Warum seid ihr eigentlich alle so ernst? – Plädoyer für eine neue Leichtigkeit in den Neuen Medien

24. März 2009

Es ist, glaube ich, gestern abend passiert. Ich schrieb gerade in einer XING-Gruppe einen Beitrag zu der Frage eines anderen Users, ob und wie und wie wirkungsvoll man Twitter nutze. Gleich danach las ich in meinem Google-Reader verschiedene Beiträge zur Effizienz verschiedener Web-2.0- und Social-Media-Anwendungen – und machte mir dazu ernste und wichtige und effiziente Gedanken. Über den Kopfhörer lief Albinonis Adagio in g-Moll in der Fassung von den “Doors”. Da muss es geschehen sein.

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Warum seid ihr eigentlich alle so ernst? Warum bin ich selbst so ernst? Da haben wir ein ganzes Internet voller netter Spiele und Tools, und was tun wir? Wir gehen alles andere als spielerisch damit um. Wir netzwerken uns halb tot – statt einfach zu genießen, wie leicht und unkompliziert der Kontakt zu anderen Menschen in der ganzen Welt funktioniert.

Wir basteln nächtelang an der idealen Unterzeile für unseren Skype-Namen. Wir überlegen uns gründlich, welche differenzierten Details wir über unsere Person ins Netz stellen, denn das Netz vergisst bekanntlich nie, und irgendwann könnte einer unserer Ururururururururenkel eine Praktikumsstelle nicht bekommen, weil ein Personalchef ein leicht anstößiges Foto von uns entdeckt hat, das uns in bierseliger Runde auf dem Oktoberfest vor dann etwa  264 Jahren zeigt.

Wir messen unsere Feeds in Klicks – oder so ähnlich. Ach nein: nicht aussagekräftig genug, also: in Zielgruppen-Treffsicherheit, ach nein: entscheidend sind ja die Ergebnisse, also:  in Umsatzzahlen. Aber bitte kurz-, mittel- und langfristig, extrapoliert, objektiviert und möglichst umfassend übertragbar.

Mit großer Ernsthaftigkeit betreiben wir auch den Humor. Ein wirklich witziger Beitrag ist harte Arbeit, oder vielleicht nicht? Da muss jede Pointe sitzen, jawoll! Und dass wir gefälligst mal locker lassen sollen und fünfe gerade, jetzt aber mal ernsthaft und konsequent – das lesen wir ja in jedem zweiten Ratgeber-Artikel.

Ich habe dann, statt weiter meinen Social-Media-Rank zu evaluieren, eine Runde Internet-Kniffel gespielt – völlig sinnfrei, denn es ist mir nicht einmal gelungen, den Highscore zu knacken. Habe danach eine Viertelstunde lang die mindestens zehn  Jahre alte Website eines guten Bekannten gelesen, die einen Bildschirm-breiten Domainnamen hat und in deren Hauptnavigation direkt unter Telekommunikations-Dienstleistungen der wichtige Punkt “Kräuterbutter” aufgeführt ist. Habe diesen völlig sinnfreien Beitrag geschrieben und keinen der viel zu langen Sätze nachträglich gekürzt. Habe mir statt eines guten Buches einen richtig schlechten Abenteuerroman mit ins Bett genommen. Und morgen, da gehe ich mit einer neuen Leichtigkeit wieder ins Web 2.0. Aber hallo!

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14 Antworten auf Warum seid ihr eigentlich alle so ernst? – Plädoyer für eine neue Leichtigkeit in den Neuen Medien

  1. Ralf on 24. März 2009 at 09:36

    Hallo Kerstin, Volltreffer! Klasse :-)
    Gut zu erkennen, wenn mensch sich mal wieder unterlippenoberkantentief eingesumpft hat im Effizienzstreben … nur bei dem Abenteuerroman, da kommen mir doch Bedenken ;-)

    LG Ralf

  2. kerstinhoffmann on 24. März 2009 at 10:29

    Du meinst, man sollte dann doch besser seine wertvolle Zeit nur effizient mit guter und wertvoller Lektüre ausfüllen?

  3. Joel on 24. März 2009 at 10:29

    Hi Kerstin,
    gefällt mir Dein Artikel. Hab gerade denselben Insight für mich, dass ich mir zu viel Panik um Perfektion mache. Schöne Alliteration eigentlich… Panik um Perfektion…

    Wegen dem Artikel nerv ich Dich Freitag trotzdem ;-) ;-) .

    Gruß

    Joel

  4. Dagmar von Consolati on 24. März 2009 at 10:30

    Hallo Kerstin,
    ja genau, toller Beitrag. Und das antworteten darauf meine Gehirnwindungen:
    Warum haben wir oft ein schlechtes Gewissen, wenn wir die Lust am Spiel und Spaß mit Worten genießen und spielerische Beiträge schreiben? ..und wild assoziieren!
    Um uns dann zu fragen, inwiefern das nun dem Ranking schaden könnte.

    Ich freue mich aber, dass einige meiner LeserInnen gerne ebenso spielen wie und dabei einfach gute Laune haben …
    Vor ein paar Tagen habe ich noch einen Beitrag über die Lust am und den Sinn von Spiel und Spaß geschrieben.
    [ http://livingflow.typepad.com/livingflow/2009/03/um-die-ecke-gedacht-sprachbildr%C3%A4tsel-was-ist-es-1.htm ]

    Und trotzdem holt das Thema der (typisch deutschen??) Ernsthaftigkeit mich dann doch ab und zu wieder ein. Ich habe mich entschlossen, meine Rubrik Spiele Spaß und Rätsel auf meinem Blog zu lassen. Schließlich macht Spaß gute Laune… Dürfen wir das denn: völlig zweckfrei sein und bloggen???!! ;-)
    Wie gut, dass Dir die Doors den richtigen Kick gaben. Und dass Du Deinen Beitrag hier aufgeschrieben hast…

    Fröhliche Grüße,
    Dagmar

  5. Reinhard on 24. März 2009 at 16:55

    Aber hallo Kerstin …
    na das nenn’ ich doch mal einen Ruck in die richtige Richtung. Ich wünsche mir, dass dieser Beitrag von vielen vielen Menschen gelesen wird.

    Btw: danke für das Ebook “Workshop PR” – habe ich mit Gewinn gelesen!
    Frische Lachgrüße
    Lachtrainer Reinhard :-)

  6. Wolfram Gagern on 25. März 2009 at 15:49

    Hallo Kerstin,
    Recht hast Du. Und gut ist es, sich das regelmäßig vor Augen zu führen, um gar nicht erst Gefahr zu laufen, im Bierernst zu verdörren …

    Grüße
    Wolfram

    PS: Welche Xing-Gruppe eigentlich? Und wo kann ich kniffeln? ;-)

  7. kerstinhoffmann on 25. März 2009 at 16:02

    >Welche Xing-Gruppe eigentlich?

    Habe ich leider verdrängt.

    >Und wo kann ich kniffeln?

    http://zones.sphex.net (geht aber nur mit Anmeldung)

  8. Dshamilja on 25. März 2009 at 23:05

    Super Posting, vielen Dank! Spielerische Lockerheit, statt starres Verkopfen im Umgang mit den neuen Möglichkeiten spricht mir auch aus der Web2.0-Seele.

    P.S. RSS-Feed vom Blog ist abonniert. Freue mich schon auf weitere Beiträge…

  9. Martina Bloch on 29. März 2009 at 08:34

    Vielen Dank!
    Ein Beitrag der mir aus der Seele spricht.
    Dann twitter ich doch mal so weiter, wie bisher :) ))

  10. Christine Hohlbaum on 29. März 2009 at 12:40

    Ein fantastischer Beitrag, Kerstin. Brava!

    Mal ganz ehrlich – ist es nicht so, dass wir PR-Profis uns selber dermassen unter Druck setzen, weil wir selber imagebewusst sind? Es ist unser Job, andere gut aussehen zu lassen. Daher auch die subtile Angst, ein digitales Fauxpas zu machen…

  11. kerstinhoffmann on 29. März 2009 at 13:22

    Danke. :)

    Ach, das ist es noch nicht mal, glaube ich. Eher das Gefühl, dass etwas harte, schwere Arbeit sein muss, um wirklich Erfolg zu bringen, oder?

  12. MayaTraudl on 28. April 2009 at 15:16

    Hallo Kerstin,

    oft les ich nur die Beiträge “an”, aber diesen habe ich zuende gelesen. Hat mir gefallen. Obwohl ich mich nur indirekt darin erkannt habe. Indirekt deshalb, weil ich das alles gar nicht so ernst nehme und “meist” viel Spaß habe. Aber ich meine manchmal “ich müsste….”

    Also ich müsste auch so viel verstehen von der und der Marketing-Strategie, von der und der Kundengewinnung usw.

    Dein Artikel hat mir wieder gezeigt, dass ich gar nicht so falsch lebe. Und das zeigt mir auch, dass es gar nicht so falsch ist, wenn ich nicht überall dabei bin oder zumindest nur dosiert.

    Viel Lebensfreude und Spaß im Internet
    Traudl

  13. text de luxe on 5. Mai 2009 at 12:54

    Hm, das ist lustig – diese Frage bewegt mich auch im Web. Und, ganz ehrlich, der Look des Kommunikationsblogs schien mir eben auch den Ernst der Sache zu betonen, so sorgfältig abgestimmt ist er. Was schön ist, aber auch ziemlich ernst. ;-)

    Da bin ich froh, dass ich “trotzdem” gelesen hab. Na ja, ganz so arg ist es nicht. Aber ich hüte mich mittlerweile regelrecht vor Seiten und Blogs, die sich monothematisch vor allem ein unsichtbares inhärentes Regelwerk vorknüpfen, lauter How-tos erstellen, Bibeln zur einzig richtigen Karriere oder 500 Tipps zu mehr Effizienz. Da ist mir eine lässig-bunte digitale Bohème mit Sinn und Verstand sowie Ecken und Kanten lieber.

    Was ich in diesem Kontext auch mag: Die nette URL meiner Schwester – http://www.deadseriousdesign.de. ;-) )

  14. Ronald Werner on 7. August 2009 at 20:23

    Mir sagt man nach ich wäre zuwenig ernst.
    Ich fühle mich gut damit.
    Wer sagt was richtig ist?

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