Selbstinszenierung oder Medienkompetenz? Wie man das Persönliche und das Sachliche trennt

Kerstin Hoffmann

Absichtlich inszeniert und geschminkt: öffentliches Foto von mir. Eine private Aufnahme erspare ich Ihnen an dieser Stelle.

Eine der wichtigsten Lektionen meines Berufslebens bestand in einem einzigen Satz, den mir eine Kollegin sagte, als ich noch sehr frisch in einer Führungsposition arbeitete: „Sie müssen lernen, das Persönliche und das Sachliche zu trennen.“ Ich will jetzt nicht näher auf mein unrühmliches Verhalten in der betreffenden Situation eingehen, die ihr diese weisen Worte entlockte. Jedenfalls erwischten diese mich so in der Magengrube, dass das seither zu einem meiner Leitsätze geworden ist.

Wie wichtig es ist, das Persönliche und Sachliche zu trennen, wird mir erst so recht immer wieder klar, seit ich selbstständig und sozusagen gezwungen bin, mich selbst zu vermarkten.Wie bei vielen Beratern ist meine Leistung direkt und nahezu untrennbar mit meiner Person verbunden. Interessanterweise funktioniert die Vermarktung dieser Leistung aber besonders gut, wenn eher eine gesunde persönliche Scheu vor der Selbstdarstellung besteht. Wenn man in der Lage ist, die eigene öffentliche Person mit einer gewissen kritischen Distanz zu betrachten. Wenn klar wird, dass öffentliches Feedback sich auf die Funktion oder die Person als Marke beziehen.

Persönlichkeit versus peinliche Privatheit

Das hat nichts mit mangelnder Authentizität zu tun. Im Gegenteil. Es hilft, persönlich herüberzukommen, ohne peinliche Privatheit zu zelebrieren.Es fördert eine gewisse Demut und verhindert, dass sich das Ego zu sehr aufbläst. Alle wirklich großen Menschen, die ich kenne, nehmen ihre Rolle in der Öffentlichkeit sehr ernst, sind aber persönlich eher bescheiden und nehmen sich selbst nicht so wichtig. Ihnen versuche ich nachzueifern. Ob mir das immer gelingt, kann man noch hinterfragen.

Mir scheint aber, und das ist eigentlich der Anlass für diesen Beitrag, dass es Menschen gibt, die es nie gelernt haben, diese Trennung zwischen Persönlichem und Sachlichem zu vollziehen. Oder die nicht in der Lage sind, diese bei anderen zu erkennen.

Was meint er damit und was sind seine eigenen Motive?

Ich versuche derzeit, mir die Äußerungen des Jura-Professors Thomas Hoeren zu erklären, den W&V mit den Worten zitiert: Das Social Web sei „etwas für Selbstinszenierer, Medienprofis, die ihre eigene Rolle durch das Web2.0 der Community vorführen wollen“. Da frage ich mich schon, welche Absichten verfolgt jemand mit den eigenen Publikationen, wenn er so etwas anderen unterstellt?

Ich jedenfalls finde mich in dieser Beschreibung nicht wieder, und die meisten meiner Kollegen finde ich darin auch nicht. Ehrlich gesagt: Wenn es gelänge, die richtigen Unternehmen auf mein Angebot aufmerksam zu machen, ohne in diesem Ausmaß im Web präsent zu sein: Ich wäre froh. Es ist keineswegs immer nur angenehm, sein Gesicht für etwas herzuzeigen, was eigentlich nur ein professionelles Angebot ist. Ich kenne viele, die dieses Unbehagen teilen. Auch und gerade begnadete Rampensäue.

Eine weitere Aussage des Juristen findet sich in Nina Diercks‘ „Entgegnung auf Professor Hoeren“: Unternehmen hätten auf Facebook nichts zu suchen, „denn ihre Geschäftsinteressen beißen sich regelmäßig mit den Besonderheiten des Web 2.0 und den dort gängigen interaktiv-privaten Umgangswünschen“.

Meist hilft ein Workshop

Das erinnert mich irgendwie an diejenigen meiner Kunden, die bisher nur rein privat im Social Web mit Freunden und Familie kommunizieren und die gesamte Welt der Unternehmenskommunikation im Social Web bisher einfach noch nicht wahrgenommen haben. Da kommen dann Aussagen wie: „Das ist doch nur was ‚für privat‘ und es wird sowieso nur belangloser Blödsinn gepostet.“ Die meisten von ihnen sind spätestens nach einem halbtägigen Workshop bereit, ihr Urteil zu überdenken. Auch sie lernen dann, ihre persönliche Kommunikation von der sachlichen, professionellen zu unterscheiden und abzugrenzen. Die Unbelehrbaren zu bekehren habe ich kein Interesse. Von mir aus muss nicht jedes Unternehmen im Social Web präsent sein. Aber für die, die präsent sind und es gut machen, bietet es enorme Potenziale.

Alles Weitere dazu hat Nina Diercks bereits treffend gesagt. Ich schüttele immer noch den Kopf – und versuche, wie so oft, es nicht persönlich zu nehmen und mich nicht zu ärgern. Ich arbeite dran, an der Sache mit dem Sachlichen und dem Persönlichen …

  2 comments for “Selbstinszenierung oder Medienkompetenz? Wie man das Persönliche und das Sachliche trennt

  1. 20. Juni 2011 at 17:42

    Sehr fein geschrieben. Danke Kerstin!

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