Social Media: Wo nehmen wir die Zeit bloß her?

Sieben Regeln für die professionelle Kommunikation (nicht nur) im Web

Die Uhr: Wo nehmen wir die Zeit für Social-Media-Aktivitäten her?

Es gibt Sätze, die mich immer wieder aufs Neue erstaunen. Dazu gehört die häufig von Unternehmern und selbst von PR-Leuten (in Unternehmen und Agenturen!) geäußerte Frage: „Präsenz im Social Web, schön und gut. Aber wo sollen wir denn die Zeit hernehmen?“ Gerade letztens hat mich das wieder jemand gefragt, und zwar im Zusammenhang mit meinem zweiteiligen Beitrag zu sinnvollen Inhalten im Social Web – Teil 1 hier, Teil 2 hier. Aber, bitteschön, ist es denn immer noch nicht Konsens, dass Online-Kommunikation zur Gesamtkommunikation dazugehört? Dass sie mithin schlicht und einfach in Konzeption, Strategie und Budget mit eingerechnet werden muss?

Natürlich muss nicht jede Firma eine Facebook-Page haben. Es muss auch nicht jedes Unternehmen twittern. Und ob ein Corporate Blog sinnvoll ist, hängt von vielen verschiedenen internen und externen Faktoren ab. Aber es schaltet ja auch nicht jeder immerzu Anzeigen, baut umfangreiche Konzepte zur Pressearbeit auf und investiert zugleich hohe Summen in das Direktmarketing. Denn da ist jedem klar, dass Budgets fast immer begrenzt sind, sowohl was Zeit als auch was Geld angeht. Deswegen gibt es auch in der sogenannten „klassischen“ Kommunikation natürliche Beschränkungen. Aber es würde wohl niemandem einfallen, deswegen grundsätzlich Sinn oder Machbarkeit von Medien und Maßnahmen in Frage zu stellen.

Zwar ist die Aussage: „Social-Media-Präsenzen können wir  mit den vorhandenen Kapazitäten nicht stemmen!“ absolut berechtigt. Aber sie darf niemals lauten: „Wir müssten dort präsent sein, aber wir wissen nicht, wie wir das zeitlich stemmen sollen.“ Denn dann stimmt etwas mit Konzeption und Strategie nicht, und dann muss da dringend etwas geschehen. Ein Unternehmen, dessen Kommunikation nicht funktioniert, wird spätestens mittel- bis langfristig noch ganz andere Probleme bekommen. Ebenso absurd ist daher die Generalaussage: „Unternehmenskommunikation im Social Web ist nicht sinnvoll, weil sie zeitlich nicht zu stemmen ist“ oder anders und ebenso wenig zutreffend formuliert: „Das kostet zu viel Zeit und bringt nichts ein.“

Nochmal, ganz deutlich: Von mir aus muss kein Unternehmen irgendwelche Aktivitäten in Social Networks entfalten. Aber die Entscheidung dafür oder dagegen muss Teil der professionellen Planung von Kommunikation sein, nicht mehr und nicht weniger. Deswegen ist es an der Zeit, in diesem Zusammenhang noch einmal einige grundsätzliche Dinge klarzustellen.

Hier meine sieben Thesen dazu:

1. Professionelle Kommunikation braucht Konzepte

… und dazu gehört eben auch die Kommunikation im Social Web. Medien wandeln sich, Unternehmensstrategien wandeln sich. Deswegen müssen sich auch Konzepte weiterentwickeln und ändern. Dazu gehört auch eine regelmäßige Neubewertung der einzelnen Module und Maßnahmen. Der Ansatz darf nicht von den einzelnen Medien ausgehen, sondern er richtet sich nach der Unternehmensstrategie, den Zielgruppen. Social Networks sind keine Ziele und stellen selbst keinen Nutzen dar.

2. Professionelle Kommunikation braucht Inhalte

Social Networks sind, wie alle anderen Medien, Plattformen und Werkzeuge, um die Zielgruppen mit den richtigen und passend aufbereiteten Inhalten zu erreichen. Jedes Medium hat seine eigenen Anforderungen. Werbetexte gehören nicht in Pressemitteilungen. PR-Verlautbarungen gehören (in aller Regel) nicht ins Social Web. Immer aber orientieren sich Darreichungsform und Content nach den Bedürfnissen der Empfänger und generieren Nutzen für diese.

3. Professionelle Kommunikation braucht Budgets

Dass Werbung und PR Geld kosten, ist wohl keine Frage. Dass zu gelungener Unternehmenskommunikation zudem ein Zeitbudget gehört, sollte ebenso klar sein. Denn weder kann man alles selbst im Unternehmen erledigen, noch ist es möglich, alles outzusourcen. PR ist nicht kostenlos, Marketing nicht – und ebenso erzeugt Social-Media-Kommunikation Aufwand. Dabei kann man sich auf zwei Wegen annähern. 1. Dies ist unser Budget: Was können wir damit realisieren? oder 2. Dies wollen wir realisieren: Was kostet es?

4. Professionelle Kommunikation braucht Personal

Unternehmer, die ihrer Marketingabteilung nun auch noch die Social-Media-Kommunikation mit aufbürden, ohne zusätzliche Ressourcen zu schaffen, riskieren allenfalls einen Burnout der Mitarbeiter. Wirkungsvoller wird das Ganze nicht. Wer mehr Arbeit hat, braucht zusätzliches Personal. Wenn das nicht möglich ist, muss man die Arbeit an anderer Stelle reduzieren.

5. Professionelle Kommunikation braucht Strategie

Damit die einzelnenMaßnahmen, Bereiche und Kampagnen ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken, muss Kommunikation strategisch realisiert werden, und zwar auf der Basis eines fundierten Konzeptes. Dazu gehören Pläne, Zeitpläne, Workarounds und klare Zuständigkeiten.

6. Professionelle Kommunikation braucht Fachwissen

Nur weil der Praktikant schon länger in Studi-VZ und Facebook präsent ist als der Marketingleiter, kann man ihm noch lange nicht die professionelle Kommunikation des Unternehmens anvertrauen. Auch und gerade nicht im Teilbereich Social Media. Denn dort muss man im Zweifel sogar noch schneller professionell reagieren als anderswo. Deswegen ist es leichter, erfahrenen PR-Leuten die Funktionsweisen des Social Webs nahezubringen, als Digital Natives in Sachen Kommunikation zu schulen. Beherrschen müssen die Beteiligten aber alle Aspekte.

7. Professionelle Kommunikation braucht Rückhalt

PR ist immer eine Stabsaufgabe, die in enger Abstimmung mit der Unternehmensleitung stattfinden muss. So wie der Pressesprecher, braucht auch der Zuständige für den Bereich Social Media die Unterstützung der Geschäftsführung und den direkten Draht.

… und wenn das alles geklärt ist, stellt sich auch nicht mehr die Frage, ob und wieviel Zeit zur Verfügung steht. Sondern, ob und wie das Unternehmen im Social Web präsent sein wird – und was dafür zu tun ist!

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Die Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät Unternehmen in klassischer PR & Social Web.
Kontakt: Tel. 02151 970785; kontakt(at)kerstin-hoffmann.de; www.kerstin-hoffmann.de

  9 comments for “Social Media: Wo nehmen wir die Zeit bloß her?

  1. 10. April 2012 at 09:26

    Wichtiger Artikel.
    Ich bekomme von Leuten, die meine Internet-Präsenz beobachten, auch oft die erstaunte Frage: „Woher nehmen Sie denn die Zeit für all das?“
    Ich antworte dann manchmal leicht genervt: „Ich habe mir das Schlafen abgewöhnt.“

    Im Ernst, die notwendige Zeit nimmt man dort weg, wo man sie sinnlos vertrödelt: Fernsehen, zielloses Netz-Surfen, unproduktive SocialMedia-Dialoge, verbummelte Pausen etc.“

    Punkt 1 finde ich noch sehr wichtig. Man muss ein glasklares Branding haben, auch als Einzelunternehmer, und seine professionelle Kommunikation dementsprechend gestalten. Deshalb verwende ich keine Zeit für XING, wenig für Twitter und mehr für Facebook, Blog und Google+.

  2. 10. April 2012 at 09:31

    Danke. Genau den Satz habe ich gestern wieder gehört. Und „Woher soll ich die Zeit denn bitteschön nehmen?“ Wir haben dann geschaut, an welcher Stelle Zeit verplempert wird. Jetzt geht es.

  3. 10. April 2012 at 10:16

    Das ist mal wieder eine vortreffliche Zusammenfassung. Da ich vorwiegend inhabergeführte Unternehmen oder Einzelpersonen betreue, heißt es glasklare Prioritäten setzen. Bin noch in der Sondierungsphase, welche Kanäle sich für wen eignen – auch für meine eigenen Aktivitäten.

  4. 10. April 2012 at 17:57

    Sehr treffender Artikel zum Thema Unternehmenskommunikation.
    Und beim Thema „Zeit“ passt ja nach wie vor die Devise: Prioritäten setzen. Das klingt zunächst ganz leicht, ist für viele aber eine Riesenherausforderung. Glasklare Prioritäten setzen nämlich den meisten Unternehmern und Führungskräfte andere: Kunden, Teammitglieder, Kollegen, Familie usw.
    Dem eigenen Kompass zu folgen und konsequent / klar zu entscheiden – das steht als Ziel unserer Arbeit mit Persönlichkeiten noch vor der Identifizierung von „schlechter Zeit“. Damit ermöglichen wir Effektivität vor noch mehr Effizienz.
    Genug zur „Zeit“ philosophiert, der Blogartikel hat ja einen anderen Fokus 😉

  5. 11. April 2012 at 11:33

    Bei beschränkten Budgets (Zeit und Geld) besteht die Tendenz, in der (Dialog orientierten) Online-Kommunikation zu sparen, ausgenommen ist die klassische Website. Dies ist einer der Schlüsse, die wir aus einer Untersuchung unter Kommunikationsentscheidern ziehen, die kommende Woche veröffentlicht wird.

  6. 19. April 2012 at 11:59

    Interessanter und aufschlußreicher Artikel. Es wird soviel Zeit sinnlos verplempert das eine Überprüfung der Komponente „Zeit“ sinnvoll erscheint. Ihr Artikel regt an darüber nachzudenken.

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