Wer sichtbar sein will, muss Gesicht zeigen

Warum Beziehungen im Web wie im richtigen Leben funktionieren (müssen)

Privatheit für Promis, selbst auf lokaler Ebene: Das war doch sowieso schon immer eine Illusion, oder?!

Private Räume in der Öffentlichkeit? Das funktioniert im Web ganz ähnlich wie im richtigen Leben.

„Ich bekomme auf Facebook dauernd Freundschaftsanfragen von Kunden. Soll ich die denn alle annehmen? Ich möchte mich dort doch lieber privat mit meinen Freunden und meiner Familie austauschen.“ – So kürzlich ein Einzelhändler hier am Ort zu mir, bei dem ich Stammkundin bin und dem ich (meistens ungefragt, wie ich zugeben muss ;)) immer wieder nahezubringen versuche, wie wichtig die digitale Kommunikation für sein Geschäft ist. Die zugrundeliegenden Überlegungen gelten aber keineswegs allein für Einzelhändler, sondern sie betreffen jeden, der in irgendeiner Weise unternehmerisch tätig und persönlich sichtbar ist. Insofern nehmen Sie meine Geschichte bitte als Beispiel und betrachten Sie gemeinsam mit mir, was dahintersteht.

Was mein Einzelhändler sich gar nicht klargemacht hat

Nun lebe ich in einer Kleinstadt am Großstadt-Rand, die über ein hervorragende Infrastruktur verfügt. Es gibt Einzelhandelsgeschäfte, Ärzte und vieles mehr für jeden Bedarf. Auch alle Schulformen sind vorhanden. Das Niveau der in den Geschäften angebotenen Marken ist hoch, der Preisspiegel auch – denn hier wohnt eine recht kaufkräftige Klientel, die zumeist in den umliegenden Großstädten arbeitet, aber sich gerne lokal orientiert. Aber natürlich profitiert auch diese Käuferschicht zunehmend von den Einkaufsmöglichkeiten im Internet. Andererseits kennt fast jeder jeden. Man begegnet sich auf Elternpflegschaftsversammlungen, im Sportstudio, auf dem Tennisplatz …

Ortsansässige Ärzte oder Rechtsanwälte, aber eben auch die Einzelhändler für den gehobenen Bedarf haben, wie in allen solchen Kleinstädten (aber auch in Stadtteilen von Metropolen) eine Art lokalen Promistatus. Wer sich mit ihnen duzt, wirft das gerne beiläufig ins Gespräch ein. Wer beim Stadtfest von ihnen persönlich begrüßt wird, fühlt sich ein bisschen herausgehoben. Ganz normale zwischenmenschliche Mechanismen eben. Dienstleister am Ort leben von solchen Bindungen, und der unternehmerische Erfolg hängt nicht wenig davon ab, wie gut es ihnen gelingt, Beziehungen zu Meinungsbildnern ebenso wie zu direkten Kunden zu pflegen.

Mein Einzelhändler aus dem obigen Beispiel hat sich gar nicht klar gemacht, wie viel Wertschätzung aus solchen Freundschaftsanfragen spricht und wie wichtig den Anfragenden ist, auch auf Facebook mit ihm persönlich „befreundet“ zu sein – und eben nicht nur seiner offiziellen Fanpage zu folgen.

Der Transfer ins Digitale fällt oft noch schwer

Doch meinem Einzelhändler geht es wie vielen Wirtschaftsbossen oder öffentlichen Persönlichkeiten: Im realen Leben, auf Veranstaltungen, im öffentlichen Raum, in der beruflichen Tätigkeit haben sie begriffen, dass sie nie einfach nur Privatpersonen sind. Doch der Transfer auf den digitalen Bereich gelingt oft nicht mit dem gleichen gesunden Menschenverstand.

Dabei sind digitale Beziehungen immer auch ein Abbild des realen Lebens, und es gelten ähnliche Gesetzmäßigkeiten. Das bedeutet für meinen Einzelhändler ebenso wie für einen Konzernchef: rein private Räume müssen sie sich aufwändig erobern, und bei allem, was sie im digitalen Raum äußern, besteht die Möglichkeit, dass anderes sehen. Bekanntheit geht mit solcher Sichtbarkeit einher, und das war eben schon immer so.

Wer sich zu verstecken versucht, vergibt (zu) viele Chancen

Gerade für Unternehmer gilt: Wer sich den Versuch leistet, sich im digitalen Raum selbst abzuschotten und auf das rein Private zu beschränken, verkennt nicht nur die Gesetzmäßigkeiten zwischenmenschlicher Kommunikation. Er begibt sich auch valider Möglichkeit zur Pflege der Unternehmens- und/oder Personenmarke. Angenehm mag das nicht immer sein, aber es ist eine Entscheidung, die in ihren Folgen nun einmal nicht frei skalierbar ist. Man kann den Kuchen nicht aufessen und ihn behalten: Wer sichtbar sein will, ist dann – oh Wunder! – auch sichtbar.

Die Sache hat aber noch weitere Aspekte: Wer selbst keine der realen öffentlichen Sichtbarkeit entsprechende digitale Präsenz aufbaut, begibt sich aller Kontrollmöglichkeiten. Er/sie gibt die Informationshoheit über den eigenen Namen ab. Denn es ist ja keineswegs so, dass mangelnde eigene Sichtbarkeit verhindert, dass andere über jemanden reden.

Natürlich muss man nicht jeden Kontakt und jede Freundschaftsanfrage annehmen. Aber man sollte sich zumindest überlegen, warum man dies tut oder warum man es lieber sein lässt. Darüber hinaus helfen Plattform-Kenntnisse. Gerade Facebook hat komfortable Listenfunktionen, um verschiedene Zirkel mit unterschiedlichen Graden der Privatheit zu pflegen. Dort kann man übrigens auch „Freunde“ annehmen und dann der Liste „eingeschränkt“ zuordnen. Dann sehen sie weiterhin nur Postings, die die Einstellung „öffentlich“ tragen.

Machen Sie sich bitte jetzt Gedanken über Ihre eigene Strategie!

Besser ist es daher, eine Strategie zu entwickeln, die das Unvermeidliche akzeptiert, aber zugleich aktiv gestaltet statt nur zu reagieren. Die Vorgehensweise ist dabei eine ganz Ähnliche, wie sie die meisten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens längst eingeübt haben. Dazu gehört beispielsweise:

  • Erkennen, dass jeder, der in irgendeiner Weise öffentlich sichtbar ist, auch eine Kommunikationsstrategie oder zumindest ein hohes Maß an Bewusstheit über die eigene Vorgehensweise braucht.
  • Digitale Präsenz als Teil der Personenmarketings und des unternehmerischen Handelns begreifen.
  • Verstehen, dass Prominenz – in welcher Ausprägung auch immer – zu gesteigerter Sichtbarkeit führt.
  • Private Rückzugsräume ganz bewusst dort pflegen, wo es möglich ist – das ist aber eben meist nicht der öffentlich Raum, ob digital oder real.
  • Vorsichtig mit Äußerungen sein, die potentiell an die Öffentlichkeit dringen können.
  • Im Idealfall: So leben und agieren, dass nichts, was an die Öffentlichkeit dringen könnte, fatale Folgen hätte.

Hehre Ziele? Ich weiß es nicht. Meine Erfahrung ist: Ein gesunder Pragmatismus zahlt sich aus. Ebenso wie es sich in diesen Zeiten der Transparenz und der schnellen Informationsverbreitung lohnt, an den eigenen Werten und an der eigenen Integrität zu arbeiten.

Noch Fragen? Oder möchten Sie eigene Erfahrungen beisteuern? Ich freue mich über Kommentare. 


Dr. Kerstin HoffmannDie Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät und unterstützt Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in digitalen Strategien, Public Relations und Corporate Blogging. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihr Blog “PR-Doktor” ist eines der führenden deutschen Blogs über digitale Kommunikation. Sie wollen mehr darüber erfahren, was Kerstin Hoffmann mit ihrem Team für Ihr Unternehmen tun kann?
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Foto (c): Sabine Schlimm

  10 comments for “Wer sichtbar sein will, muss Gesicht zeigen

  1. Vladimir
    7. Mai 2015 at 14:37

    Super Beitrag Kerstin,

    erinnert mich an eine neuliche Diskussion im LetsSeeWhatWorks Forum, indem es um die Sichtbarkeit der Facebook Seiten ging. Diese geht bekanntlich immer weiter zurück, sodass man die Fans auf andere Weise erreichen muss. Das Thema war eben wie bei dir genannt, dass man Kunden auch über seine persönliche Seite aquirieren kann, da die Reichweite doch ungemein höher ist. Der Nachteil ist, dass man nur 5000 Freunde haben kann. Das heißt die Facebook Seite sollte dennoch bestehen bleiben.

    Sehr kompliziertes Thema, wichtig ist offen für neue Strategien und Methoden zu bleiben, den das Web ändern sich ständig 😉

    Viele Grüße
    Vladimir

  2. 7. Mai 2015 at 21:01

    Wenn ich Dir in der Aussage des Artikels auch zustimme, so kann ich doch nicht an mich halten: Digital ist auch real! Das Gegenteil wäre z.B. „offline“.

  3. 7. Mai 2015 at 21:51

    Freut mich, dass du mir zustimmst. Ich hatte noch überlegt, ob ich das englische ‚real life‘ verwende, das ja seit jeher in dieser Weise verwendet wird – aber ich dachte mir, dass es auch so von den meisten verstanden wird. 😉

  4. 8. Mai 2015 at 09:44

    Stimmt Dir zu. Ganz. Zu 100 %. 🙂

    Man wird ja immer wieder zu diesem Thema befragt und ich erkläre es gern am Beispiel „Tee und Apfelkuchen“. Viele Menschen kennen diese kleine Leidenschaft von mir. Die bewusste Aussendarstellung über alle Kanäle ist wie eine Torte. Ich zeige den Menschen nur einen Teil meiner Person – den Rest des Kuchens behalte ich für mich.

    #TortengrafikGalore

  5. Bernd
    13. Juli 2015 at 18:25

    „Ich bekomme auf Facebook dauernd Freundschaftsanfragen von Kunden. Soll ich die denn alle annehmen? Ich möchte mich dort doch lieber privat mit meinen Freunden und meiner Familie austauschen.“

    Dann würde ich diesem Einzelhändler doch mal lieber Facebook „erklären“ und dass es sowas wie
    a) Fanseiten und
    b) die Option gibt, sein privates Profil nicht in der Suche auflistbar zu machen.
    c) er seinen Privatnamen ohne jegliche Zusätze für sein Privatprofil verwenden soll und
    d) als Fanseiten-Namen nicht seinen Privatnamen, sondern den seines Geschäftes

    So schwer kann das doch nicht sein – und dann konsequent: DIENST IST DIENST und SCHNAPS IST SCHNAPS.
    Keine Kunden als „Freunde“ annehmen. Wozu auch … wenn er die Zeit hat: auf die Fanseite verweisen. Punkt.

    Easy-Peasy!

  6. 13. Juli 2015 at 18:28

    Ja, und genau das ist eben das Falsche. Wie ich aber in dem Beitrag bereits eingehend erläutert habe.

  7. 14. Juli 2015 at 09:36

    Ich gebe Ihnen 100% recht. Ich nehme auf meiner privaten Seite alle Freundschaftsanfragen von Kunden an. Was das große www nichts angeht schreibe ich auch nicht auf facebook oder anderswo ins Web. Da gibt es andere Kommunikationskanäle.
    Mein Credo dazu: Persönlichkeit schlägt Prozesse.
    Durch das Zeigen meiner Persönlichkeit habe ich einen unschätzbaren Vorteil in der Kundenkommunikation. Denn: Märkte sind Gespräche. Früher hat dies jeder Handwerker und Einzelhändler verstanden. In der Kirche, im Wirtshaus auf dem örtlichen Fest,… wurde kommuniziert. Da hat der Unternehmer „mitgemischt nach dem Motto „Klappern gehört zum Handwerk“.

    Heute wird aber nicht unwesentlich digital kommuniziert. Noch scheitern aber viele kleinere Unternehmer daran ihr „offline-Erfolgsgeheimnis“ (=small talk) auf die digitale Ebene zu übertragen. Sie agieren (wenn überhaupt) online mehr nach dem Prinzip BIG DATA.
    Und das ist aus meiner Sicht der komplett falsche Ansatz für kleinere Unternehmer.

  8. Maik
    14. Juli 2015 at 23:09

    Ich gebe Ihnen zu 83,33% recht – außer im letzten Punkt:
    „Im Idealfall: So leben und agieren, dass nichts, was an die Öffentlichkeit dringen könnte, fatale Folgen hätte.“
    Wenn man dieses Ideal erreicht – dann ist man tot.

  9. 15. Juli 2015 at 07:44

    🙂

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