In diesen Tagen ist es 25 Jahre her, dass ein Mitarbeiter der Universität Karlsruhe die erste E-Mail in Deutschland empfing. Ein Vierteljahrhundert ist ein guter Anlass, um das Ende der Schonfrist zu beantragen. Und zwar der Schonfrist für alle diejenigen, die Mail immer noch zu den neuen Medien zählen – und das als Vorwand für die absurdesten Formen der Verletzung des Schutzes von persönlichen Daten, der Belästigung und des Dilettierens allgemein nehmen. E-Mail ist kein neues Medium. Es ist ein Vierteljahrhundert alt. Selbst diejenigen, die man als Digital Natives bezeichnet, sind schon gestandene Erwachsene, Berufstätige, Eltern…- Ich kenne persönlich noch Menschen, die sich an Zeiten erinnern, als nicht jeder Haushalt ein Telefon besaß. Trotzdem zählt niemand den Fernsprecher zu den neuen Medien.
Erläutern wir für die Late-late-late Adopters (im Gegensatz zum Early Adopter) dennoch die schlimmsten Dilettantismen am Beispiel ihres vertrauten Telefons:
Jemand teilt Ihnen seine Telefonnummer mit. Würden Sie diese
- ohne ausdrückliche Erlaubnis einer beliebigen Anzahl privater und beruflicher Kontakte mitteilen, einschließlich einer größeren Zahl von Telefonverkäufern, Strukturvertrieben oder sonstiger kommerzieller Anbieter?
- ohne Wissen und Einwilligung des Nummern-Besitzers in öffentlichen oder privaten Verzeichnissen eintragen und die Betreiber dieser Verzeichnisse zugleich auffordern, mit dem Betreffenden Kontakt aufzunehmen, ihn anzurufen, ihm unbestellte Angebote, Grußbotschaften oder sonstige automatisierte Nachrichten zu schicken?
- nutzen, um den Telefonanschluss des Betreffenden minuten- oder stundenlang mit der Übertragung größerer Tondokumente lahmzulegen, wofür er die Kosten übernehmen muss?
- verwenden, um dem Anschlussinhaber ab sofort in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen kommerzielle Angebote zukommen zu lassen, für die er sich niemals ausdrücklich interessiert hat – von der Bestellmöglichkeit für handbestickte Kopfkissenbezüge bis zum Schnupperabend in einem Swingerclub?
Absurd?
Ich bekomme zum Teil sogar mehrmals täglich
- Massenmails, in denen der Absender seinen mir bis dato völlig unbekannten zig bis vielen hundert Kontakten freigiebig meine Mailadresse mitteilt.
- bis zu 5 Megabyte (im Einzelfall auch mehr) große Mails mit witzigen oder herzanrührenden Powerpoint-Präsentationen (über die ich mich ganz besonders freue, wenn ich mich gerade mit mobilem Internet und entsprechend niedriger Bitrate in einer Gegend befinde, in der kein UMTS verfügbar ist).
- Newsletter, die ich niemals bestellt habe, in der mir die Absender solche Dinge wie handbestickte Kopfkissenbezüge, eindeutige Freizeitangebote (kein Witz, kein Spam, sondern von realen Personen, mit denen ich bereits geschäftlichen Kontakt hatte) oder Dichterlesungen in der südwestlichen Tundra offerieren.
- Grußkarten oder andere automatisch generierte Nachrichten (ich rede nicht von anonymem Spam, sondern von solchem, den mir bekannte Personen veranlassen!) aus Portalen oder Verzeichnissen, in die jemand ungefragt meine Mailadresse eingetragen hat.
Ich beantrage daher eine sofortige Aufhebung der Schonfrist und eine stufenweise Ahndung von derlei groben Verstößen gegen Netiquette und gesunden Menschenverstand.
Mein Vorschlag: Der persönliche Anschluss
- von Versendern von Massenmails wird in die Telefonverzeichnisse von zwanzig Telefonverkäufern*, Strukturvertrieben* oder sonstigen kommerziellern Anbietern* eingepflegt.
- solcher Menschen, die ungefragt große Datenmengen übersenden, wird für eine Woche lang mindestens täglich eine halbe Stunde lang mit der Übertragung eines Tondokumentes blockiert, das sämtliche Oberligaergebnisse seit Erfindung des Fußballs* aufzählt.
- derjenigen, die unbestellte Newsletter versenden, wird in derselben Frequenz von einem Callcenter angerufen, das interessante Konsumangebote unterbreitet.
- derjenigen, die ungefragt die Mailadresse anderer in Verzeichnisse eingetragen, wird an mindestens zwei Wochenenden in der Rubrik “Pikantes” eines Anzeigenblattes veröffentlicht, mit dem Text “Gabi, heiß und tabulos, wartet sehnlichst auf deinen Anruf!”
Wenn das immer noch nicht hilft, wird das Mailprogramm des Absenders gegen ein Wählscheibentelefon, dann das Telefon gegen eine Brieftaube* und schließlich das Auto gegen einen Pferdewagen* eingetauscht. Dann unterhalten wir uns nochmals über den verantwortungsvollen Umgang mit neuen und mit etablierten Technologien.
*Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen satirischen Text. Weder wurden während des Schreibprozesses irgendwelche Tiere misshandelt oder ausgenutzt oder Menschen anvertraut, die diese nicht ausdrücklich besitzen wollten, noch stellt der Beitrag eine tatsächliche Aufforderung dar, Tiere in irgendeiner Weise zu missbrauchen oder auszunutzen oder Menschen anzuvertrauen, die diese nicht ausdrücklich besitzen wollen. Weiter dient der Beitrag in keiner Weise der Verunglimpfung von Telefonverkäufern, Strukturvertrieben, kommerziellen Anbietern oder Fußballvereinen und fordert auch nicht dazu auf, diese zu verunglimpfen.













Guten Morgen,
den Antrag auf sofortige Aufhebung der Schonfrist würde ich sofort mit unterschreiben.
Es ist wirklich abenteuerlich, zu welchen Missetaten via eMail sich manchen Zeitgenossen hinreißen lassen.
Aber mindestens genauso interessant finde ich die Erkenntnis, dass es sich ja doch irgendwie “zu lohnen” scheint. Wenn dem Versender von 5.000 versandten Spam-Mails nur 1 Prozent der Empfänger auf den Leim geht, hat es sich für ihn schon gelohnt.
Tja, und diese nervigen Spaßmails – ich halte da auch nix von. Ich habe auch gar nicht die Zeit, mich durch die ach so witzigen Folien der PPT-Präsentation zu klicken. Manchmal, ganz selten ist mal was witziges dabei, aber generell geht´s mir auch eher auf den Geist. Das Schlimme daran ist, dass die Leute einem meist gar nichts Böses wollen, sondern noch denken, sie machen einem eine Freude damit…
Hier ist aus meiner Sicht noch eine Menge Aufklärungsarbeit zu leisten – und das selbst noch nach 25 Jahren.
Viele Grüße
Jan Schnitzler
Danke für das Feedback. Von echter Spam spreche ich ja noch nicht mal. Mir geht es wirklich nur um Mails von realen Kontakten.
Das ist eine klasse Text, liebe Kerstin!
Einen kurzen Moment lang war ich ja versucht, einen E-Mail-Verteiler zusammenzustellen, dem ich den Link hierher schicke – aber dann dachte ich “Mooooooooment …!”
Sehr amüsiert grüßt
Julia
“- solcher Menschen, die ungefragt große Datenmengen übersenden, wird für eine Woche lang mindestens täglich eine halbe Stunde lang mit der Übertragung eines Tondokumentes blockiert, das sämtliche Oberligaergebnisse seit Erfindung des Fußballs* aufzählt.”
Ich kenne Menschen, die würden für so ein Angebot Geld bezahlen.
Ansonsten ein kluger Text.
> Ich kenne Menschen, die würden für so ein Angebot Geld bezahlen.
Ich glaube, die möchte ich gar nicht kennenlernen.
Danke für das Lob.
Meine Unterschrift hast du, besonders für Punkt1.
Sehr gut, dass das mal angesprochen wird. Danke für den Text.
Ich selbst spiele den Verweigerer von Massen-, Witz- oder sonstigen nervigen Mails, sende diese also trotz teilweise mehrfacher Aufforderung nicht weiter. Zusätzlich versuche ich mein Umfeld und diejenigen, von denen ich so etwas erhalte, davon zu überzeugen, es sein zu lassen. Nur leider nicht immer mit Erfolg.
Im geschäftlichen Kontakt kommen die angesprochenen Handlungen glücklicherweise nicht so häufig vor (innerhalb des Unternehmens).
Vielleicht bräuchten wir eine Art Kommunikations-Führerschein im Umgang mit elektr. Medien. Die Etikette kommt heute zu oft unter die Räder.
Auch eine coole Idee! Also sowas wie Download und Freischaltung eines Mailclients nur mit gültigem Kommunikations-Führerschein?!
Ließe sich aber schwer durchsetzen bei fehlender Prüfinstanz.
Aber wenn es die gäbe, dann könnte man Sanktionsmechanismen etablieren, die Fehlverhalten wie das oben beschriebene nicht ungeahndet lassen würden.
Könnte man mal drüber nachdenken.
Super, aber auch nach 25 Jahren gibt es immer noch einen großen Bedarf den Leuten das E-Mailen näher zu bringen, zu erklären und zu trainieren. Aber es gibt ja auch noch Telefontrainings, nach über 100 Jahren Telefon….
Àuch wahr. Wobei der Name Telefontraining imho etwas irreführend ist. Da geht es ja nicht so sehr um die Grundlagen richtigen Telefonierens – sondern zum Beispiel um telefonische Akquise.
Das trifft die Sache auf den Punkt.
Was genau kann man tun um das Bewusstsein zu schärfen?
eMail Disclaimer der wirklich nützlich ist mit wechselnden Texten?
Vorschlag 1
Wussten Sie schon?
cc bedeutet carbon copy; bcc blind carbon copy;
bei An und cc sieht jeder Empfänger des eMails wer die anderen glücklichen sind.
bei bcc geht das eMail auch an jeden Empfänger, aber dies sehen nicht wer das noch erhält, sind eben blind.
Vorschlag 2
Wussten Sie schon?
Das ich meine eMails aus Handy bekomme? Jedes eMail mit einem großen Anhang kostet viel Geld.
Da sind noch viele andere Details denkbar und das eMail ist ja erst 25 Jahre alt (in Deutschland). Wir haben ja noch viel Zeit bis es 50 wird, denn steter Tropfen höhlt den Kopf.
… schon richtig. Manchmal ist es aber auch so, dass man vielen erst Mal zum richtigen Ton in der E-Mail verhelfen muss…