“Jeder hat das Recht traurig zu sein!” – Authentizität im Business

16. Februar 2010

mirrorNeulich war ich aus persönlichen Gründen wirklich niedergeschlagen. So niedergeschlagen, dass mein Kunde etwas bemerkte: “Frau Hoffmann, so kennen wir Sie ja gar nicht!” – ‘Stimmt!’, dachte ich mir, legte innerlich den Schalter um – und funktionierte ab diesem Moment wieder perfekt, inklusive meiner gewohnten heiteren Grundhaltung. Denn erstens hatte ich mir in mehr als zwanzig Berufsjahren noch nie so einen Stimmungseinbruch während der Arbeit geleistet. Zweitens war – und bin ich nach wie vor – der Auffassung, dass meine Kunden Anspruch auf die volle Leistung haben, ganz gleich, wie es mir persönlich geht. Drittens bin ich immer stolz darauf gewesen, mich zwar persönlich einzubringen. Aber persönliche Flausen, Stimmungen oder auch Erschöpfung habe ich mir in der Arbeit nie geleistet.

Tatsächlich ging es mir auch viel besser, nachdem ich mich einmal zusammengenommen hatte. Allerdings: Nachdem der Job beendet und ich wieder zu Hause und sozusagen in meiner privaten Person angelangt war, kam die Niedergeschlagenheit zurück. Einige Tage später, abends nach dem Sporttraining, sprach ich darüber mit einer Bekannten. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir genau darauf kamen. Sie ist zufällig Ärztin in der Psychiatrie. Und sie sagte einen Satz, der mir sehr zu denken gab: “Jeder hat das Recht traurig zu sein und auch einmal nicht zu funktionieren!” Sie finden das vielleicht selbstverständlich? Mir ging dieser Satz lange nach und geht es noch, weil ich eben genau das für mich nie selbstverständlich gefunden habe. “… aber so etwas kann ich mir nicht leisten!”, wandte ich eine Spur zu heftig ein. “Ich bin Freiberuflerin, ich mache meinen Job hundertprozentig. Weder werde ich längere Zeit ausfallen, noch werde ich mich sonstwie gehen lassen. Alles bloß Selbstmitleid.” Sie schaute mich freundlich an: “Alles klar. Mach noch ein paar Jahre weiter. Oder überlege dir rechtzeitig, ob du auch einmal etwas nachsichtiger mit dir sein willst und dir gestattest, nicht immer perfekt zu funktionieren. Du bist ein Mensch. Kein Mensch kann immer funktionieren.”

Sie fragen sich, warum ich über dieses Thema in einem Blog schreibe, in dem es um Unternehmenskommunikation und PR geht? Wenn Sie mich – oder das, was ich schreibe – auch nur ein wenig kennen, dann wissen Sie, dass Authentizität für mich einer der wichtigsten Werte in Werbung und PR ist. Image und Selbstmarketing gehören elementar zu meinem Arbeitsbereich dazu; viele meiner Kunden berate ich in ihrer persönlichen Kommunikation und in ihrem Auftreten. Auch mein eigenes Auftreten in der Öffentlichkeit und in Medien ist für meinen beruflichen Erfolg mit entscheidend.

Aber wie weit ist eine solche Authentizität wirklich möglich? Wie sinnvoll ist sie überhaupt? Wo liegt die goldene Mitte zwischen Verstellung und ungebremster Emotionalität? Und: Wie verwirkliche ich diese Werte, die ich täglich predige, selbst? Was ist mit dem Blick in den Spiegel, mit Selbstbild und dem Fremdbild? – Alle diese Fragen hat dieser schlichte Satz, ausgesprochen in einer Umkleidekabine, in mir ausgelöst.

Ich schenke diesem Thema mehr Aufmerksamkeit. Ich betrachte Stimmungen bei anderen mit mehr Nachsicht und Mitgefühl. Ich bin eher geneigt, auch einmal etwas Persönliches zu zeigen oder zuzugeben. Ich beginne einzusehen, dass ich nicht immer gut gelaunt und heiter sein muss. Man kann auch arbeiten, wenn man traurig ist. Man darf auch traurig sein, wenn man arbeitet. Man darf auch einmal ein paar Tage die Zügel schleifen lassen – wenn man nicht gerade einen Kunden mit einer wichtigen Deadline hängen lässt.

Aber man kann vorsorgen, indem man sich beispielsweise ganz bewusst ein Netzwerk aufbaut, das im Notfall einspringt – statt immer und unbedingt auf die eigene hundertprozentigen Funktionsfähigkeit (was für ein schreckliches Wort eigentlich für einen Menschen) zu vertrauen. Es müssen ja nicht die großen Dramen sein, die eine Pause verlangen.

Wie sich so etwas nach außen darstellt? Wie es sich auf das Image auswirkt? Zumindest über mich selbst kann ich Ihnen das nicht sagen. Das müssen Sie andere fragen. Aber mich interessiert sehr: Wie sehen Sie das? Wie gehen Sie mit Ihren persönlichen Schwächen und Ihren Gefühlen in der Öffentlichkeit um? Wieviel gestatten Sie sich? Wieviel geben Sie wirklich im Business-Umfeld von sich persönlich preis?

> Thomas Pleil und Daniel Rehn haben übrigens gerade kürzlich einen sehr interessanten Beitrag über “Authentizität in der PR und im Social Web im Besonderen” veröffentlicht.

Foto: flickr/LollyKnit

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7 Antworten auf “Jeder hat das Recht traurig zu sein!” – Authentizität im Business

  1. Smaugk on 16. Februar 2010 at 12:11

    Über viele Jahre war ich als Vertreterin im Außendienst unterwegs. Ein anstrengender und schöner Job. Über die Zeit hat sich zu meinen Kunden ein teilweise sehr inniges u. persönliches Verhältnis aufgebaut. Ich stellte fest, dass es oftmals einfacher ist, einem Fremden (also mir) das Herz auszuschütten, als vielleicht einer näherstehenden Person. So war ich manches Mal Blitzableiter und Zuhörer von Dingen, die mich eigentlich nichts angingen. Besonders zwei Geschichten bewegen mich noch heute: einmal die detaillierte Erzählung über den plötzlichen sehr frühen Tod der Ehefrau und die Erzählung eines Kunden, der bei einem Verkehrsunfall einem Fremden beim Sterben beistand. Sowas steckt man nicht einfach weg, es gehört aber zum Leben dazu.
    Ich denke, ohne Menschlichkeit ist Geschäft nur Geschäft und Geld. Gerade wenn man sich den größten Teil der Lebenszeit im geschäftlichen Umfeld bewegt, ohne sich menschliche Schwächen leisten zu dürfen, wird man zu einer funktionierenden Hülle im System ohne eigenes Profil. Man vergibt sich selbst Lebensreichtum. Gestehe ich dem anderen Schwäche zu, darf ich selber auch mal schwach sein. Ich kann andere Menschen trösten, auch wenn ich nur zuhöre und mir selbst keine Worte dazu einfallen.
    Andererseits durfte ich bei (einigen) meiner Kunden auch mal sagen: ach heute bin ich ganz müde und niedergeschlagen und es geht mir nicht so gut. Dann hat man zusammen einen Kaffee getrunken und es etwas langsamer angehen lassen.
    Menschlichkeit im Geschäftsleben – ich habe damit nur positve Erfahrungen gemacht.

  2. Angelika on 16. Februar 2010 at 14:57

    Dies ist ein Thema, dass mich auch immer mal wieder beschäftigt – und eine Frage, auf die es sicherlich tausend Antworten gibt, nur keine eindeutige. Für mich als PR-Kollegin ist das Gleichgewicht zwischen “Funktionieren” und etwas von mir zeigen immer ein wichtiges Thema gewesen. Genauso wie die Balance zwischen Arbeit und Freizeit.

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich selbst bei der Akquise erfolgreich sein kann, wenn ich nicht gerade meinen “dynamischen Tag” habe. Einfach dadurch, dass ich mich selbst mit meinen Stimmungen und Gefühlen annehme und gar nicht erst versuche, sie zu überspielen. Ich bin kein allzu großer Fan davon, bei Kunden zuviel Privates preiszugeben. Früher war ich da offener. Was manchmal sehr nett, vielleicht aber auch ein bisschen zu privat war. Vermischen möchte ich Privates und Berufliches nicht mehr, es sei denn, es ergibt sich irgendwann von selbst. Dann muss aber erstmal die berufliche Basis stimmen. Für mich ist es wichtig, darauf zu achten, dass ich mit mir selbst in gutem Kontakt bleibe – privat gut für mich sorge und genügend Menschen habe, bei denen ich absolut ich selbst sein darf (das kann neben guten Freunden auch mal ein Coach sein). Für mich geht’s genau darum: auch mal schwach sein zu dürfen, nicht unbedingt vor Kunden, sondern vor mir selbst.

  3. Birgit on 16. Februar 2010 at 20:15

    Ich arbeite im Bestattungsbereich, in dem es durchaus erlaubt ist traurig sein, zumindest den Kunden. Doch jeder der mit Menschen arbeitet braucht emotionale Kompetenz, d.h. die Fähigkeit, mit eigenen und fremden Gefühlen umgehen zu können.

    Die Angst vieler Menschen in ihrer beruflichen Rolle ist, dass Berührung oder Trauer zu zeigen, der eigenen Professionalität widersprechen könnte. Das Gegenteil ist der Fall. Wer sagt eigentlich, dass ich allezeit lächeln muss? Dass man mir nichts anmerken darf, wenn ich gerade etwas erlebt haben, was michberührt hat?

    Natürlich gibt es eine Grenze gegenüber Kunden und Geschäftspartnern, diese zu kennen ist Zeichen der Professionalität. Ich werde nicht bei einem Kunden oder in einem Vortrag zusammenbrechen. Aber ich darf mitteilen, dass ich heute vielleicht nicht ganz so aufmerksam bin, weil ich vielleicht gestern die Nachricht vom Tod eines Freundes bekommen habe.

    Das ist einfach menschlich und ich habe noch nie jemanden erlebt, der das unprofessionell fand. Und wenn es doch einmal so wäre, wäre dies für mich eher ein Zeichen dafür, dass mein Gegenüber nicht weiß, wie er mit Gefühlen umgehen könnte.

  4. Daniel Rehn on 16. Februar 2010 at 20:45

    Im Grunde kann ich mich den Aussagen von Birgit nur anschließen. Neben fachlicher Kompetenz kommt es (mMn auch gerade) im Kommunikationsbusiness darauf an emotionale Kompetenzen aufzeigen und Zwischentöne nicht nur hören, sondern auch spielen zu können. So, wie Sie auf einen Kunden, der einen schlechten Tag hat, reagieren können (und oftmals auch müssen), so sollte ein Kunde, den man über einen gewissen Zeitraum begleitet, auch mit einem Berater umgehen können, der nicht immer der pure Sonnenschein in Person ist.

    Nicht das Sie mich falsch verstehen: Mit einem Lächeln geht es oftmals tatsächlich sehr viel leichter, aber irgendwann tun einem selbst vom ständigen Lächeln die Wangen weh, so dass man sich auch einmal eine (emotionale) Auszeit gönnen sollte. Wenn das, wie in Ihrem Fall, bedeutet, dass man einmal nur mit der dritt- oder viertbesten Laune agiert, dann ist das vollkommen in Ordnung, solange – wie Sie schon sagten – die Professionalität der Arbeit bzw. das Endergebnis nicht darunter leiden.

    Aus eigener Erfahrung mit Gruppen- und Einzelarbeiten an Semesterprojekten weiß ich, dass es manchmal für den Auftraggeber, die Kommilitonen als Mitarbeiter und die eigene Arbeit besser ist die Karten offen auf den Tisch zu legen und das eigene Formtief gleich aufzudecken, anstatt etwas auf lange Sicht stillschweigend mit sich rumzutragen, sich verstellen zu müssen und dann auf Grund einer Kleinigkeit, die als Auslöser schon ausreicht, zu explodieren – denn das wäre der tatsächliche Professionalitäts-GAU, der einem auf jedem Fall länger anhaftet als ein Gespräch ohne Lächeln auf den Lippen.

    Von daher bin ich nach Möglichkeit lieber offen (vorausgesetzt es ist nicht allzu persönlich und privat), damit allen geholfen ist und jeder weiß, worauf er sich in den nächsten Stunden der Zusammenarbeit einlässt. Auch dieses Verhalten ist authentisch, da man echt bleibt und zu seinen eigenen Schwächen steht.
    Schließlich sind es nicht nur unsere Ecken und Kanten, die uns ein Profil verleihen, sondern auch die kleinen Kratzer und Macken, die den Lack zwar hier und da beschädigen, aber auch ein Zeichen für Erlebnisse und Erfahrungen sind – allesamt Dinge, die wir mit einem Kunden teilen können, um ihn so voran zu bringen ;-)

  5. Thomas Büdinger on 17. Februar 2010 at 11:59

    Ich gestatte mir traurig zu sein. Wer mich kennt, weiss, dass ich ein großer Freund von Kommunikation und Transparenz bin. Wer mit mir zu tun hat, bekommt in der Regel auch immer ein wenig Privatperson Thomas Büdinger mit. Ich sehe mich vorrangig als Menschen und nicht in irgendeiner Rolle. Wenn ich also mal nicht so kommunikativ bin oder es mir schlecht geht, rede ich auch darüber. Nicht jeder bekommt natürlich die “volle Packung”, aber ich gebe zu verstehen, wie es aktuell in mir aussieht. In den meisten Fällen wird dieser Zustand dann auch respektiert.

    Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass sich mehr auf der emotionalen Ebene abspielt, als den meisten lieb ist. Es gibt inhaltliche Themen, die sachlich sind, aber im Job fällt in der Regel die Entscheidung dann über das Gefühl. Meistens in Verbindung mit dem sympathischen oder unsympathischen Gegenüber.

    Ich mag Menschen, die ehrlich und authentisch sind. Bei Ihnen muss ich nicht überlegen, ob sie sich verstellen oder gerade eine andere Meinung zum Thema haben. Sie sind mir schlicht die liebenswerteren Kontakte im Leben.

  6. Anke Stockhausen on 1. März 2010 at 10:54

    Ich stimme ganz mit Thomas überein! Ich halte es auch so, immer ein Teil von mir in meinen Seminaren preis zu geben und habe nur gute Erfahrungen damit gemacht. Die Kunden, die ja Menschen sind (wird wohl manchmal auch vergessen?!) möchten mE wissen, mit wem sie es als Mensch zu tun haben, nicht nur als Dienstleister. Ich möchte das umgekehrt auch, sonst ist eine gute Zusammenarbeit nicht wirklich möglich. Meine Grundsatz “Ist etwas bei dir los und du hast den Eindruck, dass es die Beziehung gerade belastet, sprich es an”. Egal bei wem.
    Ich kann mich noch gut an ein Seminar erinnern, in dem der Inhalt technisch war (Microsoft Office) und wohl das Vorurteil herrschte, da seien Gefühle fehl am Platz. Es war 2 Tage nachdem mein Kater gestorben war, der mich 18 Jahre lang begleitet hatte. Ich merkte immer mehr, dass ich nicht gut funktionierte, meine Teilnehmerinnen und Teilnehmer aber auch “Themen” mitgebracht hatten. Mitten im Seminar, das sich träge dahin zog, sprach ich die Sache an, sogar mit etwas “Pipi” in den Augen. Als der Anfang gemacht war und mich besser fühlte, äußerten 70% der Anwesenden, auch etwas Belastendes mitgebracht zu haben. Einige erzählten dies konkret, andere deuteten nur an. Es waren sehr unterschiedliche Themen, aber jeder verstand plötzlich die komische Stimmung im Raum. Kling wie eine Therapiegruppe und ich war froh, durch eine Coachingausbildung und meine Kommunikationshintergrund mit dieser Situation umgehen zu können. Aber Gefühle sind immer da und wenn man die negativen “weg haben will” wird es eher noch schlimmer. Wir tranken einen Kaffe, merkten, dass wir nun besser weiter arbeiten konnten und heute alle mal nicht so gut funktionieren dürfen. Haben wir dann aber letztendlich doch… Eine gute Erfahrung, sicherlich extrem und selten aber für mich sehr wertvoll!

  7. Natalie Schnack on 23. März 2011 at 12:53

    Hallo Frau Hoffmann,
    Ihr Beitrag ist zwar schon von längerer Zeit entstanden, aber erst jetzt von mir entdeckt.
    Das Thema finde ich aktueller denn je.
    Ich finde, dass wir als Menschen uns unsere Gefühle auf jeden Fall gestatten sollen. Gerade für Selbständige ist es enorm wichtig, nicht in die Perfektionsfalle zu tappen und nur noch als Roboter zu funktionieren. Wie soll ich denn so einen Job auf Dauer ertragen und lieben, wenn ich dabei nicht ich selbst sein darf?
    In meiner Arbeit als Coach ist das Wichtigste überhaupt, eine Beziehung zum Klienten aufzubauen. Das gelingt nur dann, wenn ich mich als Mensch zeige. Menschen, die zur Perfektion neigen verwechseln oft Professionalität mit Makellosigkeit. Professionell bedeutet in meinem Verständnis, dass ich die Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringe, die für die Arbeit wichtig sind, dass ich in Beziehung zu Menschen gehe, dass ich mit Leidenschaft gute Ergebnisse im Sinne des Kunden erreiche.
    In diesem Sinne,
    sonnige Grüße aus dem Norden
    Natalie Schnack

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