Hoffart und Demut: Von neuen Tippfehlern, alten Wörtern und zeitlosen Werten

Meine Großmutter väterlicherseits führte nach dem 2. Weltkrieg in ihrem privaten Wohnhaus eine Leihbibliothek. Damit finanzierte die Kriegerwitwe neben ihrem Beruf als Chefsekretärin den Lebensunterhalt für sich und ihre zwei kleinen Söhne. Wer Mitglied werden wollte, musste einmalig ein Buch mitbringen und zahlte dann 50 Pfennig pro Ausleihe.

Als ich Kind war, genoss die Oma längst ihre Rente. Doch in ihren ausladenden Bücherregalen standen nach wie vor dicht gepackt hunderte, wenn nicht tausende leicht oder stark vergilbte Bände, unter denen ich später, als ich mich besser mit Literatur auskannte, sogar die eine oder andere Ausgabe letzter Hand fast vergessener Schriftsteller aus dem 18. Jahrhundert entdeckte. Was die Leute eben so in ihren alten Beständen gefunden und mitgebracht hatten.

Das breite Spektrum der verfügbaren Lektüre führte nicht nur dazu, dass ich bereits mit acht oder neun Jahren gut informiert war, was die tüchtige Hausfrau im ausgehenden 19. Jahrhundert zu tragen, zu sagen und zuzubereiten hatte. Ich beherrschte auch die altdeutsche Druckschrift, bald nachdem ich gerade lesen gelernt hatte. Ich hatte Gustav Freytag gelesen, ehe mir Thomas Mann in die Hände fiel.

Und ich lernte Wörter, die längst außer Gebrauch waren, mich aber auf die eine oder andere Weise faszinierten. „Hoffart“ gehörte dazu. „Hoffärtige“ Menschen, das lernte ich bald, feierten vielleicht kurzfristig Triumphe. Über kurz oder lang kam aber das dicke Ende immer nach. Je nach Geschmack des Autors gingen sie daraufhin auf die eine oder andere Weise unter. Manche waren aber auch am Schluss des immer leicht staubig riechenden Druckwerks geläutert – und verbrachten den Rest ihres Lebens in Demut.

Demut: Auch so ein Wort, das aus der Mode gekommen ist. Unsere heutigen Werte sind zwar solche wie Authentizität oder Integrität. Aber die gute alte Demut in ihrem reinen Sinn – nämlich als Gegenbegriff zu Hochmut und Überheblichkeit – ist nicht mehr so populär. Wir alle lernen und üben ja pausenlos, wie wir uns gut verkaufen. Dass wir als Frauen immer noch zu bescheiden sind, während die Männer sich im Glanze ihres Selbstbewusstseins teuer verkaufen.

Nun ist zu viel Bescheidenheit sowieso, wie ich gestehen muss, nicht mein Problem. Manchmal, das merke ich aber oft erst hinterher, bin ich so richtig in dem eigenen Film des gestandenen Profis, dem in bestimmten Fachfragen so leicht niemand etwas vormacht. Das ist für die Arbeit durchaus hilfreich und wird ja auch verlangt. Nicht zuletzt deswegen, weil ich erfolgreich sein muss mit dem, was ich tue. Wie meine Oma vor vielen Jahrzehnten ernähre ich mit meiner Arbeit eine Familie.

Entscheidend ist aber, wie es innerlich aussieht und ob man selbst noch eine kritische Distanz hinbekommt. Oder ob man beginnt, sich in diesem selbst projizierten Glanz zu sonnen. Ich weiß nicht, ob Sie das von sich selbst auch kennen. Aber glückliche Tage sind für mich rückblickend solche, in denen das Universum mir rechtzeitig eins vor den Bug gibt, ehe ich mich mal wieder zu sehr in einen solchen Film verrenne. Denn zu viel Hoffart, und hier sind wir wieder bei meinem Kernthema, der Kommunikation, ist nicht nur für ein gesundes soziales Umfeld schädlich. Mit der fehlenden Distanz und Selbstkritik wird auch die Außendarstellung nicht besser, sondern weniger ansprechend. Jedenfalls auf Dauer. Das hat also gar nichts mehr mit Sich-gut-verkaufen-Können zu tun.

Neulich schrieb mir das Universum das Wörtchen „Hoffart“ so richtig buchstäblich auf die Stirn. Da hatte mir jemand einen Link zu irgendeinem neuen, sehr wichtig daherkommenden Social Network geschickt. Aus Neugier habe ich daraufgeklickt. Und gleich in der fetten Überschrift auf der Landing Page einen äußerst peinlichen Tippfehler gefunden. Eigentlich wollte ich sofort einen Screenshot machen und in einigen sozialen Netzwerken so richtig darüber ablästern. Von wegen groß werben und dann nicht mal Korrektur lesen. Ich sonnte mich gedanklich bereits in meiner Besserwisserei und den vielen zustimmenden Kommentaren meines nicht minder professionellen Umfelds.

Doch zunächst hatte ich anderes zu tun. Mein Newsletter musste an ein paar tausend Abonnenten verschickt werden, nachdem wir ihn – wie immer – dreimal gecheckt und fünfmal Korrektur gelesen hatten. Den dicken Tippfehler im Betreff fand ich leider erst, nachdem alles heraus war. (Auf einen weiteren Vertipper machte mich später eine freundliche Leserin aufmerksam.) Ich war wirklich sehr wütend auf mich selbst. Denn für jemanden, die Kommunikation und (richtig geschriebene) Texte verkauft, ist das deutlich schlimmer als für Anbieter aus anderen Branchen. Aber noch mehr war ich froh, dass ich vorher nicht den Link zu dem anderen Fehler gepostet hatte.

So einen Schreibfehler kann man nicht ungeschehen machen. Eine erneute Aussendung mit einer Korrektur verschlimmert es nur und nervt die Empfänger. Dafür machte ich meiner Gefühlslage mit einer Facebook-Meldung Luft. – Wissen Sie, wie mein Umfeld reagierte? Keine Schadenfreude, keine Häme, keine Besserwisserei. Keine Rede von wohl nicht gut genug Korrektur gelesen. Dem einen war schon Schlimmeres passiert und er erzählte, wie er es hatte ausbügeln müssen. Die andere meinte: „Sei nicht so hart mit dir, das ist human touch!“

Da wurde mir wieder klar, wie man angemessen auf so etwas reagiert: mit Mitgefühl für denjenigen, dem so ein Lapsus passiert ist. Mit der nötigen Demut, weil jedem mal etwas durchgehen kann; weil einem selbst auch Sachen durchgehen. Dann, erst dann kann man sich selbst so etwas auch leichter verzeihen.

Meinen nächsten Newsletter werde ich natürlich mindestens achtmal lesen. Da man in selbst geschriebenen Texten die Fehler am schlechtesten findet, werde ich wahrscheinlich wieder etwas übersehen. Schlimmstenfalls versagt an ein oder zwei Stellen auch nochmals das externe Korrektorat. Aber ich hoffe zumindest, dass ich beim nächsten Fehler, den andere machen, nicht wieder in Hoffart verfalle. QED.

  5 comments for “Hoffart und Demut: Von neuen Tippfehlern, alten Wörtern und zeitlosen Werten

  1. 3. April 2011 at 17:19

    Was doch ein Tippfehler an Kettenraktion bewirken kann … jetzt weiß ich endlich was Hoffart heißt, hatte es irrtümlich immer im Sinne von „untertänigst, anbiedernd, etc.“ gesehen. Dann werde ich es mal direkt auf der Wortweide eintragen und harre der nächsten interessanten Fehlleistungen, bei mir, bei dir, oder anderswo ;-))
    Lustig auch dieses hier: aus dem „Journal des Luxus“ http://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jparticle_00084581
    Danke für die Anregung 🙂

  2. 4. April 2011 at 10:14

    Liebe Frau Hoffmann,

    „Demut ist Mut zur Menschlichkeit“ und es ist sehr schön, dass ein Profi wie Sie darüber schreibt!

    Herzliche Grüße
    Simone Happel

  3. Stephan De Maria
    4. April 2011 at 10:46

    Liebe Frau Hoffmann,

    vielen Dank, dass Sie sterbenden oder gar ausgestorbenen Begriffen wie Hoffart noch eine letzte Würdigung schenken, eingebettet in einen schönen Artikel mit Aussage und Tipp. Soziale NEtzwerke für solche Korrekturen zu verwenden, scheint mir eine sehr gute und unaufdringliche Idee zu sein.
    Mit besten Grüßen aus Stuttgart

  4. 6. April 2011 at 16:28

    Hallo Frau Hoffmann,

    Fehler passieren immer – da kann man ein noch so großer Profi sein. Aber wie Sie bereits geschrieben haben, verzeiht man einer Einzelperson recht schnell. Wenn sich Claus Kleber im heutejournal verspricht, finde ich das sympathisch. Wenn ich in einer Tageszeitung einen Fehler entdecke, ärgert mich das jedoch maßlos: Nicht weil sich der Redakteur vertippt hat, sondern weil die Herausgeber mal wieder an der falschen Stelle gespart haben… bei den Korrekturlesern.

    Es ist also immer die Frage, wem man verzeihen muss. Einem Menschen aus Fleisch und Blut? Oder einer Institution, die Demut predigt und Hoffart lebt?

    Viele Grüße
    Sandra Schwarz

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