Nackt in der Schwingtür: Besser erst Infomappe lesen, dann eintreten!

28. September 2010

Es gibt ja im Wesentlichen zwei entgegengesetzte Standpunkte, was den Start in Social Media angeht. Die einen sagen: “Einfach loslegen und ausprobieren. Fehler sind erlaubt!” Die anderen: “Gründlich einarbeiten, solide konzipieren, jeden Schritt genau überlegen, weil Unbedachtes große Folgen haben kann. Mit großer Vorsicht publizieren.” Dazwischen findet man eine Menge Abstufungen. Ich finde: Die Herangehensweise hängt sehr von dem ab, der da twittert, eine Facebook-Seite betreibt oder sich bei XING präsentiert. Von dessen eigenem Image, seiner unternehmerischen Ausrichtung, von der Branche und von vielen anderen Faktoren.

Kürzlich erzählte mir ein befreundeter Anwalt von einer Forschungseinrichtung, die beschlossen habe “einfach mal in Social Media zu machen”. Sie wollten sofort im Echtbetrieb und unter eigenem Namen starten – und ausprobieren, was dann geschieht. Und im Tun lernen, was sinnvoll und erforderlich ist. Sie hätten schließlich nichts zu verbergen. Mithin könnten sie sich auch nicht blamieren.

Ich weiß nicht, wieso, aber in diesem Moment kam mir ein witziger Beitrag in den Sinn, den ich vor einiger Zeit bei “Spiegel online” gelesen hatte. Darin ging es um zwei Nackturlauber, die in ein Hotel eingecheckt waren, das sie schon kannten. Deswegen hatten sie sich die Infomappe bei Ankunft auch nicht durchgelesen, sondern sich schnurstracks in den Speisesaal begeben, wie die Angestellte eines Reisebüros berichtet:

“Meine Frau und ich betreten also als Letzte das Restaurant, alle Augen sind auf uns gerichtet, die Schwingtüren gehen komplett auf – und alle sind angezogen!” Es hat einige Minuten gedauert, bis ich realisiert hatte, dass sich die Kunden Huber komplett entkleidet hatten, um zum Essen zu gehen. Den Hinweis in der Infomappe hatten diese Kunden nicht gelesen, da sie ja “schnell zum Essen wollten”.

Genau dieses Bild hatte ich jetzt also vor mir: Jemand, der – weil er es nicht abwarten kann – ganz schnell überall im Social Web sichtbar wird. Aber weil er die Regeln nicht kennt und sich damit auch nicht befasst hat, steht er quasi nackt in der Schwingtür. Auch Herr und Frau Huber haben nicht wirklich etwas zu verbergen – so wie unser Hochschulinstitut im obigen Beispiel. Schließlich weiß jeder, dass Menschen unter ihrer Kleidung nackt sind. Aber auch wenn man keine Geheimnisse zurückhalten muss, kann es sehr peinlich werden, wenn man die Konventionen nicht kennt.

Die “Infomappe”, um im Bild zu bleiben, ist das Social Web selbst. Jede Plattform hat ihre FAQ (Häufige Fragen), ihre Tutorials, ihre geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze. Man muss sich auch gar nicht wirklich alle lesen. Oft reicht der vorsichtige Blick durch die Schwingtür, ehe man sich in voller Größe präsentiert. Zuhören, zuschauen, andere fragen: Das kann genauso helfen. Keine Frage: Fehler und Irrwege sind erlaubt. Etwas so Lebendiges wie das Social Web verträgt Irrtümer und Experimente. Wie im richtigen Leben. Aber manche Peinlichkeiten sollte man sich dennoch ersparen.

Je nach Image und Standing des Unternehmens, nach Brisanz und Komplexität des eigenen Themas kommt man um eine professionelle Beratung nicht herum. Die Hubers hätten übrigens auch den Portier fragen können – wenn sie denn auf die Idee gekommen wären, dass sie überhaupt dessen Rat gebraucht hätten. Intuition ist gut. Erfahrungen sind besser. Und eine gewisse Vorsicht ist im Zweifel immer angebracht.

Foto: http://www.flickr.com/photos/valeriebb/ (Creative Commons)

  • del.icio.us
  • FriendFeed
  • MisterWong.DE
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Diigo
  • Tumblr
  • RSS
  • Netvibes

Das könnte Sie ebenfalls interessieren:

Du bist kein Soziales Netzwerk!
Es ist doch nur eine einzelne Zahl!
Randgruppennetzwerkenberatungsverweigerung!

Schlagwörter: , , ,

3 Antworten auf Nackt in der Schwingtür: Besser erst Infomappe lesen, dann eintreten!

  1. Lars Hahn am 28. September 2010 um 09:24

    Und stellen Sie sich mal vor:
    Familie Huber realisierte gar nicht, dass sie “anders” war. Die zwei gingen schnurstracks zur Bühne des Restaurants, platzierten sich splitterfasernackt am Mikro, und erst da fiel ihnen auf, dass sie gar nichts zu sagen hatten.

    Das Interessanteste war:
    Nach dem ersten Schock wandten sich die Gäste gelangweilt wieder ihrem Dinner zu…

  2. Caroline Kliemt am 28. September 2010 um 09:40

    Hallo und guten Morgen,
    toller Beitrag: humorvoller Titel, der Neugier und Lust macht(bitte nicht falsch verstehen), ihn zu lesen – und ein guter Gedankenanstoß. Um im Bild zu bleiben und für mich zu sprechen: Ich fühle mich mittlerweile immerhin so erfahren in den Social Media, dass ich überall im Bikini hingehe.

  3. Christoph Athanas am 29. Oktober 2010 um 00:18

    Hallo Frau Hoffmann,

    mein Kompliment zu Ihrem Artikel hier! Guter Gedankenanstoß, in einer schönen Metapher erzählt, wie ich finde. Dazu ein Titel der neugierig macht! War mir wirklich eine Freude!

    Übrigens: Ich kannte Ihr Blog noch nicht und bin nur über einen Kommentar im Blog von K.-H.Wenzlaff hierher gekommen. Umso besser…

    Viele Grüße, weiter so!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *




Alle Beiträge