Fasse dich kurz: Wie Social Media täglich die Werkzeuge schärfen

Einige ganz persönliche (und nicht ganz so kurze) Betrachtungen zum Schreiben-Lernen und Schreiben-Üben.

Kürzlich ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass es mich nicht mehr unter Druck setzt, Überschriften und Slogans zu erfinden. Mehr noch: Dass ich es mittlerweile regelrecht liebe.

Bemerkt habe ich das, kurz nachdem es mir gelungen war, die (fast) perfekte Kurzgeschichte in die 140 Zeichen einer Twitter-Nachricht zu packen, in der auch noch die URL Platz hatte.

Da wurde mir erstmals wirklich klar, wie sehr das tägliche Schreiben und Kommunizieren in Social Media in den letzten Jahren noch einmal meine Werkzeuge geschärft, erweitert und verbessert hat.

„Wann schreibst du das alles?“, „Wieso pflegst du in deiner Freizeit noch mehrere Blogs?“, „Wird dir das nie über?“ – Nein, wird es nicht. Gerade so gut könnte man einen Pianisten fragen, warum er außerhalb der Konzerte übt.

Das Fußballfeld in der Schuhsohle

Früher, bei der Zeitung, da habe ich geübt, mit wenigen Worten ganze Szenarien zu malen. Was ich aber, wie gesagt, vor allem  in den ersten Jahre regelrecht gehasst habe: Überschriften erfinden. Später in der Werbung: Slogans texten. Vielleicht war ich gar nicht so schlecht, aber jedenfalls war ich nie zufrieden. Ein guter Slogan oder eine gute Überschrift ist wie ein ganzes Fußballfeld, auf die Fläche einer Schuhsohle komprimiert. Wenn der Leser die wenigen Worte aufnimmt, entfaltet sich bei ihm wie von selbst das ganze Feld zu voller Größe.

Das Experimentieren mit Worten – mündlich und schriftlich – fasziniert mich. Ist mir ein Text gelungen, legt das die Messlatte nur höher. Die Suche nach dem einen perfekten Satz, dem einen perfekten Text, der alles aussagt, geht immer weiter. Schreiber sind nie zufrieden.

„OMA“, „MAMA“, „HUND“, „LEINE“…

Ich schreibe mein Leben lang. Ich schreibe, seit ich mit drei oder vier Jahren mit Wachsmalkreiden die ersten Buchstaben auf einen Block abgemalt habe: „OMA“, „MAMA“, „HUND“, „LEINE“… Was für eine faszinierende Erfahrung, dass andere – sogar fast Fremde! – über zeitliche Distanzen und wiederholt aus meinen Zeichen dieselben Laute und Bedeutungen herauslesen konnten, die ich hineingesteckt hatte. Eine der beglückendsten Zeiten meines Lebens waren die Grundschuljahre, als ich gelernt hatte, Erlebtes und Gedachtes für mich selbst in Buchstaben festzuhalten und anderen über Distanzen lautlos mitzuteilen. Ich fing an, mit Wörtern und Texten zu spielen.

Mit elf oder zwölf hatte ich mehr angefangene Bücher und Konzepte in der Schublade als andere ihr Leben lang in gedruckter Form im Regal. Zum Glück sind die meisten davon verlorengegangen, ehe ich den Mut hatte, sie irgendwem zu zeigen. Aber was das stete Schreiben bewirkte: Meine Werkzeuge wurden feiner, sie wurden mehr, und sie wurden immer schärfer. Ich übte für die Gelegenheiten, zu denen andere meine Texte zu sehen bekamen: Klassenarbeiten, Briefe an Verwandte und Freunde, Schülerzeitung, Festgedichte…  (Vergessen wir den letzten Punkt lieber schnell wieder!) Natürlich war es nicht nur das Schreiben, vielleicht sogar mehr noch das Lesen, das Vorbild anderer. Wann immer ich den Griffel aus der Hand legte, nahm ich ein Buch oder eine Zeitung hinein.

Rückblickend: ganz schön vermessen!

Ich schreibe beruflich, seit ich ungefähr zwanzig bin, und ich habe seither nie mehr länger als für wenige Tage damit ausgesetzt. Als ich 23 war, war ich überzeugt, dass ich nun alles ausdrücken konnte, in jeder gewünschten Form, Texthaltung und Länge – in drei Zeilen oder auf 3.000 Seiten. Es hat fast zwei professionelle Schreiber-Jahrzehnte gebraucht, ehe ich endlich feststellte, wie vermessen das war.

Denn rückblickend sehe ich bis heute eine Entwicklung, die immer noch weitergeht. Und ich sehe, wie erst das tägliche Schreiben in Blogs und Social Media meine Werkzeuge wirklich geschärft hat und scharf hält. Wie ich immer tiefer in die Welt der Wörter und in die subtilen Bedeutungsunterschiede eintauche. Wie ich im Austausch mit anderen, mit deren unmittelbarem Feedback und durch den Spagat über alle Medien immer noch mehr Spaß an der Sache bekomme.

Schmiert die geistigen Gelenke

Im Dialog mit meinen Facebook-Kontakten übe ich wertschätzende Schlagfertigkeit – denn auch böse Bemerkungen bleiben für immer im Netz, aber langweilige werden gähnend weggeklickt. Das Bloggen hält mich im Schreibfluss und schmiert die geistigen Gelenke. In immer neuen Texten entdecke ich immer neue Möglichkeiten, etwas auszudrücken. Soziale Netzwerke fordern zum Dialog heraus, zu kurzen und langen Texten.

Die Kommunikation dort spiegelt viele kleine Mikrokosmen. Sie führt zu direktem Kontakt, zu Telefonaten, Treffen, zum Austausch über Themen. Sie ist schnell, sie hält wach, sie fordert heraus. Sie gibt unmittelbare Rückmeldung zu dem, was gerade erst veröffentlicht ist. (Während wir früher, bei der Zeitung, schon herausragend gut oder schlecht schreiben oder ein sehr brisantes Thema aufgreifen mussten, um überhaupt einmal einen Leserbrief zu provozieren.)

Es ist mir schon zum Habitus geworden, selbst vor dem Abschicken einer Mail noch einmal alle Nuancen zu prüfen: Kommt genau das herüber, was ich sagen wollte? Erkennt der Empfänger Ironie? Erzeuge ich die Textstimmung, die ich beabsichtigt habe, bei dem, den ich erreichen will? Das müssen keine großen Themen sein. Es geht einfach um Aufmerksamkeit für das Gegenüber und Wertschätzung des Gesprächspartners. Ich schaue ja auch nicht weg oder nuschle, wenn ich mich unterhalte.

Wie sind denn Ihre Erfahrungen?

Erwarten Sie jetzt von mir bitte nicht jedesmal das perfekte Blogpost oder nur fehlerfreie Mails. Tippfehlerfrei schon gar nicht. Dafür gibt es im Ernstfall das Korrektorat. Nicht jede Übungsstunde ist ein Konzert. Aber – wenn Sie Lust haben – beobachten Sie doch einmal selbst, welche Fähigkeiten, Fertigkeiten das tägliche oder häufige Kommunizieren in sozialen Netzwerken bei Ihnen schult. Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen dazu!

Foto: vinodvv aka vcube/flickr (Creative Commons)

  6 comments for “Fasse dich kurz: Wie Social Media täglich die Werkzeuge schärfen

  1. 21. Juni 2010 at 10:01

    Das ist ein Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Ich empfehle meinen Coachees – als eine (unter mehreren) Übungen – zu twittern, um Kürze und Prägnanz zu schulen. Bei der inhaltlichen Vor- und Aufbereitung von Präsentationen ist aus meiner Sicht vor allem die Kernbotschaft wichtig (d.h. das aus der Sicht des Redners durchaus emotional gefärbte Kondensat des Themas) – und wie könnte man das besser schulen als durch 140 Zeichen?
    Meine Textsicherheit (die mir häufig attestiert wird, obwohl ich sie nur indirekt beruflich nutze) stammt aus meiner Zeit als Übersetzerin. Netterweise war der Inhalt in der Ausgangssprache schon da – ich musste ihn ’nur noch‘ in adäquate deutsche Worte fassen 😉

  2. 23. Juni 2010 at 13:26

    Ein sehr schöner Beitrag, in dem ich mich an wirklich vielen Stellen wiedererkennen konnte (insbesondere die unzähligen Skriptideen ;)).

    Die veränderte, geschärftere Wahrnehmung im Umgang mit Wort, Text und Bild sowie der Botschaft, die diese transportieren sollen, sind in der Tat auch für mich auf die verstärkten Nutzungen von Social Media zurückzuführen. Caroline hat es ja schon umrissen, auf den Punkt zu texten hat gerade mit Twitter eine fantastische Trainingsmöglichkeit gefunden.

    Und so ist auch das „Fußballfeld in der Schuhsohle“ eine wunderbare Metapher dafür. Die Tweets von @tinytales zum Beispiel sind für mich jedes Mal aufs Neue kleine Meisterwerke, die mich doch immer wieder staunen lassen, wie viel Geschichte in so wenigen Zeichen stecken kann. Obwohl ich zu meiner „Schande“ ja fast schon gestehen muss, dass ich ein großer Fan von langen, kaum enden wollenden Sätzen bin, die als ein einziges Konstrukt viele Ideen und Fakten aufgreifen.

    Aber das dürfte auch der Lieblingsliteratur geschuldet sein, die man über die Jahre hinweg immer wieder aufsaugt (gerade James Joyce, F. Scott Fitzgerald und Oscar Wilde tragen nicht wirklich zum Kurzfassen bei) 😉

  3. 30. Juni 2010 at 15:22

    Ein wunderbarer Artikel, der mich dazu veranlasst hat, ihn in meinem Blog zu verlinken, da hier aus professioneller Sicht viele Dinge bestätigt werden, die ich aus meiner Amateursicht als Blogger offensichtlich ähnlich sehe.

    Vielen Dank Jürgen Schnick

  4. 4. Juli 2010 at 00:05

    Wenn du die perfekte Kurzgeschichte in 140 Zeichen geschrieben hast, ist vielleicht http://www.kurzzz.de was für dich. eine Kurzgeschichte in 500 Zeichen schreiben.

  5. 5. Juli 2010 at 07:46

    Oh, danke – aber an den langen Stücken arbeite ich noch. 😉

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