Neulich bekam ich eine Mail, in der folgendes stand:
Das nenne ich aber mal ne klare, offene Ansage!! Vielen Dank dafür (ehrlich!!!!) In Zeiten, wo man vor lauter Respekt und Wertschätzungsgehabe “sich nicht mehr richtig die Meinung sagen darf”, sehr erfrischend!!!
Was hatte ich getan? Ich hatte dem Absender dieser Mail einfach geschrieben, dass ich seine Website schlecht fand. Richtig schlecht. Logo nicht Internet-tauglich, wenig ansprechende Farben, Gesamteindruck in keiner Weise zielführend. Dann hatte ich noch hinzugefügt, dass das Impressum meiner Ansicht nach abmahnfähig sei. Das habe ich nicht ungefragt getan: Er hatte mich nach meiner Meinung gefragt.
Man kann das nicht mit jedem machen. Man kann das auch nicht in allen Fällen machen. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, wer das verträgt und in welchen Situationen das angebracht ist. Jemand, der gerade zwei Wochen Arbeit und viel Herzblut in seine Website gesteckt hat, wird wahrscheinlich nur verletzt sein.Es geht darum, die Formulierung zufinden, die dem Gegenüber entspricht. Und es geht darum, den Mund zu halten, wenn es nichts bringt.
Weichgespültes Lob ist am einfachsten, aber es bringt niemanden weiter. Wirkliche Wertschätzung hat für mich sehr viel mit Ehrlichkeit und Authentizität zu tun. Das ist auch für den Kritiker nicht immer angenehm. So etwas erzeugt Gegenwind, Verletztheiten, Angriffe. Doch es geht immer darum, wertschätzend kommunizieren, auch wenn es in der Sache klar und offen ist. Das ist kein Widerspruch. Deswegen sprach der oben Zitierte ja auch von “Wertschätzungsgehabe”.
Andererseits: Nicht jeder ist auch in der Lage, Kritik zu verarbeiten und für sich fruchtbar zu nutzen. Nicht jeder ist auch in der Lage, das Sachliche vom Persönlichen zu unterscheiden. Ausführliche, auch negative Kritik muss mir jemand schon wert sein.
Dazu gehört auf der anderen Seite übrigens auch, nicht jede Kritik anzunehmen. Manchmal hat der Kritiker auch Unrecht. Nicht jeder Angriff muss gleich Selbstzweifel auslösen. Wenn ich jedoch zurückblicke, was mich in meiner beruflichen und persönlichen Entwicklung am weitesten gebracht habe, dann waren es oft Schüsse vor den Bug. Nach denen ich – auch wenn sie wertschätzend vorgebracht waren – erst einmal Luft holen, manchmal Wunden lecken musste. Oft erst einmal trotzig oder mit Widerstand reagiert habe: “Der hat doch keine Ahnung.” Aber wenn ich dann meine Eitelkeit beiseite gelassen und wirklich hingeschaut habe, war das immer ein Anstoß zu wirklicher Verbesserung.
Wie ist das bei Ihnen? Wie kritisieren Sie selbst? Wie gehen Sie mit Kritik um?













Wertschätzung bedeutet für mich, den anderen in seiner Größe zu sehen und ihm meine ehrliche Meinung zuzumuten und ihm zuzutrauen, damit umzugehen. Davon zu unterscheiden ist schon, wie man etwas herüberbringt. Man kann ehrlich und trotzdem rücksichtsvoll sein.
Außerdem weisen Sie auf einen wichtigen Punkt hin: Ihr Mail-Partner hat Sie um Ihre Meinung gebeten. Das ist eine andere Situation, als seine Meinung und speziell Kritik jemand anderem aufzudrängen. Nach seiner Meinung – möglicherweise sogar von einem Kunden – gefragt zu sein und sie zurückzuhalten, tut beiden Seiten nicht gut.
Als Beraterin stehe ich ja immer wieder vor dieser Herausforderung, dass ich einerseits kritisieren muss, was tatsächlich nicht zielführend ist, andererseits aber auch vermeiden möchte, dass mein Gegenüber sich persönlich angegriffen fühlt. Wobei ich dafür nur bis zu einem gewissen Punkt die Verantwortung übernehme. Natürlich kommuniziere ich “wertschätzend”, aber das schließt für mich absolut ein, direkt und klar in der Sache zu sein. Und ich versuche – gerade in der schriftlichen Kommunikation – auch immer deutlich zu machen, dass ich mir bewusst darüber bin, welche Gefühle meine Kritik möglicherweise auslöst. Aber wenn sich jemand entscheidet, dann trotzdem beleidigt zu reagieren, dann kann ich diese Person ganz prima in der Schmollecke sitzen lassen.
Das Thema “Kritik” beschäftigt mich schon lange. Ich gestehe, dass ich selber schwer mit Kritik umgehen kann, wobei es natürlich immer auf die Art und den Zusammenhang ankommt. Gleichzeitig bin ich durchaus sehr selbstkritisch.
Was mich einige Wochen und Monate mal intensiv beschäftigt hat: Ich “musste” für ein Seminar ein Buch von Dale Carnegie lesen (Wie man Freunde gewinnt- es ging aber um Kundenkontakte!), der ziemlich kategorisch schrieb: Keine Kritik.
Und er hatte sehr viele tolle Beispiele, die mir sofort einleuchteten.
Ich habe dann auch in meiner Erfahrung rumgekramt und gesehen, dass bei mir in der Tat Kritik das bewirkt hat, was er beschreibt:
* entweder man geht in den Widerstand
* oder man fühlt sich noch kleiner und schlechter (und wird dadurch nicht besser – beispielsweise in der Schule).
Hingegen hat mich Ermutigung und Lob sehr viel weiter gebracht. Wenn meine Freundin, die Malerin ist, nicht bei meinem ersten Bild gesagt hätte: mach weiter!, wären später sicher nicht so schöne Bilder entstanden. An diesem 1. Bild gab es tausend Dinge zu kritisieren und zu verbessern, sie hat aber das Augenmerk auf das Potzenzial gerichtet.
Auch dazu finde ich viele Beispiele in meinem Leben.
Diese Gedanken finde ich zumindest mal bedenkenswert. Ich habe dann damals nach der Lektüre viel mehr darauf geachtet: Muss ich jetzt meine “Kritik” sagen? Hilft sie dem anderen wirklich? Oder kann ich auch einfach mal die Klappe halten? – Und das konnte ich in der Tat.
Aber das ist ein riesiges Lernfeld- und sicher immer wieder nach Situation, Mensch, Kontext und Ziel unterschiedlich zu bewältigen.
Ein sachliches Feedback, das erwünscht wurde, ist für mich auch noch was anderes als Kritik, wo es mehr um Verhaltensweisen ging – merke ich gerade.
Ich könnte zu dem Thema noch ewig schreiben…
… das ist ja mal ein interessantes Thema
)))
Solange Menschen ehrlich, authentisch und einfach kommunizieren, kann Kritit m.E. nie falsch sein.
Kritik darf nur nicht verwechselt werden mit: ungefragten Tipps oder Emp”fehl”ungen, die keiner braucht!
Zum Thema Dale Carnegie, Gewaltfreie Kommunikation etcetc, kann ich nur sagen, dass die sicherlich alle was Gutes für sich haben. Leider werden Sie nur zu großen Teilen schlecht vermittelt, noch schlechter benutzt und noch viel öfter falsch verstanden.
Hierdurch kommt es viel öfter zu “unausgelebten” Konflikten, als wenn ich es gar nicht anwende. .
JA, Man(N), Frau kann sich auch zu Tode wertschätzen!!!
In dem Sinne, Ruhig mal ne klare Ansage machen.. Wenn die ehrlich gemeint ist, kommt es beim Gegenüber auch automatisch richtig an! Das geht fast gar nicht anders
)… Ach so;-)) Nach der klaren Ansage, darf natürlich auch eine zurück kommen… da muss man dann halt durch und gut zuhören können.
Schöne Grüße
Heinz Maxfield
Ein zusätzlicher Aspekt ist sicher, dass man sich im internationalen “diversen” Umfeld möglichst auch an die Mentalität des Gegenübers anpassen sollte. Nicht alle freuen sich gleichermassen über eine “klare Ansprache”. Auch wenn die Inhalte vielleicht letztenendes die gleichen sind, ist der geeignete Ton sicher verschieden.
Ein ehemaliger indischer Kollege bereitete deshalb seine Angestellten, die eine Zeit in Deutschland zu arbeiten hatten, mit den Worten auf die Mentalität hier vor “if your boss calls you an asshole you know you belong to the family”.
Sicherlich ein krasseres Beispiel, aber damit waren die Kollegen aus Indien vor der ersten klaren Ansage schonmal etwas darauf sensibilisiert, dass die Kritik in Deutschland vielleicht etwas anders rüberkommt, als sie es gewohnt sind – und dies nicht persönlich zu nehmen ist.