Häme ist das neue Schwarz

Warum ich selbst in berechtigte Kritik oft gar nicht mehr einstimmen mag

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Das muss ich jetzt einfach mal loswerden: Ich bin bestürzt. Nicht immer. Aber immer wieder. – Zugegeben: In letzter Zeit sind in der Politik, in der Gesellschaft, in der Wirtschaft einige Dinge geschehen, die offensichtlich nicht in Ordnung waren. Die man sicher aufdecken, bekannt machen, sogar anprangern sollte. Das stelle ich gar nicht in Frage. Zwei Dinge halten mich hauptsächlich davon ab, in den allgemeinen Chor einzustimmen.

Erstaunt und bestürzt …

Zum einen bin ich offensichtlich fast die Einzige, die sich anhand einer einzigen Fernsehsendung oder der Zusammenfassung einer Gutachteraussage in meiner Tageszeitung kein umfassendes, letztgültiges Urteil bilden kann. Offensichtlich sind alle anderen, obgleich sie selbst nicht recherchiert, Quellen gelesen oder die Betroffenen selbst befragt haben, in der Lage, sofort genau zu erkennen, wer Recht hat und wer zu Unrecht etwas behauptet/beansprucht/sich zu eigen macht. Ich frage mich dann immer, woher die anderen ihre Sicherheit beziehen, mit der sie umgehend in den Volkszorn einstimmen. Ich habe diese Sicherheit fast nie, und ganz selten habe ich die Möglichkeit sie zu erlangen, indem ich an alle relevanten Informationen komme.

Zum anderen bin ich bestürzt, wie viel Häme sich, selbst in meinem engeren Umfeld, auf realen Treffen ebenso wie über soziale Netzwerke auf den vermeintlichen oder tatsächlichen „Tätern“ entlädt. Mit welcher regelrechten Wolllust sich Menschen daran weiden, dass und wie andere scheitern. Wie sie – auch wenn jemand noch so sehr Unrecht getan hat (wohlgemerkt: Ich spreche hier nicht von Kapitalverbrechen!) – auf einer öffentlichen Person herumtrampeln, der allgemeinen Verurteilung noch Dreck hinterherwerfen und sich am Unglück des/der Betreffenden weiden. Übrigens entlädt sich solcher Hohn nicht nur, und das schockiert mich noch mehr, wenn jemand für etwas bestraft wird. Sondern auch dann, wenn ein einstmals Erfolgreicher sich selbst in eine aussichtlose oder wenig würdevolle Position hineinmanövriert hat.

Zugegeben, ich schiele auch manchmal auf andere, die es so richtig geschafft haben. Wohl fast jeder tut das gelegentlich, das ist ja normal und menschlich. Aber wer würde sich denn wünschen, dass sie scheitern – nur um sich vielleicht selbst etwas zu beweisen? Was steckt denn für eine Denkweise dahinter?

Strafe: ja – aber diebische Freude daran?

Wohlgemerkt: Ich finde es nicht in Ordnung zu täuschen, zu betrügen oder sonst irgendetwas zu tun, was anderen schadet. Aber mich erfüllen Stürze, Abstürze, Demontagen auch nicht mit innerer Genugtuung. Mein Mitgefühl für Menschen, die zu hoch gepokert haben, hält sich in Grenzen. Sie sollen bestraft werden, vorausgesetzt, es ist nachgewiesen, dass sie gegen Regeln verstoßen haben. Aber ich freue mich auch nicht diebisch daran. Und in den allerwenigsten Fällen maße ich mir an, den kompletten Sachverhalt überblicken zu können. Ich finde auch, dass es Kontroversen geben soll und dass Diskussionen erforderlich sind. Ich verstehe, dass Emotionen hochkochen, wo Menschen sich benachteiligt fühlen.

Satire ist eine meiner liebsten Formen. Ich finde, man darf, soll und muss Witze über Machthabende reißen, aktuelle Themen aufgreifen, die Dinge nicht so ernst nehmen, vor keiner Instanz und Institution kuschen. Das ist ja eine der Errungenschaften unserer Demokratie, das wir uns offen so etwas trauen können. Da halte ich es mit Robert Gernhardt:

„Witze sollten grundsätzlich vor nichts haltmachen. Es ist nicht ihre Auf­gabe, die Anmut der Mutter zu feiern, Frauen zu verehren oder ange­sichts des werdenden Lebens zu verstummen – dafür gibt es Damenre­den, Minnelieder und Bistumsblätter. Witze haben ledig­lich einen Zweck: den, komisch zu sein. Das sind sie nur, wenn sie bedenkenlos neue Blickwinkel öffnen und überraschende Zu­sammenhänge herstellen.“*

Man trägt heute Häme

Doch diese triefende, schmutzige, dreckwerfende Häme, die ich bei einigen Menschen beobachte, die schockiert mich. Diese Selbstgefälligkeit, die doch oft eher einem geheimgehaltenen Gefühl des eigenen Nicht-gut-genug-Seins zu entspringen scheint, dem Neid auf jemand, der erfolgreich ist. Dieses Nachtreten, wenn jemand – wie begründet auch immer – am Boden liegt: Die mag ich nicht. Nicht in den Medien. Nicht auf Partys. Nicht in sozialen Netzwerken. Auch wenn man eine solche Haltung heute offensichtlich gerne trägt: Ich stimme da nicht mit ein.

Deswegen halte ich mich zu solchen Themen meistens heraus. Selbst wenn ich mir ein Bild gemacht habe und ein Urteil zutraue – auf der einen oder auf der anderen Seite. Nicht aus Angst anzuecken, sondern in der Befürchtung, Zustimmung ausgerechnet von solchen Häme-Trägern zu bekommen.

Ich wünsche mir jedenfalls, dass ich nie in eine Situation gerate, in der ich – verschuldet oder unverschuldet – wirklich am Boden liege. Ich wünsche das auch niemand anderem. Punkt.


Dr. Kerstin HoffmannDie Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät und unterstützt Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in digitalen Strategien, Public Relations und Corporate Blogging. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihr Blog “PR-Doktor” ist laut Ebuzzing eines der führenden deutschen Blogs über digitale Kommunikation. Sie wollen mehr darüber erfahren, was Kerstin Hoffmann mit ihrem Team für Ihr Unternehmen tun kann? Hier geht es zum Beratungsangebot. »

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*Aus: Robert Gernhardt: Was gibt’s denn da zu lachen. Zürich 1988, S. 23

  29 comments for “Häme ist das neue Schwarz

  1. 20. Februar 2013 at 17:53

    Besser ist es nicht zu beschreiben, dieses ungute Gefühl, oftmals live und in Farbe verfolgen zu können, mit welcher Boshaftigkeit – oder auch Häme – die Demontage von Menschen betrieben wird. Vielen Dank dafür, Frau Hoffmann.

  2. 20. Februar 2013 at 18:04

    Das spricht mir sowas von aus dem Herzen! Vielen Dank dafür! Schon lange beschäftigt und erschreckt mich das und widert mich an. Nur lässt es mich irgendwie wortlos zurück. Gut, dass es mal einer so treffend gesagt hat!

  3. 20. Februar 2013 at 18:31

    Ich glaube, wir haben da drei Phänomene: Erstens der Drang, sich durch besonders krasse Argumentation hervor zu tun aus der Masse der anderen, die ähnliches mit weniger krassen Worten ausdrücken. Zweitens die nicht vorhandene redaktionelle Kontrolle: Bei Leserbriefen werden die schlimmsten einfach entschärft oder weggeworfen, aber Facebook oder Twitter zensiert niemand. Und drittens ein nachlassendes Gefühl dafür, wann jetzt mal gut ist. Nehmen wir zum Beispiel Christian Wulff: Er hat seinem Amt nicht Genüge getan und musste es deshalb verlassen. Für diese Erkenntnis hat er (zu) lange gebraucht, da war ein ständig zunehmender Shitstorm hilfreich bei der Entscheidungsfindung. Danach war er fertig, und damit wäre es dann auch gut gewesen. Er hat eigentlich niemandem persönlich so viel getan, dass es das rechtfertigen würde, sich an ihm persönlich abzuarbeiten. Es gab eine Zeit, in der ich mich gefragt habe, wie wohl das verfasste Deutschland reagiert, wenn sich der Mann das Leben nimmt…

  4. Michael Klimmer
    20. Februar 2013 at 18:48

    Eigentlich würde ich jetzt am liebsten lautstark applaudieren. Ich kann aber noch nicht mal mit Sicherheit sagen, ob ich nicht auch schon den einen oder anderen fiesen Kommentar abgelassen habe – obwohl ich mir einbilde, dass mir das total wesensfremd ist.
    Auf jeden Fall eine gute Anregung, sich mit sich selber ins Benehmen zu setzen, dankeschön dafür. 🙂

  5. 20. Februar 2013 at 19:17

    Es wird spannend zu beobachten, wohin sich dieser „Pawlowsche Automat öffentlicher Kommunikation“ noch bewegen wird (so hat Frank Schirrmacher Ende 2012 jene „kreisenden Erregungen“ genannt, die sich auf ihren jeweiligen Höhepunkten durchaus losgelöst von ihren ursprünglichen Auslösern und frei von Benimmregeln entwickeln. Zweitens: Ein Shitstorm kann ja pure Absicht sein, gezielt losgetreten als Teil einer PR-Strategie, um maximale Aufmerksamkeit zu erreichen, um ein Thema aus dem Netz in die Massenmedien zu hieven oder einfach, um den Gegner zu diskreditieren. Was, wenn eine solche Aktion einem „guten“ Zweck dient, wenn sie „unethische“ Methoden einsetzt, um einem ethisch hehren Ziel zu mehr Öffentlichkeit zu verhelfen? Was, wenn sich Gut und Böse, richtig und falsch gar nicht mehr so eindeutig trennen lassen? Richtig, jetzt kommt Greenpeace, jetzt kommen Shell und Nestlé oder von mir aus auch der Fall Kony. Nein, liebe Kerstin, so einfach wie Du es beschreibst, finde ich das alles nicht – schon gar nicht, wenn man sich als Profi versteht.

  6. 20. Februar 2013 at 19:22

    Hartmut, einfach ist es nie. Aber einer ständigen Diskussion wert. Und ich behaupte, dass man mit einfachen menschlichen Antennen für Wertschätzung und Empathie sehr einfach unterscheiden kann, was bloße triefende, unkonstruktive Häme ist. Ganz davon abgesehen, was sich rundherum tut. – Und was ist schon „sich als Profi verstehen“? Das finde ich nun wieder undifferenziert und nicht mal so eben mit einem Wort abgetan. 😉 Dass man viele andere Aspekte komplexer diskutieren kann, steht außer Frage. Das sollten wir übrigens auch tun. Und tun es ja hier gerade schon.

  7. 20. Februar 2013 at 19:28

    Hallo Frau Dr. Hoffmann,

    sehr schön geschrieben, das ist wohl ein Phänomen der „Neuzeit“.

    Vor 20 Jahren gab es sowas in dieser Form noch nicht, weder im körperlichen noch im sprachlichen Bereich: Wenn jemand am Boden lag war Schluss bzw. man versuchte wieder hoch zu helfen.

    Meist sind es die Menschen, die mit sich selber und Ihrem Leben nicht zufrieden sind, welche ordentlich austeilen und gerne noch einmal nachtreten – ist natürlich einfacher als sich mit seinem selbst zu beschäftigen und die eigenen Baustellen anzugehen.

    Uns geht es einfach zu gut.
    Vielleicht sollten wir das Mühsal haben, morgens Wasser holen zu müssen und nicht zu wissen, ob es Abends etwas zu Essen gibt.
    Doch bei uns fliesst nicht nur Milch und Honig, nein, sogar die Schuhe, Möbel und das Essen wird bis zur Türe geliefert.

    Wenn dann das zocken / fernsehen / orientierungslos im Netz surfen zu langweilig wird, dann muss doch die dem Menschen gegebene Energie irgendwie abgebaut werden – am besten in einer Form, die dem Rudel gefällt.

    Beste Grüßle aus dem Schwabenländle

    Andreas W. Heusel

  8. 20. Februar 2013 at 20:10

    Differenzierte Beurteilung braucht Zurückhaltung und ein wenig Demut. Die ist in mittlerweile nicht mehr gefragt. (Das werden Sie in Ihrer Branche wahrscheinlich auch schon festgestellt haben.) Am tollsten kommt sich der vor, der am lautesten schreit. Gleichzeitig lechzt man nach Facebook-Likes, um sich der eigenen Wichtigkeit zu versichern.

    Leider gründet sich ein solches „Selbstbewusstsein“ oft auf brüchige Fundamente, und so nutzt man jede Gelegenheit, auf andere einzuknüppeln, um sich der eigenen Großartigkeit zu versichern. So zeigt Neid und Missgunst ihre hässliche Fratze. Die Psychologie nennt das „downward comparison“, der Blogger Sascha Lobo spricht – für die Sphäre des Internet – dezidiert von „digitalem Hass“.

  9. 20. Februar 2013 at 20:15

    P.S.
    Habe gerade einen super Blog-Artikel dazu gefunden: „Die digitale Bohäme“. (kein Schreibfehler 🙂 )

  10. 21. Februar 2013 at 08:53

    Gut gebrüllt Löwe!

    Ein kleine Anmerkung: Mich als Österreicherin stören diese neuen Kurzwörter wie „die Denke“ ganz immens, weil sie bei uns nicht verwendet werden (noch nicht!). Hätten Sie nicht „Geisteshaltung“ schreiben können?

    @Hartmuth:
    Soll das heißen, dass der Zweck die Mittel heiligt????

    Viele Grüße aus Österreich
    Susanne

  11. 21. Februar 2013 at 09:04

    @Susanne: „Denke“ statt „Denkweise“ war tatsächlich ein Tippfehler, den ich gestern vergessen hatte zu korrigieren. Ist jetzt geschehen, danke für den Hinweise.

  12. 21. Februar 2013 at 09:24

    …dem kann ich ohne wenn und aber zustimmen!

    Dieses Gefühl des „Fremdschämens“ für die Häme und Boshaftigkeit, die so manche Mitmenschen an den Tag legen, führt auch bei mir dazu, dass ich mich zu bestimmten Dingen nicht mehr äußere, obwohl ich durchaus etwas zu sagen hätte.

    Ganz konkret fühle ich mich damit immer häufiger bei dem Netzwerk XING konfrontiert…

    Was das Verhalten im WWW betrifft – ein Problem liegt sicherlich auch darin, dass im Internet, wo man sich hinter Anonymität und Avataren verstecken kann, dem Gegenüber/Betroffenen beim Kommentieren nicht in die Augen schauen muss, und damit manchen Leuten persönliche Angriffe unterhalb der Gürtellinie einfach gemacht werden, zu denen Sie nicht den Mut im realen Leben im 1:1 Austausch hätten.

  13. 21. Februar 2013 at 10:00

    Liebe Frau Dr. Hoffmann,

    ganz wunderbar haben Sie das be- und geschrieben. Vielen Dank dafür.

    Mit farbenfrohen und 🙂 Grüßen, Ihr Werner Deck

  14. Mario Morgenroth
    21. Februar 2013 at 11:43

    Zitat:
    ……..Zum anderen bin ich bestürzt, wie viel Häme sich, selbst in meinem engeren Umfeld….

    Sehr geehrte Frau Hoffmann,

    aus meinem engeren Umfeld kenne ich so etwas nicht. Oder sprachen Sie gar von einer allgemeinen Tendenz?!?! Dann fehlt mir zum Ross der Reiter!
    Die Häme ist so alt wie die Menschheit selbt – einzig an der Transparenz
    hat sich etwas geändert. Was wollen Sie uns mit diesem Arttikel eigentlich sagen???

    Von der Sonne gepackte Grüße
    Mario Morgenroth

  15. 21. Februar 2013 at 11:45

    Hallo Frau Dr. Hoffmann,

    da schrieben Sie wohl Wahres. Mir selbst sind auch schon die regelrechten Hetzaufrufe gegen Politiker aufgefallen, die insbesondere gern per Bildern (mit Text) auf Facebook verbreitet und anschließend mit „ich wette 90% von euch trauen sich nicht, das zu reposten“ unterschrieben werden. Damit wird den Menschen unterstellt, wenn sie anderer Meinung sind, seien sie nur Feiglinge – das man vielleicht einfach nur anderer Meinung ist oder vielleicht einfach nur keine ausgereifte Meinung zu dem Thema hat, weil – wie Sie schon schreiben – die nötigen Informationen dazu fehlen, wird gar nicht erst als Möglichkeit in Betracht gezogen.
    Für mich ist allein schon dieser letzte Satz „ich wette xy% trauen sich nicht…“ einer der ausschlaggebenden Gründe, solches eben _nicht_ zu teilen und weiter zu verbreiten.

    Ich bin zusätzlich der Meinung, dass diejenigen die am lautesten schreien und hetzen diejenigen sind, die am uninformiertesten sind. Die einfach unzufrieden sind – ob mit ihrem eigenen Leben oder tatsächlich dem angeprangerten Missstand sei mal dahin gestellt – und ihren Frust irgendwo auslassen müssen. Ein normal menschliches Verhalten, Frust muss raus. Schade nur das es 1. auf diese Weise geschieht anstatt auf produktive Art und 2. es auch kein Ende findet, weil sich die Leute immer wieder gegenseitig aufhetzen.

    Gruppenzwang – hello again… Schön, das mal einer öffentlich Stellung bezogen hat.

    Liebe Grüße,
    Alice Högner

  16. 21. Februar 2013 at 12:19

    Es wäre besser gewesen, die Zeit zu investieren, sich bei Schavan und Guttenberg sachkundig zu machen, stat sich in Emotionen über die Reaktionen anderer zu ergiessen. Schavan hat wahrscheinlich eine Straftat begangen (falsche eidesstattliche Aussage). Guttenberg hat Glück gehabt, dass er an einer minderwertigen Hochschule mit minderwertigem Promotionsverfahren ohne eidesstattliche Versicherung „promoviert“ hat. Sonst wäre Strafverfolgung sicher. Diese Menschen haben gezeigt, dass sie nicht in der Lage sind, sich an öffentliche-rechtliche Regeln zu halten. Also müssen sie aus dem Amt. Früher war es schwer zu beweisen. Helmut Kohls Dissertation findet man z.B. schwer.
    Dabei sind noch nicht mal urheberrechtliche Fragen diskutiert worden, mit denen wir über 600.000 Menschen, darunter Kinder kriminalisieren.
    Es wäre schöner gewesen, Sie hätten sich sachlich mit unseren Betrügern auseinandergesetzt statt emotional.

  17. 21. Februar 2013 at 12:32

    Dann gehe ich davon aus, Herr Ksoll, dass Sie sich entsprechend sachkundig gemacht haben und dass Sie Schavans Doktorarbeit ebenso wie die damalige Prüfungsordnung ebenso gelesen haben wie das Gutachten. Das habe ich nämlich nicht. Deswegen kann ich in der Sache nichts sagen. Davon ist hier aber auch nicht die Rede, wie Sie dem Blogbeitrag entnehmen können, sondern von der Häme, die viele daraufsetzen. Ihr Ton erinnert mich an andere Äußerungen, die ich nicht mag. Aber das ist ja Ihre Sache.

  18. Bernhard
    21. Februar 2013 at 12:46

    Sehr geerhte Frau Dr. Hoffmann,

    Jetzt, wo ich den Rahmen des Kommentarfeldes am Hals spüre, befällt mich Panik. Was sage ich bloß? Die ganze Welt schaut zu und meine Enkelkinder zu Hause werden noch nach Jahren hämen: „Der Opa, wenn Fritz, sein Nachbar, zu früh die Kartoffeln legt, dann reibt er sich die Hände und lässt im Herbst die vollen Säcke drei Tage im Garten stehen, nur damit er sie sieht. Die lautlose Häme. Dass die obersten grün werden, stört ihn nicht, die Ernte ist eine andere.“
    Da habe ich eine Idee fürs Netzt: „Die zeichenlose Häme.“
    Da haben Sie etwas angerichtet. Die Häme wird mich beschäftigen und wenn es nur für mich ist.
    Herzlichen Gruß, Bernhard

  19. 21. Februar 2013 at 13:01

    @Kerstin Hoffmann
    ja, Sie haben recht. Ich habe bei beiden die online gestellten Dissertationen und die bemängelten Stellen gelesen, sowie an beiden Hochschulen die damaligen Prüfungsordnungen. Die Gutachten der Universität zur Aberkennung sind m.W. nicht veröffentlicht worden.
    Ich habe auch bei Schavan im Berliner Tagesspiegel gemerkt, dass sie ein gebrochenes Verhältnis zur Wahrheit hat. Dort beweinte sie, dass es für ärmere Eltern zu ihrer Zeit schwer gewesen wäre, z.B. die Schulbücher zu bezahlen. Tatsächlich aber ist 1966, als Frau Schavan in Neuss (zum Kurzschuljahr) aufs Gymnasium kam, von der SPD in NRW die Lehrmittelfreiheit eingeführt worden gegen den erbitterten Widerstand der Schavanschen Parteifreunde von der CDU im Düsseldorfer Landtag. Sogar Fahrtkosten wurden erstattet, weil Bildung hohe Priorität damals hatte.

    Ich halte es für normal, dass solche verbitterten Realitätsverluste erwischter konservativer Politiker auch zu Emotionen führen. Aber Ursache sind die Schwierigkeiten der Konservativen mit Law and Order. Man sollte da nicht nur an der Oberfläche kratzen und andere der Häme zeihen.

    Frau Schavan hätte ja eine Chance gehabt. Viele Katholiken hätten ihr ja verziehen, wenn sie Reue gezeigt hätte und Buße getan hätte. Hat sie aber nicht, sondern versucht, befangene Wissenschaftler die finanziell alle am BMFT hängen, mundtot zu machen durch Macht statt durch Wahrheit. Da kann ich verstehen, dass Ratzinger sich mit Grausen abwendet und auf Rente geht (zumal das auch wenig mit Humanität zu tun hat, wenn man mit 85 noch zur Arbeit gezwungen werden soll) 🙂

  20. 21. Februar 2013 at 13:54

    Noch eine kleine Anregung zum Diskurs, wenn auch ein bisschen um die Ecke gedacht:

    „(…) Doch dieselbe Sprache kann vom Menschen auch zur Waffe umfunktioniert werden. Noch dazu zur zweischneidigen Waffe. Denn einerseits kann das Regime die Sprache zum Instrument seiner Herrschaft, der Desinformation und der Gehirnwäsche, des Betrugs und der Aggression machen, andererseits, und das geschieht oft gleichzeitig, kann auch die unterdrückte Gesellschaft die Sprache in den Dienst ihres Kampfes gegen eben dieses Regime stellen, sie als Instrument der Kommunikation zwischen den Unterdrückten und Erniedrigten, als Waffe in ihrem Kampf um Würde und Unabhängigkeit einsetzen.

    Es ist wichtig, zwischen der Situation der Sprache unter den Bedingungen der Diktatur und den Bedingungen der Demokratie zu unterscheiden. Wo ein diktatorisches Regime am Ruder ist, wird es bestrebt sein, …“

    http://www.nzzfolio.ch/www/d80bd71b-b264-4db4-afd0-277884b93470/showarticle/26082ab8-bb65-44d3-b1d7-8e71a98b0dc1.aspx

    („Diktatur“ kann dabei weit mehr bedeuten als eine politische: Eine Diktatur der Marktmacht, von „Alternativlosigkeiten“, des unbeherrschten Wortes, der erregten Masse, der Interessen und Lobbies, des Hypes, der Belanglosigkeit, der Langeweile usw.)

  21. 21. Februar 2013 at 14:06

    Ihre Kommentare, Herr Ksoll, haben längst nichts mehr mit dem eigentlichen Thema dieses Artikels zu tun. Es geht nicht um die Projektionsflächen von Häme, Hohn und Spott sondern um Häme, Hohn und Spott als Ausdrucksform.

    Vielleicht lesen Sie einfach den Artikel noch einmal?

  22. Matthias Brendel
    21. Februar 2013 at 14:28

    Sehr geehrte Frau Dr. Hoffmann,

    ich kann Ihre Beobachtungen im wesentlichen nachvollziehen, auch Ihr Empfinden bezueglich selbiger. Aber die Konsequenzen, die Sie fuer sich daraus ableiten halte ich fuer falsch.

    Haeme ist ja, wie sie bereits bemerkt haben, kein Thema des Internets, sondern Ausdruck einer Denk- und Verhaltensweise, die dem Menschen wohl grundsaetzlich nahe liegt und bei der es der (Selbst-)Reflexion bedarf, um zu erkennen, dass sie nicht angebracht ist. Es ist im allgemeinen die Reaktion eines Schwachen (wobei der Begriff hier relativ zu verstehen ist) auf ein Scheitern eines Anderen, was diesen zu einem vermeindlich noch Schwaecheren macht. Ein Abreagieren innerhalb einer „Hackordnung“ also. Das gibt es ueberall im Leben und damit auch im Internet.

    Schlecht ist es aber meiner Meinung nach, wenn man der Haeme (oder auch anderen aggressiven Verhaltensweisen) das Feld ueberlaesst. Haeme unwidersprochen im Raum stehen zu lassen, fuehrt schnell zur Kultur des Wegschauens. Die eigentlichen „Raedelsfuehrer“ bekommt man durch eine versachlichte Diskussion zwar im Allgemeinen nicht in den Griff, man kann sehr wohl Einfluss auf „Mitlaeufer“ nehmen und bisweilen sogar Denkprozesse initiieren. Und das nicht nur, wenn man einer durch Haeme vergaellten Kritik widerspricht, sondern auch, wenn man ihr grundsaetzlich zustimmt, dabei aber auf eine sachliche und fundierte Ebene zurueckholt. Das setzt natuerlich voraus, dass man diese fundiertere Argumentationsgrundlage gegenueger dem Haemischen hat, was aber in den meisten Faellen nicht schwer ist, da ja Haeme in der Regel vollkommen uninformiert daherkommt (um z. B. sachlich in eine „Schavan-Diskussion“ einzusteigen, bedarf es eben NICHT unbedingt, die komplette Arbeit zu lesen, saemtliche Quellen und die Pruefungsordnung zu kennen; ein Blick in den Plagiatsblog, der sehr sachlich aufgebaut ist, reicht, um den meisten „Mitdiskutierenden“ wissensmaessig weit voraus zu sein).

  23. 22. Februar 2013 at 00:06

    Hallo Frau Hoffmann,

    danke für diesen Beitrag, ich finde ihn sehr gut und stimme Ihnen in weiten Teilen zu.

    Ebenso wie die Häme um sich zu greifen scheint, wundern sich seit einigen Jahren m. E. n. mehr Menschen, wenn jemand sich über großes Glück oder großen Erfolg eines anderen freut. Einfach so, nur sich mitfreuen ohne Haken und Ösen. Prozentual beziffern kann ich es nicht, es ist nur ein Gefühl, dass es so ist. Und wie die zunehmende Schadenfreude mich befremdet so seltsam finde ich es, wenn auch Freude an den Erfolgen anderer belächelt wird.

    Nachdenkliche Grüße
    Silke Bicker

  24. Ulf Schrader
    22. Februar 2013 at 00:40

    Spricht mir aus der Seele. Danke für diesen Beitrag.

  25. A.Brandau
    22. Februar 2013 at 09:27

    Vielen Dank, dass Sie Ihre Meinung und Beobachtungen teilen. In vielen Aspekten stimme ich Ihnen zu. Ich frage mich dennoch, ob es wirklich so ist. Häme als neuer Kommunikationstrend im Schlepptau mit Verallgemeinerungen und Halbwissen? Häme ist für mich ein Charakterzug. Vielleicht tritt er heute deutlicher ans Licht, da die Möglichkeiten des Publishing auf einmal Jedem zugänglich sind (facebook, Blogs und Netzwerktreffen und Co). Und vielleicht gehört es in unser Kommunikationszeitalter zu Allem und Jeden eine Meinung zu haben?

  26. nele krampen
    24. Februar 2013 at 14:58

    …genau dieses Gefühl hat ich getrieben meinen ersten Blogbeitrag zu schreiben (http://jazzlog.de/jazzlounge/2013/02/mulmiges-gefuhl/) und auch die breite Zustimmung hier in den Kommentaren zeigt, dass es immerhin auch ein Gegenzucken gibt.

  27. 27. Februar 2013 at 23:31

    Ein interessantes Thema. Ich persönlich glaube aber nicht, dass „Häme das neue Schwarz“ ist. Ich glaube weder, dass gerade eine Verrohung der Gesellschaft stattfindet, noch dass das Internet auf einmal diese Seiten der zu oberflächlichen Menschen ans Licht bringt, weil nun jeder zu allem öffentlich seine Meinung sagt. Auch nicht, dass es uns zu gut geht, wie ein Kommentator schreibt.

    Da der Artikel bewusst konkrete Beispiele vermeidet, kann man aber auch nur schwer konkret etwas darauf erwidern. Dass immer viele Reaktionen zu einem Thema sehr oberflächlich und undifferenziert sind, ist nichts Neues. Persönliche Meinungsbildung ist oft schnell und unreflektiert – und natürlich ohne Quellenstudium – soweit gehe ich mit. Und da halte ich es wie Dieter Nuhr.

    Das undifferenzierte Einstimmen in das Lamento, wie man es in einigen Kommentaren hier liest, ist aber auch nicht so weit entfernt davon. Einfach die „Gutmenschen-Variante“ zum selber wohlfühlen und dabei den anderen – den Schadenfreudigen – ins Unrecht setzen. Uns selber liegt das ja allen fern, die wir hier kommentieren. Häme das passiert bei den anderen, bei denen die sagen wir primitiver sind als wir.

    Von Volkszorn über Politik und Wirtschaft ist im Artikel die Rede, in den vielfach einfach eingestimmt wird. Woher könnte dieser kommen? Befinden wir uns im luftleeren Raum oder was passiert gerade in der Politik, in der EU. Welche Wertschätzung erfährt der Mensch als Teil des Volkes von den Politikern? Was können wir von anderen Ländern um uns herum gerade über Volkszorn lernen? Warum fackeln die Menschen in Griechenland Autos auf der Strasse ab? Weil es ihnen zu gut geht? Wie zynisch und dumm! – Nein bei uns die wir hier interessiert PR-Blogs lesen ist der Volkszorn noch im Rahmen, weil es uns gut geht. Seien wir dafür dankbar, wir sitzen ja im gleichen Boot.

    Was mir ein unwohles Gefühl gibt – und vielleicht (vielleicht!) ist das auch in Wirklichkeit der Grund für die weitgehende Zustimmung hier zu Kerstin Hoffmanns Artikel – ist, welches Potenzial oder anschaulicher welche Sprengkraft im Volkszorn steckt, der noch unterm Deckel ist – und sich vielleicht momentan vermehrt durch Häme äussern mag. Ich habe z.B. ESM und Vertrag von Lissabon gelesen, um mal zwei wirklich relevante Quellen zu nennen. Und da steckt so viel Potenzial für Volkszorn drin, dass es uns alle noch richtig aus unserer Komfortzone hauen kann. Nur, um mal diesen einen konkreten Anknüpfungspunkt des Artikels zu reflektieren.

    Was heisst das nun für das Thema Häme? Aus meiner Sicht: Entweder ignorieren, weil wirklich zu blöd und Energieverschwendung darauf einzugehen. Oder sonst fragen: Woher kommt’s, was steckt dahinter? Warum gibt es diese Reaktion? Und was ist dann das neue Weiss?

    Einen herzlichen Gruss in die Runde
    Frank Herberg

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