausgibt, aber nur heiße Luft produziert? Selbst wenn Sie ihm anfangs glauben; selbst wenn Sie ihm aus diesem Glauben heraus etwas abkaufen: Irgendwann zeigt Ihnen doch allein Ihr Umfeld, was Sie sich da haben aufschwatzen lassen. Spätestens dann werden Sie doch nachregulieren. Und Sie werden dafür sorgen, dass keiner Ihrer Freunde, Geschäftspartner oder Kollegen noch einmal etwas bei ihm kauft.

Wo an dieser Stelle besteht Kompetenz für den Austausch auf Augenhöhe? Warum sollten ausgerechnet diese PR-Expertern verstehen, dass man eine Facebook-Seite nicht einfach mit Pressemitteilungen und Roadshow-Daten vollmüllt?

Who cares? Das liest einfach auf Dauer keiner. Ein „Gefällt mir“ wird schnell zum „Gefällt mir nicht mehr“.

Ja, natürlich, ich kenne Menschen und Unternehmen, die dubiosen Affiliate-Marketern auf den Leim gegangen. Ich finde das höchlichst ärgerlich. Ich will das gar nicht verharmlosen. Ich versuche auf meine Art dazu beizutragen, Menschen und Unternehmen so zu informieren, dass sie mit den Medien und Möglichkeiten des Internets verantwortungsvoll umgehen. Das dient aber vor allem auch deren Selbstschutz.

Wer nämlich Soziale Netzwerke als reinen PR- und Werbekanal missbraucht, schadet sich am meisten selbst. Ich habe das gerade erlebt am Beispiel eines bekannten Trainers, dessen Tweets und hochwertige Links ich immer sehr geschätzt habe. Seit sein neues Buch erschienen ist, twittert er fast nur noch Hinweise darauf. Ich habe das eine Weile toleriert, weil ich die Motivation verstehe. Mit der Zeit hat es mich genervt. Heute habe ich „unfollow“ geklickt. Ich wette, so haben das viele getan, und die Sache geht für ihn über kurz oder lang nach hinten los.

Ja, wir sollen und müssen aufklären, wenn wir sehen, dass irgendwo jemand Social-Media-Konzepte für viel Geld verkauft, die nicht funktionieren können, weil die Mechanismen der Werbung und PR nicht eins zu eins übertragbar sind. Es kann sogar sein, dass solche dubiosen Berater für eine Weile ein wenig den Ruf der Branche insgesamt beeinträchtigen. Vor allem allerdings für diejenigen, die sich Social-Media-Berater nennen. Was ich sowieso nie so recht verstanden habe, denn meines Erachtens geht es ja um Kommunikation und wie man verschiedene Medien dafür sinnvoll einsetzt. Die sind aber nicht „die PR“. Die verstehen einfach nicht ihr Handwerk, und weder als sie selbst noch als „PR“ können sie das Social Web zerstören. PR, die die Gesetzmäßigkeiten von Medien verkennt, ist gar keine PR, sondern irgendetwas anderes. Etwas Schlechtes, Ungeschicktes nämlich.

Das Wesen des Social Web ist es, dass es so facettenreich ist wie die Beteiligten selbst. Vor allem aber, dass man auf Dauer niemandem etwas vormachen oder Blödsinn verkaufen kann. Weil alle Informationen so offen und so umfassend verfügbar sind. Weil die Selbstregulierungsmechanismen so gut und so schnell funktionieren. Weil sich schneller denn je herumspricht, wer Blödsinn verzapft und wem man vertrauen kann und wem man guten Gewissens etwas abkaufen kann.

Daher wird sich das selbst regulieren. Meiner Ansicht nach verunsichert das Social Web mehr durch seine Vielfalt und dadurch, wie lange es braucht, wirklich einen Überblick zu bekommen – beziehungsweise die Illusion aufzugeben, dass ein Einzelner das überhaupt erschöpfend durchdringen kann.

Insofern, lieber Jörg Wittkewitz, danke für die Anregung zur Diskussion. Danke für die Schärfung der Wahrnehmung. Aber, nochmal: Die Schlussfolgerung halte ich für nicht zutreffend, die Gefahr für nicht gegeben.

* * *

P.S. Zu Folgendem noch ein Wort:

Diejenigen, die schon so lange in der Branche sind, dass sie es wissen könnten, haben durch das sogenannte PR-Boradcasting in den letzten 20 Jahren soviel Geld verdient, dass sie einfach zu jedem neuen Kunden eine schnuckelige Diplom-Blondine mit hohen Absätzen und kurzen Hauptsätzen beiordnen, die entweder den Kunden becirct oder mit dessen Marketing-Managerin über die besten Einkaufsmöglichkeiten für Prada-Taschen schnattern.

Ich bin lange genug in der Branche: über 20 Jahre. Ich bin blond. Ich habe kein Diplom, aber immerhin einen akademischen Abschluss. Ich trage zu Kundenterminen oft hohe Absätze. Ich habe lange daran gefeilt, komplexe Sachverhalte in kurzen, gut verständlichen Sätzen herüberzubringen. „Schnuckelig“ allerdings hätte mich schon vor 20 Jahren niemand zu nennen gewagt. Aber dieses beschriebene Klischee scheint mir eher von der Sorte zu sein „was ich schon immer mal loswerden wollte“. Zum erkenntnisleitenden Interesse des zitierten Blogposts dagegen trägt es aus meiner Sicht nicht einmal marginal bei.

*Ich beziehe mich in diesem Beitrag ausschließlich auf den deutschen Artikel bei den Netzpiloten. Alle Zitate (eingerückt und kursiv) stammen daraus.

 

  13 comments for “Warum PR Social Media nicht zerstören kann

  1. 6. April 2011 at 13:49

    Hallo Frau Hoffmann,

    sehr interessant – das stimme ich der „Verschmutzung“ zu und ich stimme auch dem zu, dass man als Leser natürlich schnell Dampfgeplauder und sonstigen Blödsinn erkennt, nicht mehr zuhört, irgendwelche Blockierungs- oder Ausblendemachenismen nutzt.

    Aber die Verschmutzung ist ja schon allgemeiner zu sehen. Ich selbst beispielsweise war vor einigen Jahre extrem viel im Netz unterwegs, zur Hochzeit von Foren und Chats war ich exzessiv und begeistert interaktiv und habe im Netz auch privat sozusagen „gelebt“. 🙂

    Damals fing es in den Foren schon an, wurde aber durch die Hardcore-User immer schnell ausgehebelt, wenn jemand nur Werbung und sonstiges Geplapper für sein Unternehmen loswerden wollte. Das hat sich gut reguliert.

    Mit den ganzen Web 2.0 Plattformen ist das aber schon anders geworden: da wird nicht mehr ingesamt reguliert, sondern man kann 1:1 „beschießen“. Und das ist bei mir zum Beispiel ein wichtiger Hauptgrund, dass ich mich aus XING, Twitter etc. komplett zurückgezogen habe. Weil es mich einfach nervt, dass ich andauernd irgendwelche Werbung aufgezwungen bekomme oder auch wenn es technische Mittel dagegen gibt, enorm damit befasst bin, das technisch zu regulieren.

    Ich bin sicher, ich bin nicht der Einzige, der sein aktives Einbringen auf bestimmten Plattformen alleine deswegen zurückgefahren hat oder sich komplett raushält. Insofern ist es durchaus eine Verschmutzung (nicht nur durch PR-Leute natürlich!), die ihre Folgen hat.

    Viele Grüße
    Gitte Härter

  2. Wittkewitz
    6. April 2011 at 13:54

    Ich hatte mal eine kleine PR-Agentur. Ich habe als Journalist gearbeitet. Ich arbeite als Journalist. Es ist mir immer wieder aufgefallen, dass besagte Blondine, Brünette, Schwarzhaarige gern genommen wird. Selten kommt aus deren Feder Substanzielles, aber die sie verstehen es oft sehr gut, Probleme weiter zu delegieren: an den Produktmanager, an den Texter, an den Marketingleiter, an die Produktentwicklung, an externe Kräfte, die irgendwo mitgewirkt haben. Was sehr selten passiert: Dass aus deren Richtung wirklich eine substanziell Mitarbeit für Journalisten oder Autoren erwächst. Aber wenn man sie dann auch Messen wieder sieht, dann erschließt sich plötzlich, warum sie teilweise jahrelang Kunden betreuen…

  3. 6. April 2011 at 21:04

    Muss man drüber diskutieren. Ich stimme Ihrer These zu. Hätte aber eine Frage – oder neue These: Zerstört Social Media die PR? Und wenn ja, ist dann die PR selbst daran schuld? Da würde ich sogar ein bedingtes JA anmerken wollen…

  4. 6. April 2011 at 21:30

    Auch diese Frage beantworte ich mit „Nein“. Social Media verändern die Kommunikation. Wer das negiert, der hat natürlich ein Problem, auch in der PR.

  5. 7. April 2011 at 09:06

    Gute Antwort..Aber mir scheint, bei uns in der Agentur müssen wir an der Schuhmode arbeiten

  6. Sascha Stoltenow
    7. April 2011 at 13:33

    Ach, ich sag ja immer, dass das Web unser Denken nicht verändert, sondern allen zeigt, was passiert, wenn wir es nicht tun 😉 In diesem Sinne, seien wir doch dankbar, dass Kollege Wittkewitz sich die Gelegenheit nicht hat entgehen lassen, tiefer liegende misogyne Vorurteile auszupacken. Wenn er jetzt noch die Chance ergriffe, zu bekennen, dass er sich vergallopiert hat, wäre alles gut. Das aber ist uns Männern nicht so gegeben. Wir suchen nach Wegen, das kleinzureden und umzudeuten, wenn wir uns schämen.

    Zur Frage nach Social Media mal eine andere etwas steile und – ich muss mir treu bleiben – komplizierte These, die ich auch bei Robert Basic schon mal eingeworfen habe:

    Netzwerke und Social Media sind weder neu noch die Zukunft, sie sind der Ursprung.

    Dazu ein grundlegender Gedanke: Was, wenn wir uns Unternehmen und Personen als Objekte von Zuschreibungen vorstellen? Konsequent vom Publikum gedacht, ist es unerheblich, ob eine Person eine Rollentrennung betreibt. Eine solche Rollentrennung ist gewissermaßen der letzte Strohhalm, um Kontrolle herzustellen.

    Und ja, es ist wünschenswert, Transparenz herzustellen, wobei das eigentliche Problem im Netz ist, dass man so viel verschleiern kann. Das zu unterlassen, ist für seriöse Unternehmungen empfehlenswert.

    Ansonsten: Das Unternehmen muss nicht erklären, warum es wie agiert. Das sollte sich aus dem Geschäftszweck ergeben. Dieser wiederum hängt, wenn er erfolgreich umgesetzt wird, davon ab, ob es dem Unternehmen überhaupt erst gelingt, Objekt von Zuschreibungen zu werden. Das erst macht es zu einem sozialen System.

    Oder anders gesagt: Unternehmungen und Märkte sind das Resultat von (latenten) Netzwerken. Netzwerke und Social Media sind nicht die Zukunft, sie sind der Ursprung.

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