„Zuhören, Fleiß, Begeisterung!“

Interview mit dem Rechtsanwalt Thomas Schwenke

Interview mit dem Rechtsanwalt Thomas Schwenke

„Du kannst (fast) alles verschenken, was du weißt – wenn du das verkaufst, was du kannst!“ Das ist die These meines Buchs Prinzip kostenlos*. Seit Jahren beobachte ich viele Menschen, die das erfolgreich verwirklichen. Für das Buch habe ich insgesamt acht bekannte Wissens-Teiler selbst zu Wort kommen lassen. Für diese Praxisbeispiele habe ich die Form des Interviews gewählt. Die Befragten beschreiben, was sie antreibt, was bei ihnen gut funktioniert und auf welche Weise sie so erfolgreich geworden sind. Sie berichten von ihrer Positionierung, von persönlichen Erfahrungen, vom Umgang mit Wettbewerbern und Netzwerkpartnern. Die ungekürzten Fassungen dieser Interviews erscheinen nach und nach in der Reihenfolge, wie sie im Buch stehen, im PR-Doktor. Zum Erscheinen des E-Books vor wenigen Tagen hier nun das siebte, in dem der Rechtsanwalt Thomas Schwenke von seinen Erfahrungen berichtet.**

Herr Schwenke, wenn jemand in Deutschland nach einem Anwalt für Onlinerecht sucht und dafür im Social Web herumfragt, ist es relativ wahrscheinlich, dass er ziemlich schnell bei Ihnen landet. Dabei haben Sie überhaupt erst Mitte 2010 Ihre eigene Kanzlei gegründet. Wie haben Sie diesen Bekanntheitsgrad in so kurzer Zeit erreicht?

Thomas Schwenke: Ein bisschen Vorgeschichte ist dabei, da ich bereits seit 2007 als Rechtsanwalt in dem Bereich tätig bin und ebenso lange blogge. Was die Bekanntheit angeht, führe ich es auf die Kombination von Zuhören, Fleiß und Begeisterung zurück. Mit Zuhören fing es an, als ich auf Barcamps, Webmontage oder Twittwochs ging. Dort stellte ich mich nicht nur sozusagen vor, ich erfuhr auch, was die potenziellen Mandanten rechtlich plagt, was sie an Rechtsanwälten bemängeln und welche Sprache sie sprechen. Dementsprechend habe ich mein Blog, meine Vorträge und Seminare gestaltet. Sprich: Ich verpackte das Wissen in verständliche Sprache, verzichtete auf Paragraphen und Gesetzeszitate, die eh kaum ein „normaler“ Mensch nachliest und setzte auf Verständlichkeit sowie visuelle Sprache. Fleiß war nötig, um diese Strategie in vielen Meetings, Vorträgen, Workshops, Artikeln, Interviews und vor allem bei der Mandatsbearbeitung umzusetzen. Das alles wäre ohne eine Begeisterung für das Thema Social Media nicht gelungen. Hier gilt für Rechtsanwälte nichts anderes als für Marketer. Die Passion ist Quelle der Motivation, und ich denke, sie ist mir auch bei Vorträgen oder der Arbeit mit Mandanten anzumerken.

Wie schnell hat sich das Bloggen für Sie ausgezahlt?

Thomas Schwenke: Ausgezahlt hat es sich zunächst mit der Übung und einem Gefühl dafür, was die Leser gerne hören möchten. Was die Laufzeit betrifft, so habe ich nach einem halben Jahr bemerkt, dass sich immer mehr neue Mandanten auf das Kanzleiblog beziehen. Ich gewinne Mandanten also auch über unser Kanzleiblog, kann den Return on Investment jedoch nicht alleine für das Blog bestimmen. Das liegt daran, dass Marketingmaßnahmen von Rechtsanwälten in der Regel einen langen Nachlauf haben. Es ist selten, dass jemand einen Blogbeitrag liest und sofort einen Beratungsbedarf verspürt. Es ist eher umgekehrt, dass er einen Beratungsbedarf verspürt und sich dann an den Blogbeitrag erinnert. Zudem reicht ein Blog alleine meines Erachtens nicht aus. Es ist ein Mix aus anderen Kanälen wie Twitter, Facebook, Google+ oder Slideshare notwendig, um die Inhalte zu den Lesern zu bringen. Heute würde ich den Stellenwert unseres Blogs innerhalb unseres Marketingmixes – bestehend vor allem aus Blog, Vorträgen und Social Media –mit fünfzig Prozent ansetzen. Auch wenn mich meine Mandanten weiter empfehlen, verweisen sie auf das Blog zur Bekräftigung ihrer Empfehlung.

Als Rechtsanwalt sind Sie ja geradezu prädestiniert dazu, Ihr Können zu beweisen, indem Sie Ihr Wissen verschenken. Denn selbst mit allen Informationen kann und darf ein Nicht-Jurist nicht das, was Sie können und dürfen. Haben Sie nie Bedenken gehabt, so viele hochwertige Inhalte im Netz zu teilen?

Thomas Schwenke: Ich sehe das persönlich nicht als Verschenken von Wissen. Das reine Wissen ist zunehmend frei verfügbar. Wenn jemand heutzutage etwas über das Urheberrecht erfahren möchte, muss er kein Rechtsbuch kaufen oder einen Rechtsanwalt konsultieren. Er findet es auch bei Wikipedia. Viele weitere Fragen werden in Blogs und Foren beantwortet. Das heißt, das reine Wissen hat an Stellenwert verloren. Was jedoch an Bedeutung zugenommen hat, ist das Wissensmanagement. Zu wissen, an welcher Stelle welches Wissen im Konkreten anzuwenden ist, macht den Wert heutiger Dienstleister, zu denen auch Rechtsanwälte gehören, aus. Und diesen Wert gebe ich durch Blogbeiträge zu bestimmten Themen nicht preis, weil eine rechtsverbindliche Beratung nur im konkreten Fall möglich ist. Darüber hinaus ist es viel mehr ein Teilen und Gewinnen von Wissen als ein Verschenken. In vielen Bereichen, zu denen ich schreibe, gibt es kaum Dokumentationen oder praktische Erfahrungen. Mein Job besteht aber darin, Problempunkte voraussehen und zu beseitigen. Indem ich Kommentare auf meine Beiträge erhalte, gewinne ich neue Erkenntnisse oder Sichtweisen, die ich vorher gar nicht hatte. Diese kann ich dann in der praktischen Arbeit einsetzen.

Haben Sie keine Angst vor Konkurrenz und Ideenklau durch Mitbewerber?

Thomas Schwenke: Selbstverständlich besteht die Gefahr, dass Kollegen sich etwas davon abgucken. Aber rein logisch habe ich mehr davon, wenn ich Mandanten gewinne, auch wenn Kollegen mitlesen, als wenn ich zwar keine beruflichen Mitleser habe, aber auch keine Mandanten. Zudem lese ich selbst gerne bei anderen Rechtsanwälten mit und gewinne auch dort neue Erkenntnisse. So haben wir alle einen Marketingeffekt und verbessern unseren Wissensstand.

Sie haben während Ihres Studiums als Webdesigner und Programmierer gearbeitet. Das gibt Ihnen natürlich einen Vorsprung vor Kollegen, die sich ohne entsprechende Kenntnisse mit Design und Technik herumschlagen müssen. Was würden Sie denen raten? (Oder würden Sie denen lieber gar nichts raten, um sich keine Wettbewerber heranzuziehen?)

Thomas Schwenke: Ich kann jedem Dienstleister nur dazu raten, sich mit der Materie, in der er berät, nicht nur rechtlich zu beschäftigen. Man muss nicht unbedingt selbst Programme schreiben, um Programmierer rechtlich zu beraten. Aber man sollte deren Vokabular beherrschen und wissen, wie Programme aufgebaut sind. Oder anders gesagt: Wenn man im Pferderecht berät, muss man zwar kein Turnierreiter sein, aber wissen, wo Kopf und Schweif sind. Sonst kann es Verständnisprobleme geben. Mandanten sind oft glücklich, wenn ich meine Ratschläge manchmal direkt in Programmcode-Form erteile.

Bekommen Sie häufig Anfragen von Lesern, die über die Blogbeiträge hinaus kostenlosen Rat wollen? Wie gehen Sie damit um?

Thomas Schwenke: Viele solche Anfragen kommen übers Blog, wo ich Fragen zu den Beiträgen gerne beantworte, so dass auch andere Leser etwas davon haben. Darüber hinaus haben die Fragesteller Verständnis, dass ich auf deren Einzelfragen nicht kostenlos eingehen kann. Das ist ähnlich wie bei einem Arzt, der auch nicht eben eine kurze Diagnose kostenlos stellen kann. Zum einen brauchen auch kurze Fragen oft lange Vorüberlegungen, und zum anderen haftet ein Dienstleister für kostenlose Auskünfte, selbst wenn sie zum Beispiel aufgrund ihrer Kürze unzureichend sein sollten.

Wo klicken Sie im Social Web sofort weg? Und welche Art von Beiträgen, welchen Content lesen Sie selbst am liebsten?

Thomas Schwenke: Ich klicke immer weg, wenn ich das Gefühl habe, dass ein Social-Media-Auftritt ohne Seele und Persönlichkeit gestaltet wurde und ich PR-Nachrichten im „Social-Media-Style“ lese. Ebenfalls schrecken mich langweilige Textwüsten ab, die meinen Lesefluss nicht unterstützen. Dagegen können alle meine Sympathien gewinnen, die persönlich schreiben und mehr nach Bauch als Kopf klingen. Was den Content angeht, lese ich neben juristischen auch viele technische sowie netzpolitische Themen und bin ein Fan der Internet-Memes, wie sie bei 4chan oder http://knowyourmeme.com zu beobachten sind. Abends grase ich zur Entspannung die Timelines meiner Kontakte ab und hangle mich von Hölzchen zum Stöckchen durchs Netz. Weil meine Kontakte ähnliche Hobbies und Interessen haben wie ich, fühle ich mich dank deren Empfehlungen viel besser unterhalten, als zu der Zeit, als ich noch einen Fernseher besaß.

Rechtsanwalt Thomas Schwenke, Dipl.FinWirt(FH), LL.M. aus Berlin berät Unternehmen in Rechtsfragen beim Marketing, Datenschutz und Vertragsrecht. Er ist Autor des Buchs „Social Media Marketing und Recht“. Web: http://rechtsanwalt-schwenke.de

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Kerstin Hoffmann Prinzip kostenlosDie Kurzfassung dieses Interviews ist erschienen in Prinzip kostenlos*, dem aktuellen Buch von Kerstin Hoffmann. Seit wenigen Tagen ist es auch als E-Book bei Amazon* und bei kobo erhältlich. Der Ratgeber zeigt, wie Unternehmen, Berater und Dienstleister neue Kunden gewinnen, ihre Bekanntheit steigern und ihre Umsätze erhöhen, indem sie ihr Wissen verschenken. Er führt die Leser von der Theorie und Psychologie des Teilens bis zur erfolgreichen Realisierung ihrer ganz eigenen Strategie. Dazu gehören auch technische Details für die eigene Wissensplattform sowie Anleitungen für die Vernetzung in Social Networks.

Hoffmann, Kerstin: Prinzip kostenlos. Wissen verschenken – Aufmerksamkeit steigern – Kunden gewinnen. 1. Auflage. Mai 2012. 24,90 Euro 248 Seiten, Hardcover. ISBN-13: 978-3-527-50671-2. Erschienen im Verlag Wiley-VCH, Weinheim*

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Die weiteren Interviews in dieser Reihe:

Wissen teilen, damit die Welt besser wird
Interview mit dem Wissenschaftler, Philosophen, Manager und Speaker Prof. Dr. Gunter Dueck

„Menschen merken sich, wer sie inspiriert hat“
Interview mit dem Blogger, Autor und Kommunikationsberater Klaus Eck

„Ich leite es weiter und zeige meine Begeisterung“
Interview mit Mirko Lange, Geschäftsführer der Münchner Agentur talkabout

Netzwerken als Basis für ein erfülltes Leben
Interview mit der Management-Trainerin, Autorin und Speakerin Sabine Asgodom

Erfolgreiche Vortragsrednerin wider Willen
Interview mit der Publizistin und Journalistin Kathrin Passig

Die richtigen Kunden anziehen
Interview mit der Karriereberaterin Svenja Hofert

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**Für das Buch habe ich alle Interviews einheitlich in der Sie-Form geführt, auch mit Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich mich duze.

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