Ein Tisch ist ein Tisch: Wann ungewöhnliche Formulierungen sogar hinderlich sind

Beitrag zum „Jahr der ungewöhnlichen Formulierung“

Kennen Sie die Geschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ von Peter Bichsel? Sie hat mich als Kind sehr beeindruckt und steht für mich bis heute für die Erkenntnis, wie wichtig sprachlicher Konsens ist. In der Geschichte beginnt ein Mann, die Dinge nach eigenem Geschmack umzubenennen. Es endet damit, dass er sich mit niemandem mehr verständigen kann. Manchmal ist eben das Naheliegende, Gewohnte, allgemein Anerkannte sinnvoller als eine fantasievolle Bezeichnung.

Moment – zuerst rufe ich zu ungewöhnlichen Formulierungen auf, und dann behaupte ich, dass genau diese hinderlich seien? Wie passt das zusammen? Ganz einfach: Für bestimmte Zwecke haben sich bestimmte Bezeichnungen durchgesetzt, und jeder weiß auf den ersten Blick, was gemeint ist. Das erleichtert die Kommunikation, beschleunigt Abläufe und fördert die Orientierung. Es gilt überall dort, wo Menschen schnell erkennen müssen, worum es geht und sich auf Anhieb zurechtfinden und das Geschriebene einordnen sollen. Ein Beispiel dafür sind Formulare, aber ebenso die Navigation einer Website oder eben die klare Bezeichnung bestimmter Dinge und Sachverhalte. Gerade im Rahmen dieses allgemein Anerkannten haben die Leser (Besucher, Zuschauer …) dann genügend freie Aufmerksamkeit für die eigentlichen Inhalte, und die sollten dann wiederum möglichst frei von sprachlichen Klischees und vorgefertigten Floskeln sein.

Anwendungsbeispiele:

Website-Menüs

Die Navigationsleiste Ihrer Website ist für Ihre Besucher der wichtigste Wegweiser durch Ihre Seiten. Wenn es Ihnen gelingt, im Menü ihr Portfolio darzustellen und sogar Kundennutzen zu transportieren: umso besser. Bestimmte Buttons brauchen jedoch ganz eindeutige Bezeichnungen. Wer zu Ihnen finden möchte, sucht nach der „Anfahrt“ oder etwas ähnlich Eindeutigem. Wer Sie anrufen oder eine Mail schicken will, braucht den „Kontakt“. Und dass das Impressum „Impressum“ heißt, schreibt sowieso der Gesetzgeber vor.

Was aber ist mit Punkten wie „Über das Unternehmen“? Hier gibt es viele verschiedene Varianten. „Unternehmen“ (gegebenenfalls mit Unterpunkten) funktioniert ebenso wie ein „Über uns“ oder, im bestimmten Umfeld, „About“. Das sind nur einige Beispiele. Wenn Sie aber diesen Button statt dessen „Geheim“ nennen oder sonstwie flippig betexten, generieren Sie damit vielleicht einige Klicks. Sie wissen aber nicht, wie viele statt dessen Ihre Site gleich wieder verlassen haben, weil sie nicht fanden, was sie suchten. Etwaige Gags gehören in den Content-Bereich, nicht in die Wegweiser-Zone.

Funktionstexte

Überall dort, wo es vor allem darum geht, Sachverhalte schnell und eindeutig zu vermitteln, sollte die Begrifflichkeit funktional und nicht originell sein. Dazu gehören Formulare ebenso wie beispielsweise Bau- oder Betriebsanleitungen. Einfache Sprache ohne Floskeln und Klischees ist aber selbst hier sinnvoll. Verständliche Texte statt Bandwurmsätzen mit vielen Substantiven machen auch Formulare verständlicher. Insofern erweist sich gerade in der Funktionalität manchmal die hohe Kunst.

Briefe, Mails und andere Anschreiben

„Sehr geehrte Damen und Herren“, „Liebe Soundso“ oder „Hallo“, mit „freundlichen“ oder mit „herzlichen“ Grüßen: Gegen die Wahl der richtigen Anrede und der passenden Grußformel ist manche diplomatische Mission ein Kindergeburtstag. Das gilt viel mehr als für Briefe, die in den meisten Zusammenhängen relativ strengen formalen Regeln unterliegen, für E-Mails. Gerade hier entscheiden Nuancen über die Gesamt-Tonalität, signalisieren den Grad der Vertrautheit und die Stimmung des Absenders.

Wer sich hier kreativ austobt, landet oftmals viel schneller in der Klischee-Schublade als derjenige, der sich schlicht und lapidar an die bewährten Formen hält. „Ich grüße Sie, Frau Soundso“ oder das besonders beliebte und mittlerweile ebenso abgenutzte „Moin, moin“ tragen meist einen Beigeschmack in sich, den der Absender so gar nicht beabsichtigt hat.

Entfalten Sie Ihre Kreativität lieber zwischen Anrede und Grußformel …


Das Jahr der ungewöhnlichen Formulierung ist eine Aktion und eine Blogparade, an der Sie sich weiter beteiligen können: mit Blogbeiträgen, Nachrichten in Social Networks, Videos … Hier steht die ausführliche Erklärung dazu.


Dr. Kerstin Hoffmann

Hier im PR-Doktor teile ich mein Wissen und meine Erfahrung aus mehr als 20 Jahren in der Unternehmenskommunikation. – Ich berate und unterstütze Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Kommunikationsstrategien, Content-Marketing und Social Media. Ich halte Vorträge, schreibe Bücher und lehre an einer deutschen Universität.

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  3 comments for “Ein Tisch ist ein Tisch: Wann ungewöhnliche Formulierungen sogar hinderlich sind

  1. 9. Februar 2012 at 15:40

    Liebe Frau Hoffmann,

    ich kann mich Ihrem Artikel nur anschließen!
    Websites mit inhaltlich kreativen Menüpunkten sind zwar cool, aber was nützt es, wenn keiner sie kapiert? Besonders Designer opfern der Originaliät oft die intuitive Verständlichkeit – es kommt mir vor, als sei ihre Website ein virtueller Türsteher, der nur die Designerpolizei reinlässt.

    Herzliche Grüße
    Michaela Albrecht

  2. 9. Februar 2012 at 18:39

    Liebe Frau Hoffmann,
    dieser Beitrag möge eine weite Verbreitung finden!

    Gern gehen selbst in Fachtexten ungewöhnliche mit schwammigen Formulierungen einher, um das eigene Unwissen zu verschleiern. Der Autor solcher Texte reagiert oft ärgerlich, wenn er dann vom eigentlich adressierten Publikum nicht verstanden wird.

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