„9 von 10 Punkten für Krisen-Management“

Wie die WELT eine Empörungswelle im Web abfedert – ein Lehrstück

Texterella vs. WELT

Die Verlagswelt und speziell die Tageszeitungen haben es schwer zur Zeit. Meldungen über gefährdete oder gar eingestellte Publikationen machen die Runde. Zugleich schaffen sich die Verleger mit ihren Forderungen nach einem neuen Leistungsschutzrecht nicht nur Freunde. Da darf eigentlich ein Fehler wie der hier nicht passieren: In einer Modekolumne der WELT werden die Textidee und ganze Passagen aus einem Blogbeitrag fast wörtlich übernommen. Ein grober Verstoß gegen das Urheberrecht, ein Verstoß gegen jedes journalistische Ethos, kurz: ein absolutes Unding. Die Autorin, die Texterin und Bloggerin Susanne Ackstaller, entdeckt es durch Zufall an einem Sonntag – also gestern – und macht ihrem Ärger virtuell Luft: im eigenen Blog und auf Facebook. Da sie gut vernetzt ist, verbreitet sich die Geschichte weiter: über Ackstallers Netzwerk zu dem viele Meinungsbildner gehören, die ihrerseits wieder mit Meinungsbildnern vernetzt sind. Schnell entsteht so etwas eine Empörungswelle (Web-Modewort dafür: Shitstorm) im Netz.

Doch die Redaktion reagiert, trotz des Feiertags, ebenso schnell: Einer der ersten Kommentare unter dem Blogbeitrag stammt vom stellvertretenden Chefredakteur. Man werde sich der Sache annehmen. Gleichzeitig verschwindet das Plagiat von der Zeitungswebsite. Bereits heute Mittag hatte die Autorin einen Auftrag für eine regelmäßige Modekolumne in der WELTkompakt.

Krise abgewendet, Autorin glücklich, Netz beruhigt. Was zu einem massiven Reputationsschaden hätte führen können, hat die Redaktion souverän abgefedert. Ein gutes Beispiel dafür, wie Krisen-PR im Social Web auch funktionieren kann. Jedenfalls aus Sicht der „Beschuldigten“, der WELT, die damit wohl heil aus der Sache herauskommt. Denn auch der Ausgang der Geschichte zieht schnell Kreise: auf Facebook, Twitter oder in Publikationen wie Meedia, wo es heute als „Topstory“ lief. Ein schaler Geschmack bleibt, weil die Redaktion der jungen Mitarbeiterin alle Schuld zuschiebt. Dennoch findet Fachfrau Ackstaller: 9 von 10 Punkten für „ziemlich gutes Krisenmanagement“.

Insofern ist das Ganze ein Lehrstück für die Krisen-PR – sowohl in den vorbildlichen Aspekten als auch darin, wo man noch hätte nachbessern können. Im Gespräch erzählt Susanne Ackstaller mehr zu den Details und dazu, wie die ganze Geschichte in Windeseile eine Eigendynamik entwickelte, die sie selbst nicht erwartet hatte.

Susanne Ackstaller, texterella

Susanne, ich habe es ja sozusagen ‚live‘ mitbekommen: Als du das Plagiat entdeckt hast, bist du aus allen Wolken gefallen. Was war deine erste Reaktion?

Susanne Ackstaller: Ich war total zornig. Zornig, weil meine Texte schon mehrfach geklaut worden waren – und ich deshalb schon mehrere Prozesse geführt habe. Nicht immer sind sie zu meinen Gunsten ausgegangen. Die Richter haben da ja manchmal sehr seltsame Ansichten, was schöpferisch ist und was nicht. Und da dachte ich mir: „Schon wieder! – jetzt muss ich da wieder durch!“ Und deshalb habe ich mir meinen Zorn erstmal vom Herzen geschrieben.

Du bist ja sehr gut vernetzt, sowohl im Social Web als auch in der PR- und Journalistenszene. Die meisten waren ähnlich entsetzt und haben die Info gleich weitergetragen. Lag es in deiner Absicht, eine Empörungswelle im Web anzustoßen?

Susanne Ackstaller: Sagen wir mal so: Ich weiß, was das Internet schaffen kann. Ich habe schon häufig erlebt, wie solidarisch die Netzgemeinde sein kann. Ein wenig hatte ich wohl schon gehofft, dass ich auf diese Weise zur Welt durchdringe – eher als mit Anwalt und Abmahnung und einstweiliger Verfügung etc.! Dass es aber so gut und so unglaublich schnell funktionieren würde – das hätte ich mir nicht zu träumen gewagt!

Du weißt, was passieren kann – also auch, wie sehr so etwas dem Gegenüber schaden kann. Nun warst die Geschädigte ja erst einmal du. Wirklich ein Unding, was da passiert war. Welche Lösung hattest du dir bestenfalls erhofft?

Susanne Ackstaller: Natürlich hatte ich gehofft, dass, idealerweise auch bei der WELT, auffallen würde, dass mein Text besser war als die plagiierte Version. Ebenso hatte ich auf eine Entschuldigung gehofft, auf ein Einsehen, dass da was ziemlich falsch gelaufen ist. Die tatsächliche Reaktion – und vor allen Dingen so schnell – hatte ich aber nicht erwartet. Ich hatte eher damit gerechnet, die Redaktion würde das aussitzen – und bestensfalls schweigend eine Honorarrechnung meinerseits begleichen.

Tatsächlich ist aber was genau geschehen?

Susanne Ackstaller: Ich muss dazu sagen, dass vieles in meiner Abwesenheit geschah: Ich hatte den Blogartikel geschrieben, ihn bei Facebook gepostet – das wars. Ich war nämlich bei Freunden eingeladen! Dann überrollte mich eine Facebook- und twitter-Welle, von der ich erst nach Stunden etwas mitbekommen habe.

Auf Twitter hatte sich wohl ziemlich schnell der stellvertretende Chefredakteur, Frank Schmiechen, zu Wort gemeldet – und „Einsehen“ gezeigt, dass da was ziemlich schief gelaufen war. Er hat dann auch noch in meinem Blog kommentiert, er wolle das mit der Autorin klären und sich melden. Später kommentierte dann auch noch der Redaktionsleiter der WELTkompakt und entschuldigte sich.

Derweil bot mir Schmiechen via Twitter an, für die WELT zu schreiben. Ehrlich gesagt, das habe ich nicht wirklich ernst genommen, sondern es eher für einen Schachzug in Sachen Krisenkommunikation gehalten.  Aber dann meldete sich Matthias Leonhard, der Redaktionsleiter der WELTkompakt, spätabends noch  mal per Mail, um einen Telefontermin zu vereinbaren. Er rief mich heute an – und hat mir tatsächlich eine Modekolumne angeboten.

Du hast plötzlich eine eigene Modekolumne in einer überregionalen Zeitung. Bist du also vollkommen zufrieden und besänftigt? Mein Kollege Giesbert Damaschke schrieb zu der Sache vorhin auf Facebook„Souverän wäre es gewesen, wenn sie die Schuld nicht „einer junge Kollegin“ in die Schuhe geschoben, sondern „wir, die Redaktion haben Mist gebaut“ geschrieben hätte. Das wäre sogar vorbildlich gewesen. Aber so ist das Signal: Wird etwas gelobt, war es die Redaktion, unterläuft ein Fehler wird der Missetäter ausgeschlossen und bloß gestellt. Nicht gut.“ – Wie siehst du das?

Susanne Ackstaller: Ich hätte mir tatsächlich auch gewünscht, dass die Redaktion sich da noch mehr in der Verantwortung gesehen hätte. Tatsächlich hat sie es aber auf die Autorin abgewälzt, die es natürlich auch verbockt hat. Aber das hätte intern geklärt gehört – nicht nach außen. Es handelt sich ja wohl noch um eine junge Kollegin, wobei natürlich auch sie hätte wissen müssen, dass Abschreiben NIE eine Lösung ist.

‚Besänftigt‘ ist sicher das falsche Wort. Ich freue mich, dass es für mich einen guten Ausgang genommen hat. Insgesamt hat die WELT aber sehr gut reagiert, finde ich. Ziemlich gutes Krisenmanagement! Denn Axel Springer steht ja doch sehr schnell im Fokus – da haben sie schon sehr viel richtig gemacht. 9 von 10 Punkten, würde ich sagen!


Dr. Kerstin HoffmannDie Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät und unterstützt Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in digitalen Strategien, Public Relations und Corporate Blogging. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihr Blog “PR-Doktor” ist laut Ebuzzing eines der führenden deutschen Blogs über digitale Kommunikation. Sie wollen mehr darüber erfahren, was Kerstin Hoffmann mit ihrem Team für Ihr Unternehmen tun kann? Hier geht es zum Beratungsangebot. »

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  7 comments for “„9 von 10 Punkten für Krisen-Management“

  1. Dr. Natascha Miljkovic
    27. November 2012 at 11:38

    Sehr interessante Anektote zum Urheberrecht (,das natürlich auch im Internet gilt, obwohl das immer wieder mal gerne vergessen wird)!

    Dazu 2 inhaltliche Kommentare von mir als Plagiatprüferin.

    *) Die Vorgehensweise der Autorin ist emotional durchaus nachvollziehbar! Sie hat sich geärgert, das hätte ich auch, und wie! Man steckt Zeit und Energie in eine Arbeit/ einen Text rein und jemand anderes übernimmt es einfach so und ungefragt als sein Eigentum (wobei man natürlich zugestehen muss, dass der Begriff „geistiges Eigentum“ durchaus umstritten ist).

    Allerdings hätte sie korrekterweise den Verlag zuerst informieren müssen, bevor sie etwas öffentlich dazu postet! Denn – wie sich schliesslich auch herausgestellt hat – passiert vieles im Zeitdruck unabsichtlich oder durch blosse Schlamperei.

    Die Autorin erkennt auch richtig – was man im Netz anstößt kann man nur schwer bis gar nicht mehr rückgängig machen! Das stimmt v.a. auch bei Plagiatverdächtigungen aller Art!

    *) Die Redaktion hat super reagiert! Das gefällt mir, und natürlich, dass es ein Happy End gibt! Toll gemacht! Wenn es nur immer so glimpflich wäre …

    Danke für Ihren Bogbeitrag! Sehr lesenswert!

    Schöne Grüsse aus Wien!

    Natascha Miljkovic

  2. 28. November 2012 at 09:19

    Liebe Frau Miljkovic,

    wo hat sich denn das herausgestellt? Und warum hätte ich erst den Verlag informieren müssen?

    Dass jemand unabsichtlich klaut, halte ich im Übrigen für schwer vorstellbar. 🙂 Zeitdruck, klar – aber wer hat den nicht? Im Edeka kann ich die Äpfel auch nicht einfach mitnehmen, weil ich es eilig habe und an der Kasse eine Schlange steht.

    Viele Grüße von Susanne Ackstaller.

  3. Dr. Natascha Miljkovic
    28. November 2012 at 09:54

    Liebe Frau Ackstaller!

    Danke für Ihre Rückmeldung!

    Ich kenne Ihren Fall nur insofern als ich dazu gelesen habe was bislang geschrieben wurde. Für mich stellt sich der Fall so dar, als hätte man sich Ihnen trotz des unterlaufenen „Fehlers“ (,den ich nicht verharmlosen möchte, siehe unten!) äußerst kooperativ gezeigt.

    Dass kann(!) ein Hinweis darauf sein, dass man auch ursprünglich nicht absichtlich auf eine Konfrontation aus war, sondern dies einfach im Trubel der Redaktionsarbeit „passiert“ ist.

    Natürlich kann ich mich dsbzgl. irren. Allgemein nehme ich allerdings lieber einmal die bessere satt schlechtere Interpretation an. 🙂

    Warum man erst den „vermeintlichen“ Übeltäter informieren sollte? Müssen tut man natürlich nicht, auch nicht Sie persönlich, Sie hätten auch einen Anwalt eine Unterlassungsklage überbringen lassen können.

    Ich halte es allerdings für keinen guten Start, wenn man sich zuerst selbst an den Rand der Rufschädigung des anderen begibt, bevor man noch irgendwelche Details kennt. Grundsätzlich empfehle ich immer zuerst die Urheber des Ärgers anzuschreiben, es ist professioneller.

    Hätte z.B. auch sein können, dass ein Texter Ihren Text „geklaut“ und der Redaktion verkauft hat, dann hätten Sie eine Zeitschrift verleumdet, die Ihnen nichts getan hat und nichts wollte, weil sie gar nicht wusste was vorsich geht.

    (Übrigens, „klauen“ oder „stehlen“ sind bei geistigem Eigentum mit Vorsicht zu geniessen.)

    Bedenken sollte man ev. auch, dass der eigene Ruf leiden kann. Eine bekannte „Streitliese“ stellt man ungern ein bzw. erteilt man ungern Aufträge, denn Redakteure wollen nicht wegen jedem Wort, dass geändert oder gestrichen werden soll mit ihren Textern per Anwalt verhandeln müssen. Es kommt also auch darauf an, welches Berufs-Image Sie zu Ihrer Person aufbauen wollen. Aber dazu kenn sich Fr. Hoffmann besser aus als ich! 🙂

    Ich möchte hier wahrlich nichts entschuldigen!! Schliesslich arbeite ich seit vielen Jahren im Pagiatsbereich und sehe welchen Schaden es v.a. in der Wissenschaft anrichtet! Im Gegenteil! Ausreden für Plagiate gibt es keine, die zählen dürfen, aber es gibt oft Gründe! Und die sollte man sich zumindest einmal anhören. Ich weiss, das sieht vielleicht nicht jeder Kollege so …

    Ihre Geschichte ist wirklich spannend! Ich denke, dass noch viel Arbeit vor den Gesetzgebern und der Gesellschaft liegt, bevor man solche Textübernahmen u.a. Netzproblematiken in den Griff bekommt. Ich freue mich jedenfalls, dass Ihr Problem so rasch und super gelöst wurde!

    Weiterhin viel Erfolg mit dem Schreiben! 🙂

    Beste Grüsse,
    Natascha Miljkovic

  4. 28. November 2012 at 10:19

    Nunja, „kooperativ“ war man natürlich – es tobte ja auch die halbe Web-Welt. Da hatte man als WELT ja wenig Wahl. 🙂 „Streitliesl“, weil man sich nicht beklauen lassen möchte … hm.

    Natürlich gibt es immer Gründe! Zeitmangel, Druck, Einfallslosigkeit – all das kenne ich. Ich habe dennoch noch nie was geklaut. Und Sie vermutlich auch nicht. Ganz davon abgesehen gehört „Nicht abschreiben“ wohl zum fundamentalsten Journalistenethos.

    Ich sehe hier auch keine Rufschädigung. Ich habe den Namen der Autorin nicht mal genannt.

  5. Alfred
    30. November 2012 at 21:06

    Werte Frau Ackstaller,

    bei allem Respekt, aber Sie haben den vollständigen Namen der jungen Redakteurin in ihrem Blogbeitrag getagged. Wie können Sie jetzt behaupten, dass Sie ihren Namen nicht genannt haben?

    Ich möchte hier natürlich kein Plagiat gutreden! Ich persönlich bin sehr wütend, wenn ich bemerke, dass jemand meine Ideen abkupfert oder meine Werke abschreibt. Ich setze mich dann aber zuerst mit der Person auseinander und dann mit dem zugehörigen Unternehmen oder was auch immer an dem Übeltäter hängt.
    Natürlich muss der Verlag/die Zeitung/das Unternehmen/etc. in Ihrem Fall dafür bezahlen und sich entschuldigen. Aber ist das Grund genug, sich im Internet eine Gruppe von Anhängern zu formieren und diese geballt auf eine, wie Sie richtig feststellen, junge Redakteurin loszulassen? Natürlich muss auch sie für den Fehler geradestehen, sich entschuldigen und daraus lernen. Aber wieso muss sie öffentlich ausgepeitscht werden?

    Wie fühlt es sich eigentlich an, eine Kolumne in einer Zeitung zu bekommen, „nur“ weil eine junge Redakteurin bei Ihnen abgeschrieben hat? Ist das nicht irgendwie „seltsam“? Oder liege ich damit falsch und Sie freuen sich auf den neuen (gut bezahlten?) Job bei Axel Springer?

    Freundliche Grüße,
    Alfred Boerg

  6. 30. November 2012 at 21:40

    Guten Abend Herr Boerg,

    danke für Ihre Meinung.

    Ich möchte allerdings richtigstellen, dass ich den Namen weder erwähnt noch getagged habe.

    Herzliche Grüße,

    Susanne Ackstaller.

  7. Alfred
    30. November 2012 at 22:04

    Verzeihung, Sie haben nicht getagged (sagt man nicht eigentlich nach der Eindeutschung „getaggt“?), sondern den vollständigen Artikel samt Autorenzeile als Direktlink vermerkt. Und auch nachdem die Welt irgendwann den Artikel aus dem Netz genommen hat, war, dank Google Cache, der Artikel weiterhin erreichbar und der Name so auch lesbar.

    Schade, dass Sie nicht auf meine Fragen eingehen möchten.

    Freundliche Grüße,
    Alfred Boerg

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