Das Bloggen hat mich zum Langweiler gemacht

4. Dezember 2008

Wenn Johnny Haeusler verzweifelt konstatiert: “Das Internet hat mein Leben zerstört“, so muss ich leider feststellen: Das Bloggen hat mich zum Langweiler gemacht.

Problem Nr. 1. Früher habe ich auf Partys die Leute mit wirklich lustigen Anekdoten aus meinem Leben unterhalten. Heute läuft das so: Ich treffe nach Monaten einen alten Freund wieder.

Ich fange begeistert an:”Du, weißt du was, neulich bin ich Zug gefahren, und da habe ich…”
Er: “Ja, ich weiß. Den VFL Wolfsburg getroffen.”
Ich: “Ja, genau, aber du, mein Änderungsschneider…”

Er: “Is klar. Heißt Kevin, der Mann.”

Und sowas geschieht nicht gelegentlich oder alle paar Wochen mal. Sowas passiert mir mittlerweile dauernd. Spätestens nach dem dritten Versuch gebe ich auf, gehe nochmals ans Buffett, hole mir etwas zu trinken, setze mich in eine Ecke und überlege, ob ich das wenigstens im Blog verwerten kann. Das führt nämlich schon zu

Problem Nr. 2. Früher habe ich mich in Gesellschaft unterhalten, zugehört, ausgetauscht. Heute bin ich irgendwo eingeladen, plötzlich habe ich eine Idee für einen Blogbeitrag. Einkaufsbons werden zu Notizzetteln, mein Handy zum Diktiergerät. Ich verziehe mich irgendwohin, wo es ruhig ist und texte – während die anderen feiern und gemeinsam fröhlich sind. Aber das ist nicht nur unterwegs so. Auch mein heimisches Dasein hat sich verändert, und das ist das

Problem Nr. 3. Früher wäre ich nach einem Erlebnis wie dem mit der Henkelware nach Hause geeilt und hätte meinen Lieben lachend und begeistert davon berichtet. Heute denke ich bereits auf dem Rückweg nach Hause über einen besonders originellen Einstieg in ein Blogpost nach. Werfe hinter der Haustür schnell den Mantel in die Garderobe und enteile, vorbei an meinen schweigenden Lieben, in mein Büro, an den Computer.  – A propos Computer. Da haben wir schon das

Problem Nr. 4. Auch virtuell war ich ja früher kommunikativer. Beispielsweise habe ich besonders gelungene Fotos in meinem Lieblingsforum gepostet. Heute bewahre ich sie lieber auf, denn der nächste Samstag kommt bestimmt und damit meine Rubrik “Wochenende“. Das Internet nämlich, so zeigt das

Problem Nr. 5. … das Internet ist für mich kein Quell der Inspiration und Information mehr, sondern nur noch ein Steinbruch. Ich surfe durchs Netz, um Ideen für mein Blog zu sammeln. Gehetzt klicke ich von Link zu Link, bis ich wieder irgendetwas Großartiges gefunden habe, von dem die Welt profitieren kann. Aber: Wer davon erfahren will, muss dann auch mein Blog lesen, denn dort steht alles, was ich weiß. Daher das

Problem Nr. 6. Nehmen wir mal ein Netzwerktreffen, ein Unternehmerfrühstück oder eine Pause in einem Meeting. Jemand sagt oder fragt etwas aus meinem Fachgebiet, und eigentlich will ich dazu etwas Substanzielles beitragen. Ich öffne den Mund, spreche die ersten Sätze – und dann fällt mir ein: Darüber habe ich doch schon gebloggt. “Ach, wissen Sie was”, sage ich dann nur noch, “das würde jetzt eh zu weit führen. Ich schicke Ihnen einfach einen Link” und verfalle wieder in Schweigen. Zu Hause ist es eher umgekehrt, und das ist das

Problem Nr. 7. Zu Hause nämlich stürze ich andauernd überfallartig in irgendwelche Zimmer, in denen meine Familie an Computern sitzt, und unterbreche sie bei allem und jedem, vermassle Highscores und unterbreche brillante Gedankengänge, indem ich brülle: “Wollt ihr mal was Lustiges lesen?” Dann logge ich mich rücksichtslos in ihrem Browser in mein Blog ein und zwinge sie, sofort meinen neuesten Beitrag zu lesen, bevor er erscheint. Dazu rufe ich pausenlos solche Dinge wie: “Ist doch echt, witzig, oder?” Sie lächeln dann gequält, tun so, als ob sie lesen würden und hoffen, dass mir dabei eine weitere Idee kommt, die mich wieder an meinen eigenen Rechner treibt.

Also, Sie sehen: Das Bloggen hat mich zum Langweiler… aber: He, hallo?! Sie lesen ja gar nicht mehr weiter. Wo gehen Sie denn hin? Ich wollte Ihnen doch noch erzählen, wie ich letzte Woche… Interessiert Sie nicht? Auch egal. Kommse mal nächste Woche wieder, da steht was über Sie im Blog!

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23 Antworten auf Das Bloggen hat mich zum Langweiler gemacht

  1. christoph am 4. Dezember 2008 um 11:47

    ts! unsereiner dagegen veröffentlicht sein halbes leben im facebook, genau WEIL man nicht zum hundertersten mal erzählen will, “wie es denn jetzt in marokko war”. die antwort “hast du etwa nicht mein reisetagebuch gelesen, die fotos bewundert??” erspart mir da endlose wiederholungen. wenn sich der gesprächspartner allerdings INFORMIERT hat, bevor er auf mich zutritt: “du, die bilder von dieser mittelalterlichen kasbah – wahnsinn! wie genau kommt man denn da hin?” – dann hat er sich meine zuwendung wirklich verdient.

  2. Markus am 4. Dezember 2008 um 12:10

    Hi Kerstin,
    da sieht man mal, wohin das Gegenteil führt… nur alle paar Monate mal ein Eintrag!
    Soll ich mich jetzt freuen oder traurig sein? ;-)
    Lieben Gruß aus Krefeld
    Markus

  3. André Loibl am 4. Dezember 2008 um 13:38

    Und jetzt… jetzt schreibe ich einen ganz witzigen Kommentar zu diesem Beitrag… komm, da fällt mir was ein! *am Bleistift kau* vielleicht könnte ich ja erzählen, dass gerade Problem Nummer 7 mir mit einem Augenzwinkern bekannt vor kommt, aber nein, das ist zu profan… wie wäre es ein neues, ja genau, ein neues Langweiler Problem Aufzuwerfen, zum Beispiel, dass sich die Kommentare, die man so schreibt ja auch irgendwie originell anhören sollen….
    Damit sich dann auch möglichst viele Besucher über den Link da oben auf meine Homepage verirren – ja genau!
    Und die schreiben dann auch einen Kommentar in meinen Blog – und dann freue ich mich, denn da kann ich auch auf meinen Senf antworten! Super Sache! :-)
    Macht das Bloggen also auch ein bisschen nur noch mit sich selbst kommunizierend… hmmm…
    was ist aus dem guten alten Zuhören geworden?!
    Oder das wirkliche Würdigen von Beiträgen… jetzt mal ganz ohne an den eigenen Traffic zu denken…
    das wäre doch mal ein tolles Thema für einen Kommentar… liesse sich auch wundervoll mit der beginnenden Weihnachts-Besinnlichkeits-Zeit kombinieren…
    einfach mal wieder Respekt zeigen und zuhören…
    ja, ich glaube, so einen Kommentar könnte ich schreiben…
    aber nun ist mein Platz schon mit den ganzen Überlegungen voll und ich weiss gar nicht, ob irgendjemand überhaupt bis hierhin gelesen hat… ist ja auch schon ne ganze Menge geworden…
    Das ist ja auch so ne Sache, wie lang soll man schreiben, damit es interessant genug ist, aber die Menschen nicht nach der Hälfte aussteigen, weil es zuviel ist…
    hmmm…. vielleicht steige ich doch auf’s Video-Blogging um – das Gucken dann die Menschen wenigstens bis zum Ende… genau!
    Und jetzt, jetzt bin ich raus, verwirrt um mich selbst kreisend, Sinn suchend und ein Augenzwinkern hinterlassend! ;-)
    Danke für den tollen Beitrag, Kerstin und liebe Grüsse,
    André

  4. martinascachenews am 4. Dezember 2008 um 20:22

    Problem Nr. 1.:
    das spricht doch schon einmal für die Qualität Deines Bloges (-:

    Nett bei Dir … ähhh –> Kerstin
    Gruß, Martina

  5. Birgit am 4. Dezember 2008 um 23:37

    Leider viel zu wahr, um nur lustig zu sein ;) Danke!

  6. illepoint am 5. Dezember 2008 um 00:23

    tja – auch ein Blogger braucht nach einer harten (Blog)Arbeit blogfreie Ferien, Reha oder Urlaub… ;)

  7. pietshow am 5. Dezember 2008 um 08:27

    hm, vielleicht ist es ja Selbstschutz, dass ich nicht über mein eigenes, sondern über das Leben anderer – fiktiver Personen- blogge.
    Doch Kerstin, eins ist doch wirklich schön zu wissen: dass sich Freunde / Bekannte für einen interessieren und nur deshalb schon über alles informiert sind, sobald Du sie triffst!

  8. [...] post info Von Steffen Kategorien: Netzperle, Technik und Witzig Tags: bloggen, Internet Erst lachen, dann schmunzeln, dann drüber nachdenken: Das Bloggen hat mich zum Langweiler gemacht « Storyboard – das Kommunikationsblog. [...]

  9. Detlef am 5. Dezember 2008 um 11:05

    Aber zum Glück wissen wir ja, dass es bei der menschlichen Kommunikation nur zu einem winzigen Bruchteil um den Austausch von Sprachinhalten geht. Only Life is live … ;)

  10. [...] kennen lernt und trifft. Ganz im Gegenteil, Kerstin Hoffmann hat gestern festgestellt, dass das Bloggen aus ihr eine Langweilerin gemacht hat, die den Kontakt zum realen Leben verloren [...]

  11. thatgirlthere am 5. Dezember 2008 um 14:09

    da ist was wahres dran. mit nichts kann man mehr überraschen. nur noch sich, nämlich dann, wenn man schon im kolumnenartigen blogstil denkt: mein hirn, eine blogmaschine.

  12. Fu7uR am 5. Dezember 2008 um 14:27

    hoffentlich passiert mir das nicht…

  13. Frank Hamm am 5. Dezember 2008 um 15:01

    Durch das Bloggen hat sich mein Real Life kräftig verändert. Zwar habe ich auch solche “Langweiler”-Effekte, aber insgesamt ist mein Leben reichhaltiger und abwechslungsreicher geworden. Ich habe viele neue Freunde, und die Welten 1.0 und 2.0 vermischen sich zunehmend.

    Doch immer noch unterbricht mich jemand, stürzt auf mich zu und zeigt mir ein schönes Bild, erzählt mir eine interessante Story, Geschichte oder Nachricht – beispielsweise aus der Zeitung, einem Buch oder dem letzten Weihnachtsmarktbesuch. Ganz ohne Internet.

    Das ist, was mich so fasziniert: Die Kombination aus Alt und Neu, Analog und Digital, bekannte und unbekannte Kulturen und Denkweise. Immer wieder lerne ich dazu. Ich hoffe einfach, dass ich nicht zu impulsiv auf andere “Nicht-Blogger” zugehe, damit sie von mir und ich von ihnen lerne.

  14. burkhard am 5. Dezember 2008 um 15:36

    Jetzt habe ich Dich durchs bloggen “kennengelernt” und da sagst Du, Du seiest eine Langeweilerin! Muß ich Dich auf Twitter jetzt von meiner Liste streichen? ;-)

  15. rotegraefin am 5. Dezember 2008 um 20:14

    Das Bloggen und vieles im Internet hat mich selbstbewußter gemacht und läßt mich meine reale Einsamkeit besser leben.

  16. sunny am 5. Dezember 2008 um 20:42

    Ich muss nicht mehr ständig am Telefon hängen und alles doppelt und dreifach erzählen …

    sehr entspannend! :-)

    Langeweile? Im Gegenteil: so bleibt mehr Zeit für andere Aktivitäten!

  17. Kerstin Hoffmann am 5. Dezember 2008 um 23:02

    @burkhard: Was soll ich dazu sagen? ;-)

  18. gemaux am 6. Dezember 2008 um 12:53

    Und wieder könnte der gute alte Lehrsatz des Paracelsus wie der Finger auf der Entertaste passen…
    Wobei das wohl für jeden Blogger zutreffend ist.
    Manchmal ist Reden nicht nur Silber, sondern zum Nicht-Tippen sogar Platin. :o

  19. rbfotodesign am 6. Dezember 2008 um 16:50

    Ich finde es interessant das Blogen.
    Alles mit Mass und Ziel, dann wird alles gut ;-)

    LG aus Trier

  20. [...] Bloggen hat mich zum Langweiler gemacht”, behauptete kürzlich Kerstin Hoffmann in ihrem Storyboard. Sie beschreibt darin freilich ein wenig überpointiert, welche Probleme ihr das Orchideenmedium [...]

  21. christian dingenotto am 7. Dezember 2008 um 20:04

    hallo herr henner- fehr + alle anderen,

    der mischung macht´s, oder nicht? schaut mal unter
    http://cultural-business.blogspot.com/2008/12/blogprarade-media-mix-iii-hauptsache.html

  22. links for 2009-01-06 - schorleblog am 7. Januar 2009 um 07:01

    [...] das bloggen hat mich zum langweiler gemacht « pr-doktor. das kommunikationsblog. wie sich nach lektüre des blogposts herausstellt oder nach jahren des bloggens: bloggen ist kein zuckerschlecken (tags: pr blogging blogger funny via:mento.info) [...]

  23. Werde ich auch zur Langweilerin?…

    Ob sich das mit der Bloggerei bei mir so auswirken wird wie bei Kerstin Hoffmann, da bin ich sehr gespannt. Habe diesen Artikel von ihr jedenfalls mit dem allergrößten Vergnügen gelesen.
    ……

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