Bekanntheit ist der Arsch des Teufels

9. Juli 2010

Von den Mühen und Gefahren der Imagebildung

Wissen Sie, wann der gefährlichste Moment in der Laufbahn eines Trainers, Sprechers, Autors oder meinetwegen auch Bloggers ist? Wenn Sie mich fragen: Dann, wenn er oder sie es geschafft hat. Scheinbar geschafft. Gerade so geschafft. Also: oben anzukommen. Wahrgenommen zu werden von einer relevanten Gruppe. Wenn er für größere Kongresse gebucht wird, und zwar gegen Honorar. Wenn seine Tagessätze sich über das Branchenmittel erhoben haben. Wenn Verkaufs- oder Zugriffszahlen eine kritische Größe überschritten haben. Kurz: Wenn er oder sie öffentlich erkannt wird und wenn die ersten Menschen beginnen, ihn in irgendeiner Weise zu hofieren.

Meistens war das ja gar nicht das eigentliche Ziel. Ursprünglich gab es eine Geschäftsidee, eine Mission im weitestens Sinne oder eine Botschaft, die möglichst viele Menschen erreichen sollte. Wer ein erfolgreicher Sprecher sein will, den müssen die Leute kennen. Wer PR anbietet, sollte sich auch selbst vermarkten können. Wer gelesen werden will, muss erst einmal bekannt sein. Ein Image aufzubauen, erfordert einiges Nachdenken und ziemlich viel innere und äußere Ausrichtung. Einen guten Ruf wieder ernsthaft zu gefährden, geht dagegen relativ schnell. Und das Teuflische ist: Es beginnt völlig unmerklich.

Denn ist einmal eine gewisse Öffentlichkeit hergestellt, dann geht es los. Das erste Mal ist es noch die reine Freude. Du gehst auf einen großen Branchenkongress, und jemand kommt auf dich zu und spricht dich mit Namen an. “Sind Sie nicht…?” Beim zweiten Mal bist du nicht mehr ganz so überrascht, aber immer noch erfreut. Dann kommt irgendwann die Veranstaltung, auf der du dich verwundert umschaust, weil nicht sofort jemand auf dich zukommt.

Es folgen die üblichen Signale wachsender Bekanntheit: Manche Leute trauen sich nicht mehr direkt, dich anzusprechen. Oder sie bleiben geduldig am Rand stehen, während du dich mit jemandem unterhältst. Und weil es so ein geiles Gefühl ist, redest du vielleicht noch einen Moment länger oder lachst etwas lauter, als es notwendig wäre.

Andere, ebenfalls relativ oder sogar absolut bekannte Menschen schauen dich nicht mehr zwar freundlich, aber oft etwas ungeduldig an, wenn du dich ihnen vorstellst. Du musst nicht mehr erklären, wer du bist, wenn du sie das erste Mal anrufst. Sondern sie begrüßen dich mit den Worten: “Ach, das ist aber schön. Ich wollte Sie schon lange mal kennenlernen, und Ihre Telefonnummer steht schon auf meiner To-do-Liste.” Diejenigen, denen du noch vor kurzem gerne den Koffer getragen hättest (wenn du ihn denn überhaupt in die Hand bekommen hättest), werden in Gesprächen mit anderen nun ganz beiläufig erwähnt als “mein Freund Soundso” und “meine Freundin Dieunddie”. Dafür schaust du jetzt deinerseits ein wenig ungeduldig, wenn dir jemand fröhlich zuruft: “Wir kennen uns doch von Twitter!” (“Jaja”, denkst du dir, innerlich leicht ironisch grinsend, “wir kennen uns aus dem Fernsehen. Ich sehe Sie doch immer in Ihrer Show!”)

Wohlgemerkt, wir sprechen immer noch von relativer Bekanntheit. Nicht von der Berühmtheit der großen Stars, sondern von einem Namen in einer bestimmten Branche, Szene oder Teil-Öffentlichkeit. Von jenem angenehmen und einlullenden Gefühl, es geschafft zu haben. Sich die Kunden und Gesprächspartner aussuchen zu können. Jemand zu sein. Einen Namen zu haben.

Irgendwann erwartest du schon das Erkennen im Auge des Gegenübers, sobald du deinen Namen – oder den deines Blogs, deines Buches oder deiner Marke – gesagt hast. Wenn jemand dich nicht erkennt oder dir schräg kommt, denkst du: “Was erlaubt derjenige sich? Ich bin doch der Soundso!” Du erwartest, dass auch der Kellner dich besonders bevorzugt behandelt. Du empfindest plötzlich manche Anfragen, über die du dich noch vor einem Jahr gefreut hättest, als lästig.

Bekanntheit ist der Arsch des Teufels. (Entschuldigen Sie die krasse Wortwahl, aber genau so ist es.) Muss nicht, kann aber. Bei vielen ist sie unversehens der Schritt in die selbst gewählte Isolation. Sie kann dazu führen, dass du denen folgst, die dir schmeicheln und jene geringschätzt, die dir immer noch die Wahrheit sagen. (Jene und nur jene übrigens sind deine wahren Freunde!) Dass du auf Veranstaltungen nicht mehr wirklich offen für die anderen und für wertschätzende neue Begegnungen bist. Weil du so damit beschäftigt bist zu beobachten, wie du wahrgenommen wirst. Das Gemeine daran ist, dass du es vielleicht nicht gleich bemerkst und dann schon mittendrin steckst. Aber das macht ja nichts. Sobald man es erkennt, kann man es ändern. Das ist das Gute daran.

Kommt Ihnen irgendetwas davon bekannt vor? Nein? Herzlichen Glückwunsch! – Ja? Dann möchten Sie vielleicht wissen, warum ich das geschrieben habe? Nun, zum einen weil Imagebildung ganz originär zu meiner Arbeit für andere gehört und es daher gut in dieses Blog passt. Weil ich viele der oben beschriebenen Phänomene oft beobachtet habe – bei anderen natürlich. Natürlich. Und, um ganz ehrlich zu sein: Weil ich vor einiger Zeit abends nach einer großen Veranstaltung in meinem Hotelzimmer ankam und mich dabei ertappte, wie ich sozusagen einen imaginären PR-Doktor-Hut abnahm. Und dabei feststellte, dass ich mich mehr dafür interessiert hatte, wer mich kannte und was ich weiß und kann – als für die wirklich beeindruckenden anderen Persönlichkeiten, von denen ich an diesem Tag viel mehr hätte lernen und erfahren können, als ich es tatsächlich getan hatte.

Wissen Sie, was ich getan habe - und was ich Ihnen aus meiner ganz eigenen Erfahrung rate zu tun? Denken Sie mal darüber nach, wer Sie eigentlich in Wirklichkeit kennt. Und wie viele dagegen überhaupt noch nie von Ihnen gehört haben. Wie bedeutsam das, was Sie tun oder sagen, tatsächlich für die anderen ist. Darüber, was wirklich bleibt, wenn Sie einmal verstummen oder aufhören zu schreiben. Und dann beobachten Sie einmal wirklich große Menschen. NICHT die öffentlichkeitsgeilen B-Promis. Nicht irgendwelche Profilneurotiker, die aus dem Defizit kommen. Sondern solche, die es tatsächlich geschafft haben. Nehmen Sie wahr, wie wertschätzend, offen und interessiert viele wirklich Große auf andere zugehen. Wie unwichtig es denen ist, wer es sieht und beklatscht, wenn sie einen Raum betreten.Wahre Größe hat immer eine gewisse, und das ist ein etwas abgegriffener, aber immer noch zutreffender Begriff, Demut.

Und dann gehen Sie einfach zurück an Ihren Schreibtisch, in Ihren Seminarraum oder hinter Ihr Rednerpult. Erinnern Sie sich daran, was eigentlich Ihr Ziel war. Wenn Sie das nächste Mal wieder jemand fragt: “Sind Sie nicht die Soundso?”, dann können Sie sich immer noch darüber freuen und stolz darauf sein, was Sie erreicht haben. Aber Sie sind nicht mehr davon abhängig. Sie brauchen nicht mehr Ihr Ego damit aufzublasen. Sie bekommen wieder ein Gefühl für Ihre eigenen, inneren, menschlichen Werte. Das sind die Eigenschaften, mit denen Sie zu wahrer Größe gelangen. Das ist die eigentliche Voraussetzung für dauerhaften, nachhaltigen Erfolg. Wie auch immer Sie diesen für sich definieren…

9 Kommentare zu “ Bekanntheit ist der Arsch des Teufels ”

  1. Jan H. Schnitzler on 9. Juli 2010 at 08:55

    Hallo Kerstin,

    das ist ein toller und sehr offener Artikel, der zum Innehalten und Nachdenken anregt. Natürlich (!) nur, um das Verhalten anderer Leute zu reflektieren… ;-) Im Ernst: Die von dir beschriebenen Mechanismen greifen oft schneller, als man denkt. Man denkt noch, nein, das würde mir nie selber passieren und schon erkennt man vielleicht doch das ein oder andere zutreffende Verhaltsnmuster.

    Hier gilt, wie in vielen anderen Lebenssituationen auch: Es bleibt niemals bei einem Zustand, sondern die Umstände und damit auch die eigene Person sind einer stetigen Veränderung unterworfen. Daher macht es Sinn, sich selber und die Umstände regelmäßig zu überprüfen und ggf. anzupassen.

    In diesem Sinne wünsche ich Dir ein schönes, sonniges Wochenende!

    Viele Grüße
    Jan

  2. Trainer on 9. Juli 2010 at 08:59

    Danke für diesen Artikel – Sie haben so Recht mit dem was Sie schreiben

  3. Kommentator Anonymus on 9. Juli 2010 at 13:10

    Hallo Frau Hoffmann, machen Sie eigentlich gelegentlich auch PR für andere? Oder nur für sich? Und woher nehmen Sie die viele Zeit?

  4. Kerstin Hoffmann on 9. Juli 2010 at 13:14

    Ich mache fast nur PR für andere. Davon lebe ich. Hier berichte ich über meine Arbeit und meine Erkenntnisse. Zeit dafür habe ich, weil ich schnell schreibe – und weil ich meine Zeit nicht damit verschwende, anonym weitgehend sinnfreie Kommentare in anderen Blogs zu schreiben. Fragen beantwortet?

  5. Andreas Buhr on 10. Juli 2010 at 07:50

    Derjeinge, der in seine Ziele verliebt ist, dem schiebt sich auch ein Weg unter die Füsse…wer Antorten sucht auf die Fragen:
    warum ich?
    warum ich zu diesem Thema?
    ist auf diesem Weg….und lernt. Und was wir am meisten lernen wollen (müssen), das ist, was wir am besten lehren können.
    Die Wirkung nach innen zählt immer mehr als das schiere “Aussen”. Wer so also zufällig mit dem “Arsch des Teufels leben muss”, der wird es “überleben”.
    ;-) )

  6. Marco Moll on 10. Juli 2010 at 09:25

    Hallo Kerstin, dein Artikel hat mich gerade inspiriert mir wieder einen Zettel an den Badezimmer Spiegel zu kleben mit der Aufschrift “Nimm dich selber nicht so wichtig, aber andere.” Danke für deinen anregenden Blog.

    Herzliche Grüße

    Marco

  7. Kerstin Hoffmann on 10. Juli 2010 at 11:07

    @Andreas Buhr: Ganz genau, das ist es ja gerade: Sich in eine Idee oder in Ziele zu verlieben und sich in den Dienst dieser Idee und dieser Ziele zu stellen – und nicht umgekehrt.

  8. Renate on 24. Juli 2010 at 22:13

    Hallo Kerstin, danke für den interessanten Artikel! Ich habe in einem anderen Zusammenhang über das Thema “Bekanntheit” nachgedacht und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es gar nicht so schön ist bekannt zu sein. Ich bin es nicht. Erfreulicherweise.

    Übrigens sind Sie eine der wenigen, die “das” Blog sagen.

    Herzliche Grüße – Renate

    P.S. Ich kenne einige Zeitgenossen, die es “geschafft” haben. Die Arroganz der meisten davon finde ich unerträglich Die wenigen, die im “Stillen” wirken, bedeuten mir sehr viel. Unter anderem als Vorbild.

  9. Kerstin Hoffmann on 24. Juli 2010 at 23:52

    Danke für den Kommentar.

    >Übrigens sind Sie eine der wenigen, die “das” Blog sagen.

    Hier allerdings irrt die Kommentatorin. “Das Blog” ist die geläufigere Form. Das weiß auch Wikipedia:

    “Die sächliche Form (‚das Blog‘) wird dort als Hauptvariante und die maskuline Form (‚der Blog‘) als zulässige Nebenvariante genannt.” (http://de.wikipedia.org/wiki/Blog)

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