“Barfuß in der Brandung”: Besser kommunizieren ohne Druck

8. März 2010

Interview mit dem Trainer, Coach und Kampfsportler Guido Sleddens

Den Druck unter den Füßen reduzieren und dadurch Teams leichter führen, bessere Verkaufsgespräche führen, erfolgreicher kommunizieren? Klingt seltsam, ist es aber nicht. Sagt Guido Sleddens, Trainer und erfahrener Kampfsportler. Denn physisch könne man leichter spüren und verändern, was auch im Bewusstsein passiert. Etwa wenn Menschen Druck auf andere ausüben und sie damit automatisch in eine Verteidigungsposition bringen und so genau das Gegenteil des Gewünschten bewirkt.

“Walk your Talk” heißt die Methode, die der Niederländer zusammen mit seinem Kollegen Torsten Kanzmeier entwickelt hat und mit der er auch in Deutschland erfolgreich ist. Ich kenne Guido schon seit einigen Jahren. Die Idee zu diesem Interview kam mir, als er kürzlich ausführlich von seiner Arbeit erzählte. Vor allem interessierte mich: Wie kann man die Erkenntnisse auf mein Fachgebiet übertragen? Wie wirkt sich eine veränderte Haltung in Präsentationen, Verkaufsgesprächen oder sogar in Werbe- und PR-Texten aus?

Frage: Kommunizieren wir etwa alle mit zu viel Druck?

Guido Sleddens: Ja, da sind wir alle sehr begabt, das haben wir von klein auf gelernt. Wenn wir unbedingt etwas erreichen wollen, dann tun wir das buchstäblich mit Nachdruck. Aber Druck, zu viel Überzeugungskraft und ein starker Wille erzeugen automatisch und unwillkürlich Widerstand beim Gegenüber.

Aber brauchen wir nicht einen gewissen Nachdruck, um unsere Ziele zu erreichen?

G.S.: Besser geht es, wenn wir den Druck herausnehmen. Denn wenn wir beginnen, ist der andere meist schon in einer Abwehrhaltung. Das ist ein archaischer Verteidigungsreflex. Der funktioniert ganz unbewusst und führt dazu, dass es eher schwerer als leichter wird, den anderen zu etwas zu bewegen. Wir drücken in eine Richtung, das Gegenüber dagegen. Wir alle können an der Körperhaltung eines anderen erkennen, wie er gestimmt ist. Man spürt das, macht es sich aber selten bewusst, sondern reagiert nur unwillkürlich.

Und wie ändert man das?

G.S.: Wir haben herausgefunden, dass im Körper und im Bewusstsein das Gleiche passiert. Aber wenn man es im Körper erfährt und fühlt, dann kann man es auch im Bewusstsein leichter erkennen. Wenn man den Druck im Körper reduziert, dann geschieht das Gleiche auch auf anderen Ebenen. Die meisten verhalten sich in der Kommunikation, beispielsweise in der Mitarbeiterführung, genauso, wie wenn sie jemanden körperlich überwältigen wollen. Auch da drücken sie gegen seinen Widerstand. Weicht er aus, fallen sie selbst vornüber. Da die Parallelen zu erkennen, kann sehr erhellend sein. Die Kampfkunst lehrt, wie es anders geht – und das kann man auf jegliche Kommunikation übertragen.

Zum Beispiel in der Mitarbeiterführung?

G.S.: Ja. Ein Führungsstil ohne Druck ist viel effektiver. Das Team arbeitet besser zusammen. Die Kreativität jedes Einzelnen kommt viel stärker zum Tragen. Dabei sprechen wir aber immer noch von Führen und Führung geben. Es geht nicht darum, weich zu sein, unentschieden oder unklar. Aber die alte Vorstellung von Anführer und willigen Folgern brauchen wir dann gar nicht mehr.

Wie funktioniert das konkret?

G.S.: Wir arbeiten mit einer Reihe erfahrungsbezogener Körperübungen, die alle damit beginnen, den Druck unter den Fußsohlen zu spüren. Wenn man den bewusst reduziert, entsteht eine ungebrochene Bewegung und das erzeugt ungebrochenes Handeln und Denken, frei, inspiriert und kreativ. Indem sich der Köper aufrichtet, wird man buchstäblich aufrichtiger. Im Bewusstsein hat das zur Folge, dass man mehr bei sich selbst ist. Man reagiert nicht ständig und prallt mit anderen zusammen. Wenn man den eigenen Druck auflöst, schafft man Raum für andere. Man ist authentischer, glaubhafter und viel mitreißender und inspirierender. Zugleich wird es viel weniger anstrengend für einen selbst, alles wird fließender. Man beein-”druckt”  nicht über konstruierte Identitäten, sondern beein-”flusst” im besten Sinne. Man ist im Fluss.

Lässt sich das auch auf Kundengespräche, Präsentationen, Vorträge anwenden?

G.S.: Absolut. Ein wirklich guter Verkäufer bringt nicht so sehr sein eigenes, mühsam aufgebautes Ego ein. Wer unbedingt etwas erreichen muss, der erreicht meist das Gegenteil. Wer dagegen offen ist, interessiert am anderen, der ist viel erfolgreicher. Es geht natürlich nicht nur darum, mitfühlend zu plaudern, sondern darum, zugleich fühlend und führend zu sein, mit klarer Absicht. Aber das Wichtigste ist eine gute Verbindung miteinander, aus der heraus alle agieren.

Wer offen und druckfrei kommuniziert, der kann einen ganzen Raum mit einschließen und begeistern. Das funktioniert sogar über Medien. Ein gutes Beispiel ist Obama, besonders wenn man ihn mit seinen Vorgängern vergleicht. Da kann man fühlen, dass er den Druck für sich aufgelöst hat. Er ist im Vertrauen, in Verbindung und in Augenhöhe mit seinen Zuschauern. Er gibt das nicht nur vor. Das merkt, spürt und sieht jeder.

Eine solche innere und äußere Haltung wirkt sich auch auf die Wortwahl aus, weil das Gesprochene aus der Verbindung und der Intuition heraus entsteht.

Denkst du, dass das auch für Schriftsprache gilt? Mich interessiert natürlich besonders: Entstehen mit so einer Haltung beispielsweise auch bessere Texte?

G.S.: Davon bin ich überzeugt. Denn auch da geht es ja darum zu spüren, was andere brauchen. Und darum, aus der eigenen Kreativität ohne Anstrengung zu schöpfen. So entstehen auch gute Texte oder andere kreative Werke. Wenn du bereits mit Leichtigkeit gut schreibst, bist du offensichtlich im Fluss und tust genau das, was dir am meisten liegt. In dem Moment, wo Druck dahinter ist, wird es anstrengender.

Umgekehrt ist es sinnvoll, in die Richtung zu gehen, wo es sowieso bereits ganz leicht fließt. Manche Verkäufer sagen: “Das mache ich gar nicht. Das geschieht wie von selbst.” Das ist ein Zeichen, dass sie am richtigen Platz sind. Viele Trainer, Führungskräfte oder Verkäufer – sicherlich auch PR-Leute – sitzen dagegen auf einer Stelle, die gar nicht richtig für sie ist. Wenn man da körperlich den Druck herausnimmt, wird es dennoch leichter für sie. Andererseits finden sie dann oft heraus, was sie wirklich gut können und tun wollen.

Und was kann man selbst tun, um den Druck herauszunehmen und etwas zu ändern?

G.S.: Das ist schwer zu beschreiben, weil man es erfahren, erleben und üben muss. Der erste Schritt ist, sich bewusst zu machen, wie du mit beiden Füßen auf dem Boden stehst. Wo ist der größte Druck? Dort, wo die Füße den Boden berühren. Normalerweise geht dieser Druck weiter in die Beine und dann in den Körper. Jetzt entspanne dich praktisch in den Boden hinein. Das lässt sich am ehesten mit dem Gefühl vergleichen, wenn du barfuß in der Brandung stehst und das Wasser fließt ab. Dann geht auch der Sand unter den Füßen weg, du kennst das sicher. Aus dieser Entspannung entsteht eine andere Köperhaltung, innere Haltung, Tiefe und Aufrichtigkeit. “Walk your Talk” bedeutet für uns so viel wie: Aufrichtig das tun, was man sich vornimmt. Aufrichtig laufen, gehen, stehen und von da aus reden und kommunizieren.

Guido Sleddens, Jahrgang 1959, ist Trainer und Coach. Er gibt weltweit Seminare in Persönlichkeitsentwicklung, Stressbewältigung und Managementtechniken. Er hat mehr als 30 Jahre Erfahrung als Lehrer für verschiedene Kampfkünste, unter anderem Aikido, (Kick-) Boxen, Taiji Qi, Qigong und Karate. Er lebte drei Jahre in Japan. >Zur Website.

  • del.icio.us
  • FriendFeed
  • MisterWong.DE
  • StumbleUpon
  • Reddit
  • Diigo
  • Tumblr
  • RSS
  • Netvibes

Das könnte Sie ebenfalls interessieren:

Zu viel digitale Schokolade!
Du bist kein Soziales Netzwerk!
Die "schwache Bindung" bringt oft den Gewinn

Schlagwörter: , , , ,

4 Antworten auf “Barfuß in der Brandung”: Besser kommunizieren ohne Druck

  1. Klaas Kramer am 8. März 2010 um 11:26

    Sehr schön.
    Passt ideal zum Credo “Souveräne Markenführung”.
    Der Anspruch gilt für mich im “Großen Ganzen” genauso wie in jeder zwischenmenschlichen Situation.
    Kann ich selbst sicher noch viel von lernen ;-)

  2. Gerda Hoffmann am 9. März 2010 um 19:02

    Ein spannendes Interview! Druck erzeugt Gegendruck – dieser Spruch ist zwar bekannt, mit der Umsetzung hapert es jedoch meistens. Es über die Körpererfahrung zu probieren, klingt einleuchtend. Und es ist sicher einfacher, als kopfgesteuert unser Verhalten zu ändern. Interessant finde ich, es beim Schreiben auszuprobieren. Entspannt, ohne Druck, ohne Anstrengung? Klingt wunderbar!

  3. Collin Bootsveld am 9. März 2010 um 21:54

    Danke für dieses Interview. Ich kenne Guido auch schon länger aber ich wusste nicht was seine Training beinhaltete. Ich erkenne aus meine Arbeit, das die beste Verkaufen oder Beratungen wie von alleine laufen.

  4. Thomas Schuster am 12. März 2010 um 14:17

    Die Kampfkunst lehrt, wie es anders geht – genau!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *




Alle Beiträge