Social Web: Das Ende der Automatismen?

Zugegeben: Google+ ist derzeit noch kein wirkliches Massen-Phänomen. Gleichwohl hat es bei vielen die Workflows mal wieder gründlich durcheinandergewirbelt. Viel diskutierte Themen derzeit: Was poste ich wo? Wie profiliere ich mich in welchem Netzwerk? Beispielsweise: Persönliches bei Facebook, Fachliches bei Google+ und kurze Links bei Twitter. Oder doch umgekehrt?

Mit ist dabei vor allem aufgefallen, was sich in letzter Zeit in meinem eigenen Verhalten im Social Web geändert hat: Ich habe nämlich weitgehend alle automatisierten Vorgänge wieder zurückgefahren. Und das an einem Punkt, an dem ich eigentlich gerade das Optimum der Vernetzung erreicht hatte, und das bei sehr vertretbarem Arbeitsaufwand. Soziales Netzwerken hat ja sowohl persönliche als auch technische Aspekte. Sprich: Punkten kann man – zumindest ab einem gewissen Level und in einem relevanten Umfeld – nur mit echtem Input. Zugleich sind aber Verlinkungen in Social Networks ungeschlagen gut für die Suchmaschinenrelevanz.

Das Web hat sich gewandelt – und wir in ihm

Würde heute so nicht mehr funktionieren: Mein Workflow aus 2009

Würde heute so nicht mehr funktionieren: mein Workflow aus 2009.

Das verlockt natürlich dazu, möglichst viel mitzunehmen und zu automatisieren. Am Anfang war viel Ausprobieren dabei. Man will ja alles nutzen, was möglich ist – und irgendwie werden diese Angebote ja auch ihren Sinn haben. Wir haben vernetzt, kombiniert und eingebunden – einfach, weil wir das konnten.

Doch das Social Web hat sich gewandelt, und wir in ihm; also unsere Art zu kommunizieren, wahrzunehmen und zu sortieren. Wir haben uns an die Vielzahl der Botschaften gewöhnt, die immer noch weiter zunehmen. Und jeder hat seine eigene Strategie, das für sich Relevante herauszufinden. Ein gutes Indiz dafür ist die Wahrnehmung: Hier kommuniziert jemand direkt und ist präsent.

Vor fast zwei Jahren habe ich beispielhaft einmal den Workflow eines Blogbeitrages beschrieben. Das hat für ziemlich viel Aufmerksamkeit gesorgt, und über einen langen Zeitraum habe ich meine kleine Zeichnung in vielen Vorträgen und Beiträgen wiedergefunden. Es war ein ausgeklügeltes System aus automatischen und händischen Vorgängen. Heute würde das ganz anders aussehen, und gerade in den letzten Wochen hat sich bei mir – und meiner Beobachtung nach bei vielen anderen – noch einmal eine Menge geändert.

Irgendwie kam das in für mein Gefühl in letzter Zeit sehr rasant. Vielleicht auch, weil viele wegen Google+ sowieso neu nachdenken mussten (siehe oben). Aber abgezeichnet hat es sich tatsächlich schon viel länger.

Das Social Web sortiert sich, und es geht – zumindest dort, wo ich unterwegs bin – immer mehr nur noch um echte Dialoge. Weil wir so wenig Zeit haben und in dieser das Interessante finden wollen, sind wir immer geschulter darin, zu erkennen, wenn jemand gar nicht wirklich – quasi persönlich – anwesend ist. Ein Indiz für so etwas ist für den geschulten, schnellen Leser beispielsweise ein Twitter-Symbol in einer Facebook-Timeline. Ich überlege selbst manchmal, ob ich in einem solchen Fall überhaupt antworte.

Besser nicht irreführend fernbedienen

Dabei kann eine solche „Fernbedienung“ kann durchaus irreführend sein und Abwesenheit signalisieren, wenn der Mitteilende in Wirklichkeit sogar sehr präsent ist – umso mehr sollte man sie in solchen Fällen vermeiden. Zum Beispiel habe ich lange Zeit aus Effizienzgründen meine Facebook-Page via Amplify und Networkedblogs bedient. Das tue ich kaum noch. Denn ich habe diese Seite ständig im Blick und bin dort präsent. Warum sollte ich also den Lesern falsche Signale liefern? Im Falle Facebook kommt noch ein technischer Aspekt hinzu: Facebook erlaubt zwar automatisch importierte Beiträge, wertet sie aber ab. (Siehe „Facebook Edge Rank“, der hier erklärt ist.) Das heißt, die meisten Leser werden sie gar nicht mehr sehen.

Vor einiger Zeit habe ich mir noch möglichst schnell eine Google+-API gewünscht, damit ich das Netzwerk auch von woanders bedienen kann. So wie ich beispielsweise in meinem Twitter-Client TweetDeck noch Facebook oder LinkedIn eingebunden habe. Inzwischen nutze ich letzteres auch immer weniger. Und Google+ würde ich gar nicht mehr „von fern“ bedienen wollen.

Twitter andererseits bestücke ich weiterhin über TweetDeck. Das ist für mich kein Automatismus, aber das ist auch Twitter-spezifisch. Gelegentlich lege ich auch Tweets auf Termin. Das hat durchaus seine Berechtigung: „Völlig nutzlos sind automatisierte Beiträge dennoch nicht. Denn natürlich hat es auch einige Vorteile, etwa seine Beiträge zu planen und erst zu einem bestimmten Zeitpunkt zu veröffentlichen. Besser ein automatisierter Beitrag zum richtigen Zeitpunkt als ein manuell erstellter Stunden zu spät.“*

Manches muss sich noch finden

So ganz haben sich meine Workflows noch nicht wieder eingependelt. Manches poste ich (fast) identisch bei Facebook, Twitter und Google+, um nur drei Beispiele für die von mir hauptsächlich genutzten Plattformen zu nennen. Selektiv noch ganz woanders, je nach Thema und Ausrichtung. Aber ich beobachte, dass ich immer weniger „streue“ und mich immer mehr auf echte Dialoge beschränke – die es schon vorher genauso gab, aber jetzt eben mit viel weniger „Drumherum“. Einen festen Status wird es sowieso nie geben, sondern kontinuierliche Weiterentwicklung.

Wie sieht es bei Ihnen aus? Automatisieren Sie weniger als früher – oder sogar mehr? Wie nehmen Sie es bei anderen wahr?

 

*Zitat aus der Karrierebibel. An diesem Beitrag hier habe ich eine Woche geschrieben, und gerade bevor ich ihn abschicken wollte, habe ich ein Blogpost zum gleichen Thema bei Jochen Mai gefunden – allerdings ist die Herangehensweise umgekehrt. Hier geht es vor allem um die technischen Aspekte. Die sind sehr schön ausführlich erklärt.

  7 comments for “Social Web: Das Ende der Automatismen?

  1. 28. September 2011 at 13:41

    Es war für mich immer selbstverständlich auf den wichtigen Plattformen (Twitter, Googleplus und Facebook) händisch zu posten, der gleiche Inhalt kann ja der Kommunikationskultur angepaßt verändert wirken. Und bei mir sind die Überschneidung der Kontakte gerade von FB zu den zwei anderen sehr gering..
    Und als Musiker sehe ich wie viele Kollegen der Verlockung der Automatisierung nachgeben und so viel von ihrer Glaubwürdigkeit verspielen, da es die Balance von Mensch/Werk/Marketing leider komplett auf den dritten Aspekt verschiebt und niemand auf Dauer nur Infos erhalten mag, die auf die Homepage und gezielte Marketingplattformen gehören.

  2. 28. September 2011 at 13:47

    Ich kenne automatisch laufende, deutschsprachige Twitter-Accounts, die über 10.000 Follower haben, viele RTs bekommen und von vielen Usern in Listen aufgenommen werden. Man könnte sie also als erfolgreich bezeichnen.

    Im Mittel mag die Verallgemeinerung „händisch > automatisch“ stimmen aber das liegt vermutlich daran, dass die automatische Umsetzung häufig einfach Murks ist. Wenn ich Links zu meinen Pressemitteilungen ins Social Web einstelle funktioniert das natürlich nicht. Andere Modelle können aber durchaus funktionieren.

  3. 28. September 2011 at 14:52

    @Malte: Andererseits kann man mit einem Account mit bestimmten Mitteln mühelos 10.000 Follower anhäufen, ohne nennenswerte Response zu erzielen. Quantität alleine sagt selten etwas aus.

  4. 28. September 2011 at 15:28

    Mir geht es ähnlich, ich habe auch viele Automatisierungen zurückgefahren, z.B. auch den Feed-Import in Facebook auf die Seiten total abgedreht. Mein Gefühl ist – neben den technischen Aspekten – dass es einfach sinnvoller ist, wenn ich, auch wenn ich ein Blogpost posten will, da nochmal im Begleittext persönlich kommentiere und mir überlege, wie ich damit zu einer sinnvollen Interaktion komme. Das einzige, was automatisiert bei mir noch läuft, ist das Bookmarken neuer Beiträge auf Zootool und Delicious, dafür verwende ich ifttt. Ja, und gefühlt alle 4 Wochen mal schicke ich einen Tweet weiter an Facebook mit Selective Twitter.

  5. 28. September 2011 at 19:17

    Das Medium ist auch ein Teil der Message: Twitter, FB und G+ oder auch Xing funktionieren nicht nur technisch unterschiedlich, die Möglichkeiten etwas rüberzubringen oder zu diskutieren sind vollkommen verschieden. Bei meinem Twitter-Account schauen und diskutieren andere Leute als bei FB oder G+ – also sollte auch die Ansprache unterschiedlich sein. Ist nicht ganz einfach, das durchzuhalten.

    Twitter funktioniert gut für Ankündigungen, FBooker sind empfänglich für eine provokante Ansprache und bei G+ muss man noch einmal mehr überlegen, was man postet – weil dort sehr viele Kollegen dransitzen und dort tatsächlich Qualität gefragt ist.

    @Malte Eine Zeitlang habe ich auch mit den Automatisierungen gearbeitet – die funktionieren tatsächlich aber immer schlechter, weil gerade in der letzten Zeit in allen Netzwerken der Renovierungs-Wahn ausgebrochen ist.

  6. 30. September 2011 at 09:45

    Für mich ist das derzeit auch ein absolutes Thema. Ich habe zuletzt viel Posterous genutzt – aber natürlich produziert das viele Dubletten und dieser Beitrag bestärkt mich daran, dass das definitiv nicht der zielführende Weg ist. Fokussieren wird wichtiger, denn unser Zeitkontingent ist auch beschränkt. Daher habe ich mich für eine Facebook-Page auch mit 2 Kolleginnen zusammengeschlossen – den PR-Cluster betreiben wir jetzt zu dritt.

  7. 30. September 2011 at 12:14

    Ich habe noch zwei Automatismen laufen: meine Fanseite tweetet und NetworkedBlogs importiert meine Blogposts in einen eigenen Reiter auf die Fanseite, aber NICHT auf die Pinnwand (da Facebook solche Anwendungsmeldungen im Startseitenfeed zusammenfasst und sie dadurch untergehen). Der Reiter dient lediglich der schnelleren Übersicht und zum Weiterklicken in mein Blog.

    Alles andere mache ich manuell und ggf. auch plattfomspezifisch. So habe ich auf Google+ nur Google+-News, aber keine zu Facebook etc. und umgekehrt so gut wie keine Google+-News auf Facebook. Das ist zum einen für mich selbst übersichtlicher, zum anderen produziere ich so keine Wiederholungen.

    Wer alles an einem Ort finden möchte, hat dafür den Newsroom.

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