Bekanntheit kann ein Segen sein: Wenn virtuelle Netzwerke echte Menschen tragen

Vielleicht ist Ihnen in den letzten Tagen bereits das Banner hier rechts in der Seitenleiste aufgefallen. Wahrscheinlich haben Sie es mittlerweile auch schon in vielen anderen Blogs und sozialen Netzwerken gesehen. Das Banner und die dahinterstehende Aktion „Abgebrannt! Wir helfen.“ sind ein grandioses Beispiel dafür, wie ein Netzwerk Menschen tragen kann. Wie Bekanntheit nicht nur einem Business zugute kommt, sondern sich in den Dienst einer guten Sache stellen kann. Wie die gesammelte Krafte einiger, weniger einen riesigen Wellenschlag quer durch das deutsche Social Web erzeugt.

Mich persönlich macht das sehr glücklich. Denn es zeigt, dass das Social Web mehr ist als nur einige Verknüpfungen von Computern. Es gibt Hoffnung. Es signalisiert: Du bist nicht allein. Da draußen sind echte Menschen, die sich kümmern und einsetzen. Die auffangen und unterstützen.

Der traurige Anlass

Meiner Kollegin Carola ist das Dach über dem Kopf abgebrannt. Mitten in der Nacht standen sie und ihr Mann, brandverletzt und mit einem Kleinkind, vor den Trümmern all dessen, was sie in Jahren aufgebaut hatten. Sie sind Freiberufler. Carola ist zudem erkrankt und war schon vorher eingeschränkt. Sie wissen noch nicht, was die Versicherung ersetzt. Die gute Nachricht: Alle haben überlebt, sogar die zwei Katzen konnten gerettet werden.

Das geschah dann

Noch in der Nacht eilte die erste Kollegin und Freundin zur Hilfe. Binnen kürzestem war eine Übergangswohnung gefunden. Kolleginnen und Kollegen räumten aus, was noch zu retten war, besorgten Möbel und Farbe, transportierten neu Angeschafftes und strichen Wände. Währenddessen richteten andere Kolleginnen eine Website und ein Spendenkonto ein. Viele hundert Frauen aus dem professionellen Netzwerk „Texttreff“ sorgten dafür, dass sich die Nachricht schnell verbreitet.

Bekannte Blogger und Medien griffen die Aktion auf. Und alle standen und stehen hundertprozentig dahinter. (Ich nenne in diesem Beitrag bewusst keine Namen und auch die Betroffene nur beim Vornamen. Alle Beteiligten kenne ich seit Jahren. Wie viele andere habe ich daher die Aktion von Anfang an mit voller Überzeugung unterstützt.) Heute, am dritten Tag, nachdem die Website online gegangen ist, sind bereits über 12.000 Euro an Spenden eingegangen. (Hier ist jeweils der aktuelle Spendenstand abzulesen.) Das mindert den Schock und die Belastung der Betroffenen nicht unmittelbar. Aber sie fühlen sich – fast mehr noch als durch die tatsächliche finanzielle Hilfe – durch diese Welle der Solidarität getragen und unterstützt. Sie wissen, sie sind in ihrer Lage nicht allein.

Hintergrund: Kollegialität und echte Freundschaften

Wellenschläge im Social Web gibt es viele. Dass diese Aktion so gut funktioniert, hat einige besondere Ursachen, die uns insgesamt für unser Agieren und unsere Präsenz im Social Web ebenso wie im realen Leben zu denken geben sollten. Sie beruht nämlich auf echter Freundschaft, Kollegialität und auf echten Beziehungen. Mit anderen Worten: Tausende XING-Kontakte, zahllose Facebook-„Freunde“ oder namenlose Blog-Abonnenten in fünfstelliger Zahl hätten so etwas nie bewirken können. Sie hätten wahrscheinlich allenfalls kleine Wellen an der Oberfläche bewirkt, die sich schnell wieder verlaufen hätten.

Carola hat ein Netzwerk mit ins Leben gerufen, das es schon viel länger gibt als das Social Web: den Texttreff. Hier tauschen sich insgesamt 800 Texterinnen, Journalistinnen, Autorinnen, Lektorinnen und Übersetzerinnen vertrauensvoll aus. Sie helfen einander in professionellen Fragen weit über das Maß normaler Kollegialität hinaus. Das geht von Grammatikfragen über Arbeitsorganisation bis hin zum Umgang mit Kunden oder Fragen der beruflichen Existenz. Manch eine von ihnen überstand mit der gesammelten Power der Kolleginnen schon echte Tiefs. Unzählige Aufträge haben auf diese Weise bereits den Weg von der einen zur anderen „Textine“ gefunden.

Ganz persönlich

Persönliches Beispiel: Als kürzlich eine Agentur im Rheinland jemanden für Medizin-PR suchte, hat mich eine Kollegin sehr selbstlos empfohlen. Sie hätte das nicht tun müssen. Als ich jetzt eine Anfrage einer IT-Firma bekam, wusste ich aufgrund der spezifischen Anforderungen: Das kann diese Kollegin viel besser als ich. Zudem sitzt sie in derselben Stadt. Also habe ich das weitergegeben. Lektorinnen habe ich im Texttreff auch schon gefunden oder Übersetzerinnen und zwar oft in Minutenschnelle. Und manch ein Kundenmeeting wurde dadurch gerettet, dass ich eine komplexe Frage in dieses Netzwerk gemailt habe und meine Kolleginnen für mich recherchiert haben, während ich weiter beriet – und nach Minuten die Antwort hatte. Entsprechend bin ich bemüht, selbst auch schnell zu antworten, wenn jemand anders etwas braucht oder wissen will.

Was die Mitgliedschaft in diesem Netzwerk kostet? Sie werden es nicht glauben: nichts. Ich habe einen Werbeeintrag. Freiwillig. Für 23,80 Euro. Im Jahr! Zu danken ist das meiner Kollegin Susi Ackstaller und einem Team ehrenamtlicher Moderatorinnen, die das Ganze betreuen. Carola, und damit kommen wir wieder zum konkreten Fall, hat mit ihrem Mann dafür gesorgt, dass die technische Seite des Ganzen funktioniert.

Warum es so gut funktioniert

Auf realen Treffen, regional und überregional, sind langjährige Beziehungen, enge Kooperationen und wirkliche Freundschaften entstanden. Diese sind es, die jetzt tragen. Carola hat weit mehr in ihr Netzwerk „eingezahlt“ als die meisten Menschen es tun würden, und sie hat es ohne Hintergedanken oder Profitdenken getan, sondern um der guten Sache wegen. Das kommt nun zu ihr zurück.

800 Frauen aus Carolas Netzwerk wissen, wer sie ist und was für ein realer Mensch hinter der Katastrophe steht. Sie setzen sich bedenkenlos mit ihrem Namen für die Aktion ein. Jede von ihnen hat selbst wiederum ein großes Netzwerk. Und wir alle, die wir das unterstützen, wissen ja bereits, wie das Social Web funktioniert. Wie man eine Website schnell einrichtet. Ein Banner einbindet. Eine Information über den Twitter schickt.

Wir alle nutzen das Social Web auch schon seit langem für unser eigenes Marketing. Viele der Unterstützerinnen haben bereits eine beachtliche Bekanntheit erreicht. Jetzt haben sie die Gelegenheit, diese Bekanntheit für andere Menschen einzusetzen, die es dringend brauchen können. Das ist auch ein gutes Gefühl, weil es in einer weitgehend merkantil ausgerichteten Welt, in der wir meistens sehr effizient und sehr professionell handeln müssen, zu einem größeren Bild beiträgt, das allen nützt.

Tatsächlich ist diese Aktion ja kein Einzelfall. Das Social Web funktioniert dadurch, dass viele ihr Wissen mit anderen teilen, dass sie sich ohne Konkurrenzdenken austauschen und andere unterstützen. Egoismus und Sogmarketing als Einbahnstraße können auf Dauer nicht wirklich erfolgreich sein. Diese Aktion kann uns ein Beispiel sein. Je persönlicher, echter und nachweislich glaubhafter die handelnden Personen sind, desto besser geht es letztlich uns allen. Wer in sein Netzwerk einzahlt und aus virtuellen Verknüpfungen echte Beziehungen schafft, bekommt es vielfach zurück.

Ganz konkret bitte ich Sie zum Abschluss dieses Beitrags: Unterstützen Sie ebenfalls Carola und ihre Familie. Mit Ihrem Netzwerk und, wenn es Ihnen möglich ist, mit einer Spende.

  7 comments for “Bekanntheit kann ein Segen sein: Wenn virtuelle Netzwerke echte Menschen tragen

  1. 15. Juli 2010 at 16:07

    Beste Kerstin,

    auch Dir gilt ein herzliches Dankeschön für die impulsive Arbeit für dieses traurige Ereignis.
    Hilfe, die an kommt, wenn sie gebraucht wird – zeitnah und direkt. Ein bemerkswertes Beispiel für Social Activities. Wer jetzt noch glaubt, das Glück steht in den Sternen, dem schicke ich gerne diese bewegenden Link.

    Sommerliche Grüße

    Sonja

  2. 16. Juli 2010 at 14:11

    Liebe Kerstin, danke für diesen wunderbaren Artikel!

    Susi.

  3. 16. Juli 2010 at 14:21

    Danke DIR, dass du uns schon so lange dieses wunderbare Netzwerk Texttreff ermöglichst. Ich wäre nicht da, wo ich heute bin ohne das geballte Fachwissen und die Unterstützung dort.

  4. 26. Juli 2010 at 16:38

    Je mehr du gibst, desto mehr empfängst du. Und: Wer mit Freuden gibt, gibt am meisten (Das sagte schon Mutter Theresa)

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