„Dieses Internet“ ist irgendwie anders – und wie gehen wir damit um?

Gravierend: Die fehlende Medienkompetenz vieler Akteure in "diesem Internet".

„Dieses Internet“ bietet technisch und für die Kommunikation völlig neue Möglichkeiten. Aber manchmal frage ich mich doch, ob wir insgesamt die mediale Kompetenz besitzen, um damit richtig umzugehen. Steffen Peschel beschreibt dieses interessante Phänomen am Beispiel Zeitungen in seinem Blogbeitrag „Kennen Sie schon dieses Internet?“ Aber es lässt sich auch anderswo beobachten: In “diesem” Internet verhält sich offensichtlich fast jeder – oder jedenfalls in jeder Nutzergruppe eine signifikante Zahl – so, wie er es aus den bisher genutzten Medien kennt, ohne zu merken, dass hier andere Gesetzmäßigkeiten gelten. Das betrifft bei weitem nicht nur so etwas wie fehlende Verlinkung und damit mangelnde Interaktivität. Weitere Beispiele:

Social Media als PR-Kanäle

Gerade erst kürzlich wieder fiel mir ein Artikel in die Hand, in dem der Autor suggerierte, dass die Werkzeuge und Networks des Social Web einfach als erweiterte Kanäle für PR genutzt werden könnten. Das ist nicht nur falsch, es ist auch gefährlich. Wer das tut, vergisst vor allem, dass die Mechanismen, die er womöglich auslöst, nicht mehr kontrolliert werden können. Natürlich gehört in die PR auch die Arbeit mit dem und im Internet. Aber eben nicht eins zu eins. Sondern unter Berücksichtigung der besonderen Gesetzmäßigkeiten und Funktionen.

Auch in der Pressearbeit machen viele den gleichen Fehler, wie Steffen es bei den Online-Zeitungen beobachtet hat: Wenig Links, kaum Ansätze für Interaktivität, im Zweifel nicht einmal eine gescheite Landing Page, auf die hingewiesen wird. So als ob das Ganze genau in dieser Form auch auf Papier erscheinen könnte.

Ich will gar nicht behaupten, dass das überwiegend oder gar generell so gehandhabt wird. Ich bin sogar überzeugt, dass diejenigen, die sich gut informieren auch Schritt halten. Ich kenne sehr viele Kollegen, die die Online-PR bestens beherrschen. Bestürzend finde ich aber, dass es immer noch professionelle Berater gibt, die ihre Kunden mit völlig falschen Versprechungen ködern und diese unnötigen Risiken aussetzen.

Marketing im Web

Marketing und Direktmarketing via elektronische Medien funktioniert schon deswegen nicht genauso wie online, weil zu den veränderten Gesetzmäßigkeiten auch noch andere Gesetze kommen. Wer E-Mail-Marketing betreibt wie er bisher Mailings per Post ausgesendet hat, setzt sich sogar erheblichen Risiken aus. Weil man eben für Mail-Versand ein Opt-In braucht, für Briefe aber nicht. Aber auch das Social Web ist eben keine gute Basis für Marketing, wie es herkömmlich betrieben wird. Nicht-Beachtung ist da noch die glimpflichste Folge, der sich diejenigen aussetzen, die den Unterschied nicht erkennen.

Auch hier gilt wie oben: Die meisten machen es richtig. Einige haben es nach wie vor nicht kapiert und stechen damit aber unverhältnismäßig stark hervor.

Umgang mit privaten Inhalten

Es ist immer wieder erstaunlich, wie freigebig Menschen mit privaten Informationen im Netz sind, besonders in vermeintlich geschützten Bereichen, etwa auf der Facebook-Pinnwand. Aber es gibt auch solche, die vielleicht nicht einmal wissen, dass ihre Pinnwand öffentlich sichtbar ist und dort alles Mögliche zugänglich machen – vom nächsten Urlaub über Tratsch bis zu Familienfotos. Die Leute zeigen ihre Bilder herum wie im realen Leben beim Stammtisch. Aber sie vergessen offensichtlich, dass sie sie danach nicht einfach wieder mit nach Hause nehmen können. Sondern dass sie erstens einer viel größeren Gruppe zugänglich sind, zweitens im Netz bleiben und drittens kopiert und weiterverbreitet werden können.

Ich bin der Meinung, dass jeder das Recht am eigenen Bild haben sollte und folgerichtig überhaupt keine privaten Kinderbilder im Netz veröffentlicht werden dürften. Weil die Abgebildeten noch gar nicht in der Lage sind, darüber selbst zu entscheiden oder die Folgen zu ermessen. Ich ärgere mich jedes Mal, wenn jemand ein Foto des eigenen Kindes, der neugeborenen Nichte oder des entzückenden Enkels hochlädt. Das ist ja nicht mehr rückgängig zu machen, wenn derjenige irgendwann selbst die nötige eigene Medienkompetenz besitzt.

Sind wir wirklich reif für unsere Möglichkeiten?

Man kann das beliebig weiterspinnen: Websites, die aussehen wie in Stein gemeißelt und auch ähnlich benutzerfreundlich sind. Absurde Mails ohne Betreff und mit 100-MB-Anhängen, die ein Schwarz-weiß-Foto in einem Word-Dokument enthalten. Jeder hat eigene Beispiele dafür parat.

Nun werden Menschen immer das tun, was sie können. Regulation bringt nichts und ist auch nicht sinnvoll. Lamentieren auch nicht. Dennoch finde ich es wichtig, Bewusstsein zu schaffen und wachzuhalten. Die Probleme entstehen ja nicht dort, wo Menschen (noch) nicht von den neuen Medien Gebrauch machen, weil sie sie schlicht nicht beherrschen. Sondern dort, wo sie etwas tun, weil sie es können – ohne zu wissen, was sie dort wirklich tun. Dagegen finde ich das Beispiel mit den fehlenden Links in Zeitungen noch glimpflich. Damit machen sie allenfalls die eigene Publikation uninteressant. Was bedauerlich ist, sich aber sicher mit der Zeit regeln wird, in dem Maße, in dem die neue digitale Generation heranwächst und diese Dinge übernimmt. Hier und in anderen Bereichen.

Dennoch frage ich mich manchmal: Sind wir wirklich schon reif für die Möglichkeiten, die uns „dieses Internet“ unbegrenzt zur Verfügung stellt? Was meinen Sie? Oder haben Sie weitere Beispiele?

  10 comments for “„Dieses Internet“ ist irgendwie anders – und wie gehen wir damit um?

  1. 22. April 2011 at 17:08

    Hallo Kerstin, da hat doch Steffen wunderbar die Tür für ein sich spannend entwickelndes Gespräch geöffnet.

    Sind wir wirklich schon reif für das Internet?

    Ich glaube schon, doch nur wenn alle mitspielen dürfen. Aus einem produktionstechnischen Umfeld kommenden, mehrere Jahre bei BMW in Leipzig tätig und dort in der unausgesprochenen Rolle eines Abteilungen verbindenden Boundary Spanners. Technisch ging bereits 2003 als ich zum Team kam, eine Menge von Tools, die wir heute als Social Media und Web 2.0 bezeichnen. Wikis, Chats, Mitarbeiterverzeichnis und Newsgroups gab es. Doch stand -wie so oft- der Mensch im Weg.

    Wie soll ich mich mit den neuen Tools arrangieren, wenn ich gar keine Zeit habe, dies zu erlernen?

    Welchen Wert stellt das aktive Networking dar, das mir es ermöglicht auf diesem Weg mit einem Kollegen in Kontakt zu treten, der mir bei meinem Problem helfen kann?

    Nicht nur im Kultur- und Pressebereich tut man sich noch schwer mit der Öffnung in Richtung Internet, auch Verwaltungen, Mittelstand und Tourismus stecken noch in den Kinderschuhen. Eine Online-Strategie ausrollen zu lassen vermag den Eindruck erwecken, dass das Internet und Social Web nun angekommen sei, doch sieht die Realität oft anders aus.

    Aus meiner persönlichen Erfahrung fängt die Entwicklung (wie jede Revolution, und hier geht es wie wir schon festgestellt haben um eine) bei jedem Einzelnen an. Am besten ist, wenn auch die Chefs aktiv sich im Netz beteiligen (wenn auch nicht unbedingt jeden Tag und in der Intensität wie andere), doch das zeigt die Wichtigkeit und Relevanz dieses neuen Mediums und wie es uns Leben verändert.

  2. 22. April 2011 at 17:13

    D’accord. Gerade deswegen finde ich es so unverantwortlich, wenn Agenturen und sogenannte Social-Media-Berater eben diesen Chefs Facebook-Pages und dergleichen verkaufen, ohne dass diese bereits selbst in Social Networks unterwegs sind.

  3. 22. April 2011 at 17:56

    … stimmt. Besonders betroffen macht mich, wenn dann der GF der Agentur, die große Aufträge bewegt vor Publikum offen zugibt, dass er Social Media gar nicht selbst lebt. So erlebt im letzten Jahr hier in Dresden. Da bleibt einem doch wirklich die Spucke weg.

    Ganz anders dann schon Scott Monty, Head of Social Media at Ford Motor Company, http://twitter.com/ScottMonty 🙂 Und das lebt er bereits seit 2008 bei Ford vor!

  4. jthos
    22. April 2011 at 18:02

    Hallo Kerstin,
    ich denke, dass wir reif für dieses Internet sind. Wir alle. Und nicht nur die Leute, die sich jeden Tag mit diesem Internet beschäftigen. Dieses Internet ist da, einfach so, selbstverständlich. Es ist manchmal so selbstverständlich, dass es vielleicht nicht immer sachgerecht benutzt wird. Und es ist immer noch neu – wir alle lernen darüber.

    Ich behaupte einfach mal, dieses Internet kann sich an vielen Stellen selbst organisieren. Wenn zum Beispiel ein Marktingmanager Twitter als modernes Plakat benutzt und die Netzgemeinde sich wehrt: http://www.besser20.de/twitterwall-missbraucht-flashmob-auf-der-cebit/916/#more-916
    Und vielmehr noch, wenn so wie auf der re:publica letzte Woche neben Technik und Begeisterung auch über Untiefen und politische Verantwortung diskutiert wird.

    Steffens Beispiele könnten neben einem Mangel an Verständnis für dieses Internet aber durchaus auch an einem Mangel der Werkzeuge liegen. Ich sehe immer noch und immer wieder komplizierte Redaktionssysteme, die nicht mit den Ansprüchen wachsen. Gerade das Einbauen von Inline-Links wurde lange Zeit „weg-erklärt“. Zweifellos gibt es genügend geeignete Werkzeuge. Vielleicht muss nur manchmal die IT-Abteilung ihren Redakteurskollegen besser zuhören.

  5. 22. April 2011 at 18:40

    Vielen Dank für den HInweis „besser zuhören“. Was es braucht sind mehr IT-Dolmetscher, die die Sprache der IT-Abteilung und den Redaktionskollegen sowie den Endnutzern verstehen und zwischen den Gruppen vermitteln können. IT Boundary Spanner werden sie auch genannt.

  6. 24. April 2011 at 15:53

    Hallo Kerstin,

    das ist ein Thema, das mich bekanntermassen auch immer wieder umtreibt. Aber ich glaube, die Frage, ob wir schon reif für das Internet sind, stellt sich so gar nicht. Vielmehr haben wir es mit einem grundlegenden und sehr schnellen Wandel der technischen und kommunikativen Möglichkeiten zu tun und müssen in diesem relativ neuen und sich ständig weiterentwickelnden Feld Erfahrungen sammeln, schnell lernen und auch Fehler machen können.

    Ich habe kürzlich auf Facebook Ultraschallaufnahmen von einem Ungeborenen gesehen, mitsamt der Einblendung aller persönlichen und medizinischen Daten und dem Namen des verantwortlichen Frauenarztes. Da geht einem schonmal der Hut hoch. Aber das nur als Anekdote zum Thema ‚Recht am eigenen Bild‘.

    Im professionellen Bereich gilt es aufgrund des höheren Risikos natürlich umsomehr, dass sich die Akteure ordentlich informieren, bevor sie „ins Internet gehen“. Man muss ja nicht alle Fehler selber machen und kann auf Hilfe von Profis zurückgreifen. Da ist wie immer Qualität und Erfahrung wichtig, denn gerade auf neuen Gebieten tummeln sich ja bekanntlich meist auch hier und da ein paar Nieten.

    Aber wer schlau genug ist, kann sicherlich mit einem gewissen Gespür und den allgemein gültigen Kriterien für hochwertige Dienstleistungen jemanden finden, der die nötige Starthilfe gibt und/oder das Unternehmen erfolgreich durch die anstehenden Prozesse begleitet.

    Dann können zwar immernoch Schnitzer passieren, aber das Risiko grober Fehler ist viel kleiner – und die Chance, schnell und richtig drauf reagieren zu können, deutlich grösser.

  7. 24. April 2011 at 18:09

    Hallo Frank, stimmt das mit dem kompletten Einstellen der Daten zu einem Ungeboren da kann man schon mal ins Grübeln kommen. Doch würde ich gerne meine Daten (Blutgruppe, Röntgenuntersuchungen, Ultraschall, MRT, Sportverletzungen, ….) schon semi-öffentlich im Netz haben: für mich, meine Ärzte und die, die es angeht.

    Bisher geht dies trotz der vorhandenen Technologie nicht. Mit der Begründung durch den Datenschutz. Doch was ist hier Schutz? Schutz der etablierten Player im Gesundheitswesen, sich die Gelder zu holen durch wiederholte Röntgenaufnahmen oder Tests, wenn bereits gemachte nicht bekannt sind (bei mehreren Umzügen in den vergangenen zwanzig Jahren Mainz, Bamberg, Dresden, Mainz, Regensburg, Leipzig, Dresden nicht ganz unwichtig). In jeder Stadt fängt es mit der Arztsuche an und dann möchte dieser ja (sollte) wissen, was meine „Krankengeschichte“ ist.

    Das Internet fängt mit uns selbst an, und wir haben es in der Hand. Am besten man fängt mit kleinen Sachen an, die niemandem wehtun, wenn’s schief geht.

    Eine Frage zu den Profis: wen kann ich ansprechen als Laie und wie wird mir geholfen?

    Schöne Ostern, Ralf

  8. 25. April 2011 at 11:39

    Hallo Ralf,

    Sammlungen von personenbezogenen Daten haben ja immer mindestens zwei Seiten, neben dem Nutzen gibt es immer die Möglichkeit des Missbrauchs. Wo Daten anfallen, entstehen auch Begehrlichkeiten sie zu nutzen. Und die Möglichkeit, sie zu Geld zu machen. Wenn Du z.B. keinen Job mehr bekommst, weil Dein potenzieller Arbeitgeber Deine medizinischen Informationen gesehen hat, und ihm das Risiko eines krankheitsbedingten Ausfalls zu gross ist, hört der Spass auf.

    Aber er wird natürlich sagen: Wir haben uns für jemand besser qualifizierten entschieden. Mit dem Wissen über solche Möglichkeiten gehst Du vielleicht dann nicht mehr zum Arzt, wenn Du eine schwerwiegende Krankheit hast, aus Angst vor möglichen Folgen durch die Daten die entstehen. Du willst ja Deine Familie weiterhin ernähren. Dies nur mal als Beispielszenario.

    Mehr Infos gibt es übrigens in meinem Praxisworkshop ‚Privatsphäre im Internet‘: http://techblog.frankherberg.de/2011/sicherheit/internetprivacy2/

    Hilfe gibt es ausserdem überall im Netz, es gibt massig Infos und viele hilfsbereite Mitmenschen. Wenn man natürlich konkrete Wünsche hat, die für den anderen mit Arbeit verbunden sind, muss man auch bereit sein, was zu bezahlen. So wie der Automechaniker oder der Steuerberater auf Dauer auch nicht kostenlos arbeiten (können), kann man das beim Internetprofi auch nicht erwarten.

    Zwei Tipps zum Schluss für allgemeinverständliche Infos zum Thema:
    https://www.bsi-fuer-buerger.de/
    http://www.foebud.org/

    Viele Grüsse
    Frank

  9. 25. April 2011 at 13:27

    Hallo Frank, ein erster Schritt ist es, die personenbezogenen Daten (meine sehr persönlichen) für meine Zwecke im Netz nutzbar zu machen. Ich möchte entscheiden, wer sie sieht. Doch möchte ich sie erst einmal haben.

    Selbst hier kommt stets das Killerargument: Datenschutz!

    Ist der hier nicht falsch verstanden?

    Dadurch, dass ich nach 25 Jahren nicht mehr im Kopf habe, welches Knie wirklich beim Radfahren Schaden genommen hat, produziert dies nur wieder beim nächsten Problem komplette Neuaufnahme der Daten beim Arzt. Der einzige der dabei verdient ist der Arzt, der Röntgengerätbetreiber. Verlieren tun die Krankenkassen und -natürlich- ich selbst, denn ich muss wieder Zeit aufwenden für etwas, was eigentlich (wie selbstverständlich) mir und (den entsprechenden Ärztzen, die ja Schweigepflicht haben) zur Verfügung stehen könnte.

    Warum also wird es nicht gemacht? Die elektronische Patientenakte war schon vor Jahren in Sachsen am Werden, bis die ganz große Lösung mit dem kompletten Datenschutz dazwischen kam.

    Viele Grüße
    Ralf

    PS.: Die Links werde ich mir mal anschauen! Vielen Dank.

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