Kommentare: Abwanderung, Einbindung oder …?

Kommentare: Abwanderung, Einbindung oder ...?Das Thema Kommentare im Blog und deren (zumindest teilweise) Abwanderung in die Social Networks beschäftigt mich schon seit längerem. Um ehrlich zu sein: Dieser Beitrag hier liegt schon seit einer ganzen Weile halbfertig herum und harrt seiner Vollendung. Jetzt hat Marcel Weiß in neunetz.com in “Kommentaränderung” beschrieben, warum man bei ihm im Blog nur eingeloggt kommentieren kann – via Disqus, Google, Twitter, Facebook, Yahoo! oder OpenID. Eine gute Gelegenheit, das Thema hier ausführlich aufzugreifen.

Marcel Weiß schreibt:

Die offene Kommentarspalte ist tot. Eigentlich sind Kommentare unter Blogs etc. grundsätzlich anachronistisch, weil sie nicht im Stream stattfinden. (…) Eigentlich ist es für alle Beteiligten interessanter und gewinnbringender, wenn statt in Kommentarspalten auf dem eigenen Blog, Twitter, Google+ oder Facebook kommentiert wird. So bekommen wenigstens die eigenen Freunde, Kontakte, Leser mit, was man zu sagen hat. Kommentarspalten sind dagegen eher oft das Rufen in den leeren Wald.

Er greift damit einen Fakt auf, den die einen problematisch sehen, die anderen begrüßen: Mehr und mehr findet das Kommentieren von Blogbeiträgen nicht mehr in dem betreffenden Blog statt, sondern in Social Networks. Ich beobachte das in steigendem Maße: Wenn ich einen meiner Blogbeiträge bei Facebook oder Google+ verlinke – oder wenn jemand anders das tut -, nehmen oft die dortigen Kontakte das Thema auf und kommentieren unter dem Posting in dem Social Network.

Das hat durchaus Vorteile:

  1. Mehr Menschen werden durch die Kommentare auf den eigentlichen Artikel und auf das Blog aufmerksam. Wenn jemand auf Facebook meinen Link kommentiert, sehen dessen Freunde mein Posting ebenfalls.
  2. Speziell bei Facebook erhöht Interaktion den Edgerank. Je mehr Interaktion ich also anrege, desto mehr Kontakte sehen in Zukunft meine Links und Postings.

Das hat aber auch Nachteile:

  1. Viele kommentieren offensichtlich nur anhand der Überschrift und der wenigen Sätze, die sie dort als Auszug sehen. Sie beziehen sich also gar nicht mehr auf den Blogbeitrag, was im Extremfall ein sehr verzerrtes Bild geben kann.
  2. Die Leser dieser Kommentare ihrerseits antworten direkt darauf, ohne zunächst im Blog nachzulesen. Die Diskussion hat dann endgültig oft nicht mehr viel mit dem eigentlichen Thema zu tun.
  3. Die Leser im Blog selbst bekommen die Diskussionen gar nicht mehr mit, die sich dezentral an verschiedenen Orten abspielen und nirgends gebündelt werden.

Diese Nachteile kann man weitestgehend auffangen, wenn man im Blog die Diskussion “einfängt” und bündelt, da stimme ich Marcel Weiß zu. Aber jetzt kommt der bedeutsame Satz in Marcels oben zitiertem Artikel:

Aber da ungefähr 100 Prozent der Leserschaft hier einen Account bei den oben genannten Identitätssystemen hat, erscheint mir der Einschnitt nicht sehr groß.

Nicht verallgemeinerbar

Genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Ich finde Marcels Begründung nachvollziehbar, und seine Entscheidung ist offensichtlich für sein Blog sinnvoll. Aber ich denke, sie ist nicht ohne weiteres verallgemeinerbar. Ich habe auch schon öfter über eine solche Einbindung im PR-Doktor nachgedacht. Zumal die Abwanderung fortschreitet und ich es für sinnlos halte zu versuchen, eine Entwicklung aufzuhalten. Nicht nur einmal habe ich meine Kommentare betrachtet und selbst schon über die Vorgehensweise nachgedacht, für die Marcel sich jetzt entschieden hat – und die anderswo schon lange Realität ist.

Aber hier im Blog scheint es mir zumindest derzeit eher kontraproduktiv, Marcels Beispiel zu folgen – unter Abwägung aller Vor- und Nachteile. Korrigieren Sie mich bitte, wenn Sie das anders sehen. Meine Beiträge haben unterschiedliche Kernzielgruppen, und ganz sicher habe ich hier eine große Schnittmenge mit Marcel Weiß’ Leserschaft. Aber hier kommentieren nach wie vor sehr viele Menschen, die sich erst in Soziale Netzwerke einarbeiten oder sogar Widerstand dagegen haben. Letzteres kann man bewerten, wie man will. Tatsache ist, dass viele deswegen den PR-Doktor lesen, weil sie mehr Informationen brauchen, ehe sie sich ins Social Web stürzen. Deswegen sind sie nicht immer unbedingt skeptisch. Manchmal fehlen ihnen schlicht noch die Accounts. Oder sie wären durch ein solches zusätzliches Features irritiert. Sie könnten also vielfach gar nicht kommentieren.

Wie geht man damit um?

Jede Vorgehensweise hat auch Nachteile, keine Frage. Ich versuche das, zumindest teilweise, aufzufangen: Wenn jemand auf einer externen Plattform einen sehr schönen Kommentar schreibt, frage ich ihn manchmal per PN, ob er so nett wäre, dieses tolle Statement auch nochmal im Blog einzufügen. Viele machen das dann gern. Auf den ersten Blick mag das ein ebnenfalls anachronistisches oder sogar etwas mühsames Vorgehen zu sein. Auf den zweiten Blick ist es jedoch zugleich eine jener direkten One-to-One-Kommunikation, von denen das Social Web lebt: der direkte Kontakt zwischen zwei Menschen im Netzwerk.

Schreibt jemand bei Facebook oder Google+ einen Kommentar, aus dem ersichtlich ist, dass er den Blogbeitrag gar nicht gelesen hat, weise ich übrigens auch schon mal darauf hin, aber meistens eher freundlich und witzig. Auch wenn die Diskussion sich dort zu weit vom Ursprungsthema entfernt, poste ich manchmal einen Hinweis. Aufwändig? Nein! Social Networks sind ja für Diskussionen gemacht, nicht als Linkschleudern mit möglichst wenig Aufwand.

Ansonsten sehe ich, dass diejenigen, die wirklich im Blog kommentieren wollen, das nach wie vor tun. Ich kann nicht genau beweisen, dass das weniger würde, wenn ich statt dessen die andere Variante einbaute. Es ist mir aber, wie gesagt, momentan ein zu großes Risiko. Sollte ich es über den Daumen versuchen zu quantifizieren, sind die Blogkommentare in den letzten ein, zwei Jahren vielleicht um ein Drittel weniger geworden. Im Gegenzug ist etwa 80 % des Mülls weggefallen, der da vorher oft kam. (Ich meine nicht Spam. Der wird ausgefiltert, und der wird tatsächlich immer mehr.) Und dafür gibt es bei den externen Kommentaren, z.B. in Social Networks, einen Zuwachs von fast 100 Prozent, also geschenkt; on top.

Der eine oder andere Spagat

Mit anderen Worten: Aufbau und Funktionen eines Blogs müssen sich nach den Lesern richten. Vieles hier ist leicht verständlich und gut nutzbar auch für solche Leser, die sich im Web noch nicht so gut auskennen. Ich beschäftige mich mit klassischer PR ebenso wie mit ganz neuen Technologien. Das ist eine Spannbreite, die manchmal einen Spagat erfordert und zuweilen auch Kompromisse. Man muss nicht jedem gerecht werden. Aber man sollte wissen, für wen man schreibt.

Ich persönlich nutze gerne solche Angebote wie Disqus, um in anderen Blogs zu kommentieren, aber ich habe dieses Blog ja nicht für mich allein eingerichtet. Neulich las ich sehr treffend bei Matthias Henrici:

Wer nicht mit Zielgruppen arbeitet und weder Personas noch andere Techniken einsetzt, arbeitet trotzdem mit einer Zielgruppe, nämlich mit sich selbst als Vorbild. Denn wo sonst kämen die Gestaltungs- und Sprachhypothesen her, mit der auf der Website gearbeitet wird?

Jetzt sind Sie gefragt!

Was dem einen als Anachronismus erscheint, ist dem anderen gerade recht. Marcel kennt seine Zielgruppen gut; ich meine hoffentlich auch. Ich könnte mich irren. Sie, die Leser, noch besser kennenzulernen, ist daher auch Sinn dieses Beitrages.

Daher freue ich mich, ganz anachronistisch, wenn Sie hier in einem Kommentar Ihre Meinung sagen: Ziehen Sie die “klassische” Variante vor, wie sie hier derzeit angeboten wird? Würden Sie sich lieber über ein Angebot wie Disqus einloggen, um zu kommentieren? Wie ist Ihre Haltung zu dem Thema? Ich freue mich auf eine spannende Diskussion!

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Die Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät Unternehmen in klassischer PR & Social Web.
Kontakt: Tel. 02151 970785; kontakt(at)kerstin-hoffmann.de; www.kerstin-hoffmann.de

  18 comments for “Kommentare: Abwanderung, Einbindung oder …?

  1. 18. Februar 2012 at 19:34

    Ich bevorzuge die klassische Variante, wie sie hier ist. Disqus habe ich nur einmal genutzt, weil ich unbedingt kommentieren wollte. Sonst lasse ich mich schon manchmal davon verscheuchen, wenn ich mich erst einem neuen System anschließen muss, nur um meine Meinung zu sagen.

  2. 18. Februar 2012 at 20:14

    Ich bevorzuge ganz klar die klassische Variante. Das hat vor allem auch den einen Grund, dass ich so selbst die Kontrolle über den Content habe. Was ich in der Datenbank gesichert habe, geht in der Regel nicht mehr verloren.

    Wenn aber irgendwelche Dienste irgendwann wieder abgeschaltet werden, oder bei Facebook wieder einmal etwas verschwindet, bzw. abgeschaltet wird, dann sind die Kommentare halt futsch.

    Und zum anderen finde ich es einfach “persönlicher” im Blog selbst zu kommentieren.

  3. 19. Februar 2012 at 06:11

    Ich bevorzuge auch die klassische Variante. Erst nach der Lektüre einiger Artikel hier im Blog, hatte ich mich entschieden bei Google+ dabei zu sein. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, das es langfristig zu einer Verschmelzung aller Möglichkeiten kommt. Das würde bedeuten, das alle Kommentare im Blog zu sehen sind, aber auf allen Plattformen erstellt werden können.

  4. 19. Februar 2012 at 16:01

    Man sollte auch bedenken, dass man die Kommentare so in fremde Hand gibt. Der aktuelle Fall aus München zeigt, welche Konsequenzen das haben kann. Dann wären alle Kommentare weg. Ich plädiere dafür, solche elementare Dinge eher in der eigenen Hand zu behalten. Die Social Netzworks sind für mich eine Ergänzung zur eigenen Online-Basis (Website / Blog) und kein Ersatz.

    Das Thema habe ich auch in einem Blog-Beitrag behandelt:
    http://www.sascha-theobald.de/blog/2012/behalten-sie-es-in-der-hand/

  5. 19. Februar 2012 at 17:58

    Es ist auch eine Frage, der Bequemlichkeit. Manchmal habe ich keine Lust, mich für einen kurzen Kommentar mit Name, Email, etc. zu registrieren. Blog-Betreiber wissen, dass das kein Hexenwerk ist – aber geschätzte 95% der Leser sind ausschließlich Blog-Konsumenten und haben keinerlei Erfahrung mit der technischen Seite von WordPress & Co. Da ist die Hemmschwelle auf Facebook deutlich geringer. Empfinde ich jedenfalls so… Gruß Daniel

  6. 19. Februar 2012 at 17:59

    Ach ja, fällt mir gerade beim Posten auf: “Your comment is awaiting moderation” gibts auf Facebook auch nicht. ;)) LG Daniel

  7. 19. Februar 2012 at 19:04

    Bei mir gibt es auch nach wie vor die althergebrachte Kommentarvariante ohne Login. Damit kann ich den Lesern auch eine (zumindest nach außen) anonymisierbare Diskussionsmöglichkeit bieten. D.h. im Blog kann man auch unter Pseudonym Fragen stellen (die Mailadresse sehe ja nur ich).
    Um Diskussionen zusammenzuführen, verlinke ich wenn nötig (auch in Kommentaren) von Blogpost oder -kommentar zu Facebookpostings oder sonstigen Social Web Beiträgen und umgekehrt (url steckt in der Zeitangabe).

    PS. Alles wieder paletti mit der iPad-Darstellung ;-)

  8. 19. Februar 2012 at 22:06

    Derzeit bevorzuge ich noch die klassische Variante und denke, dass dies noch lange auch so bleiben wird. Ich mag einfach diese geballte Datensammelwut nicht, die hinter den ganzen, ach so verlockenden Angeboten steckt.

    Facebook wird schnell sehr unübersichtlich, wenn man viele “friends” hat und auch bei google+ empfinde ich das so.

    Mich stört es extrem, wenn ich erst gefühlte 185 Beiträge runterscrollen muss, um festzustellen, was die Seite oder der Mensch, den ich gerade besonders interessant finde, aktuell macht.

    Lieblingsblogs und -seiten habe ich deshalb viel lieber in den Lesezeichen oder abonniere den RSS-Feed, da bekomme ich einen schnelleren Überblick, ohne von Hunderten unnötigen Postings erschlagen zu werden.

    Wahrscheinlich bin ich für die “ich muss mich überall anmelden, um kommentieren zu dürfen”-Version einfach zu sehr Individualistin. ;)

  9. 20. Februar 2012 at 10:01

    Da ich auf Facebook und Googleplus noch nicht Bescheid weiß und mich mit stümperhaften Auftritten nicht blamieren möchte, bleibt für mich die Kommentarfunktion an der Stelle, wo auch der Artikel steht, zu dem ich meinen Senf zugeben möchte.

  10. 20. Februar 2012 at 12:33

    Hi, ja ich werde dazu was sagen jedoch erst später. Ich habe dieses Posting im Google-Reader mit einem Sternchen markiert was soviel bedeutet, dass ich es mir später zu Gemüte führen werde. Ich möchte das ganze behirnen. Das ist wertvoller Content über den sich nachdenken lässt. Und DAS ist für mich ein ganz zentraler Unterschied zum flüchtigen Like, zum “jaja ich auch”-Kommentar auf Facebook oder anderswo. Bloggen bringts immer noch. Auch wenn immer mehr Blog-Autoren so gar keinen Wert darauf legen, dass ihre Inhalte etwa via RSS indizierbar sind, etc. es geht heute doch nur um das schnelle like. am besten bei ausgeschaltetem hirn. mehr dazu später oder vielleicht auf meinem eigenen Blog

  11. 21. Februar 2012 at 14:13

    Hallo Kerstin,
    ich kommentiere nur, wenn ich mich nicht einloggen muss.
    Schon immer und ich will daran nichts ändern.
    Dass Kommentare moderiert werden und nicht sofort erscheinen, finde ich völlig ok.
    Facebook nutze ich selbst fast gar nicht, google+ z.Zt. auch sehr wenig, wenn, dann kommentiere ich in der Regel im Blog selbst oder über twitter.

  12. 21. Februar 2012 at 14:24

    Bitte ohne Anmeldung jeglicher Art.

    Für Blog-Formate gibt es Möglichkeiten über Plugins Kommentare bei Twitter einzufangen und ich bin mir sicher die anderen “Socialnetworks”.

    Weniger Optimierung ist hier meiner Ansicht nach viel mehr wert!

  13. 21. Februar 2012 at 14:44

    Ich bevorzuge auch die klassische Kommentarfunktion im Blog, v.a. wenn man nicht vorher noch zig Hürden nehmen muss und Captcha hier und seltsame Rechenaufgaben dort. Auslagern – es wurde hier ja schon gesagt – birgt immer ein Verlustrisiko.
    Und auch ich finde es schade, dass die Kommentare seltener in meinen Blogs stattfinden als in den Social Networks. Denn immerhin ist Blogging längst nicht so tot, wie immer gerne gesagt wird.
    Lieben Gruß
    Petra

  14. 21. Februar 2012 at 15:45

    Beim durchstöbern des Haupttextes und seinen Kommentaren merke ich: ich bin auch der “klassische Typ”.
    Ich lese gern im Zusammenhang oder im Kommentarstrang, anstatt noch zu sozialen Parallel-Netzwerken zu springen.

    Die Sache mit der Authentifizierung (Disqus = Blog-fremde Anmeldung) sehe ich entspannt, da hier Gravatar Bilder unterstützt werden und ein Neu-Kommentar erst freigeschaltet wird. Ist OK so. Eine Art von Moderation finde ich auf Blogs immer gut.

    Und die Sache mit dem social ranking (Edgerank = facebook) ist – für mich – genauso störend, wie die Ergebnis-Anreicherung einer Google Suche durch G+ Kontakte, likes und shares. Denn: für 2 Personen ist das Such-Resultat auf 1 Frage UNTERSCHIEDLICH.

    Fazit: Mit den Optionen RSS und Kommentarspalte = bitte so behalten.
    Die Twitter + Co. “Karma-Punkte” kann man ja schon anklicken….. alles gut!

  15. 21. Februar 2012 at 17:24

    Als Gewohnheitstier möchte ich die klassische Variante nutzen und weiterhin für “besser” befinden…

  16. JWD
    22. Februar 2012 at 14:17

    Hallo zusammen,

    fand ich heute zusätzlich zum Thema passend……:
    (http://www.webwriting-magazin.de/sieben-gruende-nicht-auf-blogs-zu-kommentieren/)

    Mit Gruss!

  17. 2. März 2012 at 20:20

    Ich glaube an die Variante in der Mitte beider Pole “klassisch” und “woanders”. In meinem Blog habe ich die Kommentarfunktion abgeschaltet, um die Diskussion dort zu unterstützen, wo sich die meisten aufhalten: in ihren sozialen Netzwerken. Interessante Kommentare veröffentliche ich dann in Rücksprache mit den Verfassern als Update meiner Artikel, so gehen diese auch nicht mehr verloren und bleiben als Beitrag in meinem Blog erhalten.

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