Das Web, das Crowdsourcing und die Mär von der Schwarmintelligenz

Im Dutzend klüger? Nun, für Ameisen mag das stimmen ...

Im Dutzend klüger? Nun, für Ameisen mag das stimmen ...

Ist der Schwarm nun klug – oder nicht? Schon lange wollte ich einmal etwas über Crowdsourcing schreiben. Jetzt habe ich endlich einen aktuellen Anlass. Jemand hatte auf Google+ nach einem Zitat aus einem online nicht erhältlichen Buch (das sind diese Klötze aus Papier, die aus vielen dünnen Schichten bestehen) gesucht – und es postwendend (also gleich nach Erscheinen des Postings) erhalten. Ein weiterer Kommentator lobte die Schwarmintelligenz. Nein, nein und nochmals nein!, rufe ich da aus. Das ist keine Schwarmintelligenz. Das ist allenfalls Crowdsourcing. Wenn überhaupt. Da bin ich mir nämlich gar nicht so sicher. Aber das werden wir jetzt hier klären.

Intelligenz und Schwarmblödheit

Es ist ja im Zusammenhang mit dem (Social) Web immer wieder von Schwarmintelligenz die Rede. Schwarmintelligenz wäre jedoch – stark vereinfacht – wenn eine größere Menge an sich nicht intelligenter Wesen durch den Zusammenschluss nachgerade intelligente Verhaltensweisen an den Tag legt. Der Einfachheit halber (und in dem Wissen, dass das jetzt natürlich keine streng wissenschaftliche Recherche ist), dazu das Zitat aus Wikipedia:

Klassisches Beispiel ist der Ameisenstaat. Einzelne Ameisen haben ein sehr begrenztes Verhaltens- und Reaktionsrepertoire. Im selbstorganisierenden Zusammenspiel ergeben sich jedoch immer wieder Verhaltensmuster, die „intelligent“ genannt werden können.

Im Web dagegen geschieht oft das genaue Gegenteil: Größere Mengen an sich (zumindest potenziell) vernunftbegabter Wesen zumeist jugendlichen Alters rotten sich zusammen, um in sinnlosen Flashmobs Landstriche zu verwüsten. Fragwürdige Kommentatoren mit Troll-Tendenz fluten intelligente Diskussionen mit ihren wenig sachdienlichen Einwendungen und schaukeln sich dabei gegenseitig hoch. Verblendete Senioren organisieren sich in Foren mit fragwürdiger, oft rückwärtsgewandter Ideologie. „Schwarmblödheit“ ist da wohl zutreffender.

Intelligenz dagegen zeigt sich eher in der gezielten, einzelnen Interaktion. Natürlich auch in größeren Gruppen und Projekten. Beispielsweise in Open-Source-Software-Entwicklungen. Das ist sehr erfreulich, aber jedenfalls keine Schwarmintelligenz.

Antwort, Wohnung, Meerschwein

Also Crowdsourcing? Schauen wir uns das mal genauer an. Zum „Crowdsourcing“ wird sehr häufig dann in Sozialen Netzwerken aufgerufen, wenn einer allein nicht weiterkommt. Beispielsweise, weil ihm ein Wort nicht einfällt. Weil er eine bezahlbare Wohnung in München sucht. Oder weil ihm sein Meerschweinchen weggelaufen ist. Es sucht also genau einer genau eine Antwort, und im Grunde reicht auch ein einziger anderer, um die Aussage, die Unterkunft oder das Tier herbeizuschaffen. Man muss ihn eben nur finden, und dafür muss man Zugriff auf eine größere Gruppe haben. Jedenfalls ist das aber nicht Crowdsourcing.

Crowdsourcing findet dann statt, wenn eine größere Menge von Menschen an einem Projekt arbeitet. Wenn diese Gruppe also honorarfrei Leistungen erbringt, die sonst viel Geld kosten würden. So entstehen Open-Source-Programme oder Wissenssammlungen. Crowdsourcing wäre es nach meinem Verständnis auch, wenn jemand irgendwo eine Frage stellt und um möglichst viele Antworten bittet; etwa um ein Stimmungsbild zu bekommen. Umfragen sind also Crowdsourcing: Eine Menge (Crowd) ist die Quelle (Source), um beispielsweise zu ermitteln, welche Version eines neuen Produktes besonders gut bei Zielgruppen ankommt.

Verdeckte Absicht mit Grillhähnchen-Geschmack

Wenn dabei allerdings ein Spülmittel mit Grillhähnchen-Geschmack herauskommt (Wieso eigentlich Geschmack? Wer trinkt denn Spülmittel?), dann ist das auch kein Crowdsourcing, sondern eine Marketing-Katastrophe für das betreffende Unternehmen. Crowdsourcing ist es, davon mal ganz abgesehen, auch deswegen nicht, weil nicht viele Leute an einem Projekt arbeiten und es weiterentwickeln. Sondern viele einzelne jeweils einen Vorschlag machen, und einer davon gewinnt. Und damit sind wir eigentlich wieder bei der einen Lösung, die aber nur deswegen zustande kommt, weil ein großes Netzwerk gefragt wird.

Wir können es sogar noch komplizierter machen: Die Suche nach dem neuen Flaschendesign entspringt ja in Wirklichkeit überhaupt keinem Bedürfnis nach einer innovativen Lösung. Sondern der Wettbewerb ist nur das Vehikel, um eine Marke zu verbreiten und bekannter zu machen. Viral nennt man das. Man könnte auch von einem verdeckten Vorhaben sprechen – wenn nicht sowieso allen klar wäre, worum es eigentlich geht. Hier sind wir dann wieder bei der Schwarmblödheit: Wenn die das alle wissen, warum machen die da auch noch mit?!

Zurück zum Ursprung

Merken Sie, wie komplex die Sache tatsächlich ist? Kehren wir zu der einen Frage mit der einen Lösung an eine große Menge von Leuten zurück (wir erinnern uns: Stichwort „Antwort“, „Wohnung“, „Meerschwein“) zurück.  Je größer das Netzwerk und vor allem je besser das Standing des Betreffenden (Stichwort: Weiterverbreitung in andere Netzwerke), desto größer ist die Wahrscheinlichkeit eines befriedigenden Ausgangs.

„Internetgestütztes Wissensmanagement“ schlägt Kathrin Passig als Bezeichnung für den Vorgang Frage -> Netzwerk -> Antwort vor. Aber damit sind wir ja bereits auf einer übergeordneten Ebene, und nicht mehr bei einem einzelnen Vorgang. Also beginnt die Angelegenheit gar nicht mit der konkreten Frage. Mithin ist es dann aber doch in Wirklichkeit ein einziges großes Projekt, und auch nicht nur das des jeweils Fragenden. Schon das Internet an sich, wenn Sie so wollen. Als Infrastruktur für die gemeinsamen Netzwerke mit ihren Schnittmengen, die auch Projekte sind. Dann wäre es irreführend, die einzelne Frage als isoliertes Phänomen für sich zu betrachten beziehungsweise mit einem Begriff wie Crowsourcing zu benennen. Denn damit jemand sein Netzwerk aktivieren kann, muss er ja lange vorher in das Projekt eingezahlt, es mit aufgebaut, Strukturen genutzt und unterstützt haben.

Eine Frage ist eine Frage ist eine Frage

Dann funktioniert der Aufruf nach einer Antwort wie eine Suche mittels eines Programms, die zielsicher die richtige Antwort produziert. Wenn Sie zum Beispiel in diesem Blog rechts oben einen Begriff suchen, passiert genau das. WordPress, die Software, mit der dieses Blog erstellt wurde, ist ein Open-Source-Projekt. Daran, dass Sie Ihr Wort eingeben und Ergebnisse bekommen, haben andere gemeinsam viele Jahre gearbeitet. So wie die Leute, die dann zum Crowdsourcing aufrufen – Sie oder ich und noch ein paar andere – an ihren Netzwerken gearbeitet haben. Dabei geht es ihnen aber um viel mehr als nur gelegentliche Antworten, also auch nicht nur um das „internetgestützte Wissensmanagement“. Es geschieht aus einer deutlich größeren Zahl von Motiven heraus, und dabei hat jeder seine ganz eigenen.

Das gefällt mir: Das Netzwerken im Social Web als ein einziges, großes Crowdsourcing-Projekt. Womit wir dann klar haben: Die einzelne Frage ist kein Crowdsourcing, sondern eben eine einzelne Frage.

Ach ja, und was ist jetzt mit der Schwarmblödheit? Na, das dürfte mittlerweile doch klar sein, oder?! Das sind natürlich nicht wir, das sind immer nur die anderen!

  9 comments for “Das Web, das Crowdsourcing und die Mär von der Schwarmintelligenz

  1. !i!
    10. Oktober 2011 at 09:16

    Hallo, also so ganz verstehe ich Ihre beabsichtigte Abrenzung noch nicht. Vielleicht zwei Beispiele:

    1. Wenn wir bei http://www.openstreetmap.org eine Karte bauen, indem jeder sein Wissen einträgt und andere Nachfolger dieses eingetragene Wissen verbessern, dann ist es doch Intelligenz, weil es sich nach und nach der besten Lösung annähert? (Crowdsourcing ist hier wohl unbestritten) Unter der Oberfläche bildet sich sogar so eine Art Staat bei freien Projekten, wo Leute sich spezialisieren und bestimmte Aufgaben erfüllen (hier Daten sammeln, Software schreiben, Server administrieren, Doku warten, PR, …)

    2. Wenn bei http://www.stackoverflow.com Fragen gestellt werden und die Antworten durch alle gewichtet werden, ist das doch Intelligenz, da auch hier die richtigste Lösung nach oben gespült wird?

    Meinem Verständnis nach eben wie bei Ameisen, die durch Geruchsspuren entlang der Pfade den besten Weg finden 🙂 http://de.wikipedia.org/wiki/Kollektive_Intelligenz
    Falsch?

  2. 10. Oktober 2011 at 09:23

    Der Unterschied liegt schon darin, dass die einzelne Ameise gar nicht intelligent genug ist, um zu antworten – in der Gruppe aber wohl. Bei den einzelnen menschlichen Beteiligten in den beschriebenen Projekten dagegen setze ich schon eine gewisse individuelle Intelligenz voraus. 😉 Vereinfacht gesagt:

    Schwarmintelligenz: keine Einzelintelligenz; als Schwarm quasi intelligente Handlungen.
    Crowdsourcing: Einzelintelligenz; Synergie in der gemeinsamen Handlung, also der Arbeit an einem Projekt.

    Einverstanden?

  3. 10. Oktober 2011 at 09:54

    Das ist doch eine ganz klassische Diskussion: Smith-Gleichgewicht (die unsichtbare Hand ~ Schwarmintelligenz) vs. Nash-Gleichgewicht (spieltheoretische Dilemmas ~ Schwarmblödheit).

    Beides kommt vor, für beides kann man unzählige Beispiele nennen.

    Eines meiner Lieblingsbeispiele für Schwarmblödheit ist übrigens Jerry B. Harvey’s „Journey to Abilene“, eine klassische Ursache für fehlerhafte Gruppenentscheidungen.

    Nash-Gleichgewichte sind halt allemal spannender.

    Danke übrigens auch für den Begriff der „Schwarmbödheit“, der soeben Teil meines Wortschatzes geworden ist.

  4. 10. Oktober 2011 at 10:55

    Schöner Artikel und Kommentar – da konnte ich mal wieder was lernen:

    Man könnte also auch vom Gruppenirrtum sprechen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Abilene-Paradox

    Die Frage wäre ja sicherlich, ob sich Intelligenz addiert oder mittelt und somit eben mit einer Gruppenintelligenz oder Gruppenblödheit zu rechnen ist.

  5. !i!
    10. Oktober 2011 at 14:02

    Hmm ja Oliver hat sicherlich Recht, es fällt schwer das abzugrenzen…

    Denn eine einzelne Ameise, Biene,… hat ja auch Intelligenz (wenn auch sehr gering gegenüber Schwarm, etwa finde mit deinem Wissen schnell von A nach B, merke dir wo Futter war, hole Hilfe, …). Und ebend ist (IMHO) in freien Projekten das recht ähnlich, der einzelne hat nur sehr geringes Wissen (vlt ein Aspekt, ein Modul, ein Algorithmus, …) aber zusammen erst scheint man von Intelligenz sprechen zu können, da die gemeinsame große Leistung ebend dieses unterstellt. Hmm nicht so einfach alles…

    @WolfsPAD Du kennst doch den Ausspruch „Viele Köche verderben den Brei“ 😉 Zumindest bei freien Projekten kann ich sagen, dass ab einem bestimmten Punkt es auch gerne in Streiterein um Nichtigkeiten ausarten kann, was bestenfalls nur Ressourcen frist, im „schlimmsten“ Fall ebend zu einem Ableger (Fork) führen kann.Ich meine das es dazu auch sehr gute Artikel hier drin gab: http://www.opensourcejahrbuch.de

  6. ja.sk.
    11. Oktober 2011 at 19:32

    Wissen ist nicht mit Intelligenz gleichzusetzen, weswegen der Vergleich „der einzelne hat nur sehr geringes Wissen (vlt ein Aspekt, ein Modul, ein Algorithmus, …) aber zusammen erst scheint man von Intelligenz sprechen zu können“ nicht zutreffend ist. Hier findet eine Vernetzung bereits vorhandener Fähigkeiten statt. Ameisenstaaten funktionieren nach anderen Prinzipien. Dort entwickeln sich in der Gruppe Verhaltensmuster und Fähigkeiten, über die keiner der einzelnen Akteure verfügt und die nicht von einzelnen Mitgliedern dieses Schwarms abhängig sind.

  7. 17. Oktober 2011 at 21:51

    Hm, interessante Diskussion. Könnte es also etwas mit der Größe von Gruppen zu tun haben, wie Robin Dunbar festgestellt hat (http://de.wikipedia.org/wiki/Robin_Dunbar) oder liegt es bei den Schwarmblöden an der Konstellation der Gruppe (Peter Kruse http://www.youtube.com/watch?v=oyo_oGUEH-I)? Weiter interessante Ansätze in „Tipping Point“ von Malcolm Gladwell, wobei es hier um den Tipping Point (http://de.wikipedia.org/wiki/Tipping_point) geht und nicht um Schwarmintelligenz/-blödheit an sich.

  8. 18. Oktober 2011 at 09:55

    ja.sk,

    „Wissen ist nicht mit Intelligenz gleichzusetzen…“

    Klar, sie hängen aber doch eng zusammen.

    Wissen ist Input für den Denkprozess, Methodenwissen wird dabei als Werkzeug eingesetzt, naja, zumindest manchmal.

    Wo dieses Wissen fehlt, kann die Intelligenz nicht richtig greifen. Sie wird also davon beeinflusst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *