Jörg Ehmer: „Die Tür ist erst einen Spalt aufgestoßen!“

Der bloggende CEO von Apollo Optik über dramatische Veränderungen, Meinungsstärke und Vertrauen

Dr. Jörg Ehmer

Bloggende CEOs größerer Unternehmen und Konzerne in Deutschland? Weitgehend Fehlanzeige! Ich habe für mein neues Buch (über das ich demnächst mehr erzählen darf), ausführlich zum Thema recherchiert. Dabei bin ich zu einigen ernüchternden Ergebnissen gelangt, was das Bewusstsein deutscher Firmen in Sachen Digitalstrategie, Contentstrategie und Corporate Blog angeht. Zwar wächst die Zahl der Unternehmensblogs insgesamt. Doch für viele deutsche Unternehmensleitungen ist „digital“ bestürzenderweise immer noch ein reines IT-Thema, und jegliche Publikation ist Sache der Kommunikationsabteilungen.

Ich habe aber auch erfreuliche Entdeckungen gemacht und neue Kontakte geknüpft. Einer davon ist Dr. Jörg Ehmer, seit Juli 2014 CEO bei Apollo Optik. Er hat bereits in seiner Zeit als CEO der ElectronicPartner Handel SE gebloggt. Nach dem Ausscheiden dort hat er sich gelegentlich aus seinem Sabbatjahr gemeldet, und jetzt bloggt er weiter. Er tritt dabei als Person mit starker Meinung auf und vertritt zugleich seine Position als Unternehmenslenker. Ehmer hat sich genau überlegt, warum, wie und für wen er das tut. Im Exklusiv-Interview für den „PR-Doktor“ lässt er sich ausführlich in die Karten schauen. Sein Blog finden Sie hier. 

Frage: Drei Hashtags, die Ihr Blog am besten beschreiben?

Jörg Ehmer: #subjektiv #ehrlich #vielseitig

Frage: Wieso sollte ein Unternehmenslenker bloggen?

Jörg Ehmer: Wer auch immer bloggt, sollte etwas zu sagen haben, das über Allgemeinplätze und Belanglosigkeiten hinausgeht. Bei Unternehmenslenkern sollte dies in der Regel ja der Fall sein. Wer gestalten und etwas erreichen möchte, der muss relevant und sicher auch offen kommunizieren. Hierfür bietet ein Blog eine hervorragende Plattform.

Frage: Wäre eine ideale Unternehmenskommunikation für Sie eine, in der jeder aus dem C-Level ein eigenes Blog schreibt?

Jörg Ehmer: Kommunikation ist nur wirklich erfolgreich, wenn sie authentisch und damit glaubwürdig ist. Die komplette Kommunikation einschließlich des gewählten Mediums muss zum Kommunizierenden passen. Nicht für jeden ist jeder Kanal geeignet. Bei der Nutzung eines Blogs geht es nicht rein um das Senden von Botschaften und Informationen an sich: Wer sich für ein Blog entscheidet, lädt zum Diskurs ein. Man muss also auch bereit sein, sich einer kritischen Diskussion zu stellen – und das öffentlich sichtbar. Dies ist nicht jedermanns Sache.

Frage: Welche Voraussetzungen muss ein CEO erfüllen, um zum Blogger zu werden? 

Jörg Ehmer: Im Idealfall hat der CEO Spaß am Kommunizieren, an der Diskussion und schreibt gerne. Wer sich schon in der Ausbildung lange vor leeren Blättern gequält und lieber mit Excel als mit Word gearbeitet hat, der sollte es sich genau überlegen. Wer nicht selber schreiben möchte, der muss sicher sein, dauerhaft auf jemanden zugreifen zu können, der den „persönlichen Ton“ trifft – nicht nur bei Standardthemen der Unternehmenskommunikation.

Frage: Schreiben Sie alle Artikel in Ihrem Blog selbst?

Jörg Ehmer: Ja.

Frage: Das ist sehr viel Arbeit, neben Ihrem Job. Wie finden Sie die Zeit dafür?

Jörg Ehmer: Ich schreibe, wenn und weil es mir Spaß macht – das ist für mich keine unangenehme Arbeit. Bei unternehmensbezogenen Beiträgen hilft es außerdem durchaus, beim Schreiben eines Blogbeitrags die Gedanken noch einmal zu sortieren. Gesagt und in eine Mail getippt hat mancher schnell etwas. Die Publikation in einem allgemein zugänglichen Blog legt einem dagegen die Disziplin auf, noch einmal genau nachzudenken. Beschäftige ich mich mit anderen Themen, dann ist das ein willkommener und entspannender Ausgleich. Generell schreibe ich am liebsten abends, gerne bei einem Glas Rotwein und einer Zigarre.

Frage: Wie viel muss ein Unternehmenslenker von der Blog-Technik und insgesamt vom Web verstehen, um ein erfolgreicher Blogger zu werden?

Jörg Ehmer: Blogbeiträge kann man auch mit einem Bleistift auf ein Blatt Papier schreiben oder diktieren (wenn man es denn kann). Die technische Umsetzung kann man problemlos anderen überlassen. Man muss kein digital native sein – aber man sollte auch kein digital ignorant sein. Wer die Grundprinzipien des Webs wie allgemeine Zugänglichkeit, Transparenz und Dialogorientierung nicht versteht oder verstehen möchte, der sollte besser nicht bloggen.

Frage: Und wie verhält es sich mit Social Media?

Jörg Ehmer: Wer heute ein Unternehmen führt, der muss verstehen, wie dramatisch die digitale Welt alles verändert. Und die Tür ist erst einen Spalt aufgestoßen. Die Veränderungen, die noch ausstehen, werden nicht umsonst in einem Atemzug mit der industriellen Revolution genannt. Wenn man am Puls der Zeit sein möchte, um sein Unternehmen erfolgreich durch die anstehenden Veränderungen zu führen, dann kann man sich nicht nur vom Internet und sozialen Medien erzählen lassen. Die Chancen kann nur verstehen und nutzen, wer selber auch ausprobiert und persönlich Erfahrungen sammelt.

Frage: Wie nahbar müssen Firmenverantwortliche heute in sozialen Netzwerken sein? Wie halten Sie es selbst damit? 

Jörg Ehmer: Ich bin dosiert in sozialen Netzwerken aktiv und auch ansprechbar. Um ein Bild aus der analogen Welt zu gebrauchen: Natürlich poste ich auf sozialen Netzwerken nur Inhalte, bei denen ich kein Störgefühl habe, wenn sie morgen in einer Zeitung stünden. Wie viele andere auch, habe ich auf Facebook mehr „Freunde“ als wirkliche Freunde – und ich bin auch ansprechbar. Erstaunlicherweise haben die meisten Menschen zum Glück ein gutes Gefühl dafür, dass dies nicht das Medium ist, über das man akquiriert oder geschäftliche Themen erörtert. Das ist bei LinkedIn und Xing schon problematischer. Die meisten wissen aber, dass es für rein geschäftliche Themen angemessenere Kommunikationskanäle gibt. Solange dies so bleibt, bleibt mein Facebook-Profil recht offen.

Frage: Sie haben sich vor der Übernahme Ihrer aktuellen Aufgabe ein Jahr Auszeit gegönnt. Was hat sich in dieser Zeit verändert, warum haben Sie weitergebloggt?

Jörg Ehmer: Bloß weil man zeitweise keine Verantwortung für ein Unternehmen hat, heißt das ja nicht, dass einen nichts bewegt und dass man nichts zu sagen hätte. Sicher haben sich die Themenschwerpunkte etwas verschoben. Interessanterweise sind aber die meisten Leser aus meinem „alten“ Unternehmen und der Branche dem Blog treu geblieben. Die Zahl der Mail-Abos und Zugriffe hat sich auch in dieser Zeit nicht nach unten, sondern nach oben bewegt.

Frage: Wenn ein Geschäftsführer zum Blogger werden will: Was muss er/sie unbedingt beachten? Was sollte er/sie auf keinen Fall tun?

Jörg Ehmer: Als ich zu bloggen anfing, gab mir ein kluger Kollege folgenden Hinweis: „Die ersten 5 Artikel sind nicht das Problem. Fang nur an, wenn Dir danach auch noch etwas einfällt, das andere interessieren könnte.“ Es gibt viele Blog-Leichen, und das ist für den Blogger eher peinlich. Wer ein Blog etablierten möchte, der sollte sich zudem, zumindest am Anfang, professionell beraten und begleiten lassen, und zwar von jemandem, der etwas von Kommunikation in digitalen Medien versteht.

Frage: Sollte jeder Gesellschafter es „seinem“ CEO ermöglichen, ein Blog zu betreiben?

Jörg Ehmer: Wenn er dem Menschen, dem er die Lenkung seines Unternehmens überträgt, vertraut, dann ja. Andernfalls sollte der Gesellschafter noch einmal darüber nachdenken, ob er sich nicht einen anderen CEO suchen sollte, einen, dem er vertraut. Wenn ich noch nicht einmal die aus meiner Sicht sinnvolle Kommunikationsform wählen könnte, dann würde ich mir sehr nachdenklich die Frage stellen, wie es ansonsten um den erforderlichen Freiraum bestellt ist, den ich für eine erfolgreiche Unternehmensführung brauche.

Frage: Was heißt dies für die Themenauswahl?

Jörg Ehmer: Nichts anderes als in der sonstigen Kommunikation. Authentizität ist wichtig, aber man muss auch nicht mit Gewalt in Fettnäpfchen treten. Je stärker die Person und das Unternehmen im Rampenlicht stehen, je komplexer die Gesellschafterstruktur ist, umso mehr muss man darauf achten, die richtigen Themen und den richtigen Ton zu treffen (und da, wo es geboten ist, sich auch Zurückhaltung aufzuerlegen). Aber das ist nicht Blog-spezifisch. Egal was und wo man es sagt oder schreibt, man muss damit rechnen, dass es schnell Verbreitung findet. Auch (und gerade) wenn man es nicht möchte. In Zeiten, in denen nicht nur bei Pressekonferenzen getwittert wird, bevor man den Satz zu Ende gesprochen hat, muss man so oder so mit Bedacht kommunizieren.

Frage: Über welche Themen bloggen Sie, ausschließlich über Unternehmensthemen?

Jörg Ehmer: Ich blogge über das, was mich bewegt und wozu ich etwas sagen möchte. Sicherlich haben die Beiträge oft einen Unternehmensbezug, so beispielsweise wenn ich mich mit den Auswirkungen der digitalen Welt auf den Handel beschäftige. Beleuchte ich Regulierungswahn und Bürokratieflut kritisch, dann sicher nicht nur, weil diese „meinem“ Unternehmen schaden. Generell möchte ich zum Nachdenken anregen: Wie verändert sich nicht nur unsere Wirtschaft, sondern unsere Gesellschaft? Welche Entwicklungen sollten wir noch einmal kritisch überdenken? Gegen was sollten wir uns zur Wehr setzen, und wie sollten wir die Zukunft gestalten?

Frage: Welcher Ihrer eigenen Blogbeiträge ist Ihr Lieblingsartikel?

Jörg Ehmer: Sicher gibt es Artikel, die ich rückschauend gelungener finde als andere. Sehr gerne denke ich an „Ich kann PowerPoint nicht leiden“ zurück. Jahrelang habe ich in mehreren Unternehmen mehr oder minder erfolglos gegen den Zeitdiebstahl durch inhaltsleere und aufgeblasene PowerPoint-Präsentationen gekämpft. Nachdem ich diesen Artikel veröffentlicht hatte, hat sich schlagartig und nachhaltig die Qualität der Präsentationen in Vorstandssitzungen verbessert!

 Frage: Gibt es eigene Blogartikel, über die Sie sich im Nachhinein ärgern?

Jörg Ehmer: Ich ärgere mich über die, die ich nicht geschrieben habe, obwohl es gut gewesen wäre, wenn ich mir die Zeit dafür genommen hätte.

_____

Ich nehme mit diesem Interview an der Blogparade des PR-Bloggers teil. Zwar geht es in dieser vor allem um Contentmarketing, aber auch darum, wie ein Corporate Blog auf die Marke einzahlt. Die in Deutschland so seltene Form des CEO-Blogs von Geschäftsführern größerer Unternehmen ist meiner Ansicht nach eine, die ganz erheblich zu Wert und Glaubwürdigkeit einer Marke beiträgt, und zwar sowohl nach außen als auch nach innen, in die Organisation hinein. 


Dr. Kerstin HoffmannDie Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät und unterstützt Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in digitalen Strategien, Public Relations und Corporate Blogging. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihr Blog “PR-Doktor” ist laut Ebuzzing eines der führenden deutschen Blogs über digitale Kommunikation. Sie wollen mehr darüber erfahren, was Kerstin Hoffmann mit ihrem Team für Ihr Unternehmen tun kann? Hier geht es zum Beratungsangebot. »

kontakt(at)kerstin-hoffmann.de | Kontaktformular »


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  9 comments for “Jörg Ehmer: „Die Tür ist erst einen Spalt aufgestoßen!“

  1. 27. Januar 2015 at 10:16

    Klasse! Ein tolles Beispiel, der Herr Dr. Ehmer! Ich werde ihn ab sofort neben Richard Branson als Beispiel für bloggende CEO/Entrepreneure nennen. Und zwar in absolutem Ernst. Nicht nur, weil mal ein deutscher CEO ist, sondern auch weil da sich in Deutschland mal einer im Business traut, Profil zu zeigen. Alle Achtung!

  2. Urs E. Gattiker
    30. Januar 2015 at 09:17

    Liebe Kerstin

    Sehr interessantes Interview.
    Habe auch dem Herrn Ehmer seinen Blog besucht. Aber mir ist eigentlich nicht klar ersichtlich wieso dies ein CEO Blog ist.
    Bloggt hier der Herr Ehmer als Privatperson (so scheint mir) oder als CEO der Apollo Optik? Wenn er als Privatperson bloggt, was ich glaube nachdem ich seinen Blog gelesen haben, wie hilft dies dann der Marke Apollo Optik?

    Kerstin, habe ich vielleicht hier was falsch verstanden?

  3. 30. Januar 2015 at 09:25

    Lieber Urs,

    genau das thematisiert das Interview unter anderem: Wie sich ein CEO, der sich persönlich zeigt, auch der Marke zuträgt.

  4. Urs E. Gattiker
    30. Januar 2015 at 09:36

    Liebe Kerstin

    Danke für die schnelle Antwort. Klar, du hast Recht 🙂 Im Interview ist dies offensichtlich.

    Meine Frage hat sich eher auf den Blog bezogen, wenn man den genau studiert, was ich gemacht habe, ist die Marke eigentlich kein Thema.
    Das bedeutet, wenn ich weiss dass Herr Ehmer was mit Apollo Optik zu tun hat, super. Wenn nicht, was bei mir ja am Anfang der Fall war, ist dies überhaupt nicht ersichtlich in seinem Blog.

    Wenn ich aber z.B. auf die WEF – Top 100 CEO Bloggers gucke:

    DA ist immer ersichtlich … oder fast immer für welche Marke oder welches Unternehmen (sind auch kleinere dabei) der CEO schreibt = Branding

    Bei dem Herrn Ehmer nicht. Das überrascht mich ein wenig, aber vielleicht einfach eine andere Strategie als die WEF Teilnehmer fahren.

  5. Anton Romanenko
    18. Februar 2015 at 00:49

    Hallo Kerstin,

    ich habe zu diesem Thema eine Vermutung.
    Die CEO´s Bloggen deswegen so wenig, weil sie nun Mal die „Gesichter“ der Unternehmen sind. Die Bezugspersonen oder noch besser die Lenker, wenn man so will.
    Wer in so einer Position ist, hat auch viele Feinde, die nur darauf warten, dass man ein Fehler macht.
    Viele Informationen können gegen dich verwendet werden, deswegen „Füsse still halten und nicht auffallen“.
    Denn es ist besser nichts zu sagen, als ein Wort zu viel!

    Bei Microsoft denke ich sowieso, dass eine PR- Agentur die Bloggtexte für CEO´s schreibt, um Patzer zu vermeiden.

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