"Wolln’Se den jetzt – oder nicht?"

22. Dezember 2008

oh_tannenbaumFrüher war man ja im Ausland – vor allem im Englisch-sprachigen – immer wie bezaubert von der Freundlichkeit des Verkaufspersonals. “Service-Wüste  Deutschland” sagten wir dann immer. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Heute betreiben selbst Marktfrauen ein Customer Relationship Management (auch wenn sie es vermutlich nicht so nennen) und die Thekenkraft im Bauernmarkt meines Vertrauens kann in punkto Freundlichkeit mit jeder amerikanischen Supermarkt-Angestellten mühelos mithalten. Aber es gibt sie noch, die Ausnahmen. Wo sich im Verkaufsgespräch die urwüchsige, tief deutsche Abneigung gegen jede Art von Kunden ungehemmt Bahn  bricht – selten, aber gerade deswegen von besonderem Erlebniswert. So wie kürzlich, als wir einen Weihnachtsbaum für unseren Besprechungsraum kaufen wollten.

Es gibt da vor einem Bauernhof in der Nähe alljährlich im Dezember ein großes umzäuntes Areal mit Bäumen frisch aus dem Sauerland. In diesem Jahr waren wir spät dran, die Auswahl war schon eingeschränkt, aber ein Bäumchen gefiel uns auf Anhieb. Wir warteten etwa fünf Minuten im strömenden Regen, ehe aus der nebenstehenden Halle mit großen Schritten eine Person in grünem Ölzeug gestapft kam, die wir anhand ihrer Stimme sofort als Frau identifizierten. War auch nicht zu überhören, denn bereits aus zwanzig Metern Entfernung raunzte sie uns mit lauter Stimme an:

“PASSENSE AUF. WENNSE DA DRAN ZIEHEN, KIPPEN DIE ALLE UM!”

Verschreckt zogen wir die Hände zurück und fragten vorsichtig, was der Baum denn koste.

Sie: “DER? SO UNGEFÄHR 20 EURO.”

Wir: “So ungefähr?”

Sie: “JA, KANN ICH NICHT GENAU SAGEN.”

Wir: (etwas erstaunt) Na gut, dann sagen wir einfach 15 Euro.

SIE: HA! DANN SAG ICH ABER 21!

Wir einigten uns dann auf 20, und als wir den Baum zum Einwickeln zerrten, sahen wir zahlreiche weitere Nadelbäume, aber alle schon in Netze gesponnen.

Wir: “Oh, Sie haben doch noch andere? Sind die auch zu verkaufen?

Sie: “JA, ABER DA MÜSSTE ICH DIE EXTRA AUSPACKEN. WOLLN’SE DEN JETZT – ODER NICHT?

Wir: Ach, egal, wir nehmen den einfach. Dann bräuchten wir jetzt aber noch eine Quittung.

Sie: (schaut uns an, als seien wir leicht zurückgeblieben) QUITTUNG? SOWAS HAB ICH NICHT! WOZU DAS DENN?

Wir: Der ist für unser Büro. Das können wir von der Steuer absetzen.

Sie: (verächtlich) DAS IST JA LÄCHERLICH! DIE PAAR EURO!

Sie fragen sich jetzt sicher, warum wir den Baum und die impertinente Person nicht einfach haben stehen lassen… Um ehrlich zu sein: Wir waren fasziniert. Wir konnten es einfach nicht fassen. Wir haben die Folklore genossen. Wir haben schon überlegt, ob wir Elemente aus dieser Gesprächstechnik auf unseren eigenen Kundenkontakt anwenden können, um den Verkaufsprozess kürzer und effizienter zu gestalten. (“Wolln’Se jetzt einen Imagetext oder nicht? Na also, dann nerven Sie uns doch nicht mit Details über Ihre Firma!”)

Außerdem war das Bäumchen wirklich gut gewachsen…

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3 Antworten auf "Wolln’Se den jetzt – oder nicht?"

  1. ezo on 22. Dezember 2008 at 13:22

    Ich muss schmunzeln bei der Geschichte, es kommt mir aber vor wie ein déjà-vue…
    Warum kauft man trotzdem? Weil man schon selbst genervt ist von der Einkauferei, weil der Weg zum nächsten Anbieter zu weit ist, weil man bei so viel Frechheit nicht weiß ob man weinen oder laut lachen soll, usw…

    Bei so einem Gespräch denke ich mir immer unsere Kunden müssen eigentlich freiwillig mehr bezahlen weil wir so nett mit ihnen umgehen ;-) )

  2. pflieher on 22. Dezember 2008 at 17:13

    … und jetzt das ganze aus der Sicht der Bauersfrau:
    —————————————————————-
    Boah, wat is dat dieses Jahr wieder für ein Stalp mit die Weihnachtsbäume. Sonst guck ich ja nur unter der Woche nach dem Verkauf, wenn die Männer auf Arbeit sind. Aber dieses Wochenende ist der Bauer und sein Sohn auf Seminar: „Customer Relationship Management“. Sowat braucht man heute, auch wenn man nur in der Saison mal einen Schwung Tännekes verkauft.
    Aber muss et denn heute auch den ganzen Tach so regnen? Kaum hab ich mir dat Ölzeuch ausgetan und nen warmen Kaffee eingeschüttet, kommen schon wieder zwei. Also rein in die Stiefel und schnell dat grüne Wetterzeuch an bevor die an die Bäumkes ziehen und alle wieder umwerfen.
    Dem Gerhard hatte ich gestern erst gesacht: „Mach ein Preisschild an die Bäume, dann muss man nur bei der Hälfte der Leute noch vor die Tür.“ Er meinte aber ohne würde eine bessere Ausgangsbasis für dat Verhandeln entstehen.
    Aber wie ich sachte, dat erste wat die Frau wissen will is der Preis. Die guckt gar nicht nach dem schönen Wuchs, die gleichmäßig verteilten Zweige, ohne „Löcher“ und die kerzengrade Spitze fällt auch kaum auf. Nur feilschen, das wollen se alle. 15 Euro ist nun aber wirklich zu wenig. Da bleib ich lieber in der warmen Scheune und trink meinen Kaffee in Ruhe zu Ende.
    20 Euro, wir sind uns einig. Dann sack ist den Baum noch ein. Der Service ist bei uns inklusive. Aber kaum hab ich mit dem Einsacken angefangen, zetert die Kundin mit dem Kerl, der irgendwie aussieht, wie ein evangelischer Pfarrer, im Schlepptau: „Da sind ja noch mehr eingepackte Bäumchen, vielleicht ist eines davon ja noch schöner!“ Die glaubt doch nicht wirklich, dass ich bei dem Sauwetter die fertigen Bäume für einen Schönheitswettbewerb wieder auspacke? Und jetzt will se auch noch eine Quittung. Man, man wir verkaufen hier an privat, dat heißt 20 Euro bar auf die Kralle und gut is.
    Manche Könige treiben et schon bunt, Samstags nachmittags im Regen beim Weihnachtsbaumkauf!

  3. devolo01 on 22. Dezember 2008 at 17:50

    Haha wie genial, normalerweise Ziehe ich in meinem Blog über Kunden her die es nicht anders Verdient haben. Aber hier muss ich mal ehrlich gestehen.

    Der Typ hat es drauf, die Leute sind ersteinmal so Perplex das sie nur Kaufen können.

    Danke sehr schöner Beitrag

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