Wissen teilen, damit die Welt besser wird

Interview mit Prof. Gunter Dueck – Wissenschaftler, Philosoph und Manager

Prof. Dr. Gunter Dueck

Du kannst (fast) alles verschenken, was du weißt – wenn du das verkaufst, was du kannst!“ Das ist die These meines Buchs Prinzip kostenlos. Seit Jahren beobachte ich viele Menschen, die das erfolgreich verwirklichen. Für das Buch habe ich insgesamt acht bekannte Wissens-Teiler selbst zu Wort kommen lassen. Für diese Praxisbeispiele habe ich die Form des Interviews gewählt. Die Befragten beschreiben, was sie antreibt, was bei ihnen gut funktioniert und auf welche Weise sie so erfolgreich geworden sind. Sie berichten von ihrer Positionierung, von persönlichen Erfahrungen, vom Umgang mit Wettbewerbern und Netzwerkpartnern. Die ungekürzten Fassungen dieser Interviews erscheinen nach und nach hier im PR-Doktor. Als erstes: Gunter Dueck.

Herr Professor Dueck, ein ganzes Buchmanuskript und viele weitere Texte zum Download auf Ihrer Website, die Kolumne „Daily Dueck“, unbezahlte Vorträge wie auf der re:publica, ausführliche Beiträge in Social Networks, Interviews, Mentoring für jüngere Kollegen: Kommen Sie da überhaupt noch zum bezahlten Arbeiten?

Gunter Dueck: Ja, ich lebe heute von meinen Vorträgen, und zwar ganz gut. Aber das war anfangs gar nicht so geplant. Mit dem Geldverdienen hat es sich so ergeben. In der ersten Phase war es für mich eine echte Mission. Ich musste der Menschheit etwas mitteilen, damit die Welt besser wird. Ich hatte ja einen Job. Philosophisches habe ich geschrieben, weil es mir ein Herzensanliegen war. In der zweiten Phase, als ich noch bei IBM angestellt war, hat es mir eine gewisse Unabhängigkeit im Unternehmen gesichert. Dafür habe ich alle Honorare an meinen Arbeitgeber weitergereicht. Zuletzt habe ich mein Gehalt selbst mitgebracht.

Ich habe eine philosophische Botschaft, die offenbar vielen Menschen hilft, und die Leute sind bereit, dafür auch Geld zu bezahlen. Ich habe Bücher geschrieben, aber mit den Vorträgen habe ich erst angefangen, als die Leute deswegen angerufen haben. Dann sieht jemand auf einer Tagung einen solchen Vortrag und will auch einen für seine Veranstaltung haben. Im Prinzip geht das immer so weiter. So kam es, dass ich mich nach meiner Pensionierung selbstständig gemacht habe.

Die meisten dieser Vorträge stehen als Video im Netz, ebenso viele Texte. Haben Sie nie Angst, dass Sie zu viel weggeben?

Gunter Dueck: Es hat damit angefangen, dass ich meine Erkenntnisse in die Welt hinausposaunen wollte, weil es um Dinge geht, die die Menschheit bisher übersehen hat – finde ich. Das habe ich zuerst auf meiner Homepage publiziert, aber das haben nicht so arg viele gelesen. Dann habe ich es als PDFs zur Verfügung gestellt, damit es die Leute einfach haben, es herumzuschicken. Es ist nicht so, dass ich dazu keine Überlegungen angestellt hätte: Was passiert, wenn ich meine Ansichten zum Download bereitstelle? Irgendwann habe ich mal zehn Tage lang am Kopf gekratzt, und dann habe ich es freigegeben. Inzwischen gebe ich alles frei. Jeder kann meine Folien haben, im Grunde könnte ich auch meine Bücher als pdf verschenken.

Die Art, wie man etwas mitteilen kann, verändert sich. Wenn ich meine Mission weiter erfüllen will, kann ich mir vorstellen, dass ich irgendwann über einen Internet-TV-Sender alles in Videoform produziere und nach der Sendung alles auf YouTube stelle.

Sie teilen Ihr Wissen also vollkommen selbstlos?

Gunter Dueck: Viele Leute erarbeiten „Wissen“ mit dem einzigen Zweck, Aufmerksamkeit und auch Geld dafür zu bekommen, extra dazu – also kein Wissen, um die Welt zu verbessern, sondern ausschließlich die eigene Lage. Die verdienen nicht nur Geld, sondern vernebeln auch die Debatten mit vermeintlichen Schnellschusslösungen, siehe beispielsweise die Politik. Ich finde, es geht nicht nur um Geld. Die Leistung kann doch auch bezahlt werden. Sondern es geht darum, dass man wirklich etwas Wertvolles hervorbringt, was der Gemeinschaft hilft. Das ist in meiner Vorstellung so etwas wie „selbstlos“. Wir sollten wirklich das Gute tun, ohne notwendig „Win-Win“.

Wenn ich zum Beispiel jemanden am Flughafen am Check-In vorlasse, weil er es sehr eilig hat, sehe ich den nie wieder. Ich kriege nichts von ihm zurück. Als Prinzip für die gesamte Menschheit funktioniert es wieder: Wenn alle so handeln würden, würde es stimmen. Wenn alle ihr Wissen teilen würden, wäre es schön. Es machen nicht alle, das ist auch in Ordnung. Aber ich mache das halt. Es entspricht den wenigen, einfachen Grundsätzen, die ich habe. Mein Leben ist dann so einfach, und das ist gut – für mich!

Warum sind so viele Ihrer Kollegen – Sprecher, Berater, Wissenschaftler –darauf bedacht, ihr Wissen zu hüten?

Gunter Dueck: Ich kenne diese Diskussion, gerade unter Beratern. Sie haben Angst, nichts mehr zu sein, wenn sie ihre Folien weggeben.Das ist dann aber beschränkt wertvolles Wissen. Wenn ich dagegen Exzellenz liefern will, also auch Langfristiges und Nachhaltiges, muss ich akzeptieren, dass ich damit nicht das Höchste verdiene, nicht so viel wie mit „Quick Fixes“. In der Regel ist es ein Kompromiss: Wenn man richtig gut arbeitet und zufrieden ist und seinen Kunden wirklich hilft, verdient man weniger Bonus, aber das Leben ist schöner! Alle zufrieden! Wer nach Geld hechelt, bekommt mehr als wenn es nicht tut, klar – aber Exzellenz wird befördert und bekommt am Ende noch mehr! Es gibt ein Buch, das hab ich gekauft und nie gelesen, der Titel tut’s: „Do what you love, the money will follow.“

Also hüten viele ihr Wissen, um die eigene Mittelmäßigkeit zu schützen?

Gunter Dueck: Es gibt sehr viele Berater, die mit schnellen Ratschlägen kommen und behaupten, man könne alles lernen, wenn man für 1000 Euro einen Kurs bei ihnen belegt – in zwei Tagen oder sogar in zwei Stunden. Die Leute gehen da hin und lernen praktisch nichts. Damit kann man viel mehr Geld verdienen, als es verdient wäre. Es gibt eine ganze Fertigungsindustrie von Beratungsleistungen, mit Fragebögen, wie man dem Kernproblem näherkommt. Wenn das publiziert wäre, könnte jeder andere damit auch Geld verdienen. Wenn ich eine Schatzader entdeckt habe, beute ich sie aus und darf sie nicht herausgeben, denn dann beuten andere sie auch aus. Aber wenn mit dem Wissen jeder andere auch das Gleiche anfangen kann, dann könnte es eben einfach besser sein. Wer mehr kann als „Folie sein“, kann die PowerPoints oder Fragebögen auch weggeben.

Heißt das umgekehrt, wer exzellent ist, kann gefahrlos sein Wissen teilen?

Gunter Dueck: Das Teilen von Wissen beruht darauf, dass man sich auf sein Können verlässt. Dann kann man praktisch alles Schriftliche verschenken. Wenn ich wirklich etwas kann, wenn ich echt gut bin, ist das der bessere Weg. Wenn man etwas kann, braucht man keine Werbung zu machen. Wer nur etwas Durchschnittliches liefert, muss sich die Hacken ablaufen und verbringt das halbe Leben mit Marketing und Akquise.

Es geht im Übrigen nicht nur darum, das Wissen weiterzugeben. Es muss auch so verpackt werden, dass es angenommen wird. Und man darf keine Bedingungen stellen. Es gibt viele Menschen, die bereit sind, ihr Wissen zu teilen, aber sie möchten dafür gelobt werden. Wer nur etwas preisgibt, um gelobt zu werden, hat auch Angst, dass man es ihm wegnimmt. Wenn man Wissen teilt, muss man bereit sein, es einfach wegzugeben, und gut ist es.

Prof. Dr. Gunter Dueck war CTO der IBM Deutschland und einer der IBM Distinguished Engineers, er ist IEEE Fellow und korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Im Jahre 2011 zählte die Computerwoche den promovierten Mathematiker zu den Top 100 maßgebenden Persönlichkeiten in der Informations- und Kommunikationstechnologie in Deutschland. Web: www.omnisophie.com
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Kerstin Hoffmann Prinzip kostenlosDie Kurzfassung dieses Interviews ist erschienen in Prinzip kostenlos, dem neuen Buch von Kerstin Hoffmann. Der Ratgeber zeigt, wie Unternehmen, Berater und Dienstleister neue Kunden gewinnen, ihre Bekanntheit steigern und ihre Umsätze erhöhen, indem sie ihr Wissen verschenken. Er führt die Leser von der Theorie und Psychologie des Teilens bis zur erfolgreichen Realisierung ihrer ganz eigenen Strategie. Dazu gehören auch technische Details für die eigene Wissensplattform sowie Anleitungen für die Vernetzung in Social Networks.

Hoffmann, Kerstin: Prinzip kostenlos. Wissen verschenken – Aufmerksamkeit steigern – Kunden gewinnen. 1. Auflage. Mai 2012. 24,90 Euro 248 Seiten, Hardcover. ISBN-13: 978-3-527-50671-2. Erschienen im Verlag Wiley-VCH, Weinheim*

  9 comments for “Wissen teilen, damit die Welt besser wird

  1. 5. Juni 2012 at 20:05

    Ja, den Eindruck, dass er sein Wissen gerne teilt, durfte ich schon mehrfach erleben. Und seine Videos sind immer wieder ein genuss, genauso wie seine Bücher und sein Blog.
    Ich selbst verfahre immer so, dass wenn ich mir ein neues Thema erschlossen habe, die Erkenntnisse so zusammenzufassen, dass daraus ein Blog-Artikel wird, der entweder für die Welt oder bei sensibleren Themen nur intern gepostet wird. Denn ich gehe davon aus, dass ich von Irgendwem irgendwann auch interessante Dinge geschenkt bekommen werde.

  2. 7. Juni 2012 at 18:14

    Prinzipiell stimme ich überein – wer auf seinem Gebiet exzellent ist, kann das geschriebene Wissen teilen und von dessen Anwendung leben. Ich denke allerdings, dass das Konzept nicht auf die Allgemeinheit übertragen werden kann. Prof. Dueck schreibt es selbst: „Wer nur etwas Durchschnittliches liefert, muss sich die Hacken ablaufen und verbringt das halbe Leben mit Marketing und Akquise“. Die Mehrheit der Menschen sind per Definition „nur durchschnittlich“ – es kann nunmal nicht jeder exzellent sein. So sehr ich die Gedanken von Prof. Dueck persönlich schätze, glaube ich, dass sie in diesem Fall nicht auf die Mehrheit der Menschen übertragen werden können.

    Viele Grüße,
    Sebastian Höhne

  3. 7. Juni 2012 at 18:55

    Sie haben recht: Überflieger haben es leichter. Mittelmaß wird es immer schwer haben. Aber oft ist die gefühlte eigene Durchschnittlichkeit auch nur eine Überzeugung, die sich ändern lässt. Meine Erfahrung aus der Beratung ist, dass viele Unternehmer denken, dass das, was sie anbieten, viele andere auch sehr ähnlich verkaufen. Nicht nur für eine Strategie des geteilten Wissens, sondern auch insgesamt für Kommunikation und Marketing ist es aber entscheidend, die eigene Einzigartigkeit herauszuarbeiten. Dazu gehört eben mehr als das Portfolio oder die Hard Skills – gerade in beratungsintensiven Bereichen. Die Substanz muss aber da sein. Man macht halt aus einem Mops keinen Windhund. (So heißt ein Kapitel in meinem Buch. ;)) Aber es gibt ebenso Bedarf für Möpse wie für Windhunde. 😉

    Viele Grüße
    Kerstin Hoffmann

  4. Arne
    8. Juni 2012 at 01:05

    Erste Überraschung: das Buch ist NICHT kostenlos 🙂
    Zweite (jetzt ernsthaft) Überraschung: das Buch gibts nur auf Papier, nicht als eBook! Die Zeiten, da ich meinen UrlaubsKoffer mit Büchern vollstopfte, sind aber nun sowas von vorbei. Schade…

    Drittens: Exzellenz und Durchschnittlichkeit/Mittelmäßigkeit sind doch keine Antonyme. Jeder kann in einem Bereich exzellent werden/sein. Das ist eine Frage des Menschenbildes. Kleiner Tipp: Herr Dueck hat ganze Bücher dazu geschrieben 🙂

    Das Problem besteht ja eher darin, dass viele ihre Exzellenz nicht beruflich ausleben und dort dann dadurch tatsächlich eher Mittelmaß sind. Oder Qualitäten aufweisen, die sich nur äußerst schwer als Wissen „auf Folie“ verschriftlichen lassen – emphatische Kommunikatoren usw.

  5. 8. Juni 2012 at 07:41

    Erstens: guter Scherz. 😉
    Zweitens: Ich sage Bescheid, wenn es als E-Book zu haben ist – was auch mein Wunsch ist.
    Drittens: Ist wirklich „emphatisch“ gemeint? 😉

  6. Arne
    9. Juni 2012 at 08:45

    1. Danke 🙂
    2. Danke! Bin gespannt, wie lange es dauert, bis eine gleichzeitige Veröffentlichung für die Verlage eine reine Selbstverständlichkeit ist. Da müssen wohl noch eine Menge Prozesse geändert werden…
    3. Ja. Was ich damit meine: dass Kommunikation in Projekten und in Firmen das A und O ist, ist ja eigentlich hinlänglich bekannt und findet so langsam sogar Eingang in die Projektmanagementmethoden und Organisationslehre (naja, in ganz sanften Ansätzen). Dass aber nicht nur funktionale Kommunikation (wer macht was wann wie mit wem bis wann usw.) für ein funktionierendes Team bzw Organisationseinheit notwendig ist, sondern auch Gespräche abseits der „harten“ Themen (wie gehts dir, was machst du so, wie findest du usw) – das meine ich mit emphatischer Kommunikation – ist in Methodik oder Organisationsbauplänen furchtbar schwer abzubilden. Ohne geht es aber nicht. Oft findet man eben den oder die eine/n, der das aus sich heraus macht, weil er/sie eben so ist. Das ist aber NIE von der Organisation absichtlich so herbeigeführt, sondern immer Zufall! Wenn so jemand fehlt, wird ein Team nur schlecht funktionieren, und keiner weiss wieso. Man sucht nach dem besten Java- Experten oder PM-Profi, um das Projekt auf den richtigen Weg zu bringen, oder schickt den PL in die Zertifizierung (Folien-Wissen!), dabei muss man die Art, miteinander zu reden ändern. Deswegen bringen ja oft Coaches so viel, weil sie intuitiv auch auf die Leute eingehen, also mit Empathie, und nicht nur „Methoden implementieren“ (Wortwahl!!)

  7. Thoralf Obst
    15. Juni 2012 at 10:48

    Vielen Dank für den Beitrag das Meiste sehe ich genauso. Das Internet sorgt ja schon grundsätzlich dafür, dass immer mehr Wissen kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Und wie es aussieht, wird auch die Qualität (nicht nur bei Wikipedia) nach und nach immer besser. Ich hoffe jedenfalls darauf …

  8. Gert A. Bohn
    28. Juni 2012 at 13:14

    Interessante Bemerkungen.

    Bin Ex-IBMer und Dueck-Fan.

    MfG Gert Bohn

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