Krisen-PR braucht kommunikative Prokura

In Krisenzeiten nötiger denn je: Spielräume für Medien- und Pressearbeit

Fast immer wollen Unternehmen mit einer neuen Kommunikationsstrategie möglichst sofort nach außen möglichst maximal sichtbar sein. Allerdings stellt sich in der Arbeit an einer solchen Strategie oft heraus, dass zunächst an den internen Kommunikationsstrukturen geschraubt werden muss, damit es nicht bereits zu Beginn Probleme gibt. Das galt schon vor den Zeiten des Social Web, hat jedoch in diesem großen medialen Wandel, in dem wir uns derzeit befinden, neue Brisanz gewonnen: Wer ist zuständig, wer darf wann wie publizieren, etwas sagen, etwas verbreiten? Sind solche Fragen nicht grundsätzlich geklärt, wird es gerade in schwierigen Zeiten oder gar akuten Krisen besonders brenzlig. Besondere Bedeutung kommt dabei der Führungsebene zu: Sie muss den gesamten Prozess initiieren und mit tragen. Sie muss bereit sein, Verantwortung an die Mitarbeiter in der Kommunikation abzugeben. Aber sie muss zugleich auch bereit sein, sich bedingslos vor das Team zu stellen, wenn einmal etwas schiefläuft.

Insofern trifft der Vortrag, den mein Kollege Kai Heddergott kürzlich auf dem Krisen-PR-Camp 2014 gehalten hat, genau die Thematik, die mich derzeit sehr beschäftigt. Ich habe ihn gebeten, für dieses Blog, für mich und für Sie, die Leser, aus seinem Vortrag einen Gastbeitrag zu machen. Hier ist er:

Gastbeitrag von Kai Heddergott

Eine Frage, die mich in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt, lautet: Wie wird es PR-Verantwortlichen aufgrund von unternehmensinternen Abläufen und Freigabeschleifen möglich oder unmöglich gemacht, ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen? Im Kern steht dabei der Freiraum, der Unternehmenskommunikatoren von der Geschäftsführung eingeräumt wird, um gerade in Krisenfällen adäquat und ein Stück weit eigenständig kommunikativ reagieren zu können. In der Diskussion einer der Sessions auf dem Krisen-PR-Camp 2014 brachte ich den Begriff der „kommunikativen Prokura“ ins Spiel. Hier fasse ich die Gedanken, die ich in einer spontanen Session zu diesem Thema präsentiert habe, zusammen – gerne auch als Beitrag für eine weiterführende Diskussion.

Freitag Nachmittag, 14.45 Uhr: Auf der Facebook-Seite eines metallverarbeitenden Unternehmens häufen sich die kritischen Kommentare zu einem Trägerprofil, das seit kurzem am Markt angeboten wird. Die Kritik an der schlechten Verarbeitung des Produkts wird greifbar. Im Minutentakt kommen Wortmeldungen dazu, die die kritischen Anmerkungen bestätigen. Die ersten Nutzer nehmen das Thema auf Twitter auf – und auch der Kollege der Regionalzeitung vor Ort hat in einem Tweet erkennen lassen, dass er die Diskussion verfolgt. Das kommt ungelegen: In der folgenden Woche steht das 75. Unternehmensjubiläum an, die Presse ist eingeladen. Der Pressesprecher kann das aufkommende digitale Störfeuer überhaupt nicht gebrauchen. Er hat um 17.30 Uhr noch einen Termin, und sein Geschäftsführer hat sich mit den Worten ins Wochenende verabschiedet: „Denken Sie daran, bevor Sie nächste Woche etwas zum Jubiläum an die Presse geben oder auf unseren Webpräsenzen posten, müssen Sie mir die Texte vorlegen.“ Was nun? Wie reagiert unser Protagonist? Welche Spielräume hat er überhaupt angesichts der Ansage seiner Unternehmensleitung? Kann er der Diskussion im Netz bis zum Montag freien Lauf lassen?

Dieses und ähnliche Szenarien haben Kommunikationsverantwortliche in Unternehmen und Institutionen landauf, landab vermutlich schon des Öfteren selbst erlebt, ja, erleben müssen. Je enger die eingeräumten Spielräume sind, in denen sich Pressesprecher und PR-Abteilungsleiter kommunikativ ohne Rückfragen auf ihre medialen Zielgruppen zubewegen dürfen, um so unwahrscheinlicher ist es, dass sie ihre eigentliche Aufgabe erfüllen können: mit der Öffentlichkeit und mit Zielgruppen transparent und offen zu kommunizieren. Anders formuliert: Sie scheitern trotz aller Professionalität an den Rahmenbedingungen, die es ihnen erlauben, ihren Job zu machen – oder eben nicht.


Kommunikative Prokura, die; 
der von der Leitung einer Organisation eingeräumte Spielraum, um Kommunikationskanäle und -instrumente adäquat nutzen und im Krisenfalle eigenständig und ggfs. notwendiger Weise ohne übliche Freigabe- und Rückversicherungsschleifen bespielen zu können.


Es ist keine wirklich neue Erkenntnis, dass diese Situation in großen Organisationen und Strukturen auch im Jahre 2014 noch „flächendeckend“ vorzufinden ist. Die Kraft und Relevanz der digitalen Feedback-Kanäle in den sozialen Netzen ist aber so groß geworden, dass zeitgemäß agierende und professionell veranlagte Kommunikatoren eine größere Freiheit für ihr Handeln einfordern müssen. Die Geschwindigkeit öffentlich angeregter Diskussionsverläufe oder „Meinungsstürme“ ist mitunter so groß, dass die Flexibilität unternehmenseigener Prozesse zur Abstimmmung und Freigabe öffentlicher Statements nicht ausreicht, um den Kommunikationsbedürfnissen der Nutzer und vor allem der Berufskommunikatoren in den Redaktionen zu entsprechen.

Schauen wir uns einmal an, woran das liegt, und ob es objektiv erkennbare Faktoren gibt, die diesen weit verbreiteten Zustand zementieren – auch, um mit Ansätzen aus der unternehmerischen Praxis Wege aus dem erkennbaren Dilemma aufzuzeigen. Folgende hinderliche Faktoren sind zu beobachten:

Paradigma 1: Hierarchie statt Netzwerk

Unternehmen sind auch 2014 mehrheitlich hierarchisch strukturiert. Kommunikationsabläufe folgen den Wegen von Entscheidungsprozessen. Entscheidungen werden „oben“ getroffen. Die Expertise von „unten“, also z.B. auch die Empfehlungen der ja für die Aufgabe der Kommunikation eingestellten Spezialisten in der Presse- oder Kommunikationsabteilung, hat es mitunter schwer, sich durchzusetzen. Je häufiger die Führungsspitze sich einer kommunikativ-fachlichen Betrachtung zum Trotz durchsetzt, umso mehr wird die Grundlage einer inneren Kündigung der Betroffenen geschaffen. Ein Handlungsfeld ohne Möglichkeiten zur Entfaltung hemmt auf die Dauer die Produktivität.

Anders sieht es bei Unternehmen aus, die schon jetzt dem Organisationsmuster folgen, das in der digitalen Kommunikation sozialer Netze vorherrscht. Die also Argumente, Ideen und Meinungen gleichberechtigt zulassen, um in der Summe die lebensfähigsten Konzepte sichtbar zu machen und sinnvolle Handlungen zu ermöglichen. Dieses gemeinhin als Enterprise 2.0 oder Social Enterprise bekannte Konzept wenden die Mitarbeiter von Unternehmen in ihrer privaten Kommunikation in sozialen Netzwerken schon längst an. Nur in der eigenen Firma wird die dahinterstehende Denke oft genug noch unterdrückt.

Dabei liegen die Optionen und Potenziale auf der Hand; Unternehmen, die zur Optimierung der internen Kommunikation und geistigen Wertschöpfung Kollaborationsplattformen oder Social Intranets einsetzen, agieren deutlich flexibler und produktiver. Das führt zu einer größeren Zufriedenheit der Mitarbeiter. Die im Vergleich zum Konzept „1.0“ erkennbar größeren Spielräume bilden die Grundlage für einen Kulturwandel. Das schließt die eigenständig umgesetzte Außenkommunikation durch die Kollegen aus der PR-Abteilung ein. Hieran wird deutlich, wie stark Hindernisse für eine kommunikative Prokura verwurzelt sein können.

Paradigma 2: „Wasch’ mich, aber mach’ mich nicht nass!“

Auch bei Entscheidern ist in den vergangenen Jahren die Erkenntnis gereift, dass die Unternehmenskommunikation ins Digitale ausgeweitet werden muss. Bei den einen “weil man das jetzt so macht”. Die anderen haben die Veränderungen verstanden. Sie sehen in den sozialen Medien eine Chance, besser mit Zielgruppen und Kunden in den Dialog zu treten. Diejenigen, die nur halbherzig und aufgrund äußeren Drucks und weniger auf Basis intrinsischer Motivation ihren PR-Verantwortlichen die Einrichtung einer Facebook-Seite, eines Twitter-Accounts oder eines Corporate Blog eher nur „erlauben“, schaffen dagegen keine echten Spielräume. Das sind allenfalls klar abgegrenzte kommunikative Spielwiesen. Mitmachen heißt hier nur dabei sein und nicht wirklich kommunikative Potenziale auszuschöpfen: „Wasch’ mich, aber mach’ mich nicht nass“. Eine kommunikative Prokura ist hier allenfalls bedingt durchsetzbar.

Das Phänomen des „nassen Böllers“

Bei Unternehmen, die erste Gehversuche mit digitaler PR unternommen haben, herrscht oft die Angst vor „kommunikativen Sprengsätzen“ vor. Themenstränge werden als Minenfelder wahrgenommen. Man fürchtet sich davor, dass Kritik einem knallend um die Ohren fliegt. Dass diese eher von Furcht und martialischen Bildern getriebene Haltung keine offene Medienarbeit erlaubt, ist schnell erkennbar. Dabei handelt es sich bei vielen Themen und vermeintlichen Krisenlagen oft genug eher um „nasse Böller“, die nur gefährlich aussehen, tatsächlich aber eine spürbar begrenzte Sprengkraft aufweisen. Hintergrund für die Zögerlichkeit und Vorsichts-Denke sind oft genug gar nicht Erlebnisse der eigenen Organisation, sondern Berichte über Negativ-Erlebnisse anderer Unternehmen. In einem solchen Klima der Angst gedeiht eine kommunikative Prokura ebenfalls nicht gut. (Der Autor dankt Nicolas Martin, einem Teilnehmer des Krisen-PR-Camps, im Übrigen für das Bild des „nassen Böllers“.)

Die Feststellung, dass der eigene “Laden” einem ohnehin die PR-Arbeit schwer macht und im Krisenfall tendenziell aufgrund systemimmanenter Regeln oft nahezu verunmöglicht, darf man treffen. Man darf aber auch nach Ansätzen suchen, dem entgegenzuwirken.

Auf dem Weg zur kommunikativen Prokura: Der pragmatische Ansatz

Wer in starren Hierarchien gelernt hat, mit den Strukturen umzugehen, wird über kurz oder lang dazu übergehen, sich nicht an der grundsätzlichen Veränderung abzuarbeiten. Sondern er versucht im Alltag, zugleich organisationsspezifische Gesetzmäßigkeiten einzuhalten und die traditionellen Wege zu umgehen. Berufskommunikatoren zeichnen sich mitunter dadurch aus, dass sie sich auf diesem Wege die kommunikative Prokura „erschleichen“.

Durch die normative Kraft des Faktischen gelingt es ihnen mitunter, Botschaften nach außen zu transportieren, die über die vorgesehenen Meldewege und Freigabeprozesse niemals möglich gewesen wären. Mitunter nehmen sie hierfür auch nachträglichen Ärger in Kauf. Diese Vorgehensweise ist effektiv. Effizient ist sie aber nicht, weil sie zu viel Kräfte bindet und tatsächlich die Unzufriedenheit noch vergrößert. Denn die Erkenntnis, dass sich nichts grundlegend in Richtung einer kommunikativen Prokura ändert, manifestiert sich dadurch nur noch. Letztlich handelt es sich hier eher um Symptombekämpfung. Das Übel wird nicht an der Wurzel gepackt.

Der analytische Ansatz: Mit der Social Media-Readiness-Skala Veränderungsnotwendigkeiten identifizieren

Da kommunikationsaktive Unternehmen und Organisationen heute soziale Medien einbeziehen oder zumindest digitale Konversationen über die eigenen Themenwelten beobachten müssen, liegt ein möglicher Lösungsansatz in der Analyse der eigenen Social Media-Readiness. PR-Verantwortliche müssen der eigenen Leitungsebene deutlich machen, dass allein aufgrund von Aktivitäten des Wettbewerbs die Auseinandersetzung mit Social Media für die laufende Medienarbeit, insbesondere aber bei kommunikativen Krisen, ohne Alternative ist. Auf diesem Wege schaffen sie sich, wenn sie richtige vorgehend, die nötigen Spielräume. Somit ermöglichen sie die beabsichtigte kommunikative Prokura. Für die maßnahmenorientierte Selbstanalyse hilft eine an der Beschreibung von Windstärken (nach Beaufort) orientierte Skala zur Ermittlung der Social Media-Readiness:

Die Social Media-Readiness-Skala (© Kai Heddergott)
Stufe Beschreibung Indikatoren / Aktivitäten
0 Windstille, keine Aktivität erkennbar + Bislang keine Auseinandersetzung mit dem Thema
+ Kein Social Media- Beauftragter/ Manager
+ Kein Pilotprojekt definiert
+ Keine Beobachtung der Aktivitäten des Wettbewerbs
1 Hauch der Orientierung + Entscheider/ Fachzuständige haben sich orientiert oder sind dabei
+ Social Media- Strategie/Guidelines in Erörterung
+ Wettbewerb in Beobachtung/ Analyse
2 Leichte Brise des Bewußtseins + Weiterbildungsmaßnahmen für die Mitarbeiter in Umsetzung
3 Steife Brise der Exploration + Social Media- Beuftragter/Manager in Auswahl
4 Aktiv unter vollen Segeln + Pilotprojekt gestartet
+ Social Media- Beauftragter/ Manager hat Arbeit aufgenommen
+ Strategie ausformuliert und in Umsetzung
+ Guidelines in Verbreitung
5 Hart am Wind analytisch tätig + Ergebnisse/ Zielerreichung der Social Media- Strategie in Evaluation
+ Social Media- Beauftragter/ Manager aktiv und in Führungsrunden einbezogen
+ Pilotprojekt evaluiert
+ Erste Präsenz in Regelbetrieb Monitoring aktiv
+ CEO/ Geschäftsführung mit eigener Präsenz aktiv (Blog/Twitter)
+ Social Intranet/ Social Enterprise- Konzept in Umsetzung

 

Der instrumentelle Ansatz

Freiraum lässt sich auch dadurch in der alltäglichen Medienarbeit schaffen, indem man Krisenfälle vorausdenkt und für absehbare Krisenlagen die entsprechende Risikobewertung und sich ergebende Maßnahmen gestuft zusammenfasst. Eine solche Risikomatrix rettet PR-Verantwortliche nicht aus der Krise. Sie sichert aber das Vorgehen ab und sorgt mit einem Schema indikatorenbasierter Handlungs- und Kommunikationsvorgaben fallbezogen für eine vergrößerte Prokura. Auf diese Weise kann nämlich der eigenen Unternehmensleitung dargestellt werden, dass man gut vorbereitet ist. So wächst auch die Möglichkeit, eigenständig als Kommunikationsverantwortlicher zu agieren.

Der Unternehmensentwicklungs-Ansatz

Die Erfahrung hat gezeigt, dass Unternehmen im Jahre 2014 ff in dem Maße erfolgreich zeitgemäße Medienarbeit betreiben können, in dem die eigene Belegschaft kompetent und unterstützungswillig soziale Medien einzusetzen weiß. In kommunikativen Krisen kommt es oft genug auf die Abstimmung mit Fachabteilungen an, damit der PR-Verantwortliche Dinge richtigstellen kann und bei Statements auch fachlich nicht daneben liegt. Verstehen die zu Rate gezogenen Kollegen zumindest im Grundsatz die Gesetzmäßigkeiten sozialer Medien, werden sie bei der Unterstützung Krisenpotentiale von Aussagen besser reflektieren können.

Eine optimierte interne Abstimmungsprozedur sorgt dafür, dass der PR-Verantwortliche viel eher abgestimmte Botschaften und Verlautbarungen wird präsentieren können. Hierdurch wird sozusagen auf der Arbeitsebene für eine kommunikative Prokura gesorgt. Es gibt nicht wenige Beispiele dafür, wie die hierin liegende Kulturveränderung auch seitens des Unternehmens auf den Weg gebracht werden konnte: Durch umfangreiche Informations- und Weiterbildungsmaßnahmen der Personalentwicklung etwa, die der Belegschaft das Angebot macht, sich grundlegend zur Kommunikation im Zeitalter des Social Web zu orientieren.

Ein entsprechendes Projekt der Kreissparkasse Steinfurt, die auf diesem Wege 300 ihrer 850 Mitarbeiter hat schulen lassen, führte zu dem Ergebnis, dass die Funktionsweisen zeitgemäßer Medienarbeit in digitalen Kanälen sogar bei Skeptikern in der Belegschaft besser verstanden wurden. Die Bereitschaft, die Kommunikationsverantwortlichen zu unterstützen, erhielt damit eine neue Basis. Eine solche Vorgehensweise verlangt einen Schulterschluss zwischen Kommunikations- und Personalabteilung. Idealerweise ist in die Maßnahme auch die Führungsebene integriert.

Der Ansatz des Kompetenzausbaus auf Leitungsebene

Relativ schnell wird eine verbesserte kommunikative Prokura dadurch realisiert, dass man die oberste Entscheidungs- und Führungsebene mit den Gegebenheiten aktueller (digitaler) Medienarbeit konfrontiert. Dabei geht es um die Vermittlung der Potenziale und Fallstricke im alltäglichen Kommunizieren und in Krisenfällen. Das eigene Erleben und Erlernen der Kommunikation im Social Web vermittelt Abläufe, Gesetzmäßigkeiten, Kommunikationsmodelle und Möglichkeiten ungleich besser als ein Fachvortrag durch den PR-Verantwortlichen.

Wenn man Führungskräfte und Top-Entscheider unter ihresgleichen in eine Schulungssituation zum Thema bringt, können diese digitale Kommunikation ohne Gesichtsverlust ganz praktisch ausprobieren. Sie erfahren selbst, was es heißt, Freundschaften auf Facebook einzugehen, Inhalte zu teilen und Meinungen kundzugeben. Nicht selten ist das Ergebnis solcher Schulungen, dass am Ende Fragen nach der Notwendigkeit von Personal und Ressourcen für die digitale Medienarbeit gestellt werden. Die Erkenntnis ist also schnell gereift, dass es gewisser Spielräume bedarf, um Unternehmenskommunikation 2.0 Wirklichkeit werden zu lassen – mit dem Ziel, im kommunikativen Wettbewerb und im (kritischen) Dialog mit den eigenen Zielgruppen bestehen zu können. PR-Verantwortliche sind dankbar dafür, wenn ihre Chefs solche Weiterbildungsmaßnahmen wahrnehmen – sie können die Grundlage für eine wahre kommunikative Prokura sein.

Das Fazit: Kommunikative Prokura necesse est.

Die Betrachtungen zeigen: Das Einräumen einer kommunikativen Prokura ist auch ein Management-Thema und ein Thema für die Unternehmensentwicklung. Ein Unternehmen ist gerade in Zeiten des Social Web mit seinen zahlreichen Feedback- und Meinungskanälen nur in dem Maße überlebens- und reaktionsfähig, wie es Instrumente, Strukturen und Prozesse aufweist, die es ermöglichen, im Falle einer Krise situationsadäquat und zeitnah kommunikativ agieren zu können. Das hierfür zuständige Fachpersonal muss von der eigenen Leitung in die Lage versetzt werden, seiner Arbeit vollumfänglich nachkommen zu können. Alles andere bedeutet eine Beschneidung der Funktion des Kommunikators.

Oder kurz zusammengefasst:

[Ergänzt am 17. April 2014, 14.20 h. Siehe hierzu auch die Kommentare zur ursprünglichen Fassung:]

Supermann, Mediator oder Kommunikations-Nerd – wer eignet sich für die Durchsetzung der kommunikativen Prokura?

Es wird deutlich, dass sich nicht jeder für den Posten des Kommunikationsverantwortlichern eignet. Gesucht wird jemand, der vieles zugleich ist: Redakteur, Ansprechpartner für die Medien, Moderator zwischen internen Abteilungen und Berater für die eigene Führung. Das wurde auch beim KrisenPRCamp in der Session zur kommunikativen Prokura, die zu diesem Beitrag führte, herausgestellt: Der Mensch steht im Mittelpunkt der Betrachtung. Und damit die Frage, wer sich eigentlich eignet, die vielschichtige Funktion eines/einer Kommunikationsverantwortlichen zu übernehmen. Meine klare Überzeugung: Die Auswahl sollte auf Basis von adäquaten Kompetenzprofilen erfolgen und nicht mit Blick auf frisch erworbene Qualifikationen oder Zertifikate. Derzeit werden viele „Klick-Zertifikate“ angeboten, die eine schnelle Einarbeitung in die Plattformen der Digitalkommunikation erlauben. Die Kenntnis der Instrumente sichert aber noch lange nicht die nötige Empathie ab, die für Kommunikationsverantwortliche ein Muss ist – bei Dialogen intern wie auch extern. Um hier sinnvoll agieren zu können, bedarf es der passenden sozialen Kompetenzen. Die Bildungsforschung betrachtet Kompetenzen als persönliche Dispositionen und nicht als erlernbare Qualifikationen – früher hätte man gesagt „das kann man nicht lernen, das bringt man mit“.

Kommunikatoren, die auch als Vermittler von Themen und Diskussionen im eigenen Haus fungieren, brauchen zudem ein gewisses Standing. Es geht um die Durchsetzung von Inhalten – aber auch um die Berücksichtigung von berechtigten  Befindlichkeiten. Man ist also als  Berater nicht nur für die Chefetage tätig und sollte Vertrauen zu allen Beteiligten aufbauen können. In der Social Media Readiness-Skala wird die Empathie-Fähigkeit von Kommunikationsverantwortlichen mit einem Fokus auf Social Media nicht explizit hervorgehoben – sie wird per se unterstellt. Oder anders formuliert: Die Krisen-PR-Fähigkeit eines Unternehmens in Zeiten des Social Web lässt sich nur mit dem passenden Personal entwickeln, das über die aufgezeigten Kompetenzen verfügen sollte. Erst hierdurch wird auf der persönlichen Ebene kommunikative Prokura ermöglicht – es braucht eben die richtigen „Durchsetzer“ für diese Prokura.
[Ende Ergänzung]



 

Kai Heddergott, Jahrgang 1969, berät seit 2009 freiberuflich Unternehmen und Institutionen bei der Konzeption und Umsetzung zeitgemäßer Kommunikationsmaßnahmen, insbesondere durch den Einsatz von Social Media. In seine selbstständige Tätigkeit bringt er Erfahrungen aus zwanzig Berufsjahren in Pressestellen, der Medienforschung und Kommunikationsagenturen ein.

(Foto: Mario Brand)


 

  5 comments for “Krisen-PR braucht kommunikative Prokura

  1. 16. April 2014 at 09:11

    Da ich demnächst selber eine digitale prokura anstrebe möchte ich noch ein werkzeug vorstellen, das den prozess einfach macht und nachhaltig absichert. meine empfehlung ist der delegation poker, ein element aus dem management 3.0 von jurgen appelo. Der vorgesetzte und der kommunikator einigen sich dabei auf einige tätigkeiten wie monitoring, posten, einholen von feedback im unternehmen bis zum kompletten einrichten von neuen Präsenzen. Im Folgenden nutzen beide karten mit werten von 1-7 und dazugehörigen Beschreibungen a la “komplett chefsache” bis “freies schalten und walten ohne berichtspflicht” um darzustellen wo sie die jeweilige tätigkeit einordnen würden. So entsteht im idealfall eine für beide nachvollziehbare kommunikative prokura. Im schlimmsten Fall sollte dem Verantwortlichen zumindest klar werden, dass er seinem Mitarbeiter keinerlei eigenständiges arbeiten zutraut.

  2. 16. April 2014 at 23:17

    Ein guter Text, zweifelsohne. Mit vielen guten Anmerkungen und Anregungen.

    Und dennoch finde ich es ein wenig niedlich, wenn immer wieder versucht wird, Situationen mit Matrixen zu begegnen. Wie wäre es mal mit einem gesunden Menschenverstand? Im Text taucht nicht ein einziges Mal das Wort “Vertrauen” auf; etwa das Vertrauen zwischen unterschiedlichen Hierarchie-Ebenen, zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, die dafür zuständig sind. Wie wäre es mit dem Vertrauen dafür, mit Menschen umgehen zu können? Die Matrix taugt nicht, wenn jemand nicht in der Lage ist, empathisch mit Menschen umzugehen. Die Matrix taugt auch nicht, wenn jemand an die Kanäle gelassen wird, der vom Unternehmen zu wenig versteht, weil vielleicht noch nicht lange da. Da knackst es noch an vielen Stellen; anders: Es greift zu kurz.

    Und dann hat noch niemand von Krise geredet; fangen wir doch einfach mal mit einem guten Service an. ;)

  3. 17. April 2014 at 07:36

    Da stellt man als Autor fest: Eine wichtige Ergänzung von Christian de Vries und gerne hätte man das in seinem eigenen Text gehabt. Oder anders: Ich hab’s schlichtweg “vergessen”, denn: In der Session beim KrisenPRCamp, die die Grundlage für die Ausführungen bildete, kam der Aspekt des “gesunden Menschenverstands” auch zur Sprache, sogar mit einem eigenen Slide. Es geht bei der Klärung der Frage, wie man kommunikative Prokura umsetzt oder durchsetzt, vor allem darum, zu prüfen, wer sich eigentlich für die Funktion eines/einer Kommunikationsverantwortlichen eignet. Bei diesem Thema bin ich der klaren Überzeugung: Wir brauchen niemanden, der über eine Vielzahl an Qualifikationsnachweisen oder Zertifikaten verfügt, sondern Menschen, die die richtigen (sozialen) Kompetenzen mit sich bringen. Kommunikatoren, die als Vermittler im eigenen Haus fungieren, die ein Standing haben und mit Empathie interne Befindlichkeiten in von allen getragene Botschaften übersetzen kann und Berater für die eigene Führung ist. Ich verweise hier auf den Foliensatz zur Session auf SlideShare, da ist das enthalten. Ich denke aber auch, dass dieser Aspekt, ohne die Empathie dabei herausgehoben zu haben, in der Matrix implizit zu finden ist: Die Existenz eines Social Media-Verantwortlichen ist Voraussetzung für gelingende (Krisen-)PR in Zeiten des Social Web.

  4. 17. April 2014 at 14:21

    Auf Bitte von Kai habe ich seinen Beitrag soeben noch um einen Absatz ergänzt. Danke dir, Christian, für die Anregung dazu.

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