Texte aus Werbung und PR, überarbeitet. Heute: Werbebrief

12. Mai 2009

Kürzlich habe ich etwas dazu geschrieben, wie gute Texte für Werbung und PR aussehen und worauf es besonders ankommt. In nächster Zeit will ich an konkreten Beispielen aus der Praxis vorführen, wie diese Kriterien umsetzbar sind. Deswegen habe ich die Empfänger meines Newsletters in einem “eBrief EXTRA” gebeten, mir ihre Textentwürfe zu schicken. Ich zeige dann anhand einzelner Abschnitte hier im Blog, was sie verbessern können.

Die erste Zuschrift kam wenige Minuten später mit der Frage: “Kannst Du Gedanken lesen? Ich grübele schon seit Stunden über diesem Text und sende ihn Dir nun zu…”- Zum Glück musste ich nicht erst Stunden grübeln – denn ich texte ja beruflich. Hier nun die Vorlage, meine Anmerkungen dazu und ein überarbeiteter Textvorschlag für einzelne Passagen:

Frau D. aus K. schreibt an einen potenziellen Kunden:

(Betreff:) Ihre Flexibilität – Ihr Unternehmen – Ihr Vorteil

Sehr geehrter Herr Sowieso ,

sicherlich haben auch Sie festgestellt, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in einer sehr raschen Weise verändern. Wandlungsfähigkeit und schnelle Anpassung an die Erfordernisse des Marktes erhalten eine immer größere Bedeutung.

Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes trägt diesem Umstand Rechnung. Diese Aufgabe können wir gemeinsam in einem sehr guten Kosten-Nutzen Verhältnis für Ihr Unternehmen bewältigen. Ich biete Ihnen qualifizierte Unterstützung für Ihre kaufmännischen Abläufe.

Gemeinsam denken und handeln wir so mit dem Blick auf Ihre unternehmerischen Belange. Lassen Sie uns über die Vorteile reden, die solch ein speziell auf Ihr Unternehmen zugeschnittenes Angebot bietet.

Mit freundlichen Grüßen

(Unterschrift)

Pluspunkte:

  • Die Absenderin hat realisiert, dass es nicht darauf ankommt, einfach ein Produkt zu beschreiben, sondern dass sie den Kundennutzen hervorheben muss.
  • Sie spricht den Adressaten direkt an und geht auf seine Bedürfnisse ein.
  • Sie beschreibt eine gemeinsame Ausrichtung.
  • Das Schreiben enthält abschließend einen Vorschlag für den nächsten Schritt.

Punktabzug:

  • Der Betreff sagt nichts über das Produkt/die Dienstleistung und den konkret darauf bezogenen Kundennutzen.
  • „Sicherlich haben auch Sie festgestellt…“ klingt fast wie „Endlich haben wohl selbst Sie gemerkt“. „Auch Sie“ ist generell eine ziemlich abgedroschene Formulierung, die in der Werbung und PR sehr, sehr sparsam verwendet werden sollte.
  • „Kosten-Nutzen Verhältnis“ – hier fehlt ein Bindestrich. Das ist ein typischer Laienfehler, der dem Leser vielleicht nur unterbewusst auffällt. Gute Texte müssen ‘klingen’ wie ein perfekt gestimmtes Instrument. Solche kleinen Ungenauigkeiten verhindern das.
  • Der Kundennutzen wird viel zu spät klar, die Formulierungen sind zu schwammig. Hinter den Vorteilen geht das Produkt verloren: Der Empfänger kann nicht auf den ersten Blick erkennen, worum es geht, sondern muss bis zum Ende des zweiten Absatzes weiterlesen – wenn er das überhaupt tut…
  • Was soll der zweite Absatz genau bedeuten? Viele weitschweifige Worte um (fast) nichts.
  • Insgesamt sechs Sätze und nur ein einzelner Satz über die angebotenen Leistungen. Da fehlen Details.
  • Zu viele Substantive. Verb-Konstruktionen lesen sich flüssiger und sind überzeugender.
  • Klare Handlungsaufforderung fehlt. Was soll der Empfänger tun, wenn ihn der Brief überzeugt hat?
  • „über die Vorteile reden“: zu umgangssprachlich. Der gesamte Text braucht einen einheitlichen Ton – um wieder den Instrumentenvergleich zu benutzen: eine harmonische Stimmung, die der Qualität und Seriosität des Angebotes entspricht.

Mein Änderungsvorschlag:

Ich habe einzelne Passagen überarbeitet. Kursiv steht, welchen Inhalt die nicht überarbeiteten Textabschnitte haben sollten.

( Betreff neu!)

Sehr geehrter Herr Sowieso!

(Völlig neue Einleitung!)

(…) Ich biete Ihnen die ideale Lösung für beide Anforderungen: qualifizierte, flexible und absolut verlässliche Unterstützung für alle kaufmännischen Abläufe in Ihrem Unternehmen.

Ich erledige einzelne Vorgänge für Sie. Ich entlaste Sie stunden- oder tageweise. Oder ich übernehme den gesamten Aufgabenbereich für einen von Ihnen definierten Zeitraum. Ganz wie Sie es wünschen und brauchen. Von Projekt zu Projekt, auf Honorarbasis und ohne lange Vertragsbindung. Zu günstigen, im Voraus exakt kalkulierbaren Preisen.

(Detaillierte Beschreibung des Angebotes und der eigenen Qualifikation. Ggf. auf Anlagen hinweisen.)

(Vorschlag für weitere Schritte: erstes unverbindliches Gespräch. Was bringt dieses Gespräch dem Kunden?)

(Konkrete Handlungsaufforderung)

Mit freundlichen Grüßen

(Unterschrift)

*

Übrigens: Ein solches einzelnes Schreiben allein macht noch keinen Werbeerfolg. Frau D. sollte die Mailingaktion in ein umfassendes Kommunikationskonzept einbinden. Beispielsweise sollte sie eine gute Website haben, weil viele Empfänger als Nächstes erst einmal Informationen im Internet suchen werden. Sie sollte nicht erwarten, dass eine große Zahl der Angeschriebenen selbst aktiv wird – eine umfassende Akquisitionsstrategie besteht aus mehr als einem einzelnen Brief. Statt potenzielle Interessenten “kalt” anzuschreiben, sollte sie ein gutes Empfehlungsmanagement aufbauen und zunächst Kontakte aufbauen, die sie dann gezielt mit weiteren Informationen über ihre Leistungen versorgt. Dazu müsste sie den Werbebrief dann aber noch variieren und personalisieren.

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8 Antworten auf Texte aus Werbung und PR, überarbeitet. Heute: Werbebrief

  1. Jochen C. Müller on 12. Mai 2009 at 18:18

    “Ich biete Ihnen die ideale Lösung für beide Anforderungen”

    (Briefe, die so anfangen, werfe ich ungelesen weg.)

    (Tschulligung.)

  2. Kerstin Hoffmann on 12. Mai 2009 at 18:21

    Da haben wir ja Glück gehabt, dass dieser Brief nicht so anfängt. Sondern vorher ausführlich entwickelt, worum es geht und was das Problem ist. Ich habe mir nur eben gerade den einen Absatz zur Überarbeitung herausgesucht. Beim nächsten Mal ist es vielleicht der Anfang. Dann können wir ja nochmal gucken, ob du das auch zum Wegwerfen findest.

  3. Jochen C. Müller on 12. Mai 2009 at 18:34

    Jetzt bist du beleidigt, stimmt`s? ;-)

  4. Jochen C. Müller on 12. Mai 2009 at 18:37

    Wie wäre denn “Ich glaube, Ihnen die ideale Lösung für beide Anforderungen bieten zu können:”?

  5. Kerstin Hoffmann on 12. Mai 2009 at 22:38

    > Jetzt bist du beleidigt, stimmt`s?
    Nein, absolut nicht.

    > Wie wäre denn “Ich glaube, Ihnen die ideale Lösung für beide
    > Anforderungen bieten zu können:”?

    Klares Nein.

  6. Kerstin Hoffmann on 12. Mai 2009 at 22:39

    Es muss ja auch nicht jedem gefallen. Für dich und deine Zielgruppe texte ich anders als für Frau D. und ihre Zielgruppe.

  7. Peter Flieher on 17. Mai 2009 at 19:32

    @ Jochen C. Müller

    >Wie wäre denn “Ich glaube, Ihnen die ideale Lösung für beide >Anforderungen bieten zu können:”?

    Glauben ist nicht Wissen. Wenn Sie also nicht wissen, ob Sie beiden Anforderungen einer Lösung zuführen können, warum texten Sie den Kunden dann zu?

    Ich finde diesen Vorschlag auch nicht wirklich gut.

  8. Jochen C. Müller on 21. Mai 2009 at 00:01

    Nun Herr Flieher – ganz im Ernst: WISSEN Sie jemals, ob Sie beide Anforderungen einer Lösung zuführen können? Unter uns: Wenn Sie JA sagen, werde ich es Ihnen nicht glauben… ;-)

    Und ebenso eindeutig: Wer von sich behauptet, den Stein der Weisen gefunden zu haben (und auf alle schwierigen Fragen des Lebens eine einendeutige Antwort) – der wird immer mein Misstrauen erregen. Es sei denn, die Antwort lautet 42.

    Aber ich bin ja auch kein PRler, sondern Kunde.

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