Marmor, Stein und Eisen… – auf ewig im Netz

9. Juli 2008

Dass Immaterielles länger hält als unzerstörbare Materialien, wusste schon Ovid, der sich bezüglich seiner Metamorphosen sicher war: “Nun habe ich ein Werk vollendet, das nicht Iuppiters Zorn, nicht Feuer, nicht Eisen, nicht das nagende Alter wird vernichten können…” Der alte Lateiner behilt Recht. Bis heute gehört seine Dichtung zur Standard-Unterrichtslektüre. Das nicht allein: Wer nicht allzu traumatisiert ist vom Lateinunterricht, der entdeckt das wunderbare Opus womöglich in späteren Jahren wieder und genießt die schönen sprachlichen Bilder und die vollendete Form. Ging mir so – auch wenn meine Kinder das nicht unbedingt glauben wollen.

Träumen wir nicht alle davon, bei unserem Abtreten irgendwelche Spuren zu hinterlassen? Uns auf irgendeine Weise zu verewigen? Seien Sie beruhigt: Wir alle tun das automatisch. Kaum einer, der nicht irgendwie im Web zu finden ist. Sogar meine Großmutter, 1906 geboren und bereits vor über 20 Jahren gestorben, habe ich kürzlich über irgendeine Familienforschungs-Website gefunden.

Wieviel mehr also hinterlassen wir alle, die wir absichtlich Websites ins Netz stellen, die wir Profile bei XING, Facebook, Mister Wong und sonstwo haben, die wir bloggen, Kommentare in andere Blogs schreiben, twittern, flickrn, uns maximal vernetzen. Jeder, der irgendwie mit Selbstmarketing zu tun hat, wird nicht müde zu mahnen: Achte auf jedes Wort, das du schreibst. Du kannst es niemals zurücknehmen. Will heißen: Wenn es nicht irgendwann den ganz großen Datencrash gibt, kann jeder in Hunderten von Jahren noch nachlesen, was irgendwer irgendwo für einen Blödsinn geschrieben hat. Selbst geschlossene Foren schützen nicht davor. Kürzlich schrieb ein Forenkollege, er habe in einem internen Kreis etwas geschrieben – bloß hätten die Betreiber des Forums ein “Best of” als PDF veröffentlicht. Pech gehabt.

Dabei: Was in Hunderten von Jahren über mich zu finden ist, kann mir ja relativ egal sein. Viel mehr interessieren mich natürlich die nächsten, sagen wir mal, 50 Jahre. Meine Generation von Kommunikations-Profis (Profis im Sinne von: Menschen, die mit Werbung, PR, Kommunikation ihr Geld verdienen) ist da noch in einer relativ glücklichen Lage. Wir haben uns erst in unserer Branche profiliert, dann irgendwann die erste eigene Website online gestellt, später ein XING-Profil veröffentlich, noch viel später mit dem Bloggen angefangen, danach Twitter entdeckt undsoweiter.

Das heißt, in dem Moment, als wir zu öffentlichen Personen im Internet wurden, stand unsere Linie schon fest. Uns war schon klar, was sinnvoll zu schreiben ist und was tunlichst privat bleiben sollte. Die meisten werden wohl – wie ich – ein Bild davon haben, was sie im Netz von sich preisgeben, wie sie sich darstellen und wie sie gesehen werden möchten.

Diejenigen, die ganz selbstverständlich mit Angeboten wie Youtube und dergleichen aufgewachsen sind, die  Generation meiner Kinder (jetzt im Teenager-Alter) sind in einer anderen Position. Der Schmarrn, den ich irgendwann mal in einer Schülerzeitung veröffentlicht habe, ist längst als Altpapier geschreddert. Der Jugendliche, der sich – wie Jugendliche das nun mal tun – mit provokanten Thesen, anzüglichen Filmchen oder halblegalen Dingen irgendwo online zeigt, wird es vielleicht später bereuen. Spätestens, wenn ihn ein Personaler googlet und dann wegen irgend so einer Sache gar nicht erst einlädt. Wenn ihn als erwachsenen Manager, Funktionär oder Vertrauensträger irgendwelche abgefilmten zweifelhaften Aktionen aus der Kinderzeit einholen.

Obwohl ich natürlich davon ausgehe, dass meine Kinder solchen Blödsinn gar nicht erst machen ;-) , schärfe ich ihnen immer wieder ein: niemals mit Klarnamen ins Netz. Ob es was hilft? Ob nicht doch jemand anders, aus dem Zusammenhang gerissen oder bewusst Übles verbreiten wollend, ein ewiges Stigma über sie bringt? Wer kann das sagen?

Wer kontrolliert sich denn überhaupt auch immer? Ich habe auch in Foren schon die eine oder andere Polemik abgesondert, die ich heute vielleicht so nicht mehr äußern würde. Und was ist denn erst, wenn jemand anders etwas über mich schreibt, das ich schädlich finde? Klar, ich kann ihn im Zweifelsfall dazu zwingen, das wieder herauszunehmen. Aber Veröffentlichungen im Netz hinterlassen immer Spuren. Immer. Die restlose Tilgung des einmal Veröffentlichten ist eine Illusion. Frei nach Dürrenmatt: “Was einmal gepostet wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.”

Viele verfallen angesichts solcher Bedenken in symbolische Schutzhandlungen, indem sie beispielsweise bei XING ihre Zitierbarkeit blockieren: Vergessen Sie’s. Das ist ungefähr so, als würde ich für ein Unternehmen werben und potenzielle Kunden animieren, Kontakt aufzunehmen – aber alle Kontaktdaten geheim halten. “Wasch mich, aber mach mich nicht nass” funktioniert einfach nicht… Entweder ich will gefunden werden – oder ich will es nicht.

Was tun?

Erstens: Das eigene Profil für sich selbst explizit definieren. Am besten sogar mit einem Coach. Was sind meine kurz-, mittel- und langfristigen Ziele? Stimmt mein Selbstbild mit meinem Fremdbild überein? Wie will ich von anderen gesehen werden – und wie passt das mit meiner eigenen Authentizität und vor allem Integrität zusammen? Was will ich sagen? Wozu habe ich überhaupt etwas Substanzielles zu sagen – und wo halte ich besser den Mund (respektive die Tastatur)?

Zweitens: An die eigene Nase fassen. Wie rede ich mit anderen und über andere? Integrität zeigt sich nicht allein an den eigenen Äußerungen, sondern vor allem darin, wie ich mit anderen Menschen im Netz umgehe. Wie ist meine Diskussionskultur? Schreibe ich positiv über andere – oder haue ich sie auch mal gerne in die Pfanne? Lasse ich andere zu Wort kommen – oder will ich immer Recht behalten? Geht es mir alleine um meine optimale Selbstdarstellung – oder bin ich an einem konstruktiven Miteinander interessiert, an einem Netzwerk mit Win-Win-Ergebnissen?

Drittens: Aktiv werden. Nicht darauf vertrauen, dass andere über mich schreiben, sondern bewusst das Selbstmarketing steuern und betreiben. Genauso professionell und fundiert wie für ein Unternehmen. Eigene Profile ins Netz stellen, gezielt veröffentlichen. In unterstützenden Netzwerken arbeiten. Und: Regelmäßig den eigenen Namen googeln und schauen, was dabei alles herauskommt. Auf jeden Fall gegen unberechtigte Äußerungen – wenn es denn welche gibt – vorgehen. Aber hier gilt, wie immer im Leben: Niemals rechtfertigen!

Viertens: Authentisch bleiben. Das Ganze funktioniert nur, wenn ich nicht versuche, eine Kunstfigur aufzubauen. Die Person, die im Netz zu finden ist, sich äußert, beschrieben wird, muss mit meiner realen Person zu tun haben. Natürlich muss ich nicht alles preisgeben. Ich kann mich auf eine professionelle Identität beschränken. Aber je weniger diese inszeniert wird, desto besser, glaubhafter und sympathischer kommt sie herüber. Und desto weniger Angriffe habe ich zu erwarten.

Fünftens: Position beziehen. Klarheit, Werte, Ethik sind wünschenswert. Wer aus Angst, sich Gegner zu machen, bloß belangloses Wischiwaschi ins Web müllt, sollte das nach meiner Ansicht lieber gleich lassen!

Sechstens: Integer bleiben. Immer wieder die eigene Position überprüfen. Klingt banal, stimmt aber immer noch: Wer nichts zu verbergen hat, dem kann üble Nachrede auf lange Sicht auch nichts anhaben.

Gute Ideen im Detail hat übrigens Michael van Laar parat.

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3 Antworten auf Marmor, Stein und Eisen… – auf ewig im Netz

  1. Réka on 9. Juli 2008 at 09:02

    6 sinnvolle Ratschläge, die nicht nur im Netz gültig sind.
    Was ich hinzufügen möchte: wir sollen auch darauf achten, wie wir uns „auf der anderen Seite“ benehmen. Nicht stigmatisieren, nach einem einzigen Fehler urteilen, und nicht alles glauben, was irgendwann geschrieben / gesagt wurde.

    Wenn ein Personaler einen Kandidat wegen des nicht makellosen Google-Ergebnis zum Vorstellungsgespräch nicht einlädt – das finde ich blöd trotzdem natürlich möglich. Es ist aber in Ordnung, wenn der Personaler einige Fragen über die provokativen Videos oder Aussagen stellt – es verrät etwas über einen Mensch, wie er über seinen ehemaligen Fehler redet.

    Das Phänomen ist allerdings nicht neu: früher kam es auch vor, dass jemand wegen eines Fehlers in einer kleineren oder größeren Gemeinschaft stigmatisiert wurde. Eine so riesige Gemeinschaft wie Internet hatten wir ja früher nicht.

  2. Frank H. aus Z. on 9. Juli 2008 at 15:03

    Ja! – Hier Sensibilität zu schaffen ist wichtig. Wir ITler haben dazu einen einfachen Spruch: “Data is sticky.” Oder “Die Daten die ich kreierte, werde ich nun nicht wieder los.”, um dem literarischen Anspruch dieses Blogs gerecht zu werden.

    Aber – Zu erwähnen wäre noch, dass das Internet nicht nur aus dem WWW besteht. Auch z.B. Newsgroup-Einträge nachts um eins nach einer halben Flasche Rotwein gepostet, kann man Jahre später noch im Internet suchen und finden.

    Der kritische und aufgeklärte Web-2.0-Benutzer sollte ausserdem auch auf anderen Gebieten sensibilisiert sein. Beispiel: Suchmaschinen.
    Hier laufen wir Gefahr durch Monopolisierung einen grossen Teil unserer Internet-Freiheit zu verlieren. Merke: Wer die Informationen filtert und sortiert, die wir sehen, hat viel Macht! (Wer die Daten, die wir suchen, personenbezogen speichert, noch mehr.)

    “Googeln” klingt zwar total hip, aber suggeriert, dass es nur die eine bekannte Suchmaschine gibt. Dies ist aber zum Glück noch nicht so – und wir sollten alle unseren Beitrag dazu leisten, die Diversifikation bei Suchmaschinen wieder voranzutreiben.

    Eine kleine Auflistung von Alternativen findet man z.B. hier http://ashfra.de/doku.php?id=links:links#alternativen_zu_google

  3. Frank H. aus Z. on 9. Juli 2008 at 16:17

    Einen hab ich noch: Integer sein und bleiben ist ein sehr guter Ratschlag. Aber dass wer integer ist, auch nichts zu verbergen hat; und wer nichts zu verbergen hat auch nichts zu befürchten – oder ihm üble Nachrede nichts anhaben kann – ist leider falsch. Auch wenn wir es gerne so hätten und es uns im so schwer fassbaren Informationszeitalter ungemein beruhigen würde. Nein, diese Sicherheit haben wir leider nicht.

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