Das Portfolio fokussieren und treffend kommunizieren
Im Februar 2009 besuchte ich ein Seminar in Orlando, Florida. An meinem freien Sonntag entdeckte ich in einem der Outlet-Center ein riesiges Schuhgeschäft, das meine bevorzugten Laufschuhe führte. Ich erinnere mich, dass der Verkäufer witzig, kompetent und überzeugend war und dass ich gleich zwei Paar kaufte.
Im Januar 2010 hatte ich wiederum in Orlando zu tun, und einer meiner ersten Wege führte mich in eben jenen Schuhladen. Einer der Verkäufer in der Sportschuhabteilung kam mir gleich bekannt vor, und als ich um Beratung bat, sagte er: “Sie waren doch letztes Jahr schon einmal hier. Es war an einem Sonntag. Sie besuchten hier einen Kongress. Gekauft haben Sie dieses (zeigt) und dieses Modell. Das da (nimmt einen anderen Schuh aus dem Regal) ist der Nachfolger von diesem dort. Er wird Ihnen sicher gut passen.” – So sprachlos hat mich selten jemand erlebt.
Sonderbegabungen ideal einsetzen
Als ich meine Fassung wiedergewonnen hatte, dachte ich sofort darüber nach, was jemand mit einer solchen Begabung anderswo erreichen könnte. Aber dann wurde mir klar: Das ist genau der richtige Mensch mit den richtigen Fähigkeiten am richtigen Ort. Kundenbindung in einem so großen Laden in einem riesigen Outlet mit einem so hohen Anteil an Laufkundschaft aus der ganzen Welt – wer anders kann so etwas? Bei mir war er jedenfalls sehr erfolgreich. Ich habe wiederum Schuhe gekauft, und sollte ich jemals wieder in der Nähe zu tun haben, weiß ich schon, wohin mich mein erster Weg führt.
Seither habe ich öfter über Sonderbegabungen nachgedacht. Mag sein, dass der freundliche Schuhverkäufer noch einiges andere konnte. Aber er hatte definitiv mit dem, was er am besten verstand, genau seinen Platz und genau die richtige Kundschaft gefunden.
Niemanden ausschließen?
Heute dagegen meinte einer meiner Kunden zu mir: “Wir können eigentlich so ziemlich alles in unserer Branche und eigentlich auch für fast jeden. Für uns ist es schwierig, uns auf eine Leistung und eine Zielgruppe zu beschränken – aus Angst, dass wir damit zu viele ausschließen.” Das Problem teilt er mit vielen. Die meisten können nicht zu wenig, sondern zu viel. Und trauen sich nicht, sich auf genau das zu fokussieren, was sie am allerbesten verstehen.
Ich kenne das selbst. Ich bin da auch anfällig. Daher nehme ich einmal meine eigenen Überlegungen und Erfahrungen als Beispiel. Wenn ich eine Anfrage für etwas bekomme, was zu einem Randbereich gehört, bin ich immer wieder geneigt, das dann doch zu machen. Nun ist dagegen ja gar nichts einzuwenden, vorausgesetzt, es macht Spaß macht, bringt Abwechslung oder trägt zu neuen Erfahrungen bei. Aber dann muss man es nicht auch noch zusätzlich nach außen kommunizieren und das eigene Portfolio bis an die Grenze des Machbaren ausdehnen. Es sei denn, man entdeckt so einen neuen Schwerpunkt, an den man vorher noch nicht gedacht hat und baut diesen weiter aus.
Ich übernehme beispielsweise gelegentlich Coachings und Nicht-PR-Trainings, wenn ich Lust dazu habe. Weil ich das gelernt habe, gut kann, es mir Freude bereitet und meinen Erfahrungsschatz bereichert. Aber ich würde das nicht noch mit auf meine Website nehmen, damit nicht akquirieren und ich mache es nur, wenn meine “richtige” Arbeit mir dazu Zeit lässt. Was, zugegeben, immer seltener wird.
Der Kern der Sache
Dagegen habe ich meinen eigentlichen Arbeitsbereich im Laufe der Jahre immer stärker fokussiert. Auch wenn mein Portfolio vom Workshop bis zum einzelnen Text reicht, geht es doch immer im Kern um dieselbe Sache: mit erfolgreicher Kommunikation genau die richtigen Empfänger zu erreichen. Das versuche ich über alle meine Medien hinweg zu vermitteln. Und weil es mich so interessiert und ich immer noch ständig dazulerne oder andere Blickwinkel entdecke, publiziere ich auch noch darüber. Wie jetzt zum Beispiel.
Kernkompetenzen ist kein besonders schönes Wort, aber es trifft den Punkt ziemlich gut. Dass ich niemals Gestaltungs- oder Programmieraufgaben übernehme, war schon immer klar, weil ich zu viele andere kenne, die das viel besser können. Aber ich übernehme beispielsweise nie mehr Mediaplanung oder Produktion oder Drucküberwachung, was ich zu Beginn meiner Berufslaufbahn auch oft mit erledigt habe: Ich mache das gar nicht gerne, kenne aber Kollegen, die das begeistert und sehr gut erledigen.
Lieber zuspitzen
Die eigentliche Kunst besteht aber darin, das auch in den eigenen (Werbe-) Medien, etwa auf der Website und in einer Imagebroschüre herüberzubringen. Statt über alles eine einheitliche Sauce von “guter Qualität”, “individueller Betreuung” und “umfassender Beratung” zu gießen.
Spitzen Sie Ihre Aussagen lieber noch etwas mehr zu. Einige Fragen auf dem Weg dorthin:
- Was tun Sie am allerliebsten?
- Wenn Sie sich ausschließlich auf eine einzige Arbeit beschränken müssten, welche würden Sie wählen?
- Wie beschreiben Sie Ihren Lieblingskunden?
- Wofür sind Ihnen Ihre bisherigen Kunden besonders dankbar? (Fragen Sie sie ruhig!)
- Was können Sie besser als alle Ihre Mitbewerber?
- Was ist der größte Nutzen, den Sie Ihren Kunden bieten?
- Wo finden Sie “geballt” besonders viele potenzielle Kunden?
- Welche Auftraggeber bringen die besten Erträge (oder den meisten Spaß; oder beides)?
Jetzt müssen Sie das Ganze nur noch in eine Form gießen, die zu Ihrem Unternehmen passt. Von wegen “nur noch”! Das genau ist das Schwierigste. Wenn genau das nicht zu Ihren Kernkompetenzen gehört: Lassen Sie sich dabei von Profis unterstützen – oder lassen Sie sich wenigstens Feedback von anderen geben. Für das eigene Angebot ist es immer am schwierigsten.
Seien Sie mutig
Und: Wählen Sie Beispiele. Erzählen Sie Kürzestgeschichten von Ihrer Arbeit. Stellen Sie exemplarisch und ganz konkret vor, was Sie wirklich tun. Wer sich bereits vorab ein plastisches Bild von Ihnen und Ihren Leistungen machen kann, wird besonders gerne mit Ihnen Kontakt aufnehmen!
Mein Appell: Seien Sie mutig. Wagen Sie etwas. Sagen Sie, was Sie wirklich gut können!














Wieder einmal ein Artikel, der mir aus dem Herzen spricht:
“Tue das was Du echt gut kannst und was Dir wirklich Freude macht!”
Kompromisse sind meistens faul. So tat ich in meinem letzten Job etwas, das ich so “ganz ordentlich” hinbekam, aber ich litt unter Stress, Druck und permanentem Unwohlsein, also “Berufsschmerzen”.
Jetzt bin ich geheilt und mache das, was mir Freude bereitet. Ich berate und unterstütze Menschen auf dem Weg zu dem Job Ihrer Träume. Wie schön, dass das mein Traumjob ist.
Fazit: Wenn das, was ich tue, meine “Herzensangelegenheit” ist, geht es leicht von der Hand und bringt mir und meinen Kunden den größten Nutzen!
Danke!
schöne geschichte mit dem schuhverkäufer! zeigt wieder einmal, welche rolle kommunikation spielt, selbst da, wo man (speziell als deutscher einzelhandelsgeschädigter
) sie nicht vermutet …
Vielen Dank!
Sowohl für die Kürzestgeschichte als auch für die positive Nennung meines Namens
)
Herzliche Grüße,
Thomas Schuster
Wenn mich jemand fragt, was denn bitteschön “B2B-Kommunikation” ist, sage ich gelegentlich “Werbung von Unternehmen für Unternehmen, die Du nie im Fernsehen oder an einer Plakatwand sehen wirst”.
OK, das reicht meistens auch nicht. Aber ich habe meinen Fokus klar definiert und kommuniziere ihn auch entsprechend konturenscharf. Ich habe auch gar keine Lust, alles anzubieten. Ich fühle mich pudelwohl in meiner B2B-Nische mit IT- und Hightech-Fokus und kann alle Kompetenzbehauptungen belegen. Was bei einem Universalportfolio ziemlich schwierig wäre.
So komme ich nicht ins Schwimmen und kann auch einfach entscheiden, was ich tun will und was nicht. Wobei gelegentliche Ausflüge in Randgebiete durchaus witzig sein können.
Die Angst etwas zu verpassen, ein Geschäft an jemand anderen zu verlieren verleitet einen ja sehr oft dazu, sich so vollzusaugen, dass man das eigentliche Kerngeschäft aus den Augen verliert.
Einen Auftrag abzulehnen – oder auch auf halbem Weg zu verlieren – weil man nicht bereit ist ein rundum sorglos Paket zu schnüren und dem Kunden alle weitere Arbeit abzunehmen ist manchmal der beste Weg die Hauptarbeit ordentlich zu erledigen.
Wieder mal ein sehr guter Beitrag,
vielen Dank Kerstin.
(und zu den Schuhen hätte ich Dir auch geraten – schließlich habe ich die selber – Nichts desto trotz wird das aber nicht meine Kernkompetenz werden
)
LG
Björn
Danke für die Schuhberatung. Ist mir noch nie aufgefallen, dass du die gleichen Schuhe hast. Aber ich habe dich auch noch nie laufen sehen… nur gehen.
[...] Dabei schreibe ich oft genug, dass es für den unternehmerischen Erfolg sehr wichtig ist, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren. Warum habe ich das dann [...]