PR ist eine tolle Sache: Jemanden damit beauftragen, perfekte Imagetexte zu schreiben. Die schönste Website der Welt entwerfen lassen. Sich für wohltätige Sachen engagieren. Die Qualität und den Nutzen der eigenen Dienstleistung glaubhaft transportieren. Das ideale Image und ein ausgeklügeltes Reputations-Management im Leben und im Web 2.0 haben.
… und dann beobachte ich immer wieder, dass gerade ein solcherart bestens gerüsteter Mensch in einem Forum ausfallend wird. Dinge in eine virtuelle Diskussionsrunde einwirft, die er nie einem Anderen ins Gesicht sagen würde. Sich von spontanen Emotionen hinreißen lässt – und damit mit einem Feder- (oder vielmehr Tasten-) Streich alle bisherigen positiven Eindrücke zunichte macht.
Selbstbild und Fremdbild
Das ist mir kürzlich in einem Forum, anlässlich eines eigentlich ganz harmlosen Themas, einmal wieder aufgefallen: Jemandem gefiel die Äußerung eines anderen nicht, und statt wertschätzende Kritik zu üben, wurde er – mit fühlbarer Lust an der Gehässigkeit und der eigenen Sprachgewalt – ätzend und ausfallend. Nun hatte ich just mit diesem Menschen schon sehr nette Mailwechsel und kannte ihn als sympathischen Gesprächspartner. Warum also, und diese Frage beschäftigt mich seither, leistet er sich so etwas? Macht er sich keine Gedanken über Selbstbild und Fremdbild?
Was viele, glaube ich, nicht bedenken: Jede einzelne Äußerung, die jemand anders liest oder hört, ist im weitesten Sinne PR. Ich schaffe ein Bild für eine und in einer (wenn auch gegebenenfalls begrenzten) Öffentlichkeit. Und das sollte zu allem anderen passen, was ich sonst über mich kommuniziere.
Daher ist es nach meiner Ansicht sehr sinnvoll, sich öfter einmal Gedanken über Selbstbild und Fremdbild zu machen:
- Wie bin ich wirklich?
- Wie komme ich persönlich herüber?
- Spiegelt sich meine Persönlichkeit in meinen schriftlichen Äußerungen – oder verwirkliche ich hier Aspekte, die eigentlich gar nicht so dominierend in meinem Charakter sind?
- Will ich wirklich, dass eine Momentaufnahme, eine kurzzeitige Verärgerung auf ewig im Netz (und in den Köpfen meiner Kontakte und potenziellen Geschäftspartner) gespeichert ist?
Die meisten Menschen wissen annähernd, wie sie im persönlichen Kontakt wirken, auch weil sie da sofortiges Feedback bekommen. Klar, jeder von uns kennt einen oder mehrere dieser peinlichen Zeitgenossen, die abstruse, großsprecherische Selbstaussagen vor sich hertragen und dabei aber ganz anders herüberkommen. (Und selbstverständlich beobachten wir so etwas immer nur bei anderen.) Aber im Großen und Ganzen sind erfolgreiche, redegewandte Menschen auch geübt darin, im direkten Kontakt sympathisch und authentisch herüberzukommen.
Schreiben ist schwieriger als sprechen
Mit dem Schriftlichen ist das schon schwieriger. Textwirkungen bewusst zu erzeugen, die jenseits der direkten Wortbedeutung liegen, verlangt Übung und Außensicht. Die wenigsten Menschen können aus ihren eigenen Texten herauslesen, wie diese sich anfühlen und welche Persönlichkeit sie transportieren. Hinzu kommt: Geschriebene Sprache trifft heftiger als ein beiläufig gesprochenes Wort und bleibt länger stehen. Nicht immer – auch wenn das paradox klingt – erzeugt das spontan Geschriebene und Unreflektierte die größte Authentizität. Oft ist es aber auch einfach wesentlich entlarvender, als es dem Schreiber selbst klar ist.
Manchmal meine ich auch zu beobachten, dass Menschen, die persönlich eher zurückhaltend sind, wesentlich offensiver und aggressiver schreiben. Vielleicht, weil sie da keine direkten und persönlichen Retourkutschen zu erwarten haben? Weil sie scheinbar aus dem geschützten Raum ihres Arbeitszimmers heraus agieren? Dieser Irrtum ist fatal: Sie stehen ja mitten in der Öffentlichkeit, und meistens können sehr viele nachlesen, was sie von sich gegeben haben.
Der Grat ist schmal
Der Grat zwischen bewusster Steuerung der Textwirkung und Authentizität ist schmal, wenn man die Techniken beherrscht. Immer aber ist es sinnvoll, zu hinterfragen, welche Spuren man im Netz hinterlassen will. Mir sehr gut zu überlegen, was ich wann und wo wie schreibe. Ich versuche, dabei ehrlich und authentisch zu bleiben, ich würde nicht versuchen, mich zu verstellen. Ich mag deutliche Worte und kann auch sehr deutlich werden. Aber wenn ich das Gefühl habe, etwas reißt mich zu spontaner Wut hin oder provoziert mich zu etwas, das ich später lieber nicht geschrieben hätte, dann lasse ich es erst noch einmal liegen…
Hilfreiche Fragen für die eigene Schreibhaltung und für den Umgang mit den schriftlichen Äußerungen anderer:
- Wie würde die Person, die ich sein möchte, schreiben?
- Wie würde sie auf Angriffe reagieren?
- Wie würde sie wertschätzend Kritik üben?
- Wie souverän ist sie im Umgang mit und Ausdruck von eigenen Emotionen?
Was meinen Sie dazu?












Sehr kluger, gut beobachteter Artikel! Wertschätzend Kritik üben, souverän im Umgang mit und Ausdruck von eigenen Emotionen sein – das sollte sich jeder Schreiber im Internet unübersehbar an seinen Bildschirm pappen. Glückwunsch zu deinem/Ihrem Blog, den ich erst vor kurzem entdeckt habe und der mich sehr begeistert. Und den ich mir ein kleines bisschen als Vorbild nehmen werde für mein Blog, der in Kürze an den Start gehen wird
Danke und viel Erfolg für dein Blog. Schick mal einen Link!
Hallo Frau Hoffmann!
Ein Artikel, der mir aus der Seele spricht!
Ich bin auf XING ein alter Hase, lange und auch meist recht aktiv dabei….
und genau dies lässt mich auch immer wieder den Kopf schüttlen. Gute Kinderstube, Wertschätzung, Respekt, sorgsam abgewogene und dosierte Worte – allzu oft leider Mangelware in den postings.
In der Tat: Ich achte immer darauf, dass mir genau diese von Ihnen beschriebene Gratwanderung gelingt: Ich möchte authentisch sein und dabei ruhig auch indirekt für mich, meine Sichtweise und meine Arbeit als Coach werben.
So sehr ich mich oft über Unverschämtheiten, Hahnenkämpfe, Beleidigungen oder Beleidigtsein, Zickenterror etc. auf XING ärgere – einen großen Vorteil können wir meines Erachtens daraus ziehen: Diese Menschen machen es uns doch leicht, oder!? Sie präsentieren sich damit auf der Bühne, ich muss nur genau hinsehen und kann mir meine Meinung über sie bilden. Und bei den ganz heftigen muss ich dann keinen zweiten Gedanken darauf verschwenden, ob ich denjenigen vielleicht mal kontaktiere für einen Auftrag oder eine Kooperation – so schnell und eindeutig durchs Raster gefallen und sich disqualifiziert – erspart doch so manche zeitaufwendige Recherche, meinen Sie nicht!?
Diese Art der indirekten PR gefällt und liegt mir sehr – Coachingaufträge und -anfragen, die ich genau auf diesem Wege erhalten habe, geben mir recht.
Sehr herzliche Grüße, ich meld mich bald!
Bettina Stackelberg
Hallo Kerstin, ich bin über diesen Beitrag auf deinen Blog aufmerksam geworden. Mich interessiert, was du zu sagen hast, also verlinke ich dich mal eben auf meinen Blog.
Bloggen, Rechtschreibung und Authentizität…
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