“Hoffentlich sieht mich hier keiner!”

28. Januar 2010

kerstin_kameraVielleicht ist es Ihnen aufgefallen: Hier im Blog war es in letzter Zeit ziemlich ruhig. Das liegt daran, dass ich eine Kreativpause eingelegt und in dieser Zeit nur wenig veröffentlicht habe – statt dessen an meinen eigenen Themen gearbeitet, an meiner Ausrichtung und an der Planung meiner Aktivitäten für 2010. Meinen Newsletter-Abonnenten und natürlich meinen Kunden hatte ich diese Pause angekündigt. Ich habe darüber nachgedacht, das auch ins Blog zu schreiben. Ich habe es nicht getan. Manchmal, nein: oft ist es mir unangenehm, jeden meiner Schritte und meine Lebensrhythmen im Netz nachvollziehbar zu sehen, mittelbar oder unmittelbar.

Einmal ganz abgesehen davon, dass ich peinliche persönliche Nabelschauen in allen Medien sowieso mit allen Mitteln zu vermeiden suche: Ich kann nicht umhin, als Firma, als Beraterin öffentlich aufzutreten. Das bezieht persönliche Aussagen und persönliche Kontakte zu einem gewissen Grad mit ein. Aber ich versuche, mein Privatleben so weit wie irgend möglich aus allen Medien herauszuhalten. Das funktioniert nicht immer. Das funktioniert vor allem dann nicht, wenn andere in Social Media sich auf die Privatperson beziehen und Dinge schreiben oder fragen, die mir zu privat sind, um sie zu veröffentlichen.

Präsenz im Netz oder völlige Anonymität? Die Spanne dazwischen ist groß, aber die wenigsten Unternehmer können es sich leisten, nicht öffentlich aufzutreten. Wer etwas anbietet, muss sich zeigen. Firmen ohne Website sind kaum noch denkbar. Aber was ist mit persönlichen Daten im Internet? Mit den Menschen hinter den Produkten? Mit den Gesichtern, Adressen, Vorlieben, Werdegängen? Diese Fragen stellen sich ja nicht nur mir, sondern vielen anderen auch. Mich interessiert: Wie gehen Sie denn damit um?

Ich habe mich irgendwie daran gewöhnt, mit meinem Gesicht in den Medien präsent zu sein, überall im Internet findbar – und auch ziemlich einfach für jeden kontaktierbar. Fast daran gewöhnt jedenfalls. Aber tatsächlich ist es mir auch nicht immer wirklich klar, was das bedeutet, weil es so abstrakt ist. Da sitzt man in Freizeitkleidung am Computer, behaglich im eigenen Büro – ist aber zugleich überall mit der Welt draußen vernetzt und für jeden absolut sichtbar. Eine Alternative gibt es nicht, wie für die meisten anderen Menschen, die professionell in Sachen Kommunikation unterwegs sind. Der Output korreliert unmittelbar mit dem Interesse, das von außen kommt, mit der Resonanz und letztlich mit den Umsätzen.

Das ist eben immer die Sache mit dem Kuchen, den man nicht aufessen und zugleich behalten kann. Man kann nicht sichtbar, findbar und kontaktierbar sein – und zugleich anonym bleiben. Ich kann nur für mich sprechen, aber diese Problematik haben wohl all jene Menschen, die praktisch identisch mit ihrem eigenen Unternehmen sind: Freiberufler, Berater, Trainer, Sprecher… Und natürlich für solche, die in Unternehmen ganz vorne stehen und es nach außen hin repräsentieren. Mehr als je zuvor ist Erfolg heute mit Bekanntheit – zumindest relativer Bekanntheit, also innerhalb bestimmter Gruppen oder Branchen – unmittelbar gekoppelt. Das gilt ganz besonders für die neuen Medien: Im Social Web agieren vornehmlich Personen, erst in zweiter Linie Unternehmen.

Die Sache hat ja auch noch einen anderen Aspekt, den ich oben schon ansprach: Ich bestimme nicht allein, was über mich im Internet steht. Selbst wer gar nichts online stellt, muss damit rechnen, dass ÜBER ihn berichtet wird. Wie wichtig regelmäßiges Monitoring ist, habe ich neulich schon einmal ausgeführt. Meine Erfahrung – nicht allein und nicht vor allem mit meinem eigenen Image, sondern mit dem vieler Kunden, die ich betreue – ist jedoch: Je überlegter und gezielter ein Unternehmen selbst veröffentlicht, desto mehr Einfluss hat es auf das Bild, das andere anhand der Medien von ihm gewinnen. Dazu muss man sich aber zunächst einmal ausführliche Gedanken machen und ein Konzept entwickeln, das ständig überprüft und nachjustiert wird. Kleine Schnitzer können sich lawinenartig zu großen Imageschäden auswachsen. Davor ist niemand gefeit, aber man kann das Risiko minimieren.

Dennoch erinnere ich mich häufig an meinen Kollegen M., Fernsehjournalist, der mir einmal erzählte: “Da stehst du vor der Kamera, faselst irgendetwas ins Mikro und denkst dabei: ‘Meine Güte, hoffentlich sieht mich hier keiner!’”

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4 Kommentare zu “ “Hoffentlich sieht mich hier keiner!” ”

  1. Nathalie on 28. Januar 2010 at 20:56

    Mich beschäftigt das Problem Anonymität oder Präsenz im Netz auch sehr. Einerseits bin ich selbständig im Dienstleistungsbereich für vermögende Privatkunden. Hier wird auf Webpräsenz kein Wert gelegt, Diskretion zählt.
    Andererseits habe ich privat einen immer erfolgreicher laufenden Koch-Blog, der anonym läuft. Ich wollte nicht, daß ich über diesen Blog gefunden werde. Wenn ich ihn aber irgendwann ausbauen will, komme ich darum nicht herum.
    Eine Entscheidung wird wohl in 2010 anstehen.

  2. Christiane on 29. Januar 2010 at 12:10

    :) Das ging mir genauso – bei jedem Fernsehauftritt hatte ich die verrückte Hoffnung “hoffentlich sieht mich keiner”. Beim Radio habe ich das Problem gar nicht, im Internet auch nicht. Aber Fernsehen, das ist schon ein eigenes Kaliber – und die Reichweite wirklich erstaunlich. Leute sprechen einen daraufhin an, mit denen man Jahre keinen Kontakt hatte. Ich versuche es jetzt so gut wie möglich zu vermeiden, auch wenn das für die Kollegen nicht ganz nachvollziehbar ist (wie auch für mich, eigentlich).

  3. Lars Hahn on 29. Januar 2010 at 22:25

    Hallo!

    Manchmal stelle ich mir schon die Frage: “wie sieht eigentlich genau das Bild aus, das andere von mir im Web gewinnen?”.

    Aber vermutlich ist das, wie mit dem Blick in den Spiegel: So wie andere mich betrachten, werde ich selbst mich wohl nie sehen…

    1987 habe ich übrigens zum Boykott der Volkszählung aufgerufen, weil mir damals die Fragen allzu intim waren. Heute scheint mir das damalige Verhalten eher “niedlich”. In der Tat lege ich auch Wert auf meine “Reputation”. Beruflich Relevantes gebe ich nur zu gerne preis, da dies natürlich die Menschen im Web lesen dürfen und sollen.

    Allzu Privates wird nicht virtuell verbreitet. Gemeinsames “Kaffeetrinken” sollte immer noch beim realen Kaffee stattfinden.

  4. [...] Befindlichkeiten und halte es da eher wie Kerstin Hoffman (PR-Doktor), die in ihrem Post “Hoffentlich sieht mich hier keiner!” schrieb ‘…ich versuche, mein Privatleben so weit wie irgend möglich aus allen [...]

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