Welcher Sprechtyp sind Sie?

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie unterschiedlich verschiedene Menschen ein und denselben Sachverhalt formulieren? Nachdem mir letztens kurz nacheinander mehrere sehr extreme Sprechtypen begegnet sind, habe ich die folgende Klassifizierung entwickelt. (Achtung! Nicht ganz ernst zu nehmen. Kein Anspruch auf Vollständigkeit. Weibliche Form bitte bei Bedarf selbst einsetzen.)

Der Formalo

Der Formalo würde auf eine Termin-Anfrage niemals antworten: „Da kann ich nicht.“ Für ihn sind „Termine nicht darstellbar“ oder er sieht sogar eine „Gefährdung der Darstellbarkeit durch unvorhergesehene Ereignisse“. Substantive sind das Lebenselixier des Formalos. Ein getragener Tonfall ist ihm zu eigen. Er spricht über das Wetter wie andere ihre Anträge bei übergeordneten Behörden formulieren würden. Vermutlich bedauert er, dass er von seinen mündlichen Äußerungen keine Durchschläge abheften kann.

Der Guru

Der Guru formuliert jeden Satz wie die letzte Wahrheit und erwartet, dass ihm das Publikum atemlos an den Lippen hängt. Verkündigungen wie „gestern ist mir das Spiegelei angebrannt“ gewinnen aus seinem Munde die Qualität eines apokalyptischen Szenarios. Selbst simple Auskünfte wie die Telefonnummer seiner Patentante sind unbedingt bindend. Empfehlungen des Gurus („vernünftiges Brot kann man nur bei der Bäckerei Schmitz kaufen“) sollten widerspruchslos aufgenommen und zügig befolgt werden. Ansonsten drohen unabsehbare Konsequenzen.

Der Verkäufer

Mit offenen Armen, strahlend-zähnezeigendem Lächeln und fließendem Schwung in der Sprechmelodie kommuniziert der Verkäufer. Er fixiert mit stahlblauem Blick ständig das Gesicht seines Gegenübers und achtet darauf, dass er in jedem Moment die volle Aufmerksamkeit erhält. Er will sicher sein, dass er ankommt und gehört wird. Zufrieden ist er erst, wenn alle überzeugt sind – und ihm das auch versichern. Ein einfaches Nicken reicht im Zweifelsfall. Wie der Guru ist auch der Verkäufer kein starker Zuhörer.

Der Marketer

Formulierung? Zentrales Bildmotiv? Vielfalt? Solche Wörter kennt der Marketer nicht. Für ihn  gibt es nur „Wording“, „Key Visual“ und „Diversity“. Zwar muss er nicht unbedingt im Marketing eines Unternehmens sitzen, aber er begnügt sich auf keinen Fall mit ordinären deutschen Wörtern, wenn es auch ein neudeutsches Äquivalent gibt. Zur Not erfindet er selbst welche. Im Anfängerstadium unterlaufen ihm auch schon mal kleine Schnitzer. Da wird aus dem „Eye-Catcher“ im Eifer des Gefechtes ein „Catch-Eye“. Das ficht den Marketer nicht an. Er weiß, wie man mit Fremdwörtern renoviert.

Der Schnodderer

Er spricht angesagte Wörter gelassen aus. Im Meeting mit gestandenen Maßanzugträgern und -trägerinnen findet er die Dinge „obercool“ oder „echt geil“. Wenn er mit Teenagern zusammenlebt, bereichert sich sein Vokabular noch erheblich. Mit Mühe hält er sich davor zurück, dem Aufsichtsratsvorsitzenden mit einem lässigen „Phatt, Alter!“ beizupflichten. Er nennt die Sachen beim Namen, und ein gelegentliches „Sch…“ gehört bei ihm zum guten Umgangston. Satz-Enden werden schon mal verschluckt oder vernuschelt. Der Schnodderer macht allen klar, dass er nichts wirklich ernst nimmt und dass das gekonnte Understatement seine ureigenste Lebensform ist.

Der Volksnahe

Er ist dem Schnodderer nicht unähnlich, verwendet aber ein ganz eigenes Stilmittel, nämlich den Dialekt. Oft ist es nicht sein eigener. Um seinen warmherzigen Bezug zu nicht so Sprachbegabten zu demonstrieren, kommen dem Volksnahen solche Wörter wie „das“ und „was“ nicht über die Lippen. Lebt er im Rheinland, sagt er durch die Bank „dat“ und „wat“ und lässt auch sonst gerne mundartliche Besonderheiten einfließen. Kommt er von irgendwo anders her, verwendet er gerne „det“ oder versucht sonstwie zu berlinern – besonders im Verbund mit zusätzlichem ungewollten mundartlichem Einschlag ein unvergessliches Hörerlebnis.

Der Korrektor

Ihm würde niemals ein „Sch…“-Wort von den Lippen kommen. Ganz abgesehen davon, dass er selbst bei der Gartenarbeit noch angemessen gekleidet ist, findet der Korrektor für jedes normale Wort einen etwas besseren Begriff. Wo andere „krank“ sind, spricht er von „erkrankt“. Als die Währung noch Mark hieß, sprach er von „De-Mark“, jetzt rechnet er zumindest kleinere Beträge in „Euro-Cents“. Der Korrektor korrigiert keinesfalls andere, aber er ist selbst stets um eine völlig makellose Formulierung und Aussprache bemüht. Wir wünschen dem Korrektor nichts Böses, aber wir wären gerne zu Forschungszwecken dabei, wenn er sich, sagen wir mal, mit einem Hammer auf den Daumen haut.

Das Chamäleon

Ein besonders interessanter Sprechtyp ist das Chamäleon, das sich flexibel der Ausdrucksweise seiner Umgebung anpasst. Wird es mit der arbeitenden Bevölkerung konfrontiert, mutiert es zum Volksnahen, vor dem Chef nimmt es die Identität des Korrektors oder des Formalos an. Im Umgang mit Jugendlichen wird es zum Schnodderer – oft allerdings mit zweifelhaftem Erfolg.

Der Normalo

Du. Sie. Ich. Wir. – Oder würden Sie sich etwa einem der oben beschriebenen Sprechtypen zuordnen???

  4 comments for “Welcher Sprechtyp sind Sie?

  1. 1. April 2009 at 11:09

    😀
    Sehr schön!
    Also ich würde mich als ganz normalen volksnahen Schnodderer mit Hang zum apokalyptischen Korrektor bezeichnen.
    😀

    Tschüssing vom sonnigen Elbstrand
    Oliver Schuh | agd | die gebrauchsgrafiker

  2. kerstinhoffmann
    1. April 2009 at 11:13

    😀

  3. 7. April 2009 at 04:08

    Ich sehe mich ebenfalls als Schnodderer mit Tendenzen zur Volkstümelei, der sich in erzeiherischen Situationen ertappen muss, als Korrektor erkannt zu werden …
    oder vielleicht doch das Chamäleon??

    Viele Grüße aus Regen, wo auch mal die Sonne scheint.

    Holger Enge
    http://www.creativparc.com

  4. 7. April 2009 at 06:29

    Hmm, Schnodderer mit Tendenzen zur Volksnähe …
    dann ertappe ich mich, dass ich in erzieherischen Situationen auch der Korrektor bin.
    Also doch das Chamäleon?

    Irgendwo dazwischen.

    Viele Grüße aus Regen, wo gerade die Sonne aufgeht.

    Holger Enge
    http://www.creativparc.com

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