Weg mit „maßgeschneiderten Lösungen“!

maßgeschneidertBeitrag zum Jahr der ungewöhnlichen Formulierung

Irgendwann einmal vor langer, langer Zeit hat ein Werbetexter zum allerersten Mal ein Angebot aus einem ganz anderen Bereich mit einem Maßanzug verglichen. Wir wissen heute nicht mehr, wer das war und um welches Angebot es sich gehandelt hat.

Höchstwahrscheinlich war das ein sehr treffender, origineller und überzeugender Vergleich. Vielleicht war es eine Beratungsleistung, die nicht von der Stange (haha!) kam, sondern ganz individuell (haha!) auf den Auftraggeber zugeschnitten (haha!) war.

Wie besonders und einzigartig …?

Haben Sie die Idee? Natürlich haben Sie sie. Denn natürlich haben Sie diese Metapher in Ihrem Leben schätzungsweise zwei Millionen Mal gelesen. Vielleicht haben Sie sie sogar schon selbst verwendet? Weil Sie Ihren potenziellen Kunden damit sagen wollten, wie besonders und einzigartig genau Ihre Leistung ist. Aber, ganz ehrlich: Wie besonders und einzigartig kommt denn tatsächlich etwas herüber, das praktisch jeder benutzt, um sein Angebot anzupreisen?

Wechseln Sie doch einfach einmal die Perspektive! (Ha! Haben Sie gemerkt, wie haarscharf ich an der Floskel vorbeigeschrappt bin: „Drehen Sie den Spieß doch einmal um“?) Wenn Sie so etwas zum zweimillionenundersten Mal lesen, denken Sie dann „Ah, das ist mein Dienstleister. Endlich mal jemand, der es anders macht“? Nein, das denken Sie wahrscheinlich nicht. Entweder Sie lesen einfach darüber hinweg. Oder Sie sind sogar ein wenig genervt.

Also: „maßgeschneidert“ sind bitte Maßanzüge (und sonstige auf Maß gefertigte Kleidungsstücke), sonst nichts. Für alles andere denken Sie lieber noch einmal darüber nach, wie Sie das schöner und treffender ausdrücken.

Der leichteste Weg ist nicht immer der klügste

Natürlich ist es immer der leichteste Weg, auf vorgegebene, erprobte Formulierungen zurückzugreifen, besonders für nicht so geübte Schreiber. Die machen das häufig schon automatisch, weil sie einfach denken, das müsste so sein. Der leichteste Weg ist aber nicht immer der klügste. Aber wie machen Sie es denn besser?

Wie finden Sie die ungewöhnliche Formulierung statt der ausgelatschten?

Wenn Sie sagen wollen, dass Ihre Leistung besonders ist, dann sagen Sie doch einfach, was an ihr besonders ist. Na gut, ganz so einfach ist das nicht. Jedenfalls dauert es länger als einfach eine Floskel einzusetzen. Aber es gibt Wege, sich dem anzunähern:

  • Was ist der Nutzen, den Sie Ihren Kunden bieten?
  • Für welches Problem, welche Aufgabenstellung bieten Sie eine Lösung an?
  • Wie heißt diese Lösung konkret, also nicht „Lösung“?
  • Was macht Sie persönlich/Ihr Team besonders und einzigartig?

Woran erkennen Sie, dass Sie die passende Formulierung gefunden haben?

Die beste aller möglichen Formulierungen (mit dem schauderhaften Wörtchen „optimal“ befassen wir uns ein andermal) gefunden haben? Daran, dass sie sich ganz leicht anfühlt, ganz selbstverständlich; so als ob man es niemals auf eine andere Weise hätte ausdrücken können. Das ist dann garantiert ein Text, wie Sie ihn noch nicht tausendmal anderswo gelesen haben, und Ihre Kunden demzufolge auch nicht. Kein Text von der Stange also, sondern einer, der für Sie maßgeschneidert ist … 😉


Das Jahr der ungewöhnlichen Formulierung ist eine Aktion und eine Blogparade, an der Sie sich weiter beteiligen können: mit Blogbeiträgen, Nachrichten in Social Networks, Videos … Hier finden Sie die ausführliche Erklärung dazu. Eine stets aktuelle Liste aller bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier. In diesem Blog werde ich das ganze Jahr über in loser Folge einzelne Formulierungen aufgreifen, Begriffe hinterfragen, besonders gelungene Texte vorstellen und Tipps für ungewöhnliche Formulierungen geben.



Dr. Kerstin HoffmannDie Autorin: Dr. Kerstin Hoffmann berät und unterstützt Unternehmen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in digitalen Strategien, Public Relations und Corporate Blogging. Sie gibt Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Ihr Blog “PR-Doktor” ist laut Ebuzzing eines der führenden deutschen Blogs über digitale Kommunikation. Sie wollen mehr darüber erfahren, was Kerstin Hoffmann mit ihrem Team für Ihr Unternehmen tun kann? Hier geht es zum Beratungsangebot. »

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  8 comments for “Weg mit „maßgeschneiderten Lösungen“!

  1. 17. Januar 2012 at 09:11

    Vielleicht schaffen wir es ja, „maßgeschneidert“ für dieses Jahr aus den meisten Texten zu verbannen, dann können wir’s in Bälde mit einem herrlich warmen Retro-Gefühl im Magen wieder verwenden. 🙂
    Ich bevorzuge „passgenau“, das wurde in einem der letzten Kommentare auch schon mal erwähnt. Ist kein so richtig tolles Wort, aber „zugeschnitten“ ist mir wiederum zu nah am Schneider. Andere Vorschläge?

    Falls nicht, hier vielleicht noch eine Idee für eine weitere zu verteufelnde Formulierung (steht oben im Beitrag): „potenzieller Kunde“. Das kann ich auch nicht mehr hören. Alternativen?

  2. 17. Januar 2012 at 12:32

    Schöner Artikel, ich mag das auch sehr gerne, wenn selbst Profi-Texter persönliche Bemerkungen einfließen lassen und ein paar Ha’s und Haha’s einbauen, das trauen sich gar nicht so viele, könnte ja nach Umgangssprache aussehen.. Lockert aber schön auf und hält in Leselaune :. Zum Inhalt ganz einfach: Stimmt. Ein bisschen tut es mir auch leid um das ‚maßgeschneidert‘, aber das ist es genauso wie mit schönen Vornamen, wenn fünf Kinder in der Klasse denselben wohlklingenden Namen führen, ist er nichts besonderes mehr. Einzige Lösung: Phantasie aktivieren.

  3. 18. Januar 2012 at 09:30

    Sprachgebrauch ist immer individuell. Und so sollten natürlich auch die Formulierungen von Profi-Textern sein. Leider sind Texter auch nur Menschen und Menschen sind „Gewohnheitstiere“, die vom allgemeinen Sprachgebrauch beeinflusst sind, wo schon alle möglichen (und auch kreative) Formulierungen bereits existieren. Fragen Sie mal Google!

    Wie schafft man es dennoch, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Wege zu finden? Ich weiß, dass „ausgetretene Pfade“ ein gebräuchliches Sprachbild ist. Nichts außergewöhnliches, wie es dieser Blogbeitrag es eigentlich fordert. Warum schreibe ich es trotzdem? Es ist wirklich schwierig, auf die Schnelle außergewöhnliche und prägnante Formulierungen zu finden, so dass man beim spontanen Schreiben auf das zurückgreift, was gerade im Hirn präsent ist.

    Man muss also auch immer die Rahmenbedingungen des Schreibens in der Praxis berücksichtigen. Textarbeit wird schlecht bezahlt und genießt oftmals einen geringen Stellenwert, denn Schreiben können wir doch alle. Warum sollte man dann also einen Texter teuer bezahlen? Deshalb arbeiten Texter immer unter hohem Zeit- und Kostendruck, was bekanntlich die Kreativität komplett blockiert. Dann muss man sich nicht wundern, wenn es keine einzigartigen Leistungen gibt.

    Wie soll man in diesem Umfeld noch kreative Sprachleistungen erbringen? Sicherlich gibt es keine Patentrezepte. Jeder Texter hat seine eigene Strategie. Mir persönlich hat kreatives Schreiben geholfen, einen neuen Zugang zum Texten zu gewinnen. Es hat mir geholfen, eigene Ideen zu entwickeln und sie kreativ in Sprache umzusetzen. Dabei sind die Ergebnisse einzigartig, weil ich nicht fremde Inhalte einfach umschreibe, sondern eigene Ideen, Bilder und Modelle krativ entwickle.

    Für kreatives Schreiben braucht man Raum. Zeit, Wohlfühlen und Inspiration sind wichtig. Natürlich helfen auch die Techniken aus dem kreativem Schreiben. Man sollte sich nicht unter Druck setzen, auch wenn es äußeren Druck gibt. Sonst riskiert man eine Schreibblockade, wo garantiert nichts mehr geht. Und Angst vor dem leeren Blatt Papier (oder dem leeren Monitor) lähmt ebenfalls.

    Bevor ich das hier weiter beschreibe, verweise ich auf einen Blogbeitrag, wo ich das schon erläutert habe: http://aveleen-avide.blog.de/2011/02/11/interview-claudia-hilker-willkommen-aveleen-avide-claudia-hilker-social-media-expertin-flow-effekt-10567597/

    Schlimm finde ich übrigens auch die Verunglimpfung von Begriffen im Sprachgebrauch. Ein Beispiel: „Döner-Morde“ ist das Unwort des Jahres 2011: Die Bezeichnung verharmlose die Mordserie der Zwickauer Neonazi-Zelle und diskriminiere die Opfer, begründet die Jury, so Spiegel.de.

    Vielen Dank für den Austausch und viel Spaß beim Texten!

  4. Romana Ringel
    18. Januar 2012 at 13:34

    Ich weiß auch, wie schwer texten sein kann – gerade unter Zeitdruck. Doch das ist keine Entschuldigung für einen schlechten Text. Andere Leute müssen auch unter Zeitdruck arbeiten und dürfen sich keine Schwächen leisten. Oder hätten Sie Verständnis für eine mies gelaunte Kundenbetreuerin, die nur so schlecht drauf ist, weil sie Stress hat? Und vielleicht ist es auch so, dass „Textarbeit schlecht bezahlt [wird]“ weil „…man beim spontanen Schreiben auf das zurückgreift, was gerade im Hirn präsent ist.“ Stress hin oder her – man sollte bei jedem Text den Anspruch haben, etwas neues, ausgewöhnliches oder wenigstens witziges zu schreiben. Das ist der Job, dafür wird man beszahlt. Gäbe es diesen Anspruch nicht, könnte es wirklich jeder!

  5. 18. Januar 2012 at 13:39

    @Claudia, @Romana: Vielen Dank für die ergänzenden Überlegungen. Sehr interessant!

    Allerdings ist es überhaupt nicht meine Erfahrung, dass Texten schlecht bezahlt oder wenig wertgeschätzt wird – ganz im Gegenteil. Zum Glück! Aber wahrscheinlich kommen Leute, die nicht bereit sind, für gute Texte angemessene Honorare zu zahlen, gar nicht erst zu mir. 😉

  6. Romana Ringel
    18. Januar 2012 at 16:55

    @ Kerstin: Ich habe beides schon erlebt, gute und schlechte Bezahlung. Wobei „schlecht“ auch im Kontext betrachtet werden muss. Ein kleines Lokal-Blatt beispielsweise hat nicht das gleiche Budget wie die FAZ. Trotzdem kann der Job beim kleinen Lokal-Blatt einen weiterbringen – und das ist ja auch ein Lohn 😉

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